(de) FAU - Direkte Aktion 218 - , , Geiles Label sucht cooles Kollektiv" -- Abschluss der DA-Kollektivreihe: Entwurf eines gewerkschaftlichen Angebots an KollektivistInnen

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Mon Aug 5 10:27:04 CEST 2013


Heute Morgen war ich einkaufen, in einem Vegan-Kollektivladen. Heute Nachmittag besuche 
ich eine Geburtstagsfeier eines Getränkekollektivbetriebs. Und heute Abend gehe ich in ein 
kollektiv geführtes Kino. Die derzeitige Diskussion in der Direkte Aktion zum Thema 
kollektives Wirtschaften ist keine theoretische oder praxisferne Debatte. 
Kollektivbetriebe gibt es und es werden mehr. Das zeigt auch die Tatsache, dass seit dem 
letzten Jahr vermehrt Kollektivbetriebe an die FAU Berlin herantreten. Welchen Standpunkt 
kann eine emanzipative Gewerkschaft zu dieser besonderen Form der Betriebe einnehmen? Fakt 
ist: Nicht Wenige hegen Sympathien, jedoch hat die FAU als solche hat keine Position zu 
Beschäftigung in Kollektivbetrieben. Dabei lohnt es sich: Zum einen gibt es 
KollektivistInnen innerhalb der FAU, zum anderen sind KollektivistInnen ebenso abhängig 
Beschäftigte, wenn auch ohne Chef.

Auch sind KollektivistInnen an sich TrägerInnen der Idee des Gemeineigentums, einer 
sozialistischen Grundidee. Diesen Sektor als Gewerkschaft auszuklammern wäre fatal.


GOB LOGO
EIN ENTWURF FÜR DIE ZUSAMMENARBEIT ZWISCHEN GEWERKSCHAFT UND KOLLEKTIVBETRIEBEN

In Berlin wurde in gemeinsamer Arbeit ein Entwurf erarbeitet, der ein gewerkschaftliches 
Angebot an die Beschäftigten in Kollektivbetrieben macht. Schon allein aufgrund des 
selbstorganisatorischen Anspruches wird die Idee derzeit nicht nur innerhalb der FAU, 
sondern auch in verschiedenen Kollektivbetrieben diskutiert. Denn das Interesse an 
verbesserten Arbeitsbedingungen kann schließlich nur aus den Betrieben und von seinen 
Mitgliedern selbst kommen. Der Entwurf beinhaltet Kriterien, die es ermöglichen könnten, 
einen Betrieb als kollektiv geführten Betrieb zu erkennen und gewerkschaftliche Maßstäbe 
an den Betrieb anzulegen (siehe Kasten). Wären die Kriterien erfüllt, ist der Plan, an den 
Betrieb ein Label auszugeben. Das Label würde dem Betrieb dazu dienen, sich als 
,,gewerkschaftlich organisierter Betrieb" (GOB) zu präsentieren und somit als Wegweiser 
für KonsumentInnen funktionieren. Weiterhin ist eine organisatorische Vernetzung der so 
gelabelten Betriebe mitgedacht. Innerhalb dieser Vernetzung wäre es dann möglich, konkrete 
Unterstützungen für die angeschlossenen Betriebe zu gewährleisten. Die langfristige 
Perspektive dabei ist, eine solidarische Ökonomie aufzubauen und zu stärken.

Der Entwurf wurde bewusst im Rahmen des existierenden Kapitalismus gedacht. 
KollektivistInnen haben tagtäglich mit Problemen wie Lohndumping und Selbstausbeutung zu 
tun. Weil dies so ist, heißt das aber noch lange nicht, dass wir nicht versuchen sollten, 
schon jetzt und hier das Beste herauszuholen. Wir sind uns darüber bewusst, dass 
Kollektivbetriebe alleine noch keine neue Gesellschaft hervorbringen werden. Allerdings 
könnten sich positive Effekte für die Gewerkschaftsarbeit ergeben: wirtschaftliche 
Abhängigkeiten zwischen GOBen und kapitalistischen Unternehmen könnte etwa als Druckmittel 
einer Gewerkschaft in einem Arbeitskampf sehr entgegenkommen.

In einem GOB soll nicht der einzelne Eigentümer eines Betriebs durch eine Gruppe von 
Menschen ersetzt werden. Vielmehr setzen wir voraus, dass eine Gesellschaftsform gewählt 
wird, die den Besitz des Betriebsvermögens auf alle KollektivistInnen gleichermaßen 
verteilt, von denen die Mehrheit der Mitglieder in der Gewerkschaft ist. Weiterhin sollten 
die KollektivistInnen lediglich VerwalterInnen sein. Der Betrieb an sich wäre Eigentum 
eines gesellschaftlichen Kollektivs aus ProduzentInnen und KonsumentInnen. Dass dies auch 
rechtlich verankert wird, könnte Aufgabe einer GOB-Föderation sein (siehe: Hand in Hand).

UMGANG MIT WIDERSPRÜCHEN

Einige Kollektive kennen das Problem, im Handumdrehen zum Arbeitgeber zu werden, sei es 
durch dringend benötigte Aushilfen oder durch die Vergabe von Praktika. Menschen, die in 
einem GOB tätig werden würden, sollten alle die gleichen Rechte auf Mitbestimmung und 
Bezahlung besitzen. Davon sollte nur in besonderen Ausnahmefällen abgewichen werden. Dass 
Mitbestimmung auch heißen kann, zu entscheiden, ob jemand in einen GOB aufgenommen wird 
oder nicht, macht die KollektivistInnen aber noch nicht zu gewöhnlichen Chefs, die 
wirtschaftlichen Vorteil aus ihrem Chefsein ziehen.

In vielen Kollektivbetrieben ist es leider gängige Praxis, fehlendes Kapital durch 
Selbstausbeutung auszugleichen. Das ist nachvollziehbar, weil KollektivistInnen meist 
nichts als ihre Arbeitskraft besitzen und sich am Markt behaupten müssen. Eine der 
Aufgaben einer Gewerkschaft ist aber die Verbesserung der wirtschaftlichen Umstände ihrer 
Mitglieder. Daraus soll sich nun aber nicht ergeben, KollektivistInnen in dieser Lage als 
Gewerkschaftsmitglieder abzulehnen, sondern diese sollten gerade dabei unterstützt werden, 
Selbstausbeutung zur Vergangenheit zu machen.

Als Kontrollinstanz hätte die Gewerkschaft darüber zu wachen, dass die GOB-Prinzipien 
eingehalten werden. Dies beinhaltet nicht die Kontrolle des Arbeitsprozesses, sondern der 
Arbeitssituation. Ähnlich wie in kapitalistischen Unternehmen würde die Gewerkschaft hier 
eine möglichst lückenlose Mitbestimmung anstreben, um bspw. Bezahlung, Arbeitsschutz oder 
Arbeitsentlastung zu verbessern. Um die Situation im GOB beurteilen zu können, wären 
Informationen unerlässlich. Durch den Umstand, dass Gewerkschaftsmitglieder 
Doppelfunktionen innehätten, nämlich einerseits KollektivistInnen und andererseits 
KonsumentInnen der Produkte anderer GOBs wären, ergeben sich soziale Netze, die eine 
Informationsquelle sind. Die Prüfung würde daher auch nicht durch eine externe Stelle 
stattfinden, sondern durch die KollektivistInnen selbst, die ein Interesse sowohl als 
Gewerkschaftsmitglieder als auch als GOB-Beschäftigte hätten, dass die Prinzipien 
eingehalten werden.

Im Juli wird es in Berlin ein Treffen mit KollektivistInnen und weiteren Interessierten 
geben, um über das Konzept und weitere Kooperationsmöglichkeiten zu sprechen. Selbst wenn 
es am Ende nicht auf die Label-Idee hinauslaufen sollte, ist der Aufruf an Beschäftigte in 
kapitalistischen Betrieben (Erwerbslose eingeschlossen) und in Kollektivbetrieben, sich 
nicht getrennt voneinander zu betrachten. Es sollten unbedingt gemeinsame Wege zu 
gegenseitiger Hilfe gesucht werden.

Stefan Krause



ANGEDACHTE KRITERIEN UND PRINZIPIEN FÜR EINEN GOB:

1. Der Betrieb ist gewerkschaftlich organisiert. Die Belegschaft ist zumindest 
mehrheitlich Mitglied der FAU.

2. Der Betrieb ist in Belegschaftshand. Er wählt eine Rechtsform, die den Betrieb als 
kollektiven Besitz der dort jeweils Tätigen absichert und Profite einzelner 
Belegschaftsmitglieder und möglichst auch Dritter (Banken, private Kreditgeber usw.) 
verhindert.

3. Der Betrieb ist basisdemokratisch organisiert. Jedes Belegschaftsmitglied verfügt über 
die gleichen Rechte und Einflussmöglichkeiten in Angelegenheiten, die alle betreffen. Eine 
Einschränkung ist nur für befristete oder in Probezeit befindlichen Belegschaftsmitglieder 
hinsichtlich von Entscheidungen, die über den eigenen Verbleib im Betrieb hinausreichen, 
möglich.

4. Der Betrieb verpflichtet sich zu Transparenz. Er ist bemüht diese weitestgehend zu 
gewähren, gegenüber den Belegschaftsmitgliedern sichert er sie jedoch im umfassenden 
Sinne, gegenüber dem Syndikat und der GOB-Föderation zumindest in grundlegenden Fragen 
(u.a. Zulieferer, Entlohnung, AbnehmerInnen, Entscheidungsstruktur, Warenfluss) zu.

5. Der Betrieb verpflichtet sich zu Gleichbehandlung in der Entlohnung (gleiche Tätigkeit 
und soziale Lage = gleiche Entlohnung) und lehnt Beschäftigungsformen wie schlechter oder 
nicht entlohnte Praktika und Probezeiten oder auch Maßnahmen der Arbeitsagenturen ab. 
Explizite Soli-Arbeit ist hiervon ausgeschlossen.

6. Der Betrieb ist solidarisch. Er verpflichtet sich dazu, die Löhne und 
Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie nicht zu Lohndumping oder zum Unterlaufen der 
branchenüblicher Standards führen und verpflichtet sich dazu, dies in einem 
Haustarifvertrag mit der FAU festzuhalten. Er strebt im Gegenteil die Verbesserung der 
Löhne und Arbeitsbedingungen in der Branche (und darüber hinaus) an. Auch über die eigene 
Branche hinaus bemüht er sich als wirtschaftlicher Akteur solidarisch mit der arbeitenden 
Klasse zu agieren.

7. Der Betrieb versucht gemeinsam mit gleichgesinnten Betrieben (GOB-Föderation) und der 
Gewerkschaft, so weit möglich, schon jetzt ein Wirtschaften jenseits der auf Markt und 
Konkurrenz basierenden Warengesellschaft umzusetzen, auf Basis der Kooperation und 
Solidarität.


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