(de) Griechenland - Schmutziges Brot by ESE-Thessaloníki (gr)

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Fri Jun 15 16:11:30 CEST 2012


Die kapitalistische Krise hat in Griechenland unter anderem dazu geführt, dass viele 
Firmen den ArbeiterInnen den Lohn für Überstunden, Wochenendarbeit, Nachtarbeit oder 
gleich die kompletten Bezüge mit Verweis auf die „Krise“ monatelang vorenthalten oder gar 
nicht zahlen, während die Regierung auf Druck der Troika versucht, das Lohnniveau um bis 
40 Prozent abzusenken. Abfindungen bei Entlassungen werden gar nicht mehr freiwillig 
bezahlt, obwohl diese per Gesetz vorgeschrieben sind. Dagegen regt sich Widerstand in 
vielen Betrieben. Die anarchosyndikalistische ESE – Thessaloníki veröffentlichte Ende Mai 
eine Auswertung zum Arbeitskampf in der Konditorei-Kette «ble» in Thessaloníki, den wir 
nachfolgend als Beispiel dokumentieren. ---- Schmutziges Brot ---- Konditorei-Kette «ble» 
ist inzwischen einer der bekanntesten Betriebe Thessaloníkis. Bis vor ca.

2 Monaten war sie berühmt für die außergewöhnlich gute Qualität ihres Brotes, aber auch 
für ihre extrem teuren, luxuriösen und leckeren Kuchen, Torten und Süßigkeiten. Seitdem 
ist Th. Raftópoulos, der Besitzer von «ble» auch bekannt für die elenden 
Arbeitsbedingungen, unter denen die ArbeiterInnen in seinen insgesamt vier Filialen 
(aufgeteilt in zwei Aktiengesellschaften) beschäftigt sind.

Am 27. Februar 2012 berichtet ein Arbeiter auf dem ESE-Plenum über die Arbeitsbedingungen 
in den Filialen von «ble» und die Auseinandersetzungen die er aus diesem Grund mit dem 
Chef hat. Er spricht über unbezahlte Überstunden und Sonntagsarbeit, nicht existierende 
Pausen, Schichtdienst bis zum Umfallen und natürlich über unregelmäßig oder nicht bezahlte 
Löhne seit Mai 2011, also genau ab dem Zeitpunkt, an dem die Chefs - Vater und Sohn 
Raftópoulos - ihre neue Riesenfiliale in der Agía-Sofía-Fußgängerzone eröffneten. Seitdem 
(über)leben die Beschäftigten unter einem Regime kollektiver Geiselhaft und der 
monatlichen Auszahlung von „Peanuts“ zwischen 50,- und 350,- Euro, sowie dem von 
FreundInnen und Verwandten geliehenen Geld.

Am 28. Februar wird dieser Arbeiter nach der erneuten Einforderung seines Lohns fristlos 
entlassen.

Am 1. März findet ein Treffen des Entlassenen, seinem Anwalt und vier Arbeitern von «ble» 
statt, um diese über ihre Arbeitsrechte aufzuklären. Gleichzeitig wird die 
Basisgewerkschaft der Bedienungen und Köche informiert.

Am 2. März beschließen die Arbeiter gerichtlich gegen ihren Boss vorzugehen, und bis zur 
Auszahlung der ausstehenden Löhne ihre Arbeit niederzulegen. Aufgrund von Terminproblemen 
schafft es der Gerichtsvollzieher nicht, das entsprechende gerichtliche Schreiben am 
gleichen Tag zu überreichen und kündigt die Übergabe für Montag, den 5. März an. Die drei 
Beschäftigten werden daraufhin am Samstag, den 3. März fristlos gefeuert. Eine Arbeiterin 
steht als Mutter unter dem besonderen Schutz des Arbeitsrechts und verbleibt am 
Arbeitsplatz. Sie entscheidet sich am 13. März Klage einzureichen. Am 14. März übergibt 
der Gerichtsvollzieher das gerichtliche Schreiben. Schon am 15. März wird die erste Rate 
ihres ausstehenden Lohns überwiesen, die zweite Rate für den 4. April und die letzte für 
4. Mai zugesagt und ihr zusätzlich zwei Wochen Urlaub genehmigt.

Am 23. März führen die 4 Entlassenen mit Unterstützung der ESE und der Basisgewerkschaft 
der Bedienungen und Köche eine erste Kundgebung mit Flugblättern an die Kundschaft vor der 
Niederlassung von «ble» in der Egnatía-Straße durch. Am 24. März eine Protestkundgebung 
vor der Filiale in der Agia-Sofía-Fußgängerzone.

Am 25.März (einem Sonntag) ruft der Chef Raftópoulos die Beschäftigten aller vier Filialen 
zu einer Zusammenkunft und verlangt von ihnen eine Erklärung zu unterschreiben, in der sie 
die finanziell schwierige Lage des Unternehmens anerkennen, sich mit der Auszahlung von 
50% des Lohnes einverstanden erklären und damit, den Rest am Ende des Jahres zu erhalten. 
Gleichzeitig unterschreiben sie einen Text, der als Erklärung der „wahren“ Angestellten 
von «ble»“ veröffentlicht werden soll, in welchem sie erklären, normal bezahlt zu werden 
und dass die Protestierenden von „äußeren Kräften“ oder einem „Konkurrenten“ gesteuert seien.

Am 26. März gründet sich ein Solidaritätskomitee für die 4 Entlassenen. Zwei Tage später 
schließen sich 4 weitere ArbeiterInnen dem Kampf zur Auszahlung der Löhne an. Bei der 
nächsten Protestkundgebung am 30. März vor der Filiale in der Fußgängerzone wird diese von 
„Türstehern“ bewacht und abgeschirmt, die Filiale in der Egnatía-Straße von Innen 
abgeschlossen. Am 31. März sind es schon doppelt so viele „Türsteher“, die versuchen die 
Protestierenden einzuschüchtern. Eine Protestdemonstration zieht am Abend vorbei.

Im freien Radio 1431am berichten die Entlassenen über den Arbeitskampf. In ganz 
Thessaloníki werden Plakate und Wandzeitungen geklebt. Die ESE-Thessaloníkis 
veröffentlicht eine Solidaritätserklärung. Während die Kundgebungen vor allen Filialen 
fortgesetzt werden, gibt sich Raftópoulos unnachgiebig. Er verbietet der Buchhalterin den 
Beschäftigten Einsicht in ihre Arbeitsverträge zu gewähren, verschiebt den ersten Termin 
mit den Inspektoren der Arbeitsaufsicht und verweigert am 4. April die Auszahlung der 
zugesagten zweiten Rate des Lohnes der angestellten Mutter, die sich daraufhin wieder am 
Arbeitskampf beteiligt.

Am selben Tag gibt er eine Presserklärung heraus und gesteht „einige Lohnrückstände“ ein, 
macht dafür allerdings die ökonomische Krise verantwortlich. Am 9. April, nach zwei 
weiteren Protestkundgebungen und inzwischen deutlich weniger Kundschaft in den Läden 
beantragt Raftópoulos` Rechtsanwalt, den vier Entlassenen und einem ihrer Ehemänner 
gerichtlich zu untersagen, sich den Filialen auf mehr als 300 Meter zu nähern. Bei 
Zuwiderhandlung – auch der unterstützenden Organisationen - droht er mit 5000,- Euro 
Bußgeld oder sechsmonatiger Haft. Der Antrag wird am folgenden Tag vom Gericht abgelehnt. 
Am 20. April klagt Raftópoulos gegen die 4 Entlassenen und den Ehemann wegen Beleidigung 
und übler Nachrede (auf Grund der Plakataktion). Da ein Schnellverfahren beantragt ist 
muss innerhalb von 48 Stunden entschieden werden. Nur dem schnellen Eingreifen der 
Anwältin ist es zu verdanken, dass ein Festgenommener (einer der 4 Entlassenen) sofort 
wieder freigelassen wird.

Viele BürgerInnen Thessaloníkis erklären während der folgenden Flugblattaktionen, dass sie 
über den Arbeitskampf informiert sind, ihn unterstützen und nicht mehr bei "ble" einkaufen 
würden. Die „Türsteher“ von Raftópoulos versuchen verzweifelt mit Spraydosen die Parolen 
an den Wänden der Stadt zu übermalen und Plakate unleserlich zu machen. Am 1. Mai bleiben 
alle vier Filialen aus Angst vor Streikaktionen geschlossen. Ein neues Plakat kündigt in 
der ersten Maiwoche organisierte Streikunterstützung und fortgesetzte Kundgebungen in der 
Stadt an. Raftópoulos scheint erstmals verhandlungsbereit und erklärt über seine Anwälte 
die Bereitschaft alle Anklagen zurückzuziehen und einen Vergleich aushandeln zu wollen. 
Gleichzeitig verteilt er allerdings in seinen Filialen ein vierseitiges Pamphlet, in 
welchem er erneut die „Krise“ beschwört, „dunkle Propagandisten“ für den Arbeitskampf 
verantwortlich macht und sich fragt, warum die Entlassenen einen „Bewegungskampf“ begonnen 
hätten, der seinen Ruf in der Stadt schädige, obwohl sie doch unter dem Schutz der Justiz 
stünden.

Am 11. Mai wird ein mündlicher Kompromiss zwischen den Anwälten beider Seiten geschlossen: 
Alle Klagen werden zurückgezogen, die Entlassenen (4 plus die Mutter) bekommen insgesamt 
35.000 Euro ausgezahlt. Im am 15. Mai unterschriebenen Abkommen sind die nicht gezahlten 
Löhne, die Überstunden, die Sonntagsarbeit und die Abfindungen aufgeführt. Raftópoulos 
hatte sich bis dahin geweigert solche Ansprüche überhaupt anzuerkennen. Dies kann von 
großer Bedeutung für vielleicht folgende Arbeitskämpfe bei «ble» sein. Die Hälfte der 
35.000 Euro wurden den Entlassenen in bar ausgezahlt, der Rest wird bis Ende des Jahres in 
zwei Raten gezahlt werden.

Fazit: Die teilweise Zahlungsunfähigkeit Raftópoulos`, aber noch mehr die Tatsache, dass 
die übrigen Angestellten weiterhin unter den gleichen elenden Bedingungen bei «ble» 
arbeiten, erlauben es uns nicht von einem vollen Erfolg des Arbeitskampfes zu sprechen. 
Wir sehen das Ergebnis als eine Treppenstufe im Kampf gegen diesen speziellen Ausbeuter. 
Klar ist jedenfalls, dass der (Teil)erfolg ein Erfolg der Bewegung gegen einen 
Großunternehmer der Stadt insofern ist, dass es gelang starken Druck aufzubauen und zu 
halten, in einen Dialog mit der übrigen Gesellschaft zu treten und so den Umsatz des 
Unternehmers von Tag zu Tag zu verringern. Gleichfalls sehen wir den selbstbestimmten 
Charakter dieses Arbeitskampfes ohne zwischengeschaltete Vermittler und die Tatsache dass 
die entlassenen ArbeiterInnen in unsere horizontalen Bewegungsabläufe eingebunden werden 
konnten, und gleichzeitig immer selbst über ihr Vorgehen entschieden, als Erfolg.

Der Kampf geht weiter!
Related Link: http://www.fau.org/artikel/art_120602-100009


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