(de) FAU, DIREKTE AKTION #218 - "Reiche kommen halt nicht ins Reich Gottes" -- Ein Interview mit der libertären Christin Antje Schrupp
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Thu Aug 1 14:11:01 CEST 2013
Heute ist es selten geworden, Libertäre zu treffen die sich ebenso als Gläubige verstehen.
Die DA sprach deshalb mit der Bloggerin, Politikwissenschaftlerin und Journalistin Antje
Schrupp, welche Redakteurin der Zeitschrift Evangelisches Frankfurt" ist, über Religion,
Feminismus, Anarchismus und alternativen Bedeutungen für das Wort Gott". ---- Religion,
Feminismus, Anarchismus. Bei der Frage ,Welches Wort passt nicht in die Reihe?' würden
wohl nicht Wenige eindeutig Ersteres wählen. Wie kam es dazu, dass Religion, Feminismus
und Anarchismus bei dir zusammengekommen sind? ---- Religiös bin ich schon immer: Ich war
als Kind im Kindergottesdienst und in kirchlichen Jugendgruppen und habe dann evangelische
Theologie studiert. Damals wollte ich Pfarrerin werden, aber mir wurde bald klar, dass ich
nicht im Namen der Kirche sprechen kann, was ich als Pfarrerin ja müsste.
Deshalb habe ich dann Politikwissenschaft weiterstudiert. Im ersten Semester war
Geschichte der Internationalen Arbeiterbewegung" ein Pflichtseminar, an dem ich teilnahm.
Mir wurde ein Referat über die Inauguraladresse" von Karl Marx zur Gründung der Ersten
Internationalen Arbeiterassoziation zugeteilt. Dabei stieß ich auf ein Buch: Rudolf Meyer,
Der Emancipationskampf des Vierten Standes. Ein dicker Wälzer, in dem detailliert die
Geschichte der Arbeiterbewegung nachgezeichnet ist. Und dort stand, dass bei der Gründung
der Ersten Internationale ein Grußwort verlesen worden sei von der bekannten französischen
Sozialistin Jeanne Deroin. Damit war mein Interesse geweckt.
Wie ging es dann weiter?
Ich wollte wissen, wer das war. Und als ich mich auf diese Spur einmal begeben hatte, bin
ich bei dem Thema geblieben, schrieb dann meine Magisterarbeit über das Verhältnis der
Frauenbewegung zur Ersten Internationale und dann meine Dissertation über die politischen
Ideen von vier sozialistischen Feministinnen, die sich in der Internationale engagiert
haben. Dabei erfuhr ich natürlich auch viel über den Konflikt zwischen Marx und Bakunin in
der Ersten Internationale, an dem natürlich noch viel mehr Menschen beteiligt waren, und
je mehr ich darüber erfuhr, desto plausibler erschien mir die anarchistische Position und
desto falscher die marxistische.
Wann kam dann der Feminismus dazu?
Mit dem Feminismus bin ich zeitgleich in Berührung gekommen. Ich studierte in den 1980er
Jahren, und das war die Zeit, in dem sich die Frauenbewegung institutionalisierte, wo
Frauenbeauftragte installiert wurden, und es gab viele Netzwerke, die sich dafür
einsetzten, dass Frauen in führende Positionen gewählt wurden. Ich habe das eher von außen
beobachtet, weil ich mich persönlich nicht diskriminiert oder unfrei fühlte, aber ich habe
als Journalistin über diese Dinge berichtet. Und die historische Frauenforschung betrieb
ich ja auch selber. Aber richtig relevant wurde der Feminismus für mich erst, als ich
Anfang der 1990er Jahre italienische Feministinnen kennenlernte, die die
Gleichstellungspolitik kritisieren und stattdessen einen politischen Differenzfeminismus
vertraten. Also nicht die Vorstellung, dass Frauen und Männer von Natur aus
unterschiedlich wären, sondern dass das Anliegen weiblicher Freiheit nicht sein kann, sich
an eine männliche Norm anzupassen, also etwa durch Gleichstellung", sondern dass es darum
geht, aus dem - historisch gewachsenen wie auch selbst gewählten - Anderssein" der Frauen
einen politischen Konflikt zu machen und die von Männern geschaffenen Institutionen
grundlegend in Frage zu stellen. Das passte dann natürlich auch gut mit meiner Affinität
zum Anarchismus zusammen.
Zurück zur Religion: Als Christin dürfte dir die feministische Theologie vertraut sein.
Was hat es damit auf sich?
Die feministische Theologie ist ebenfalls in den 1980er Jahren entstanden, und auch da
ging es erst einmal darum, durch historische Forschung herauszufinden, was Frauen in all
den Jahrhunderten getan und gedacht hatten, die ja in der männerzentrierten
Geschichtsschreibung damals noch völlig fehlten. Und dann ging es darum, die Bibel aus
einer eigenen Perspektive zu interpretieren, einen eigenen Gottesbegriff zu entwickeln und
so weiter. Und natürlich auch darum, als Frauen in kirchliche Führungspositionen zu
gelangen, oder auch nicht, das wurde und wird kontrovers diskutiert. Viele feministische
Theologinnen sind auch aus der Kirche ausgetreten und haben eine eigene weibliche"
Spiritualität entwickelt, Mary Daly zum Beispiel. Aber andere, darunter ich, fanden das
auch wiederum problematisch, weil es durchaus zu essenzialistischen Geschlechterbildern
führen kann. Und die Geschichte des Christentums ist eben vielfältiger als die männlich
dominierten Erzählungen, die wir davon überliefert bekommen haben. Inzwischen ist aus all
dem sogar eine eigene Bibelübersetzung entstanden, die Bibel in gerechter Sprache", in die
diese feministischen Forschungen und Ideen eingeflossen sind. Ich fand die feministische
Theologie mit ihrem breiten Ansatz jedenfalls immer interessanter als die säkulare
Frauenbewegung, die halt in den 1980er Jahren so sehr auf Gleichstellung mit den Männern
ausgerichtet war. Wobei für mich klar ist, dass ich als Feministin nur religiös sein kann,
wenn meine Loyalität nicht der Kirche als Institution gilt, sondern Gott", wenn ich dieses
Wort mal gebrauchen darf. Mein Ansatz ist, dass man Gott nicht der männlichen
Definitionsmacht überlassen darf, sondern dass Frauen selbst über Gott nachdenken müssen,
was natürlich auch zu reichlich Konflikten mit den männlichen religiösen Autoritäten führt.
Für viele ist Religion und Kirche ein Affront und Widerspruch zu ihren politischen
Konzepten. Inwiefern bereichert die Religion auch deine feministischen und anarchistischen
Ansätze, wo ergänzen sie sich?
Wenn ich mit nicht-religiösen Menschen spreche, übersetze ich das, was ich mit Gott
"meine, oft mit gutes Leben für alle". Also das Reich Gottes" wäre ein Zustand, in dem
alle Menschen gut leben, was gleichzeitig eine Utopie ist, aber durchaus kein Jenseits,
sondern es besteht hier auf dieser Welt. Das Reich Gottes ist mitten unter euch", hat
Jesus gesagt. Das ist so ein Punkt, wo die ursprüngliche Botschaft im Lauf der
Kirchengeschichte ziemlich verdreht wurde. In der Bibel sind letzten Endes Geschichten
versammelt von Leuten, die über das gute Leben für alle nachgedacht haben und aufschrieben
haben, was ihrer Ansicht nach notwendig ist, um dieses Reich Gottes auf Erden" möglich zu
machen. Gerade das Tötungsverbot wurde in den ersten Jahrhunderten des Christentums extrem
penibel eingehalten: Wer jemanden getötet hatte, zum Beispiel auch als Soldat, wurde
konsequent aus den Gemeinden ausgeschlossen. Und dann gibt es auch so Geschichten wie die
von den Arbeitern im Weinberg, eine meiner Lieblingsgeschichten, wo erzählt wird, dass im
Reich Gottes alle Menschen dasselbe Geld bekommen, egal wie viel sie gearbeitet haben.
Daraus folgt für mich so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen, für das ich mich
auch engagiere. Oder die Geschichte vom Scherflein der Witwe, wo Jesus sagt, dass eine
Frau, die total arm ist, aber trotzdem das, was sie hat, für das gute Leben aller hergibt,
wichtiger ist, als Reiche, die nur einen kleinen Teil ihres Vermögens spenden. Aber Reiche
kommen halt nicht ins Reich Gottes, sowenig wie ein Kamel durchs Nadelöhr passt. Wenn ich
mit Leuten zusammen bin, denen diese Geschichten nichts sagen oder die dem Christentum
gegenüber kritisch eingestellt sind, dann suche ich eben andere Argumente. An dem Label
liegt mir nichts.
Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Redaktion BuG
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