(de) FDA/IFA - Gǎi Dào Nr. 28 – “Endlich aus der Nische raus” -- Aber warum und wohin? – Fragen statt Antworten - Eine Erwiderung. Tuli (systempunkte.org)

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Tue Apr 30 16:06:50 CEST 2013


Der Beitrag “Endlich aus der Nische raus” (gǎi-dào Nr.27) versucht eine Frage zu 
beantworten: ---- Wie können wir uns effektiver organisieren? ---- Das Problem sind dabei 
nicht die Hinweise, sondern was sie voraussetzen. Das Problem ist nicht die Beantwortung 
der Frage als solche, sondern die anderen Fragen, die durch diese Beantwortung verstellt 
werden. ---- Diese Erwi derung will das Gegenteil bieten: keine Antworten, nur Fragen. 
---- Die grundsätzlichsten Fragen der Organisationsdebatte, die gar nicht mehr gestellt 
werden, lauten: Warum wollen wir uns üb erhaupt organisieren? Wer ist überhaupt wir? Und 
was heißt es sich (anarchistisch) zu organisieren? ---- Das Wir sollen wohl „die 
Anarchist*innen“ sein. Eine heterogene Gruppe, denn die unterschiedlichsten Anarchismen, 
die nur wenig gemeinsam haben, existieren.

Es ist vollkommen abwegig, ein Set von Vorschlägen für „anarchistische Zusammenhänge“ zu
präsentieren, da diese Zusammenhänge in ihrer konkreten Zielsetzung, wenn sie über eine
solche verfügen, äußerst divers sind. Doch vorausgesetzt wird, dass es ein einheitliches
positives Ziel „der Anarchist*innen“ gäbe. Nein, das gibt es nicht. (Es gibt zumindest
weitreichend geteilte negative Ziele.)

Der Text setzt voraus, dass es ein anarchistisches Wir gibt und, dass dieses Wir eine
Massenbewegung werden will. Dies ist bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht 
gibtes auch Anarchist*innen, die nur ein widerständiges, ein eigenes Leben führen wollen, 
die nichts halten von der Massenbewegung als erstem Gebot unserer Organisierung? Ja, es 
gibt sie.

Dieser Beitrag nimmt keine Rücksicht auf die Pluralität selbst jener anarchistischen
Selbstverständnisse, die Organisierung gutheißen. Nicht jedes anarchistische
Organisierungsmodell hat „personelle Reproduktion“ als Ziel, manche verneinen derartige
Vorstellungen vollkom men. Nicht in jedem Organisationsmodell sind von Personen getrennte
Funktionen vorgesehen. Und es gibt Fragen, die sich an solche Prozesse stellen lassen: Was
bedeutet es wenn Funktionen von einzelnen Personen abgespaltet werden? Ist dies womöglich
der erste Gitterstab zu einem stählernen Gehäuse der Bürokratie?

Zurück zum Anfang: Warum organisieren wir uns? Für die Bewegung! Das ist die Antwort, die
uns der Text bietet. Doch vi elleicht tun wir es, um mit unseren Freund*innen etwa zu 
erleben, vielleicht um mehr Dinge in kürzerer Zeit zerstören zu können, vielleicht auch 
nur um uns mit Theorie zu beschäftigen. Alle diese Zwecke könnten im Anarchismus Platz 
haben, wenn wir nicht zu schnell den Raum für sie schließen.

Die Vorschläge von „Endlich raus aus der Nische“ haben eine legalistische Schlagseite. Ich
würde Personen, die Verbrechen bege hen wollen, nicht empfehlen, dabei eine
„Organisationschronik“ zu führen . Auch wäre das Anwerben von Mitglieder*innen wohl nicht
die erste Priorität.

Doch all dies verschwindet, denn es wird eine massenkompatible anarchistische Praxis als
implizites Ziel gesetzt. Warum sollten wir dies tun? Weil wir uns so nach 1936 sehnen? 
Weil uns ein widerständiges Leben nicht reicht, sondern wir in der Bewegung aufgehen wollen?
Steckt hinter den Vorschlägen womöglich eine Sehnsucht in der großen revolutionären Masse
verschwinden zu kön nen? „Endlich aus der Nische raus“ Aus der Nische raus und rein in die
Massenbewegung! Diese Z ielrichtung wird vorausgesetzt.

Das tiefe Warum bleibt ungeklärt. Vermutlich ist das anarchistische Wir zu schwach. 
Stellen wir die Frage des Warums in allem Ernst, droht es zu zerspringen und ermöglicht 
auf keinen Fall derart einfache Antworten.
Ich denke, wir befinden uns in einer Zeit in der das Stellen von schwierigen Fra gen eine 
hohe Priorität beizumessen ist. In diesem historischen Moment hängen wir genug in der 
Luft, um durch Reflexion unseren eigenen Pfad soweit wir können zu reflektieren und 
neuzukalibrieren.
Ansonsten wechseln wir höchstens von einer unreflektierten Praxis zur nächsten.

Eine weitere Schwäche des Textes ist, dass er die Umstände in denen wir uns befinden,
weitestgehend unreflektiert lässt. Aus welchen Verhältnissen heraus wollen wir uns
organisieren (wenn wir uns überhaupt organisieren wollen)? Ist in solchen Verhältnissen 
eine Massenbewegung überhaupt sinnvoll? Was für eine Rolle können Vorträge in einer Welt, 
in der eine ungeheure Menge an Informationen ständig zu Verfügung stehen, spielen? Sollten
vielleicht Situationen geschaffen, statt Vorträge gehalten werden?

Und was sind das überhaupt für Leute, die sich außerhalb dieses merkwürdigen Wirs stellen,
von dem aus auch ich hier geschrieben habe? In welchen Verhältnissen finden sie sich wieder?
Fragen wir umgekehrt, nicht mehr „Wie können wir Leute organisieren?“, sondern „Warum
sollten sich welche Leute aus ihrer spezifischen Situation heraus mit uns organisieren?“ 
Haben wir darauf eine Antwort? Eine bessere als „für die Anarchie!“? Ich nicht. Doch der 
Text stellt nicht einmal mehr die Frage.

Können wir die Frage des Warums überhaupt sinnvoll stellen, wenn wir nicht genau sagen
können, von wo au s wir sie stellen?

Vor den Vorschlägen für die Organisierung einer anarchistischen Massenbewegung sind
Fragen zu stellen. Wer sie schon vorab im Einklang mit dem Text „Raus aus der Nische“
beantwortet hat, wird mit den Inhalten des Textes zufrieden sein. Er wird sich sogar als 
äußerst nützlich erweisen.

Doch wenn wir keine oder nur eine in den Hintergrund gedrängte Debatte über diese Fr agen
führen, dann sind wir, wer auch immer dieses wir ist, sic herlich kein selbstbestimmtes 
Wir, sondern eines das sich von der Geschichte werfen lässt.


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