(de) FDA/IFA - Gǎi Dào Nr. 28 – Überlegungen zur Unmöglichkeit der Revolution im Theater von Good Paulman

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Sat Apr 27 15:22:42 CEST 2013


Die folgenden Überlegungen entstanden während einer kurzen Mitarbeit in einem kleinen 
Laientheater. Die Überlegungen sind als Vorschlag, als Inspiration und Arbeitsthesen 
gedacht und sind daher nichts endgültiges. Sie werden diskutiert, überdacht, hoffentlich 
noch ergänzt oder ggf. verworfen. So quälen sie sich mit dem traditionellen Theater ab und 
reflektieren nicht die Potentiale des „Theaters der Unterdrückten“ nach Augusto Boal. Wir 
hoffen aber, dass sie Impulse für interessierte Menschen ge ben und zum Ideenaustausch 
oder gar Zusammenarbeit führen. ---- 1.Im folgenden werden Annäherungen an die eventuelle 
Aufgabe, mit den Mitteln des Theaters im Theater, d.h. auf der Bühne, ein revolutionäres 
Ereignis darzustellen, vorgestellt. Trotz dem, dass die Aufgabe vorer st nur gedanklich 
gelöst werden soll, werde ich versuchen, so weit wie möglich konkret zu werden.


2. Eine wichtige Frage: Warum ausgerechnet ein „revolutionäres Ereignis“, lasse ich
beiseite. Die Gründe dafür sind gewichtig, jedoch ist es nicht der Ort, auf sie
einzugehen. Es geht vielmehr um die Frage: Wie?

3. 
Nehmen wir an, das Theater wäre ein Ort der Kultur-, vielmehr der
Ideologieprodu ktion: ein Ort der Täuschung und der Illusion. Das ist seine ganze
Funktionsweise: die passiven Zuschauer*innen einer erzählten / gespielten Geschichte
auszusetzen, die mit ihnen meistens nur indirekt was zu tun hat. Verlieren sich die
Zuschauer*innen während der Darstellung darin, werden zum Mitfühlen und
Nachdenken angeregt, ist die Aufgabe des Theaters erfüllt. Mag die Wirkung bei
besonders „gut“ erfüllten Aufga ben andauern, der Bann der Illusion bricht jedoch noch
vor dem Verlassen des Zuschauerraumes ab. Bereits das Klatschen befreit die
Zuschauer*innen von dieser Versetzung in eine fremde Geschichte: Es ist vorbei, eine
Erleichterung.

4. 
Analog zum Verhältnis Bild / Bildrahmen (das Namedropping ist zwar Scheiße, aber
siehe dazu z.B. Essays zur Ästhetik von Georg Simmel), wo der Bildrahmen zwar noch
zum Bild gehört, jedoch die Grenze zur Umwelt andeute t: hier hört das womöglich
Unbequeme des Bildes auf, die Umwelt darf beruhigt sein. Dies ist die F unktionsweise
aller Kunst der bürgerlichen Gesellschaft, einer museumstauglichen, eingesperrten
Kunst. Das Theater macht da keine Ausnahme. Was ist der Rahmen des theatralischen
Geschehens, der Täuschung? Es ist offensichtlich das Gebäude, das einladende Foyer,und 
gemäß dem Sprichwort, da s Theater würde bereits an der Garderobe anfangen, die
Garderobe.


5. Nun, die Aufgabe, im Theater ein revolutionär es Ereignis darzustellen, wird aufgrund
der Mittel immer ambivalent, zweischneidig bleiben. Der Wi derspruch ergibt si ch aus
der grundsätzlichen Unmöglichkeit, den revolutionären Akt der Befreiung, der
Aufhebung aller Täuschungen und Entfremdungen mit den konventionellen Mitteln der
theatralischen Illusion zu versöhnen.


6. Geben wir jedoch diesen Widerspruch nicht auf, sondern denken ihn zu Ende. Die
revolutionären Appelle an den „gesunden“ Verstand versagen meist: entweder an der
ideologischen Vorgeprägtheit der passiven Mehrheit, oder an der sprachlichen
Unzulänglichkeit der unruhigen Minderheit. Hier: das absichtliche und hartnäckige
Nichtverstehen der emanzipatorischen Theorie einerseits und andererseits die
Unmöglichkeit und der Unwille, die Theorie soweit übers Knie zu brechen, dass sie
schließlich nicht mehr emanzipatorisch ist. Wir versprechen uns, dass die ästhetischen
Mittel unter den Panzer des „gesunden“ Verstandes eindringen können. Die Einwände
in diesem Fall sind jedoch: Appelle an das Archetypische, an die „ewigen“ Fragen des
menschlichen Daseins (siehe z.B. Nietzsches „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste
der Musik“) verlieren leicht den Bezug zur konkreten Realität der Angesprochenen.
Vielmehr, sie sind längst vom Bildungsbürgertum ideologisch vorgekaut und
unschädlich gemacht; sie werden vielmehr dazu benutzt zu suggerieren, die „ewigen“
Fragen des Verlorenseins, Blindseins, Einsam- und Unglücklichseins, Ausgeliefertseins
seien tatsächlich ewig, sprich: unlösbar.


7. Die Menschen machen bekanntlich ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht
aus frei en Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelba r
vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. (nach K. Marx) Und weil
nicht nur die Tradition aller toten Geschlechter als Alptraum auf unserem Gehirne 
lasten(ebenfalls nach K. Marx), sondern auch die Zukunft der Lebenden immer
alptraumähnlichere Züge annimm t, stellen wir fest (das müssen wir), dass wir zwar die
überlieferten ästhetischen Mittel benutzen, aber sie dabei aufbrechen, aus ihnen
gewissermaßen ausbrechen müssen . In der Hoffnung, dass dieser Vorgang auch seine
Rezeption verändert. Das ist das Spiel mit der bereits angedeuteten Ambivalenz der
dieser Gesellschaft entliehenen ästhetischen Mittel.

8. 
Wieder zur am Anfang formulierten Aufgabe: ein dargestelltes revolutionäres Ereignis,
das das Theaterpublikum mitreißt. Was wäre solch ein E reignis im Konkreten? Alle
obigen Ausführungen beachtend kann es wohl keine Darstellung von Schlachten und
Stadtbelagerungen sein, keine geschichtlichen Ereignisse, die dem ideologisch
vorgeprägten Publikum als „fremd“ und somit nur als nur eine erzählte Geschichte
erscheinen. Selbst technisch und inhaltlich gelungene Inszenierungen der Pariser
Kommune, des Spanischen Bürgerkrieges oder des Kronstadter Aufstands können somitder 
Aufgabe nicht gerecht werden. Auch wenn's fürs „deutsche Publikum“ die
bayerische Räterepublik und die Rote Ruhr Armee wären. Obwohl Eri nnerungen und
Verweise auf sie vielleicht gar nicht unnütz wären.


9. Angesichts der aktuellen Situation in Europa und in der Welt (und der totalen
Arbeitswelt) muss es der Streik sein, der Generalstreik vielmehr. Im postnazistischen
versozialdemokratisierten Deutschland auch eine unwahrscheinliche Sache, wir d er aberin 
der Krise von etwas anständigeren EuropäerInnen immer wieder ausprobiert.
Vielleicht rüttelt die Krise auch die „deutsche“ Arbeiterschaft und macht aus den
Tarifstreiks - politische Streiks, aus den politischen – Generalstreiks, aus dem
Generalstreik eines Tages „endless human strike“ (the imaginery commitee).

10. Der mögliche, bzw. sehr wahrscheinliche Schwachpunkt hier: die Zusammensetzung
des Theaterpublikums. Verdinglichen muss sich allerdings a uch das 
Bildungsbürgertum,Dienstleistungen und Ideologieproduktion erfolgen auch als Lohnarbeit. 
So wichtig wäre die Anerkennung dieser Tatsache für einen wirklichen Generalstreik. Die
Vermutung, dass das Theater einfach kulturell-ideologisch nicht die für „die Sache“ so
sehr rel evanten Bevölkerungsgruppen bedient, ist nicht von der Hand zu weisen.

11. Nun, wie sieht ein Generalstreik auf der Bühne, und zwar unter allen von uns
ausgemachten Bedingungen, aus? Am besten wie eine mögl ichst unillusorische Illusion:als 
BühnenarbeiterInnen, Akteure und andere Beschäftigte (o ja, das Theater ist
meistens auch ein Betrieb mit Lohnarbeit), die bei den Vorbereitungen zu einem Stück
sich über Nachrichten über eine Streikwelle unterhalten. Konkrete Bezüge lassen sich inden 
Nachrichten immer finden. Lassen wir sie drüber streiten, wie die Ereignisse zu
bewerten sind. Gerne mit dem Publikum. Es ließe sich auch eine Interessenspaltung
zwischen BühnenarbeiterInne n, Akteuren und z.B. dem Intendanten ausmachen. DieDialoge 
wären mit einer Unmenge an Details, Beispielen (die Lohnarbeit im
allgemeinen, steigende Kosten auf praktisch alles, die Enttäuschung von der
konventionellen Politik – das alles ist sehr real und präsent), Vorurteilen und
Argumenten für und gegen den Streik zu füllen. Die Arbei t stockt bereits jetzt schon.
Der I ntendant, nzw. die verantwortliche Person drängt immer harscher. Der Konflikt
platzt heraus, die „werktätige“ Belegschaft beschließt, die Arbeit niederzulegen und 
sichmit der Streikwelle solidarisch zu erklären. Wie eine Auseinandersetzung mit dem
Intendanten aussehen kann – ist es eine Rangelei, sperren sie ihn ein, droht er di e
Polizei zu rufen, alle zu kündige n? - wäre noch zu überlegen.

12. Eine weitere Möglichkeit wäre, das Unsichtbare Theater Augusto Boals reinzubringen:
Mensch kündigt einen Workshop zu Boals Ideen an, holt aber die erschienenen
engagierten Studentengesichter und sonstige Wutbürger*innen nicht ab. Stattdessen
setzen sich „verärgerte“ Techniker*innen und Angestellte dazu und verwickeln das
Publikum in Gespräche über schlechte Arbeitsbedingungen, mickrige Löhne ect. Das
Publikum wird angehalten, sich für einen St reik zu organisieren bzw. beim Streik
mitzumachen.

13. Zugegeben, mein Gedankenspiel geht nicht ganz auf: Vom Publikum wird es
höchstwahrscheinlich trotzdem noch als Spiel, das es nicht direkt trifft, 
wahrgenommen.Nehmen wir dafür dem Publikum das erlösende Ende einer Theatervorstellung: 
Die Streikenden verlassen den Raum, Licht aus. Das war`s. Auch im Foyer, wo das
verunsicherte Publikum dann früher oder später auftaucht, ist niemand. Das angepisste
Publikum wird sich entweder am Buffet vergnügen und die ersten Formen der
Selbstorganisation ausprobieren (nicht sehr wahrscheinlich) oder sich verpissen.

14. Die beste Darstellung eines Streiks im Theater ist das streikende Theater, und zwar 
als ganzer Mechanismus, als ganzer Betrieb, als Bild mit Rahmen. Sowie das Graffiti
immer noch eine Wandmalerei ist, zwar eine ausufernde und Gre nzen überschreitende,
ist eine Theaterinszenierung immer noch eine DARSTELLUNG. Das ist die hier bereitsmehrmals 
betonte Widersprüchlic hkeit des Ausdrucksmittels. Love it or leave i t.

15. Eine geringe Chance, diese Widersprüchlichkeit wenigstens dem Anschein nach zu
durchbrechen besteht wohl in der einmaligen Aufführung. Wer weiß, vielleicht nimmt


das dann jemand wirklich für wahr? Das ist aber noch eine Sache, über die man sich
noch klar werden müsste.

16. Zum Abschluss ein Zitat aus dem Nachwort zur ersten Auflage von „Staat und
Revolution“ von W. I. Lenin: „Die vorliegende Schrift wurde im August und September
1917 niedergeschrieben. Ich hatte bereits den Plan des nächsten, des siebenten 
Kapitels,„Die Erfahrungen der russischen Revolutionen von 1905 und 1917“, fertig.
Aber außer der Überschrift habe ich keine Zeile dieses Kapitels schreiben können: Die 
politische Krise, der Vorabend der Oktoberrevolution von 1917, „verhinderte“ es. Über eine
solche „Verhinderung“ kann man sich nur freuen. Al lerdings wird der zweite Teil dieser
Schrift (der den „Erfahrungen der russischen Revolutionen von 1905 und 1917“
gewidmet sein soll) wohl auf lange Zeit zurückgestellt werden müssen; es ist
angenehmer und nützlicher, die „Erfahrungen der Revolution“ durchzumachen, als
über sie zu schreiben.

Petrograd, den 30. November 1917, Der Verfasser.“

Kleiner Scherz, aber auch nicht
ganz.


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