(de) FAU DIREKTE AKTION #216 – Gender Pension Gap -- Der Gender Pay Gap ist nur die Vorstufe zur späteren Altersarmut vieler Frauen

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Sat Apr 27 15:23:37 CEST 2013


Bald ist es wieder soweit: Der 21. März 2013 nähert sich. Am so genannten „Equal Pay Day“ 
wird auf den Lohnunterschied zwischen Männern* und Frauen* verwiesen – und Stellung 
dagegen bezogen. Symbolisch verweist dieses Datum auf die zusätzlich nötige Zeit, die 
Frauen arbeiten müssten, um auf das vorhergehende Jahr gerechnet den gleichen Lohn wie 
Männer zu beziehen. Fast drei Monate länger arbeiten ist eine lange Zeit. Ein „Equal 
Pension Day“ läge jedoch noch später im Jahr. Erst am 8. August 2013 werden Frauen* in 
Deutschland die Rentenzahlungen erhalten haben, die Männer* im Verlauf des Jahres 2012 
angesammelt haben. ---- Die Studie zum Gender Pension Gap des Bundesministeriums für 
Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) aus dem Jahr 2011 weist auf diesen 
eklatanten Unterschied zwischen den Renten von Frauen und denen von Männern hin.

Mit dem Ziel der Studie, individuelle Aussagen über Alterseinkommen zu treffen, wurde der 
so genannte Gender Pension Gap aufgedeckt. In diesem Rahmen wurde die statistische 
Beschäftigung mit dem Thema Rente erstmals von traditionellen Familienmodellen abgelöst, 
bei denen der Haushaltskontext die Ungleichheiten verschleiert. Ergebnis sind 
erschreckende Zahlen: Die Rentenlücke beträgt demnach 59,6 %. Während Männer durch 
selbst-erworbene Rentenansprüche im Schnitt 1595 Euro Rente pro Monat bekommen, liegt der 
Durchschnitt für Frauen bei 645 Euro. Schon heute sind mit 17 % der weiblichen 
Beschäftigten sechs Prozent mehr als bei den männlichen Beschäftigten von späterer 
Altersarmut bedroht.

Das bundesdeutsche Modell der Rentensicherung basiert auf drei Säulen: der gesetzlichen, 
der betrieblichen und der privaten Altersvorsorge. In die Berechnungen flossen dabei 
Einkünfte aus allen drei Säulen ein. Damit ist der Gender Pension Gap ein direktes Abbild 
der existierenden Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt und bildet die Fehler des 
Erwerbssystems ab. So zeigt die Studie auch, dass mit steigendem Berufsabschluss der 
Unterschied geringer wird. Bei Gruppen mit Hochschulabschluss beträgt er nur noch 35,6 % 
im Gegensatz zu 58,1 % bei Menschen ohne Berufsschulabschluss.

Ebenfalls relevant für den eklatanten Unterschied ist eine Familienpolitik, die durch 
fehlende Unterstützung zum Beispiel durch Bereitstellung von Kitaplätzen Kinder zu einem 
relevanten Faktor bei der Rentenberechnung macht. Während ab August 2013 ein 
Rechtsanspruch auf Kitaplätze bestehen wird, zeigt sich im Vergleich zwischen den Werten 
der alten und der neuen Bundesländer deutlich der Einfluss familienbedingter 
Erwerbspausen. Besonders der Einfluss von Eheschließung und Kindern fällt in den neuen 
Bundesländern absolut und relativ gesehen geringer aus. Im Westen beträgt der Gender 
Pension Gap demnach für Verheiratete mit Kindern 69,6 % und Verheiratete ohne Kinder 51.6 
%, im Osten dagegen nur respektive 39,6 % und 34,3 %.

Im europäischen Vergleich zeigt sich, dass zukünftige Generationen dabei 
geschlechterübergreifend immer häufiger der Gefahr von Altersarmut ausgesetzt sind. 
Studien verdeutlichen den Zusammenhang zwischen dieser Entwicklung und der Verbreitung von 
atypischen Erwerbsverläufen im Rahmen fortschreitender neoliberaler Flexibilisierung. 
Aufgefangen wird dies aktuell nur noch durch starke staatliche Grundsicherungssysteme, wie 
sie beispielsweise in den Niederlanden und Dänemark existieren.

VIELFÄLTIGE GRÜNDE UND KEINE EINFACHEN FORDERUNGEN

Die vielfältigen Gründe für den Gender Pension Gap stehen miteinander in enger Beziehung 
und haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht grundlegend verändert. Fundamental sind 
dabei sicherlich tradierte Rollenbilder, die dazu führen, dass Frauen tendenziell eher 
zuhause bleiben und sich um die Kindererziehung kümmern. Wenn Kindererziehungszeiten im 
Rahmen der gesetzlichen Altersversorge theoretisch aufgefangen werden, so sind für den 
Gender Pension Gap jedoch vor allem die Unterbrechungen der Berufstätigkeit und die 
Möglichkeiten des Wiedereinstiegs relevant. Rechnet man die Nachteile mit ein, die den 
Frauen dadurch im Schnitt entstehen, so wären pro Frau acht Kinder notwendig um den 
Unterschied auszugleichen.

Die Studie des BMFSFJ fasst die Auswirkungen des immer noch vorherrschenden patriarchalen 
Rollenverständnisses unter dem Schlagwort der brüchigen Erwerbsverläufe von Frauen. Diese 
seien stark von persönliche Wünschen und Entscheidungen im Paarkontext geprägt. Deutlicher 
gesagt, gibt es im Zusammenhang von Familie und Rentensystem keine wirkliche 
Entscheidungsfreiheit: Das Rentensystem genauso wie das Steuersystem unterstützt die Rolle 
der Frau als Hinzuverdienerin.

Ein weiterer überaus relevanter Faktor, der zum Auseinanderklaffen der Rentenzahlungen 
führt, liegt in der Gestaltung der Arbeitswelt begründet. Hier führen unter anderem 
veraltete Rollenbilder zur Konzentration von Frauen in Sektoren, die als „typische 
Frauenberufe“ gelten, was zu einer allgemeinen Schlechterbezahlung von Frauen führt. 
Diskutiert wird dieser Umstand unter dem Schlagwort des Gender Pay Gap. Frauen 
lohnarbeiten demnach im Durchschnitt weniger und zu deutlich niedrigeren Löhnen. Mit 
großer Mehrheit vertreten sind sie im Einzelhandel, im Gastgewerbe sowie in Erziehung und 
Pflege. Im Sektor dieser personenbezogenen Dienstleistungen finden sich dabei häufig 
Anstellungsverhältnisse in Teilzeit, atypische und prekäre Beschäftigungen und 
Beschäftigungen des Niedriglohnsektors. Der Einfluss solcher Beschäftigungen auf die Rente 
darf nicht gering geschätzt werden. Selbst nach 45 Jahren durchgängiger Beschäftigung in 
geringfügig entlohnten Anstellungsverhältnissen wird nur eine Rente in Höhe von 190 Euro 
ausgezahlt. 3,3 Millionen Frauen und 1,7 Millionen Männer arbeiten aktuell in solchen 
Beschäftigungsformen.

KEINE ÄNDERUNG IN SICHT

Durch die aktuelle Verfassung des Rentensystems schreibt sich der Gender Pay Gap fast 
unverändert in die zukünftige Rentenlage ein und der aktuelle Unterschied in den 
Rentenzahlungen wird fortgeführt. Der Gender Pay Gap beträgt laut einer OECD-Studie von 
2012 21,6 %. Deutschland belegt damit den letzten Platz der europäischen OECD-Staaten. 
Allein zwei Drittel dieses Unterschiedes resultieren dabei aus der Art der Arbeit. Während 
Forschungsinstitute also einen Beschäftigungszuwachs bei Frauen verzeichnen, fällt unter 
den Tisch, dass dieser hauptsächlich aus Teilzeitanstellungen besteht, die nicht nur 
schlechter bezahlt sind, sondern darüber hinaus auch schlechtere Aufstiegschancen mit sich 
bringen.

Aktuelle familienpolitische Programme wie Betreuungsgeld, Elterngeld und das 
Ehegattensplitting zementieren darüber hinaus ein Familien- und Frauenbild, das einen 
fundamentalen Wandel im Verständnis von Kindererziehung und Arbeitsteilung 
unwahrscheinlich erscheinen lässt. Nicht erst die aktuelle Studie „Gesamtevaluation ehe- 
und familienbezogener Leistungen“ verdeutlicht dabei, dass konservative Familienpolitik 
auch ein konservatives Verständnis von Familie nach sich zieht und unterstützt.

FAMILIE – WAS IST DAS GLEICH?

Der demographische Wandel, ausgewiesen durch die niedrigen Geburtenraten, wird das 
Rentensystem in der jetzigen Form in den kommenden Jahren ähnlich stark strapazieren wie 
der allgemeine Abbau von sozialstaatlichen Sicherungssystemen und das Umsichgreifen des 
Neoliberalismus. Eine Diskussion um neue Konzepte und Rentenmodelle muss dabei zwingend 
das dargelegte System mit einbeziehen, das zu einem Gender Pension Gap mit untragbaren 
Ausmaßen führt. Es gilt dabei aus kritischer Sicht auch in der öffentlichen Diskussion 
selten sichtbar gemachte Positionen mitzudenken und zu benennen.

In der politischen Diskussion wird die Frage der Rentenlücke häufig auf eine 
familienpolitische verkürzt. Frauenpolitik ist jedoch nicht und kann nicht synonym sein 
mit Familienpolitik, sonst werden überholte Bilder von Familie wieder aufgewärmt und 
verstärkt. Nicht nur die Problematik der Reproduktionsarbeit, die immer noch zu großen 
Teilen in Händen der Frauen liegt, verdeutlicht dies. Von tradierten Vorstellungen 
abweichende Familienmodelle fallen in der öffentlichen Diskussion immer noch hinten über. 
Familie ist „überall dort, wo Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, 
Sorge tragen und Zuwendung schenken“, definiert das Berliner Zukunftsforum Familie. Egal 
wie viele Menschen daran beteiligt sind und welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen.

Während die Reproduktionsarbeit, die Frauen im Haushalt leisten, immer noch nicht als 
Arbeit anerkannt wird, zeichnet sich mit fortschreitender Globalisierung ein neues 
Ungleichverhältnis ab. Immer häufiger wird gerade diese Arbeit in die Hände von prekär und 
illegalisiert arbeitenden Frauen gegeben, die mit unsicherem Aufenthaltsstatus in 
Deutschland leben. Deutlich wird an diesem Punkt, dass es nicht nur um eine einseitige 
Kritik der veralteten Rollenbilder oder der Situation auf dem Arbeitsmarkt gehen darf, 
auch Komplexe wie Rassismus dürfen nicht vergessen werden.

UND NUN?

An der Tatsache, dass Rente neu gedacht werden muss, kommt auch die Politik mittlerweile 
nicht herum. Neue Konzepte und Rentenmodelle werden in allen Lagern diskutiert. Allen 
gemein ist jedoch, dass sie keinen grundlegenden Wandel beinhalten. Von der solidarischen 
Mindestrente der Partei Die Linke über die Garantierente der Grünen, die Solidarrente der 
SPD und der Zuschussrente der CDU: Letztendlich geht es nur um Unterschiede in der Frage, 
welche Mindestrente würdig beziehungsweise gerecht sei.

Dem aktuellen Rentensystem und den diskutierten Modellen gemein ist allerdings ein 
neoliberales Leistungsprinzip, das in der Rente seine Umsetzung findet. Nur wer lange in 
gut bezahlten Jobs gearbeitet hat, kann auch im Alter auf eine gute Rente hoffen. Nicht 
nur aus kapitalismuskritischer und queer-feministischer, sondern ebenso aus 
gewerkschaftlicher Sicht muss die Rente von einem Arbeitsbegriff entkoppelt werden, der 
sich an Leistung und Produktivität orientiert. In dieser Logik gibt es für alle 
Lohnabhängigen nicht viel zu gewinnen.

Anna Haucke

WEITER GEDACHT:

Obwohl sich das Ungleichverhältnis des Gender Pension Gap im gesellschaftlichen Rahmen 
klar auf ein dichotomes Verständnis von „Frauen“ und „Männern“ bezieht, möchte unsere 
Autorin* durch die anfängliche *- Kennzeichnung auf den gesellschaftlichen 
Konstruktionscharakter von Geschlecht hinweisen.


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