(de) Ein Infoblatt über die Wahlen in Russland, der Protest und die Nationalisten Aktionen durch eine anarcho-sindicalist Gruppe aus Deutschland (en)

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Sun Mar 4 11:45:23 CET 2012


ASJ jetzt auch in Bremen ---- Keine Wahl der Nation – Zu den Wahlprotesten in Russland
3. März 2012 in Soziale Kämpfe, AntiFa und Osteuropa Am mor­gi­gen Sonn­tag, dem 04. März, 
fin­det die Wahl des rus­si­schen Staats­prä­si­den­ten statt. Nach­dem es bei der 
Par­la­ments­wahl im De­zember zu er­heb­li­chen Wahl­fäl­schun­gen kam, be­gann eine 
Welle des Pro­tes­tes neuen Aus­ma­ßes. Vie­ler­orts wird der „Auf­stand des rus­si­schen 
Volkes“ ab­ge­fei­ert. Be­ken­nen­den Na­tio­na­lis­ten wie Alek­sej Na­valny wird dabei 
die Me­dien­büh­ne ohne Ein­schrän­kung ge­währt und über die Be­tei­li­gung ul­tra-​ 
na­tio­na­lis­ti­scher Grup­pie­run­gen hin­weg ge­se­hen. Dass die 
rechts­po­pu­lis­ti­sche Agi­ta­ti­on und der an­ti­mus­li­mi­sche, ras­sis­ti­sche wie 
an­ti­se­mi­ti­sche Ge­halt eines gro­ßen Teils der Pro­tes­tie­ren­den und ihrer 
Füh­rer*innen nicht wei­ter pro­ble­ma­ti­siert wird, ist ja mitt­ler­wei­le Ge­wohn­heit.

Trotz­dem steckt in den Pro­tes­ten auch das Po­ten­zi­als eines Bruchs mit den 
herr­schen­den Ver­hält­nis­sen und eine po­li­ti­sche The­ma­ti­sie­rung der so­zia­len 
Miss­stän­de in Russ­land. Leute fan­gen an auf die Stra­ßen zu gehen, zu pro­tes­tie­ren, 
sie schlie­ßen sich zu an­ti­fa­schis­ti­schen – an­ti­au­to­ri­tä­ren Blö­cken 
zu­sam­men. Die­sen Leu­ten gilt un­se­re So­li­da­ri­tät zum Aus­druck brin­gen und nicht 
ir­gend­ei­nem scheiß Volk.
Um den un­re­flek­tier­ten Main­stream­me­di­en etwas ent­ge­gen­zu­set­zen und einen 
li­ber­tä­ren Ein­blick in die Pro­tes­te in Russ­land zu bie­ten haben wir den Text 
„Keine Wahl – der Na­ti­on“ ge­schrie­ben. Ihr fin­det unser Flug­blatt in den Göt­tin­ger 
Knei­pen und Läden eures an­ti­fa­schis­ti­schen Ver­trau­ens sowie hier zum down­loa­den .
Oder ihr lest ein­fach di­rekt wei­ter
Der Be­ginn eines Um­bruchs
Die ak­tu­el­le po­li­ti­sche Si­tua­ti­on in Russ­land fass­te der Vor­sit­zen­de der 
li­be­ra­len „Ja­blo­ko“ Par­tei, Ser­gej Mit­ro­ch­in, be­reits we­ni­ge Tage nach den 
ers­ten Groß­pro­tes­ten zu­sam­men als : „einen Mo­ment des Um­bruchs“. Die Wah­len zum 
Par­la­ment „Duma“ sind er­neut mit einem Sieg für die Re­gie­rungs­par­tei „Edi­na­ja 
Ros­si­ja“1 aus­ge­gan­gen – die­ses Jahr je­doch mit nicht ver­schweig­ba­ren 
Fäl­schun­gen und trotz­dem mit im­men­sen Stim­men­ein­brü­chen. Sei­tens 
in­ter­na­tio­na­ler Wahl­be­ob­ach­ter*innen wur­den über 7.​000 Ver­stö­ße gegen das 
Wahl­pro­ze­de­re ge­mel­det. Wäh­rend in den Ge­bie­ten mas­si­ver staat­li­cher 
Prä­senz, wie dem Kau­ka­sus oder Tsche­tsche­ni­en, Stim­m­er­geb­nis­se von bis zu 99% 
er­zielt wur­den, brach ins­be­son­de­re in den grö­ße­ren Städ­ten der Rus­si­schen 
Fö­de­ra­ti­on die Zu­stim­mung für „Edi­na­ja Ros­si­ja“ein. Trotz ver­such­ter 
Ein­fluss­nah­me auf die Wah­len. Di­rekt nach Be­kannt­ga­be der Er­geb­nis­se zog es 
zahl­rei­che Men­schen auf die Stra­ße, um ihren Unmut über das er­neu­te Er­rin­gen einer 
par­la­men­ta­ri­schen Mehr­heit für E.R. Luft zu ma­chen. Denn nach­dem der jet­zi­ge 
Staats­prä­si­dent Di­mit­ri Med­wed­jew Ende Sep­tem­ber be­kannt gab, dass er den Weg 
frei macht für eine er­neu­te Prä­si­dent-​schafts­kan­di­da­tur Wla­di­mir Pu­tins, ist 
der Aus­gang der Du­ma­wahl eine ein­deu­ti­ge Pro­gno­se, wie die 
Prä­si­dent­schafts­wah­len im März 2012 ver­lau­fen wer­den. Seine Par­tei­tags­re­de 
be­schloss Med­wed­jew mit den Wor­ten: „Das ist eine tief durch­dach­te Ent­schei­dung, 
die wir seit dem Be­ginn un­se­rer Ka­me­rad­schaft be­spro­chen haben. Dass wir das nicht 
frü­her be­kannt­ge­ben haben, ist eine Frage der po­li­ti­schen Zweck­mä­ßig­keit.“. Die 
trotz Fäl­schun­gen un­über­seh­ba­ren, mas­si­ven Stim­men­ver­lus­te zei­gen einen 
enor­men Ein­bruch der Zu­stim­mung zur herr­schen­den Po­li­tik. Diese Si­tua­ti­on 
könn­te nun für Ver­än­de­run­gen ge­nutzt wer­den, den­ken viele. Doch steht Russ­land 
tat­säch­lich vor einem Um­bruch, wie Mit­ro­ch­in es be­reits in den ers­ten Tagen der 
Pro­tes­te fest­stellt?
Die Pa­ro­le:„Zu­sam­men!“ – Aber für … was ei­gent­lich?
Ge­ra­de in­ner­halb eines der­art au­to­ri­tä­ren und re­pres­si­ven Sys­tems, wie dem 
rus­si­schen Staat, ist es groß­ar­tig tau­sen­de Men­schen auf den Stra­ße zu sehen. 
Nicht nur in den bei­den Me­tro­po­len Mos­kau und Sankt Pe­ters­burg, son­dern in allen 
grö­ße­ren Städ­ten Russ­lands, von Eu­ro­pa bis Asien. Am 10. De­zember kamen in der 
Mos­kau­er In­nen­stadt bis zu 100.​000 De­mons­trant*innen zu­sam­men. Po­li­ti­sche 
Ver­samm­lun­gen dür­fen in Russ­land erst nach lang­wie­ri­gen bü­ro­kra­ti­schen 
Pro­ze­de­re durch­ge­führt wer­den und sind an stren­ge Auf­la­gen ge­bun­den. So muss 
bspw. der kom­plet­te Kund­ge­bungs­platz durch die Po­li­zei ge­schlos­sen ab­ge­zäunt 
sein. Be­weg­li­che De­mons­tra­tio­nen gibt es in den sel­tens­ten Fäl­len. Gegen die 
Masse an Pro­tes­tie­ren­den hatte die Po­li­zei aber kaum eine Chan­ce ord­nend 
ein­zu­grei­fen. Ge­ra­de des­halb wird ver­sucht, nun den Druck auf die 
Pro­tes­tie­ren­den zu er­hö­hen. Wäh­rend Putin die USA als Strip­pen­zie­her der 
Pro­tes­te dar­stellt und von be­zahl­ten De­mons-​trant*innen spricht, ver­su­chen die 
Re­pres­si­ons­be­hör­den die Pro­tes­te durch Fest­nah­men und Schnell­ver­fah­ren zu 
un­ter­bin­den. Doch der Wi­der­stand reißt nicht ab, es gibt fast täg­lich 
Kund­ge­bun­gen und die Kri­tik bleibt prä­sent.
Al­ler­orts wird von einem Auf­stand des rus­si­schen Volkes gegen das Pu­tin­re­gime 
ge­spro­chen. Die po­li­ti­schen Kom­men­ta­to­ren, ins­be­son­de­re aus den 
nord­at­lan­ti­schen Staa­ten, ver­glei­chen die Pro­tes­te mit jenen in der End­pha­se 
der So­wjet­uni­on und ei­ni­ge spre­chen be­reits von einer wahl­wei­se „win­ter“-, 
„wei­ßen-​“ oder „sla­wi­schen Re­vo­lu­ti­on“. Die ei­gent­li­che ge­sell­schaft­li­che 
Si­tua­ti­on bleibt dafür völ­lig un­re­flek­tiert. An­statt sich mit den so­zia­len 
Ver­hält­nis­sen in Russ­land zu be­schäf­ti­gen, grei­fen die hie­si­gen Me­di­en lie­ber 
zum re­gel­rech­ten Fea­tures für so­ge­nann­te Füh­rungs­köp­fe der Pro­tes­te. So hat 
der vor­nehm­lich im In­ter­net ak­ti­ve Re­gime­kri­ti­ker Alek­sej Na­valny in der 
Re­dak­ti­on der TAZ schein­bar einen rich­ti­gen Fan­club ge­fun­den. Jeder Ar­ti­kel zur 
Si­tua­ti­on in Russ­land gibt auch kurz wie­der, wie es Na­valny ge­ra­de so geht. Dass 
sel­bi­ger aber gute Kon­tak­te zu na­tio­na­lis­ti­schen Grup­pie­run­gen pflegt und am 
04.​November, dem Tag der na­tio­na­len Ein­heit, mit dem ge­sam­ten rus­sisch-​ 
na­tio­na­lis­ti­schen Spek­trum mit­mar­schier­te wird völ­lig igno­rier­t2. Na­valny 
merkt sehr genau, dass die mo­men­ta­ne Si­tua­ti­on seine große Stun­de sein könn­te. 
Denn sein Blog hat zahl­rei­che Leser*innen und er ist mo­men­tan mit Ab­stand der 
po­pu­lärs­te Op­po­si­tio­nel­le. Von den Op­po­si­ti­ons­par­tei­en wird Na­valny 
ge­ra­de mas­siv an­ge­wor­ben, da diese in ihm jenen cha­ris­ma­ti­schen 
Her­aus­for­de­rer Pu­tins sehen, der mo­men­tan fehlt. Auch Na­valny scheint der Idee in 
eine Par­tei ein-​zu­tre­ten nicht ab­ge­neigt zu sein und ver­sucht sich alle Türen offen 
zu hal­ten.
Vor allem die nach rechts.
Ge­nau­so geht im Me­di­en­rum­mel aber auch unter, wel­che Spra­che die Pro­tes­te 
spre­chen. So be­grü­ßens­wert eine Kri­tik an Putin auch ist – der do­mi­nie­ren­de 
Vor­wurf, dass das rus­si­sche Volk von einer „Par­tei der Diebe und Gau­ner“4 an­ge­führt 
wird, stellt nicht mehr als bür­ger­li­chen Unmut dar. Somit wird nicht ein­fach nur 
Kri­tik geübt, son­dern immer auch das Kon­strukt eines ge­schä­dig­ten rus­si­schen 
Volkes mit­trans­por­tiert. Mo­ti­va­ti­on für die Pro­tes­te hat also das Wohl des Volkes 
zu sein. So stim­men auch die um die Macht ge­brach­ten Par­tei­en mit ein und nut­zen die 
Si­tua­ti­on, um sich als Ret­te­rin­nen des rus­si­schen Volkes an­zu­bie­ten. Auch wenn 
ver­sucht wird den ak­tu­el­len Pro­tes­ten ein Ver­än­de­rungs­po­ten­zi­al 
zu­zu­schrei­ben, wel­ches dem der Pro­tes­te An­fang der 90er gleich­kommt, so ist doch 
klar, dass auch eine Ab­wahl des Pu­tin­re­gimes nur zu mar­gi­na­len Kurs­än­de­run­gen 
füh­ren würde.
Auf die Kri­tik an den kor­rup­ti­ons­för­dern­den Macht­ha­bern wird aber ge­ra­de aus 
dem Aus­land zu­ge­stimmt, da die staat­li­che Len­kung und ver­brei­te­te Kor­rup­ti­on 
den Markt­zu­griff von außen stark er­schwert. Russ­land stellt ge­ra­de in 
Kri­sen­zei­ten einen wich­ti­gen Markt da, ins­be­son­de­re als Lie­fe­rant von 
Roh­stof­fen oder Kre­dit­ge­ber. Die hohe Be­deu­tung der Be­zie­hun­gen zwi­schen der EU 
und Russ­land zei­gen immer wie­der auch Per­so­nen, wie die des ehe­ma­li­gen deut­schen 
Bun­des­kanz­lers Ger­hard Schrö­der (SPD), des­sen Kom­men­tar über Putin als 
„lu­pen­rei­ner De­mo­krat“ noch immer in aller Munde ist. Die Un­ter­stüt­zung 
op­po­si­tio­nel­ler Grup­pen könn­te sich für die nord­at­lan­ti­schen Staa­ten im 
Nach­hin­ein als In­ves­ti­ti­on in zu­künf­ti­ge Ge­schäf­te aus­zah­len. Doch eine 
ein­deu­ti­ge Po­si­tio­nie­rung er­folgt nicht. Auch wenn die Kon­tak­te zu 
even­tu­el­len neuen Macht­ha­ber*innen auf­ge­baut wer­den, fin­det keine 
Dis­tan­zie­rung von Putin statt. Ganz im Ge­gen­teil, im Vor­feld des EU – Russ­land 
Gip­fels An­fang De­zember er­klär­ten Po­li­ti­ker*innen ver­schie­de­ner deut­scher 
Par­tei­en, dass es nun ja an Putin läge, zu zei­gen wel­che Klas­se von Staats­mann er 
sei. So wer­den also alle Türen offen ge­hal­ten, um auch ja nicht durch eine 
über­schwäng­li­che Un­ter­stüt­zung von De­mo­kra­tie­be­we­gun­gen Ge­schäf­te aufs 
Spiel zu set­zen. Amü­sant ist dabei, dass vor we­ni­gen Wo­chen der rus­si­sche WTO 
Bei­tritt statt­ge­fun­den hat und das lang er­sehn­te Zwangs­mit­tel der öko­no­mi­schen 
Öff­nung Russ­lands nun durch­ge­setzt wird. Den hie­si­gen Me­di­en als Fans der 
rus­si­schen Ge­sell­schaft war dies im bes­ten Fall nur eine Agen­tur­mel­dung wert.
Eman­zi­pa­to­ri­sche Per­spek­ti­ven?
Das Ge­re­de vom sich weh­ren­den rus­si­schen Volk wirft die Frage auf, in­wie­weit die 
Pro­tes­te für ord­nungs­ge­mä­ße Par­la­ments­wah­len über­haupt ein Weg 
ge­sell­schaft­li­cher Eman­zi­pa­ti­on sein könn­ten. Ge­ra­de die in den Vor­der­grund 
ge­scho­be­nen Wort­füh­rer der Op­po­si­ti­on ver­su­chen die Un­zu­frie­den­heit zu 
einem Volks­be­wusst­sein für Ge­rech­tig­keit zu ka­na­li­sie­ren. Den Groß­teil der 
De­mons­trie­ren­den stel­len nicht jah­re­lang un­ter­drück­te Re­gime­kri­ti­ker*innen 
dar, son­dern von aus­blei­ben­den po­li­ti­schen In­no­va­tio­nen ent­täusch­te 
Mit­tel­schicht­ler*innen. Der Groß­teil hatte Hoff­nun­gen in Med­wed­jew ge­setzt, die 
nun end­gül­tig ent­täuscht wur­den. Dem­ent­spre­chend sind For­de­run­gen nach 
tief­grei­fen­den ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen auch kaum zu ver­neh­men. Klar 
ist, dass es nicht so wei­ter­ge­hen soll wie bis­her. Was sich al­ler­dings ver­än­dern 
könn­te, wird den selbst­er­nann­ten Wort­füh­rern über­las­sen. Denn auch wenn Edi­na­ja 
Ros­si­ja den Rück­halt ver­lo­ren hat, wurde sich nicht für einen ein­deu­ti­gen neuen 
Weg ent­schie­den. Der Stim­men­zu­wachs für die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei bspw. ist eher 
Aus­druck eines Pro­test­wahl­ver­hal­tens, denn einer über­zeug­ten Stim­men­ab­ga­be. 
Denn die KP stand be­kann­ter­ma­ßen noch nie für groß­ar­tig fort­schritt­li­che Ideen 
und tritt in Russ­land eher wie eine hie­si­ge Volks­par­tei auf. Zudem hatte die KP die 
letz­ten Jahre auch den Du­ma­vor­sitz inne. Sie ist also kei­nes­wegs eine große 
Al­ter­na­ti­ve zum Be­ste­hen­den.
Dass es damit also nur um Macht­ver­schie­bun­gen geht, wird am Um­gang mit dem 
Re­pres­si­ons­ap­pa­rat deut­lich. Ob­wohl ein rie­si­ges Auf­ge­bot an Po­li­zei-​ und 
Ar­mee­kräf­ten des In­ne­ren auf­ge­zo­gen wird und staat­li­cher­seits sogar pri­va­te 
Si­cher­heits­fir­men an­ge­heu­ert wer­den, ap­pel­liert die Pro­test­füh­rung stets, 
dass die Po­li­zei ein Teil des Volkes sei und man für die sel­ben Ideen kämp­fe. Dass 
dies in kei­ner Weise der Rea­li­tät ent­spricht, zeig­ten die Mas­sen­fest­nah­men seit 
dem Be­ginn der Pro­tes­te. In St. Pe­ters­burg wurde eine große Grup­pe von 
De­mons­trant*innen im Schnell­ver­fah­ren zu 15 Tagen Haft ver­ur­teilt. Der eben­falls 
in­haf­tier­te An­ar­chist Fi­lipp Kos­ten­ko be­fand sich seit der Fest­nah­me in einem 
mehr­wö­chi­gen Hun­ger­streik gegen die po­li­ti­sche Re­pres­si­on. Nach der 
Frei­las­sung der mit ihm Ver­haf­te­ten wurde Kos­ten­ko in einem wei­te­ren Ver­fah­ren 
zu er­neu­ten zwei Wo­chen Haft ver­ur­teilt. Der deut­lich kör­per­lich an­ge­schla­ge­ne 
war nicht in der Lage sich vor Ge­richt zu ver­tei­di­gen und konn­te wäh­rend sei­nes 
Plä­doy­er kaum noch ste­hen. Es hätte ihm je­doch wohl auch wenig ge­bracht, denn die 
Rich­te­rin brach­te un­miss­ver­ständ­lich ihren Hass zum Aus­druck und der 
Ver­hand­lungs­raum war vol­ler Agent*innen des „Zen­trums für Ex­tre­mis­mus-​ 
be­kämp­fung“. Grund der Ver­ur­tei­lung war üb­ri­gens ein Vor­wurf des Hoo­li­ga­nis­mus 
vom Ok­to­ber.
Die viel­fach zi­tier­te pro­gres­siv an­mu­ten­de For­de­rung nach „Frei­heit für alle 
po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen“, die auf den Pro­tes­ten kund getan wird, ist somit nicht 
viel mehr als ein Fei­gen­blatt. Denn statt kon­se­quent so­li­da­ri­schen Ver­hal­tens 
mit den Be­trof­fe­nen von Re­pres­si­on wird Un­ter­stüt­zung von den Re­pres­si­ons-​ 
or­ga­nen ge­wünscht. So wer­den Per­spek­ti­ven, die jene Pro­tes­te bie­ten könn­ten, 
ver­spielt. Dies zeigt sich auch durch Trans­pa­ren­te wie „Keine Re­vo­lu­ti­on. Nur 
faire Wah­len!“. Eine „re­vo­lu­tio­nä­re Si­tua­ti­on“ ist nur her­bei­ge­re­det von 
jenen, die den Unmut in­stru­men­ta­li­sie­ren wol­len. Dies er­in­nert in ei­ni­gen 
Punk­ten stark an die „Oran­ge­ne Re­vo­lu­ti­on“ 2004/05 bei der jede Rede von einem 
Ap­pell „ruhig blei­ben“ be­glei­tet war.
Be­tei­li­gung li­ber­tä­rer Grup­pen
Ob­wohl es sich um Pro­tes­te für ge­rech­te Par­la­ments­wah­len han­delt, neh­men auch 
zahl­rei­che li­ber­tä­re Zu­sam­men­hän­ge an den De­mons­tra­tio­nen teil. Für 
An­ar­chist*innen in Russ­land sind die Wah­len schon vor dem Be­kannt­wer­den der 
Ma­ni­pu­la­ti­on ein gro­ßes Thema ge­we­sen. Mit der Kam­pa­gne „Unser Kan­di­dat – 
Selbst­or­ga­ni­sie­rung“ hat das an­ar­chis­ti­sche Netz­werk „Au­to­no­me Ak­ti­on“ die 
Par­la­ments­wah­len als An­lass ge­nom­men, um zu zei­gen, dass Wah­len nichts brin­gen 
und nur die ei­gent­li­chen Mög­lich­kei­ten einer ge­sell­schaft­li­chen 
Or­ga­ni­sie­rung von unten ver­schlei­ern. Neben einer In­for­ma­ti­ons­kam­pa­gne gab es 
im Vor­feld der Wahl in ganz Russ­land zahl­rei­che di­rek­te Ak­tio­nen. Ziel­schei­be 
waren dabei vor allem Ein­rich­tun­gen von Edi­na­ja Ros­si­ja aber auch Büros von 
„Gaz­prom“ sowie In­fra­struk­tur der Po­li­zei. Ab­ge­brann­te Wahl­kampf­bü­ros 
er­schwer­ten die Ar­beit der Put­in­treu­en vie­ler­orts.
In den Pro­tes­ten sehen viele An­ar­chist*innen ein ers­tes Auf­be­geh­ren gegen den 
Staat ohne sich je­doch fal­sche Hoff­nun­gen zu ma­chen. Die ver­kürz­te Kri­tik, der 
Ver­such einer Len­kung der Pro­tes­te sowie der na­tio­na­lis­ti­sche Kurs, den die 
selbst­er­nann­ten Wort­füh­rer*innen ein­neh­men wird offen kri­ti­siert. Trotz der 
zahl­rei­chen Kri­tik­punk­te an „der Be­we­gung“ zie­hen sich die An­ar­chist*innen nicht 
zu­rück, son­dern ver­su­chen aktiv zu in­ter­ve­nie­ren. Denn ob eine Ver­ein­nah­mung 
der Pro­tes­te er­folgt, hängt von den Pro­tes­tie­ren­den selbst ab. Ge­ra­de die 
ra­di­ka­le Linke ist sich der an­ge­spann­ten so­zia­len Ver­hält­nis­se be­wusst und 
spä­tes­tens seit An­fang 2000 auch ver­mehrt in so­zia­le Kämp­fe in­vol­viert. So sind 
die Wahl­pro­tes­te für viele li­ber­tä­re Zu­sam­men­hän­ge au­ßer­halb der (Be­we­gungs- 
​)Me­tro­po­len Mos­kau und St. Pe­ters­burg eine Mög­lich­keit von den bis­he­ri­gen 
par­ti­ku­la­ri­sier­ten Kämp­fen aus nun offen auf die Stra­ße zu gehen und li­ber­tä­re 
Po­si­tio­nen in die Ge­samt­ge­sell­schaft zu ar­ti­ku­lie­ren.
Der na­tio­na­lis­ti­schen Ver­ein­nah­mung der Pro­tes­tie­ren­den set­zen 
An­ar­chist*innen ei­ge­ne an­ti­na­tio­na­le und an­ar­chis­ti­sche Blö­cke bei den 
De­mons­tra­tio­nen ent­ge­gen. Durch die Teil­nah­me an den Pro­tes­ten zei­gen sie sich 
so­li­da­risch mit den An­lie­gen der Leute. So waren es bspw. An­ar­chist*innen, die 
wäh­rend der Groß­de­mons­tra­ti­on am 24.​12.​11 in Mos­kau durch Me­ga­fo­ne den 
Pro­tes­tie­ren­den die Mög­lich­keit gaben, sich selbst frei zu ar­ti­ku­lie­ren. Ihre 
Ak­ti­on „Freie Bühne“ ent­zog dem von oben ge­lenk­ten Pro­test den Boden und gab der 
For­de­rung nach Selbst­be­stim­mung einen prak­ti­schen Cha­rak­ter. Wäh­rend der 
Ab­schluss­kund­ge­bung zogen An­ar­chist*innen, Fe­mi­nist*innen, LGBT Ak­ti­vist*innen 
und Ba­sis-​ge­werk­schaft­ler*innen ge­mein­sam vor die Haupt­büh­ne, um sich dort dem 
Pro­test­main­stream ent­ge­gen­zu­set­zen. Den Auf­tritt des Olig­ar­chen und 
Prä­di­dent­schafts­kan­di­dats Michail Pro­cho­rov blo­ckier­ten sie, bis die Se­cu­ri­ty 
auf­zog. Somit wird deut­lich, dass die ra­di­ka­le Linke trotz Be­tei­li­gung an 
Wahl­pro­tes­ten die ei­ge­nen Über­zeu­gun­gen nicht aus den Augen ver­liert. Mit 
zahl­rei­chen Ak­tio­nen tra­gen die rus­si­schen An­ar­chist*innen Ideen einer 
be­frei­ten Ge­sell­schaft in die neue ge­sell­schaft­li­che Be­we­gung hin­ein. Und dies 
trifft auf viele In­ter­es­sier­te – und zu­gleich auch auf Fein­de. Wäh­rend der 
Ab­schluss­kund­ge­bung rief der, spä­tes­tens seit den Pro­tes­ten im Wald von Chim­ki, 
sehr be­kann­te An­ar­chist Alek­sej Gas­ka­row auf, keine fal­schen Al­li­an­zen 
ein­zu­ge­hen und di­rek­te De­mo­kra­tie auf­zu­bau­en. Eine Zu­sam­men­ar­beit mit 
Re­pres­si­ons­or­ga­nen wie Po­li­zei und Armee oder mit Na­tio­na­list*innen , wie sie 
von zahl­rei­chen Red­ner*innen pro­pa­giert wird, dürfe es nicht geben, denn diese seien 
die Fein­de jedes de­mo­kra­ti­schen Pro­zes­ses. Wäh­rend sei­ner Rede ver­such­ten 
rech­te De­mo­teil­neh­mer*innen Gas­ka­row an­zu­grei­fen. Am li­ber­tä­ren Block war 
je­doch End­sta­ti­on. Dafür gab es nach dem Ende der Kund­ge­bung je­doch Rache, indem 
be­kann­te Ul­tra-​Na­tio­na­list*innen ge­mein-​sam mit der Po­li­zei eine Grup­pe auf 
die Metro war­ten­der An­ar­chist*innen an­griff.
Doch auch das po­li­ti­sche En­ga­ge­ment au­ßer­halb der of­fi­zi­el­len Pro­tes­te 
trifft auf viel Zu­stim­mung.
Im Ge­gen­satz zu den Lip­pen­be­kennt­nis­ses von So­li­da­ri­tät mit Ge­fan­ge­nen, sind 
es li­ber­tä­re Zu­sam­men­hän­ge, die So­li­da­ri­tät prak­tisch ma­chen. Mit einer guten 
Be­richt­er­stat­tung über die Si­tua­ti­on po­li­ti­scher Ge­fan­ge­ner wie Fi­lipp 
Kos­ten­ko und öf­fent­li­chen So­li­ak­tio­nen wird der brei­te Kon­text staat­li­cher 
Re­pres­si­on auf­ge­zeigt. Po­li­ti­scher Pro­test wird so in un­ter­schied­li­chen 
For­men immer wie­der in Ta­ges­ge­sche­hen ein­ge­bracht. Das in einer Zeit, in der viele 
Men­schen al­lein schon aus per­sön­li­cher Be­trof­fen­heit, viel emp­fäng­li­cher für 
po­li­ti­sche Kri­tik sind.
Viele der De­mons­trant*innen sind das erste Mal bei einer nicht staat­lich ge­dul­de­ten 
po­li­ti­schen Ak­ti­on und kom­men das erste Mal mit Re­pres­si­on in Kon­takt. Das linke 
Prin­zip der di­rek­ten So­li­da­ri­tät zeigt ihnen, dass kol­lek­ti­ve 
Hand­lungs­fä­hig­keit ent­ste­hen kann, wenn man nicht auf das der Po­li­zei gute 
Zu­re­den von ir­gend­wel­chen Par­tei­chefs war­tet, son­dern sel­ber aktiv wird.
Damit die Pro­tes­te wei­ter­ge­hen, hat „Au­to­no­me Ak­ti­on“ die Kam­pa­gne „Un­se­re 
Wahl – Selbst­be­stim­mung“ ge­star­tet. Bei den wei­te­ren Pro­tes­ten wird wei­ter­hin 
kon­se­quent auf an­ar­chis­tisch-​an­ti­fa­schis­ti­schen Blö­cke und The­men­set­zung 
ge­baut. Unter dem Slo­gan „Wir sind die 146 %“ wer­den Wahl­be­trug wie auch die 
in­ter­na­tio­na­le Oc­cu­py Be­we­gung scherz­haft zi­tiert und zu einer po­li­ti­schen 
Be­we­gung auf­ge­ru­fen, die Staat und Na­ti­on in Frage stellt.
Die an­ge­spann­te so­zia­le Lage und der Wahl­be­trug haben zu ers­ten Ris­sen im 
au­to­ri­tä­ren rus­si­schen Staats­sys­tem ge­führt. Ob aus die­sen Ris­sen eine 
Be­dro­hung für den Staat wird, ist un­ge­wiss. Die krea­ti­ve und ak­ti­vis­ti­sche 
an­ar­chis­ti­sche Szene in Russ­land ist aber ge­willt ei­ni­ges dafür zu tun.
Ein Text der An­ar­cho-​Syn­di­ka­lis­ti­schen Ju­gend Göt­tin­gen / Süd­nie­der­sach­sen
Be­dacht auf eine stär­ke­re Ver­net­zung so­zia­ler Kämp­fe ist die Un­ter­stüt­zung von 
Ak­ti­vist*innen in Ost­eu­ro­pa / Ex-​UdSSR ein wich­ti­ges Thema für uns. Dem­nächst 
er­scheint der erste Band un­se­rer Pu­bli­ka­ti­ons­rei­he „Eman­zi­pa­to­ri­sche 
Po­li­tik in Ost­eu­ro­pa“ mit Schwer­punkt auf li­ber­tä­rer Po­li­tik in Russ­land und 
der Ukrai­ne.
Fuß­no­ten
1Die Par­tei „Ver­ei­nig­tes Russ­land“ hatte bis­her die ab­so­lu­te Mehr­heit im 
rus­si­schen Par­la­ment „Duma“. Auch der se­pa­rat ge­wähl­te Prä­si­dent der 
Rus­si­schen Fö­de­ra­ti­on Di­mit­ri Med­wed­jew ist Mit­glied der Par­tei. 
Par­tei­vor­sit­ze­ner ist Ex-​Staats­prä­si­dent und bis­he­ri­ger Mi­nis­ter­prä­si­dent 
Wla­di­mir Putin, der je­doch in kei­ner ei­ni­zi­gen rus­si­schen Par­tei Mit­glied ist.
2Der „Rus­si­sche Marsch“ ist eine Ak­ti­on der rus­sisch-​na­tio­na­len und ul­tra-​ 
rech­ten Grup­pie­run­gen Russ­land. Die Mos­kau­er De­mons­tra­ti­on „Rus­si­scher 
Marsch“ wurde üb­ri­gens von einem „Russ­land den Rus­sen“ Trans­pa­rent an­ge­führt. Für 
wei­te­re In­for­ma­tio­nen zum Rus­si­schen Marsch, lest bitte un­se­ren Ar­ti­kel in der 
„Gai Dao“ Fe­bru­ar Aus­ga­be
3Die­sen Slo­gan präg­te Na­valny auf sei­nem Blog

http://asjgoe.blogsport.de/selbstverstaendnis/

Selbstverständnis

An­ar­cho-​Syn­di­ka­lis­ti­sche Ju­gend Göt­tin­gen / Süd­nie­der­sach­sen

So wie wir und die Ver­hält­nis­se in denen wir leben – in stän­di­ger Ver­än­de­rung
Selbst­ver­wal­tung in allen Le­bens­be­rei­chen
Wir sind eine lo­ka­lis­ti­sche und an­ar­cho-​syn­di­ka­lis­ti­sche Grup­pe und Teil 
eines Netz­wer­kes aus an­ar­cho-​syn­di­ka­lis­ti­schen und/oder daran ori­en­tier­ten 
li­ber­tä­ren Ju­gend­grup­pen.
An­ar­chis­ti­schen und syn­di­ka­lis­ti­schen Ideen ver­bun­den, stre­ben wir eine 
herr­schafts­freie und selbst­ver­wal­te­te Ge­sell­schaft an.
Als Ju­gend­netz­werk liegt unser Schwer­punkt bei der Or­ga­ni­sie­rung von 
Schü­ler*innen, Stu­dent*innen, Prak­ti­kant*innen und Ju­gend­li­chen in­ner­halb oder 
au­ßer­halb von Lohnar­beits­ver­hält­nis­sen.
Warum Ju­gend­li­che?
Wir nen­nen uns nicht wegen un­se­rer Grup­pen­struk­tur an­ar­cho-​syn­di­ka­lis­ti­sche 
Ju­gend son­dern wegen un­se­res po­li­ti­schen An­sat­zes. Dass es über­haupt eine 
Tren­nung zwi­schen „Er­wach­se­nen“ und „Ju­gend­li­chen / Kin­dern“ gibt, bringt 
be­reits jene Herr­schafts­ver­hält­nis­se zum Aus­druck, die wir ab­leh­nen. Nicht 
er­wach­sen zu sein be­deu­tet, als un­er­fah­ren, un­mün­dig und un­reif an­ge­se­hen zu 
wer­den und damit kein voll­wer­ti­ges Mit­glied der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft 
zu sein. Um Teil die­ser Ge­sell­schaft zu wer­den, muss Mensch zum einen seine 
Ar­beits­kraft ver­edeln, das heißt also das (Aus)Bil­dungs­sys­tem zu über­ste­hen und 
einen staat­li­chen Ab­schluss zu er­wer­ben. Zum an­de­ren aber muss sich mensch der 
ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung un­ter­ord­nen, was da heißt eine 
ge­sell­schaft­li­che Hier­ar­chie als na­tur­ge­ge­ben an­zu­er­ken­nen und des­halb um 
den höchs­ten Rang in der Leis­tungs­ge­sell­schaft zu kon­kur­rie­ren. Die­ses 
Wer­te­kon­strukt wird einem be­son­ders in­ten­siv als jun­ger Mensch durch el­ter­li­che 
Er­zie­hung, Schu­le und Me­di­en ein­ge­trich­tert.
Zum rich­ti­gen Ver­hal­ten als Un­ter­tan*in wer­den wir von allen Sei­ten her be­lehrt: 
Herr­schaft soll so als gut, rich­tig und nor­mal an­er­kannt wer­den, die Un­ter­wer­fung 
unter die Zwän­ge des Sys­tem soll als Be­dürf­nis ge­se­hen wer­den. Somit gibt es nicht 
mehr ein­fach nur Un­ter­drü­cker*innen und ihre Sklav*innen, wir sind alle Räd­chen im 
Sys­tem und re­pro­du­zie­ren es stän­dig.
Die Si­tua­ti­on, in die Ju­gend­li­che ge­zwun­gen wer­den, zeigt wie Men­schen in den 
Knast der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft ge­sperrt wer­den und wie die­ses 
Ge­fäng­nis ver­in­ner­licht wird. Eben des­halb sind wir eine an­ar­cho-​ 
syn­di­ka­lis­ti­sche Ju­gend­grup­pe, weil genau hier, als Ju­gend­li­che, gegen das 
Ent­ste­hen von Herr­schaft ge­kämpft wer­den muss. Und weil wir alle als Ju­gend­li­che 
ver­ste­hen, die nicht ge­hor­chen wol­len und die nicht er­wach­sen wer­den wol­len, weil 
sie nie­man­den über sich und nie­man­den unter sich ak­zep­tie­ren.

Worin un­ter­schei­den wir uns von zen­tra­lis­ti­schen Ju­gend­or­ga­ni­sa­tio­nen?
Ori­en­tiert an un­se­ren in­di­vi­du­el­len Be­din­gun­gen und Be­dürf­nis­sen stel­len 
wir uns auf kon­kre­te Si­tua­tio­nen ein – un­se­re Or­ga­ni­sa­ti­on sind wir selbst. 
So­li­da­ri­tät und Selbst­be­stim­mung sind für uns keine lee­ren Worte, son­dern 
Idea­le, die wir of­fen­siv ver­tre­ten und mit In­halt fül­len. Des­halb un­ter­stüt­zen 
wir uns ge­gen­sei­tig, egal ob in der Schu­le, bei der Lohnar­beit oder auf dem Amt.
Wir leh­nen jede Form von Herr­schaft und damit von Dis­kri­mi­nie­rung ab.
Des­halb zählt für uns: Keine Füh­rung, keine Funk­tio­nä­re, keine Bü­ro­kra­tie, keine 
Hier­ar­chi­en, keine auf­ge­bun­de­nen In­hal­te. Bei uns kann und soll­te sich jedes 
Mit­glied aktiv ein­brin­gen, Ent­schei­dun­gen wer­den von den Grup­pen­mit­glie­dern 
ge­mein­sam ge­trof­fen. Die au­to­no­me und fö­de­ra­le Struk­tur und Ver­net­zung 
rich­tet sich gegen Macht­kon­zen­tra­ti­on und Be­vor­mun­dung.
Wir set­zen auf die Mo­bi­li­sie­rung aller Ge­noss*innen und auf Di­rek­te Ak­tio­nen.
Wir pro­pa­gie­ren dabei den syn­di­ka­lis­ti­schen Klas­sen­kampf, wel­chen wir 
ge­mein­sam und so­li­da­risch mit an­de­ren an­ti­na­tio­na­len, an­ti­au­to­ri­tä­ren 
und eman­zi­pa­to­ri­schen Grup­pen sowie Or­ga­ni­sa­tio­nen füh­ren wol­len. Wir 
er­stre­ben eine wirk­lich freie Ge­sell­schaft, die dabei der al­ter­na­ti­ven 
selbst­be­stimm­ten Le­bens­ge­stal­tung im Hier und Jetzt und der Über­win­dung der 
herr­schen­den Ord­nung als grund­le­gen­de Idee un­se­rer Pra­xis ent­springt. Was wir 
nicht be­kom­men, dafür wol­len wir kämp­fen. Un­se­re Mit­tel wäh­len wir selbst!
Wir ver­su­chen dabei per­ma­nent unser ei­ge­nes Ver­hal­ten und un­se­re Ge­dan­ken­welt 
zu re­flek­tie­ren. Da ras­sis­ti­sche und pa­tri­ar­cha­le Struk­tu­ren durch 
ge­sell­schaft­li­che Prä­gung in uns allen vor­han­den sind, müs­sen wir uns täg­lich von 
die­sen eman­zi­pie­ren.
Wir sind nicht Volk, wir sind Klas­se!
Klas­sen­kampf auf der Basis einer so­zia­len Re­vo­lu­ti­on ist in­ter-​ und letzt­lich 
an­ti­na­tio­nal. Wir Ju­gend­li­chen brau­chen für unser Leben keine Kon­struk­te von 
Na­ti­on und Va­ter­land, die uns kol­lek­tiv ent­mün­di­gen und uns ge­fü­gig für 
Herr­schaft und Ka­pi­ta­lis­mus hal­ten sol­len. Dies ba­siert auf der er­zwun­ge­nen 
Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Na­ti­on, zu deren Wohl wir nun­mehr nur als kon­su­mie­ren­des 
Staub­korn in der Masse un­ter­ge­hen, um pri­vi­le­gier­ten Men­schen Pro­fit durch 
Un­ter­ord­nung und Lohns­kla­ve­rei zu si­chern. Auf­grund von markt­ori­en­tier­ten 
Stand­ort­in­ter­es­sen sor­gen die künst­li­chen Ge­bil­de von Na­tio­nal­staa­ten für 
eine Spal­tung der Ar­bei­ter*in­nen­klas­se.

Die Gren­ze ver­läuft nicht zwi­schen den Staa­ten, son­dern zwi­schen oben und unten, 
des­we­gen er­füllt nur ein an­ti­na­tio­na­ler Klas­sen­kampf sei­nen Zweck. Letzt­lich 
eint uns das, was die Na­ti­on uns nicht geben kann: ein selbst­or­ga­ni­sier­tes Leben in 
Frei­heit und ge­gen­sei­ti­ge Hilfe auf glei­cher Au­gen­hö­he.
Auf die Bar­ri­ka­den!
Als an­ar­cho-​syn­di­ka­lis­ti­sche Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on füh­len wir uns der FAU / 
IAA, sowie an­de­ren an­ti­na­tio­na­len und an­ti­au­to­ri­tä­ren Grup­pen und 
Or­ga­ni­sa­tio­nen nahe und wol­len re­gel­mä­ßi­gen Aus­tausch mit die­sen pfle­gen. 
Un­se­re ge­mein­sa­me Auf­ga­be ist es, eine an­de­re ge­sell­schaft­li­che 
Per­spek­ti­ve zu schaf­fen. Dies wol­len wir nicht al­lein, son­dern es gilt, ge­mein­sam 
un­se­re Kräf­te für die Über­win­dung die­ser Ge­sell­schafts­ver­hält­nis­se zu bün­deln.
ASJ Göt­tin­gen / Süd­nie­der­sach­sen im Sep­tem­ber 2010


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