(de) FDA/IFA - Gǎi Dào Nr. 28 – Kritik des Anarcho-Primitivismus - Vortrag vor der FAU-Lokalföderation Bielefeld am 11.02.2013

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Thu Apr 25 12:53:09 CEST 2013


1. Was ist Anarcho-Primitivismus? ---- Kurz gefasst ist der A-P eine politische Strömung, 
derzufolge sich alle Herrschaftsverhältnisseauf die funktionale Differenzierung 
entwickelter Gesellschaften zurückführen lassen. Dieser Theorie zufolge entwickelten sich 
Herrschaftsverhältnisse im Zuge der neolithischen Revolution, als der Mensch u.a. Ackerbau 
und Viehzucht erfand und sich nicht mehr ausschließlich durch Jagen und Sammeln versorgte. 
---- Die ökonomische Umstellung ermöglichte unter anderem ein starkes 
Bevölkerungswachstum,sodass sich erstmals in der Geschichte Gesellschaften entwickeln 
konnten, die größer als eine Sippe oder ein kleiner Stamm waren. Außerdem machten die 
durch den Einsatz von Landwirtschaft erzielten Überschüsse an Nahrungsmitteln es möglich, 
dass nicht mehr alle Personen mehr oder weniger au sschließlich mit dem Nahrungserwerb 
beschäftigt waren.

DiesÜberschüsse ermöglichten in der Jungsteinzeit erstmals so etwas wie gesellschaftliche 
Arbeitsteilung, sodass sich Menschen auf unterschiedliche Tätigkeite n spezialisieren 
konnten.Der A-P verortet hier die Wurzel aller Herrschaftsverhältnisse und geht davon aus, 
dass Gesellschaften vor der Neolithischen Revolution prinzipiell egalitär organisiert 
waren. Für denA-P sind Zivilisation und Herrschaft deswegen untrennbar miteinander ver 
bunden, sodass eineherrschaftsfreie Gesellschaft nur durch die Abschaffung der 
Zivilisation erreicht werden kann.Dies soll in erster Linie durch die Abschaf fung von 
Technologie erreicht werden, wobei die Meinungen auseinander gehen, wie viel Technologie 
mit einer herrschaftsfreien Gesellschaft vereinbar ist. Während einige Vertreter*innen 
hortikulturelle und/oder permakulturelle Technologien auf niedrigem Niveau für vertretbar 
halten, fordern andere hingegen eine strikteBeschränkung auf Technologien, die bereits in 
der Altsteinzeit zur Verfügung standen1. Einigeandere Vertreter*innen2 wie John Moore 
halten sich gänzlich bedeckt, was das gewünschte
technologische Level ist3.

Einig sind sich die Anarcho-Primitivist*innen hingegen in der Forderung, dass alle 
größeren gesellschaftlichen Zusammenhänge aufgelöst werden müssen, da ihre Existenz 
unweigerlich zur Bildung von Hierarchien führt. Aus diesem Grund lehnen die meisten 
Anarcho Primitivist*innen alle Organisatio nsformen, die über kleine Affinitätsgruppen 
hinausgehen, abÜber die Methoden, die beschriebenen Ziele zu erreichen, schweigt sich der 
A-P weitgehend
aus.

2. Herkunft

Historisch hat der A-P nur wenige Vorläufer. Es gab allerdings bereits im 19. Jhdt.
Anarchist*innen wie Henry David Thoreau oder Leo Tolstoy, die einen ökologischen
Anarchismus vertraten. Hierzu gehörten u.a. Vegetarismus, Freie Liebe, Nudismus und
Umweltschutz. Insbesondere Thoreau befürwortete außerdem ein möglichst einfaches und
naturverbundenes Leben sowie Selbstversorgung und kritisierte die industrielle Zivilisa 
tion. Eine prinzipielle Ablehnung der Zivilisation ist hingegen bei den meisten ökologisch
orientierten Anarchist*innen nicht zu finden. Einflüsse sind außerdem die Luddit*innen, 
eine militante Bewegung gegen die Industrialisierung, sowie der Situationismus mit seiner 
Kritik des Spektakels und der Entfremdung in der modernen Gesellschaft. Der A-P selbst tr 
itt in den 1980er Jahren erstmals in Erscheinung. Er entstand vermutlich im Umfeld der 
militanten Ökologie- und Tierrechtsszene in den USA. Die wichtigsten Publikationen des 
frühen A-P waren die Zeitschriften „The Fifth Estate“ (USA) und „Green Anarchist“ (GB, hat 
sich 2001 vom A-P distanziert). Heute finden anarcho-primitivistische Aktivitäten fast 
ausschließlich im Internet statt. Interessanterweise scheint eine recht starke Verbindung 
zwischen A-P und Christentum zu existieren, wie bspw. die Existenz der 
christlich-primitivi stischen Zeitschrift „In the Land of the Living“ belegt.

3. Theoretische Probleme

Die theoretischen Grundlagen des A-P wurden von anarchistischer Seite umfangreich 
kritisiertProblematisch sind bereits die Grundannahmen des A-P wie bspw. die Annahme, dass
Gesellschaften ohne Technologie prinzipiell egalitär organisiert wären. Dem aktuellen 
Stand der Forschung nach waren und sind diese Gesellschaften durchaus unterschiedlich 
organisiert,von egalitären Modellen bis hin zu streng hierarchischen Gesellschaften mit 
klaren Herrschaftsverhältnissen4. Hinter dieser Annahme steckt das alte Konzept des „edlen 
Wilden“welches in der europäischen Aufklärung entstand und davon ausging, dass der Mensch 
ursprünglich in einem primitiven Naturzustand lebte wie Adam und Eva im Paradies, frei von 
allen negativen Eigenschaften. Dieses Konzept entbehrt nicht nur jeder faktischen 
Grundlage, sondern ist auch eine hochgradig eurozentristische und rassistische 
Zuschreibung, die historisch von Weißen an Nicht-Weiße gerichtet wurde. Diese Zuschreibung 
wurde unter anderem zur Legitimierung des Kolonialismus genutzt, als Weiße es sich zur 
Aufgabe machtendie als „Wilde“ betrachteten Menschen z u missionieren, auszubeuten und 
westlichen Vorstellungen zu unterwerfen. Dies wird von Anarcho-Primitivist*innen zwar 
nicht befürwortet, die Grundannahme ist jedoch die gleiche.

Ein weiteres grundlegendes Problem ist die Ablehnung von gesellscha ftl ichen Strukturen 
und Gruppen, die mehr als einige Dutzend oder weniger Hundert Menschen in direkter
geographischer Nähe umfassen. Größere Strukturen würden hingegen unweigerlich zu
Hierarchien führen. Auch diese Behauptung wird üblicherweise nicht belegt oder begründet,
weswegen auch hier nur Mutmaßungen angestellt werden können5. Die anarchistische Praxis
hat hingegen in der Geschic hte oft genug gezeigt, dass größere Organisationen und
Gesellschaftsstrukturen auch ohne Hierarchien funktionieren können. Das beste Beispiel
hierfür ist vielleicht di e Geschichte der spanischen CNT-FAI, die ihre egalitären 
Strukturen auch mit einer siebenstelligen Mitgliederzahl noch aufrechterhalten konnte. Der 
Autor ist zudem der Meinung, dass die Organisierung großer Menschenmengen auch über weite 
Entfernungen hinweg durch die Nutzung moderner Kommunikationsmittel wesentlich
erleichtert wird.

Zudem formuliert der A-P einen globalen und autoritären Anspruch, der anderen Spielarten 
deAnarchismus zumindest in dieser Strenge abgeht. Wo andere Anarchist*innen zumindest von
der theoretischen Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz ausgehen, fordert der AP, dass 
die gesamt e Welt sich primitivistischen Prinzipien unterwirft, da ansonsten die 
primitivistischen Gemeinschaften durch die Umweltverschmutzung der Nicht-Primitivist*innen 
beeinträchtigt werden.

Des weiteren ist ein Problem, dass der A-P Technologie als inhärent böse ansieht und die
Probleme der heutigen Gesellschaft nicht auf den Kapitalismus, sondern auf die Existenz 
von Technologie zurückführt. Anarchist*innen sind hingegen überwiegend der Meinung, dass 
die meisten Technologien genutzt werden können, um das Leben der Menschen zu verbessern,
bspw. durch die Verbesserung von Hygiene, Ernährung, medizinischer Versorgung und durch
die Reduzierung von Arbeit. Aus diesem Grund ist die Nutzung und Adaption vorhandener
Technologien für den Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft eine uralte anarchi 
stische Forderung. Hinzu kommt außerdem noch ein starker Hang zum magischen Denken, wenn 
es um die Umsetzung geht. So wird beispielsweise nicht geklärt, wie eine primitivistische
Revolution vonstatten gehen soll, außer dass eines Tages alle Menschen auf einmal
Primitivist*innen sind. Der einzige konkrete Vorschlag, der im Zuge der Recherchen für 
dieseText gefunden wurde, war die Gründung primitivistischer „Communities“6. Auch für
praktische Probleme werden selten konkrete Vorschläge geboten, wie der folgende Teil 
zeigenwird.

4. Praktische Probleme

Das erste zentrale Problem, dass bei der Betrachtung des A-P als Alternative zur heutigen
Gesellschaftsordnung ins Auge fällt, ist die Frage der Versorgung der Weltbevölkerung 
mitNahrungsmitteln. Dieses Problem wurde insbesondere von Andrew Flood ausführlich
untersucht. Unter Bezugnahme auf wissenschaftliche Quellen kommt Flood zu dem Schluss,
dass eine ausschließlich auf Jagen und Sammeln ausgerichtete Wirtschaftsweise in der Lage
wäre, weltweit maximal 100 Millionen Menschen7 zu ernähren, wobei bei einer solchen
Bevölkerungszahl schon ein hohes Risiko eines ökologisch-ökonomischen Kollaps bestünde,
bspw. durch Überjagung von Tierarten. Mit Hilfe von Landwirtschaft ließen sich hingegen
theoretisch 11 Milli arden Menschen ernähren, bei einer starken Reduzierung/Abwicklung der
Fleischproduktion sogar unter ökologischen Gesichtspunkten. Primitivistische Erwiderungen
zu dieser Frage gehen üblicherweise von der Annahme aus, dass die Weltbevölkerung radikal
schrumpfen muss. Wie diese Schrumpfung vonstatten zu gehen hat, wird unter Anarcho
Primitivist*innen unterschiedlich beurteilt. Teilweise wird eine fr eiwillige 
Geburtenkontrolle bevorzugt8, die meisten gehen jedoch von einem unweigerlichen 
ökologischen Kollaps der Gesellschaft aus, sodass ein Massensterben unausweichlich ist und 
nach Meinung einiger (bspw. Jason Godesky) a uch nicht verhindert werden sollte. In diesem 
Kontext werden auch Massenepidemien wie HIV/AIDS und Hungersnöte teilweise ausdrücklich 
befürwortet9.
Hieroffenbart sich das chiliastische Weltbild vieler Anarcho-Primitivist*innen, wenn der
Weltuntergang als unvermeidlich und jeder Versuch, ihn abzuwenden, als sinnlos dargestellt
wird. An dieser Stelle ist für die meisten Kritiker*innen die Diskussion beendet. Ähnliche
Probleme gelten auch für andere Fragen, beispielsweise wie die Medizin in einer
primitivistischen Gesellschaftsordnung aussehen soll. Moderne Medizin würde offensichtlich
wegfallen. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass Menschen in „primitiv-lebenden“
Gesellschaften nicht krank würden, da alle Krankheiten Zivilisationskrankheiten seien, 
oder dass die moderne Medizin komplett durch traditionelle Heilmethoden ersetzt werden 
könnte, bzw. primitive Heilmethoden dann zeitnah erfunden würden10.

5. Warum müssen wir uns damit auseinandersetzen?

Momentan finden primitivistische Ideen vor allem in antispeziesistischen und
konsumkritischen Kreisen eine wachsende Anhängerschaft. Insbesondere für jüngere
Menschen, die ohne große Vorkenntnisse mit dem A-P in Berührung kommen, kann er durch
seinen radikalen Gestus eine gewisse Attraktivität besitzen. Jugendliche können sich so 
sehr gut von ihren oftmals stark konsumfixierten Altersgenoss*innen abgrenzen. Der Gestus 
einer radikalen Ablehnung nicht nur das Konsumverhaltens ihrer Mitmenschen oder des
Kapitalismus, sondern de r gesamten Zivilisation ermöglicht einen hohen Distinktionsgewinn
bei geringem persönlichem Einsatz, anders als andere Möglichkeiten linksradikalen
Engagements. Der Elitarismus und Verbalradikalismus vieler anarcho-primivitist ischer
Gruppen und Publikationen ist den Prinzipien des Anarchismus zwar diametral
entgegengesetzt, kann aber in diesem Zusammenhang zusätzlich attraktiv sein, zumal er im
Internet in Form ansprechend gestalteter Seiten und absoluter „Wahrheiten“ daher kommt.

Aus dem Vortrag sollte soweit he rvorgegangen sein, dass der A-P eine misanthropische und
autoritäre Ideologie darstellt, die nicht mit den Prinzipien des Anarchismus vereinbar 
ist. Entscheidende Konzepte wie das Heranna hen einer unvermeidlichen Apokalypse, die 
nurwenige Auserwählte überleben werden, oder die Vorstellung, dass der Mensch schon allein
durch seine Existenz sündigt11, sind eher dem Repertoire mancher Strömungen des
Christentums entlehnt, als dass sie dem Anarchismus zugerechnet werden können. Aus 
diesemGrund sollte Bestrebungen, diese Ideologie als anarchistisch zu bezeichnen, 
entgegengewirkt werden. Ihren Vertreter*innen und Positionen sollte kein Raum in 
anarchistischen Kreisen undPublikationen gewährt werden, auch wenn dies heute noch in 
ökoanarchistischen und antispeziesistischen Kreisen gelegentlich geschieht. Dies bedeutet 
nach Ansicht des Verfassersauch, dass der antiautoritäre Gehalt unserer Positionen gerade 
im ökologischen und antispeziesistischen Bereich stärker herausgestellt werden muss, um 
ein Andocken autoritärer Ideologien wie des Primitivismus zu verhindern.

6. Literatur

Chaz Bufe: Primitive Thought, in: Processed World Nr. 22 (1988),
via: libcom.org/library/primitive-thought.
Andrew Flood: Civilisation, primitivism and anarchism & Is
primitivism realistic: an anrchist reply to John Zerzan and
others, via: struggle.ws
Jason Godesky: 5 Common Objections to Primitivism, and why they’re
wrong (2005), via:
http://web.archive.org/web/20060207174708/
http://anthropik.com/200
5/10/5-common-objections-to-primitivism-and-why-theyre-wrong.
John Moore: A Primitivist Primer, via:
www.primitivism.com/primer.htm.
Brian Sheppard: Anarchism vs. Primitivism, Tucson/Arizona 2003,
via: http://libcom.org/library/anarchism-vs-primitivi sm
freigeisterhau s.de/viewtopic.php?t=25108&postdays=0&postorder=asc&&start=0&sid=a1c6
25f7bd993e06578
a499fd399ba6 (einzige deutschsprachige Quelle, die sich auf die
Schnelle finden ließ).

Anmerkungen:

1 Bspw. John Zerzan und Derrick Jensen.
2 Nach Wahrnehmung des Autors handelt es sich bei den Vordenkern des A-P ausnahmslos 
umsich als männlich verstehende Menschen.
3 Vgl. Moore o.J.
5 Evtl. Kann nicht zwischen einer Redeleitung und einem Chef unterschi eden werden.
6 Vgl. Moore o.J.
7 Historisch 10 Millionen.
8 Bspw. Bei John Moore. Unklar ist auch hier, warum die gesamte Menschheit sich 
spontandazu entscheiden sollte.
9 Aussagekräftige Zitate sind v.a. bei Andrew Flood und Jason Godesky zu finden.
10 Vgl. hierzu in erster Linie Moore.
11 Wenn auch gegen die Natur und nicht gegen die Gebote Gottes.


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