(de) FDA/IFA - Gǎi Dào Nr. 28 – Von Mensch, Natur und Anderen Absonderheiten Autor: B.Sc. Filtz – Düsseldorf

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sun Apr 28 11:05:59 CEST 2013


Analyse + Diskussion ---- Wer kennt sie nicht? Die leidigen Diskussionen, die sich über 
Stunden ziehen, nur um dann schlussendlich wieder zu hören: Eure Ideen sind ja ganz schön, 
aber es steckt leider in der Natur des Menschen, dass dieser immer mehr will, der Stärkere 
sich durchsetzt, und so weiter, und so fort. ---- Auf einmal ist es wieder da, das 
Raubtier, dass seinen Nächsten schlachtet. Plündernd und mordend durch die Gegend zieht, 
wenn es nicht vom großen Leviathan, dem starken Staat im Zaum gehalten wird. Vom Abbild 
Gottes, der Krone der Schöpfung oder wie sich die Menschheit sonst noch in absoluter 
narzisstischer Selbstgefälligkeit gerne betitelt, ist j etzt nichts mehr zu hören. Der 
Mensch stutzt sich die Na tur zurecht, wie er sie gerade braucht. Und das nicht „nur“ 
indem er Wälder abholzt , Flüsse verseucht und Landschaften zubetoniert.

Sie musste auch immer wieder für alles Schlechte, das Böse, den Gegensatz zum Göttlichen, 
das Tier im Menschen herhalten. Zumindest in der westl ichen Hemisphäre. Heute dient sie 
als Erklärung und Legitimation für Verhaltensmuster und gesellschaftliche Konstruktionen,
welche als „naturgegeben“ praktisch für unantastbar erklärt werden.

Dabei sind die Prozesse in unserem Gehirn viel zu komplex, als dass wir unser Verhalten 
auf ein paar Gene und vermeintliche Instinkte herunter brechen können. Wie viel von 
unserem Verhalten in die Wiege gelegt oder erlernt wird und wie viel freier Willen darin 
steckt wird wohl nie restlos aufgeklärt werden können. Außerdem ist das At tribut 
„natürlich“ ein zu abstrakter Begriff, da er zu stark von der subjektiven Wahrnehmung des 
Menschen geprägt ist, als dass er durch „objektive“ Kriterien bestimmt werden könnte. 
Überhaupt können wir davon ausgehen, dass alles, was existent ist, auch „natürlich“ ist . 
Paradoxerweise verrät unser Blick auf die Natur hauptsächlich etwas über uns selbst. Ist 
es doch so, dass unser Bild von der Natur wesentlich durch unsere Sozialisation geprägt wird.

Ein Dilemma für die Wissenschaft: Der vermeintlich objektive Anspruch muss immer mehr
oder weniger menschlicher Subjektivität weichen. Wir können zwar versuchen
nachzuvollziehen, in welchen Farbtönen, in welcher Sättigung, welchen Kontrasten und UV
Muster n Bienen eine Blüte wah rnehmen, werden sie aber nie durch die Augen einer Biene
sehen. Problematischer ist dabei allerdings, dass das, was wir in der Natur zu beobachten
glauben und zu erklären versuchen, in erheblicher Form von unseren eigenen
Wertvorstellungen und gesellscha ftlichen Normen beeinflusst wird.

Eines der augenscheinlichsten Beispiele hierfür ist der Umgang der Wissenschaft 
mitHomosexualität im Tierreich. Getreu dem Motto: Was nicht sein darf, kann nicht sein,
ignorierten Wissenschaftler*innen homosexuelles Verhalten unter Tieren über die 
Jahrhunderte hinweg. Und das, obwohl Aristoteles bereits 400 vor Chr. sexuelle Handlungen 
unter Hyänenmännchen beschrieb. Als sich Beobachtungen von Homosexualität über Arten 
hinweg mehrten und diese nicht mehr als Randphänomene abgetan werden konnten, mussten neue
Erklärungen her, welche in das heteronormative Weltbild der Forscher*innen passten. Unter
der christlichen Doktrin, dass jede r sexuelle Kontakt der Fortpflanzung zu dienen habe 
(und mit völliger Ausblendung menschlichen Ve rhaltens) wurde jede homosexuelle Regung in 
der Tierwelt so zurechtgebogen, dass sie in ein entsprechendes Schema passt. Dumm nur, 
dass die aufgestellten Hypothesen einer ernsthaften Überprüfung nur in den seltensten 
Fällen standhielten. So wurde für eine Antilopenart, bei der die weiblichen Tiere zum 
Großteil untereinander verkehren, die Hypothese aufgestellt, dies käme durch den Mangel an
männlichen potentiellen Partnern zustande. Was allerdings nicht der Fall war. Auch dass 
junge Weibchen mit Tieren gleichen Geschlechts erst einmal Erfahrungen sammeln, um sich 
dann später ganz den Böcken hingeben zu können, ließ sich einfach widerlegen, da auch 
ältere Weibchen untereinander Sex haben. Am meisten entlarvend dürfte wohl die 
Interpretation voneinigen Forscher*innen sein, welche in dem lesbischen Verhalten der 
Antilopen den Versuch sahen, ihre männlichen Artgenossen a nzutörnen. Der kanadische 
Zoologe Valerius Geist gab, bezogen auf homosexuelle Widder, ganz off en zu ,vom Gedanken 
überfordert zu sein, dass „solche wunderbaren Geschöpfe schwul sind“.

Auch in (von den meisten Menschen unhinterfragten) „Wahrheiten“ steckt mehr Suggestion als
einem lieb sein dürfte. Als Kind lernst du in der Schule, dass jeder Mensch (mit 
Einschränkung auch jedes Tier) als Männlein oder Weiblein auf die Welt kommt. Damit 
verknüpft sind bestimmte gesellschaftliche Konv entionen, welche dem jeweiligen Geschlecht 
an haften, beruhend auf vermeintlich naturgegebene Eigenschaften. Dabei wurde noch nic ht 
einmal wirklich verstanden, wie es zur Ausbildung eines bestimmten Geschlechtstypus kommt. 
In der Regel sind die Informationen, welche zur Ausprägung bestimmter Merkmale führen, 
nicht bloß im Erbgut codiert, sondern sie entstehen durch eine Interaktion der DNA mit der 
Zelle und ihrer Umwelt. Das Vorhandensein eines Y- Chromosoms oder der darauf befindlichen 
sex determing region (Sry) führt nicht unweigerlich zur Ausbildung eines männlichen 
Geschlechts.

Beispielsweise ist Dax1 ein determinierender Faktor für die Eierstockentwicklung und sorgt 
in duplizierter Form auch bei Anwesenheit von Sry für die Ausbildung von Eierstöcken. 
Ebenso ist er allerdings für die Entwicklung befruchtungsfähiger S permien von Bedeutung. 
Wir können davon ausgehen, dass auf die Ausbildung komplexer Geschlechtsmerkmale 
zahlreiche Gene und Genprod ukte Einfluss nehmen. Was nicht sehr überraschend sein dürfte, 
wenn wir uns vor Augen halten, dass allein für die Bildung der Genitalfurche während der 
Embryonalentwicklung tausende Gene exprimiert werden müssen. Hinzu kommt, dass eine 
DNA-Sequenz unterschiedliche Genprodukte bilden kann.

Diese können sich in der Länge ihre r Aminosäureketten oder im Faltungszustand des 
Proteins unterscheiden oder aber durch Anlagerung bestimmter chemischer Gruppen 
modifiziertwerden. Auch steht dem nichtcodierenden Teil der DNA scheinbar eine wesentlich 
größere Gewichtung bei der Merkmalsausprägung zu als lange Zeit angenommen. Dieser wirkt 
sich vielfach regulierend auf die Genexpression aus, was die ganze Sache nicht gerade 
vereinfacht. Doch auch derart komplexe Zusammenhänge scheinen der Suche nach dem heiligen 
Gral der Geschlechtsbestimmung keinen Abriss zu tun. Nach Keimdrüse, Y-Chromosom und Sr y 
wird immer noch nach der EINEN Ursache gefahndet, die die Ausbildung unseres Geschlechts
determinier t. Der Biologe Heinz-Jürgen Voß beschreibt die Ausbil dung gesc hlechtlicher
Merkmale als einen Prozess unter Einfluss individueller Faktoren ohne vorbestimmtes
Ergebnis. Um dieser Vielfalt gerecht zu werden bedarf es mehr als ein Schwarz/Weiß-Schema,
welches versucht in Kategorien w ie Frau oder Mann zu denken und alles, was nicht hinein
passt, pat hologisiert. Statistisch gesehen wird mindestens 1 Kind unter 1000 mittels 
einer Zwangsoperation der sexuellen Norm angeglich en. So schafft sich der Mensch 
wiedereinmal seine eigene Realität.
Getreu dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Überhaupt tut mensch sich schwer damit, alte Erklärungsmuster über Bord zu werfen. Gerade
auch, wenn diese sich gesellschaftlich „bewährt“ haben. Das Patriarchat hat seine 
Ursprünge „natürlich“ ebenfalls ganz tief in der „Natur des Menschen“ und so wähnt sich 
das „starke Geschlecht“ in einer Reihe mit brünstigen Hirschen und prügelnden Schimpansen. 
So war es für männliche Wissenschaftler lange Zeit kaum vorstellbar, dass sich 
Sozialstrukturen unter in Gruppen lebenden Organismen auch nach anderen Kriterien 
organisieren können, als ausschließlich nach Aggression und physischer Stärke. Die 
Biologen Heribert Hofer und Marion East erforschen afrikanische Tüpfelhyänen und machten 
dabei interessante Entdeckungen bezüglich deren Verhaltens- und Sozialstruktur. Tüp 
felhyänen leben in großen Gruppenzusammenhängen, bei denen einige um die hundert Tiere 
umfassen können. Dabei ist allseits bekannt, dass die Clanhierachie weiblich dominiert 
wird. Lange Zeit gingen (überwiegend männliche Wissenschaftler) davon aus, die 
matriarchale Gesellschaftsst ruktur beruhe auf einer körperlichen Überlegenheit der Weibchen.

Doch weibliche Hyänen sind im Schnitt, weder größer noch schwerer als ihre männlichen
Artgenossen. Auch haben erwachsene Tiere keine erhöhten Testosteronwerte, was die These
von der Aggressivität und Ve rmännlichung weiblicher Tüpfelhyänen widerlegt. Tatsächlich
kommen Hyänenjunge mit einem erhöhten Testosteronspiegel, offenen Augen und einem gut
entwickelten Gebiss zur Welt. Nur so können sie sich beim Kampf um die Muttermilch gegen
ihre Geschwister durchsetzen, allerdings nimmt der Testosteronspiegel mit den Jahren 
wieder ab und sinkt auf ein „normales“ Niveau. Es ist jedoch davon auszugehen, dass dies 
die Ursache für die verlängerte Klitoris der Tiere ist, welche vom männlichen 
Geschlechtsapparat nur schwer zu unterscheiden ist. Dieses markante Sexualorgan macht es 
für die Männchen sehr schwer in die Weibchen, ohne deren Zustimmung, einzudringen. Zwar 
gibt es immer wieder männliche Hyänen die durch aggr essives Verhalten eine Paarung 
erzwingen, allerdi ngs istderen Fortpflanzungserfolg wesentlich geringer als der von 
Männchen, die einfach „freundlich“ sind. Dies liegt vor allem in der sozialen 
Strukturierung des Hyänenclans. Selbst das rangniedrigste Weibchen steht immer noch über 
dem ranghöchsten Männchen. Die weiblichen Tiere verteidigen sich gemeinsam gegen Angriffe 
vom anderen Geschlecht und entscheiden wie nah sich ein Männchen dem Bau nähern darf. 
Aggressive männliche Tiere lassen sich in der Regel an ihrem vernarbten Hinterteil erke 
nnen. Dies ist die empfindlichste Stelle von Hyänen und wenn ein Männchen über die Stränge 
schlägt muss es damit rechnen von einem Mob von Weibchen verprügelt und in den Arsch 
gebissen zu werden. Die Theorie der „freiwilligen Unterwerfung“ und ihre Auswirkungen auf 
den Fortpflanzungserfolg wurde jetzt du rch Verwandschaftsanalysen bestärkt. Interessant 
ist hierbei, dass es sich vor allem um eine soziale Komponente handelt, welche die 
Gesellschaftsstruktur von Hyänen bestimmt, und nicht um einen genetisch de terminierten 
Sexualdimorphismus.

So können wir in n ahezu allen wissenschaftlichen B ereichen feststellen, wie 
gesellschaftliche Konventionen und politische Prägung jeglichen Interpretationen von dem, 
was wir auf dieser Erde vorfinden, ihren subjektiven Stempel aufdrücken Dabei hängen die 
Antworten, die wir bekommen, im wesentlichen davon ab, welche Fragen wir gewillt sind zu 
stellen.


More information about the A-infos-de mailing list