(de) FAU DIREKTE AKTION #216 – Prekärer Aufstand -- In Italien wehren sich migrantische ArbeiterInnen

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Thu Apr 18 10:21:03 CEST 2013


Als er vor zehn Jahren nach Italien kam, hatte sich der aus Ägypten stammende Mohamet 
Arafat seine Zukunft im Land der „dolce vita“ sicherlich anders vorgestellt. Nach seinem 
Hochschulabschluss in Ägypten war der Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs nicht etwa 
aus wirtschaftlichen Gründen nach Europa gekommen, sondern um – wie er selbst sagt – 
Erfahrungen zu machen, sein eigenes Leben zu leben.---Was er allerdings vorfinden sollte, 
war keineswegs das erwartete Paradies, sondern blankes Elend: zunächst Hunger und 
Ausbeutung als Arbeiter im Orangenanbau in Süditalien, dann vom Regen in die Traufe in das 
norditalienische Piacenza, wo er in einem Logistikzentrum der TNT anheuerte. --- Entgegen 
der in Aussicht gestellten acht Stunden pro Tag, wurden die ArbeiterInnen oft nur für 
wenige Stunden am Tag, je nach Bedarf beschäftigt und verdienten oft somit nicht mehr als 
2-300 Euro im Monat.

Gleichzeitig gab es Arbeitsspitzen, in denen das Doppelte des tatsächlich beschäftigten 
Personals nötig gewesen wäre. Die Überlastung führte zu häufigen Erkrankungen. 
Gleichzeitig hielt der prekäre Arbeitsalltag der ArbeiterInnen (die zudem zu 90 % aus dem 
nicht-europäischen Ausland stammten) die Bereitschaft sich zu wehren niedrig. Im Gegensatz 
zu Mohammet Arafat dürfte die meisten seiner KollegInnen bei Verlust des Arbeitsplatzes 
nicht etwa eine mögliche Rückkehr in den heimischen gehobenen Mittelstand, sondern das 
Nichts und eine hungernde Familie erwartet haben.

Um jedoch die Angst der KollegInnen zu verringern, begannen Mohammet und eine Handvoll 
MitstreiterInnen ihre KollegInnen – allem voran die verschiedenen Nationalitäten – zu 
vereinen. Hierzu besuchten sie ihre KollegInnen zu Hause oder luden sie zu sich ein, um 
über die verschiedenen Probleme am Arbeitsplatz zu sprechen und sich auszutauschen.

Nachdem es ihnen gelungen war, die KollegInnen größtenteils zu einen, versuchten sich die 
ArbeiterInnen an eine Gewerkschaft zu wenden. Was zunächst einfach schien, da die 
migrantischen ArbeiterInnen durchaus Gewerkschaften frequentierten, sollte sich letztlich 
schwerer darstellen als erwartet. Für beide Seiten beschränkte sich der Kontakt zumeist 
auf Dienstleistungen, wie das Ausfüllen von Formularen oder Hilfe in Fragen des 
Ausländerrechtes. Auch schienen viele Gewerkschaften nicht gerade kampfwillig zu sein. Mit 
Hilfe der SI Cobas (Sindacato Intercategoriale Cobas – Lavoratori autorganizzati) gelang 
es ihnen jedoch letztlich zu streiken und durch die strategische Blockade der Werkstore 
dem Unternehmen empfindliche Schäden zuzufügen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich 
warten: am Ende des Arbeitskampfes erwirkten Mohammet und seine KollegInnen die 
Anerkennung des nationalen Tarifvertrages, Lohnerhöhungen, dreizehnten und vierzehnten 
Monatslohn, Urlaub und Freistellungen für gewerkschaftliche Arbeit. Auch ausserhalb von 
TNT hatte der Konflikt seine Wirkung. Seit dem Arbeitskampf demonstrieren die MigrantInnen 
von Piacenza alle zwei Wochen. Auch wurde versucht, den Kampf auf andere Betriebe wie die 
Supermarktkette Esselunga, den Kurierdienst SDA und den Paketdienst GLS auszuweiten. 
Letzten Endes gelang es durch die vielfachen migrantischen Arbeitskämpfe sogar den 
Giganten IKEA – bei dem ArbeiterInnen mit mehr als 30 Nationalitäten arbeiten – in die 
Knie zu zwingen und die Anerkennung des Nationalen Tarifvertrages sowie der Würde und der 
gewerkschaftlichen Vertretungen der ArbeiterInnen durchzusetzen. Was ähnlich begann, wie 
der italienische heiße Herbst von 1969, hat sich für die migrantischen ArbeiterInnen in 
einen Hauch arabischen Frühlings verwandelt. Es bleibt zu hoffen, dass sich vielleicht 
auch die italienischen ArbeiterInnen ein Beispiel nehmen und anstatt vergangenen Ritualen 
nachzuhängen den heißen Herbst der Vergangenheit überlassen und sich einem Frühling neuer 
Kämpfe öffnen.

Lars Röhm


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