(de) Germany, FAU DIREKTE AKTION #216 – „Die Angriffslust auf Contterm steigt“ -- Interview mit Sascha Schomacker von der Fachgewerkschaft deutscher Seehäfen - contterm

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Tue Apr 23 10:17:00 CEST 2013


Seit 2009 besteht die Fachgewerkschaft deutscher Seehäfen – contterm in mehreren 
norddeutschen Hafenstädten. Zeitweise war die eher kämpferische und eher linksorientierte 
Spartengewerkschaft Teil des gelben „Christlichen Gewerkschaftsbundes“ (CGB), von dem sie 
sich jedoch bald wieder trennte. Zuletzt protestierte die Gewerkschaft gegen die 
Entsendung von Hafenbeschäftigten aus Wilhelmshaven, da dies zur Entlassung von Teilen der 
dortigen Belegschaft geführt hätte. Die DA sprach mit Sascha Schomacker, einzigem 
hauptamtlichen Sekretär bei Contterm und ehemaligem Ver.di-Vorstandsmitglied in 
Bremerhaven, über den bisherigen Weg der Gewerkschaft und das Verhältnis zu DGB und 
Ver.di. ---- Contterm ist mittlerweile in den drei größten deutschen Seehäfen präsent. 
Erzähl uns doch ein wenig über die Entstehung und das Werden der Contterm.

Etwa 17 Hafenarbeiter wollten sich 2009 die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen im 
Hamburger Hafen nicht mehr gefallen lassen. Also gründeten sie zunächst einen lokalen 
Berufsverband, der Mitte 2010 seine Aktivitäten verstärkte. In der Zwischenzeit schloss 
Ver.di in Bremerhaven Gefälligkeitsvereinbarungen zugunsten der Arbeitgeber ab. 
Lohneinbußen von 30% im Autofahrertarif stellten einen Affront gegen die aufrichtig 
arbeitenden Kollegen dar. Ab dem Jahr 2011 haben wir dann auch die Bremer Kollegen 
verstärkt vertreten. Heute haben wir einige hundert Mitglieder.

Organisiert ihr alle KollegInnen in Häfen? Wie weit fasst eure Organisierung?

Unsere Organisation umfasst zur Zeit nur den Umschlagsbereich in den Seehäfen.  Wir haben 
zwar auch schon Anfragen von Kollegen in den Werften und Windkraftunternehmen, sehen aber 
zur Zeit nicht die Möglichkeit, unsere Bestrebungen auf diese Branche auszudehnen. 
Einzelne Eintritte aus diesen Bereichen wären auch nicht im gewerkschaftlichen Interesse 
des potentiellen Mitglieds . Sollten jedoch einmal mehrere Kollegen auf einmal aus diesen 
Branchen einen eigenen Fachbereich in Contterm darstellen wollen, steht einer Ausweitung 
der Organisation  nichts entgegen und sie erhalten unsere volle Unterstützung.

Ihr Kollege Wolfgang Kurz erzählte gegenüber der taz, dass sich Ver.di nicht nur 
unsolidarisch gegenüber anderen Gewerkschaften sondern auch gegenüber kritischen Kollegen 
verhalte. Sie waren einst Funktionsträger bei Ver.di. Wieso der Wechsel zu Contterm?

Ich bin viele Jahre prekär beschäftigt gewesen. Insbesondere Leiharbeit wird von 
Arbeitgebern skrupellos zur Bereicherung genutzt. Im Jahre 2010 bin ich in Ver.di in dem 
für die Leiharbeit zuständigen Fachbereich in mehrere Vorstandsämter gewählt worden. Ich 
habe damals schon angekündigt, mich bedingungslos für die Interessen der Leiharbeitnehmer 
einzusetzen. Am 4. März 2011 erschien in der Nordsee-Zeitung ein von mir zu 
verantwortender Artikel mit der Überschrift: „Ausbeutung mit SPD-Segen?“. Darin habe ich 
darauf hingewiesen, dass sich die SPD in Bremerhaven mit einer stadteigenen 
Zeitarbeitsfirma zulasten der Arbeitnehmer bereichert. Equal Pay, faire Entlohnung: 
Fehlanzeige! Die Folge war, dass die Kollegen in Ver.di sauer reagierten, weil ich 
angeblich dem politischen Partner zusetze.

Als ich 2011 begann im Hafen zu arbeiten, musste ich feststellen, dass die 
Interessenskonflikte innerhalb der Gewerkschaft Ver.di wesentlich größer waren als ich 
jemals für möglich gehalten hätte. Schnell habe ich begriffen, dass die 
Gefälligkeitsvereinbarungen zugunsten der Arbeitgeber damit in Verbindung standen.

Gleichzeitig entdeckte ich aufrichtig arbeitende Kollegen, die von anderen Kollegen 
diskriminiert wurden, nur weil sie einer anderen Gewerkschaft angehören. So bin ich auf 
Contterm aufmerksam geworden. Die Kollegen in Contterm sind nicht korrupt und standen für 
faire Bedingungen und eine angemessene Bezahlung. Für mich war es wegweisend 
festzustellen, dass mit Ver.di im Hafen eine DGB-Gewerkschaft noch „gelber“ ist, als eine 
Gewerkschaft, die zum besagten Zeitpunkt beim Christlichen Gewerkschaftsbund organisiert 
war. Das war ein Gewerkschaftsschock.

Der Schritt in den CGB wirft immer noch einen Schatten auf die öffentliche Wahrnehmung von 
Contterm. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Contterm hat sich schon Ende 2011 vom Christlichen Gewerkschaftsbund gelöst. Übrigens: Die 
Nähe zum CGB wird heute – wenn überhaupt – nur noch von Journalisten, die dem zuständigen 
Fachbereich von Ver.di nahestehen, verunglimpfend unterstellt. Hierbei zeigt sich aus 
unserer Sicht, wie wichtig der Deutsche Journalistenverband ist, wenn es darum geht, die 
Demokratie zu wahren. Gewerkschaftspluralismus ist daher – anders als 1933 – heute ein 
Garant für eine funktionierende Demokratie und Meinungsbildung.

Ansonsten hat Contterm damals versucht, bei IG Metall und DGB als eigenständige Fachgruppe 
unterzukommen. Doch die haben sich geweigert. Da die finanzielle Basis sowie grundlegendes 
Wissen über die Voraussetzungen zur Gewerkschaftsbildung fehlten, hatte man nach einem 
Hilferuf nur den Christlichen Gewerkschaftsbund und den DHV, der mit Rat und Tat zur Seite 
stehen wollte. Doch schon von der ersten Minute an haben sich die Kollegen nichts vom 
CGB/DHV diktieren lassen. Sie haben sich über die politische Ausrichtung beschwert und 
einen eigenen – linken – Anwalt verpflichtet. Der DHV hatte im Prinzip damals nur die 
Satzung ausgearbeitet, die Eintragung ins Vereinsregister gemanagt und den anfänglichem 
Bürokram gemacht. Einen echten Kooperationsvertrag gab es nie. Auch wenn der DHV darauf 
gedrängt hat, die zumeist linken Kollegen in Contterm haben den Versuchen sympathisch 
getrotzt.

Die Contterm scheint für die Funktionärsriege bei Ver.di ein Dorn im Auge zu sein.

Natürlich. Ver.di hat im Hafen Strukturen geschaffen, durch die sie selbst nicht mehr von 
den Arbeitgebern unterschieden werden kann. Große Interessenskonflikte, wie die Entsendung 
gleicher Gewerkschafter in die Aufsichtsräte großer Hafenfirmen und zugleich in die 
Entscheidungsgremien des GHB (Hafenbetreiber in Hamburg), stellen nicht zu leugnende 
Interessenskonflikte dar.

Zur Zeit wird beim GHBV (Gesamthafenbetriebsverein im Lande Bremen e.V.) in Bremen und 
Bremerhaven wegen der Veruntreuung von Geldern ermittelt. Ein Bezirksvorstand von Ver.di 
in diesem Betrieb wurde fristlos entlassen. Contterm setzt sich dafür ein, dass 
Vorteilsnahme und Veruntreuung zulasten der Arbeitnehmer bekämpft werden. Betroffenen 
Ver.di-Kollegen schwimmen die Fälle davon und die Nervosität steigt. Die Angriffslust auf 
Contterm steigt.

Der Stein des Aufregens, bei dem sich sogar eine örtliche Linkspartei einbrachte um die 
„Spaltung“ der KollegInnen zu verhindern ist ein derzeitiger Arbeitskampf. Können sie 
darüber mehr berichten? Und wie weit ist es bestellt im den Fakt der „Spaltung der 
Belegschaft“?

Für Contterm stellen demokratische Prinzipien ein hohes gut dar. Koalitionsfreiheit gehört 
dazu. Gleichzeitig ist der Vorstand von einer linken Politik überzeugt und unterstützt die 
Ziele und Forderungen der Linkspartei. Natürlich führt dies auch zu Konflikten innerhalb 
der Linken. Viele DGB-Mitglieder und Funktionäre bei den Linken haben sich abfällig über 
Contterm geäußert. Wir glauben jedoch, dass die Linke keine DGB-Bewegung braucht, sondern 
eine neue Gewerkschaftsbewegung. Überhaupt Organisiert zu sein, sollte u.E. wieder der 
Maßstab sein. Andersdenkende in der Linken auszuschliessen oder nicht zu unterstützen, nur 
weil sie vom DGB nicht mehr überzeugt sind, halte ich für unsolidarisch und nicht 
zielführend. Darüber hinaus glaube ich nicht, dass die Linke einen einseitigen DGB-Kurs 
überleben würde, weil von den 6 Millionen DGB-Mitgliedern nach Abzug der 
Mitglieder-Faktoren wie Überalterung, SPD-Seilschaften nicht genügend Wählerpotential 
vorhanden ist, die 5%-Hürde zu erklimmen. Es gilt daher aus meiner Sicht, die gesamte 
Nische links von der SPD mit Leben zu füllen. Am besten natürlich mir sovielen DGBlern wie 
möglich. Contterm schließt ja auch eine Zusammenarbeit mit Verdi und DGB nicht kategorisch 
aus. Ganz im Gegenteil: Wir fordern nur gewerkschaftliche Integrität.

Die Frage der gewerkschaftlichen Integrität könnte man auch anhand der Leiharbeit stellen. 
Für contterm stellt die Leiharbeit ein zentrales Problem dar…

…Leiharbeit ist für Contterm ein Problem! Wir lehnen sie als menschenverachtend ab. 
Außerdem sind gerade für Spartengewerkschaften die Hürden zu streiken recht hoch. Wenn das 
Unternehmen dann -vielleicht sogar noch mit Billigung der größeren etablierten 
Gewerkschaft- Streikbrecher einsetzt, stellt dies auch einen Angriff auf die 
Koalitionsfreiheit des Einzelnen dar. Aus diesem Grund haben wir auch auf die 
Zeitarbeitsfirma des DGB, die "Weitblick Personalpartner GmbH", aufmerksam gemacht. Hier 
hat die Firma des DGB sogar Streikbrecher eingesetzt. Inzwischen wissen wir, dass dies 
noch nicht einmal die einzige Zeitarbeitsfirma mit Eigentumsanteilen des DGB ist.

Die standort-nationalistischen Tendenzen im DGB sind unerträglich. Man verspricht sich 
Vorteile durch flexible Arbeitskräfte in den von der Exportwirtschaft abhängigen Branchen 
und stellt hierbei das Wohl der Wirtschaft über das Wohl des Arbeitnehmers. Darüber hinaus 
gibt es schon ein neues Problem: Ausländische Leiharbeiter, z.B. aus Polen. In Bremerhaven 
haben Zeitarbeitsfirmen schon reihenweise Mehrfamilienhäuser gekauft, um demnächst 
ausländische Leiharbeiter einzusetzen. Nicht nur das persönliche Schicksal der 
Leiharbeiter ist bedrückend, sondern die Bereitschaft der zahlreichen Neoliberalen im DGB, 
durch die Billigung von Leiharbeit schwerste gesellschaftliche Verwerfungen zu 
akzeptieren. Dies kann im ungünstigsten Fall den Beginn einer neuen nationalistischen 
Bewegung begründen.



Ihr sagt, eure Arbeit sei ehrenamtlich. Wie läuft der Gewerkschaftsalltag ab?

Contterm ist ein gewerkschaftliches Novum in Deutschland. Wir sind eine 
Spartengewerkschaft, aber nicht elitär, weil wir uns auch für die Beschäftigten mit 
Niedriglöhnen einsetzen. Wir sind basisdemokratisch. Es gibt zwar klare Hierarchien, 
aufgrund des bewusst geförderten kollegialen Charakters und des großen demokratischen 
Selbstverständnisses kann sich bei uns jeder einbringen und wird gehört. Transparenz wird 
großgeschrieben. International stehen wir für eine enge Zusammenarbeit. So war unser 
Vorstand Wolfgang Kurz gerade in Italien, um mit Verantwortlichen u.a. der CGIL zu 
sprechen. Wir haben eine enge Zusammenarbeit vereinbart, damit Hafenarbeiter nicht 
international gegeneinander ausgespielt werden. Es wird auf jeden Fall auch hier eine ganz 
neue europäische Gewerkschaftsbewegung mit uns geben, die auf Ausgleich und nicht auf 
Standortnationalismus setzt, wie ihn DGB-Gewerkschaften praktizieren. Alle Funktionäre, 
außer mir, sind ehrenamtlich tätig. Meine hauptberufliche Aufgabe besteht auch darin, das 
Ehrenamtsprinzip mit aufzubauen und zu fördern.

Vielen Dank für das Gespräch!


More information about the A-infos-de mailing list