(de) Demonstrationen ohne Führung und eine selbstverwaltete Besetzung

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Tue Mar 1 12:37:54 CET 2011


Die Innovationen des ägyptischen Volksaufstands Seit dem Abgang Mubaraks
konzentrieren sich die arabischen und internationalen Medien auf die Rolle
der virtuellen sozialen Netzwerke und der modernen Kommunikationsmittel im
ägyptischen Volksaufstand und vergessen dabei absichtlich die anderen
revolutionären Innovationen der Ägypter im Kampf gegen den Diktator, ein
Kampf, der auf der Basis der Spontaneität und Freiwilligkeit geführt wurde.
Die wichtigsten Innovationen sind, nach Meinung des Autors, die
Demonstrationen, die ohne hierarchische Führung verliefen, sowie die
selbstverwaltete Dauerkundgebung am Tahrir-Platz.  ] Demonstrationen ohne
Führung und eine selbstverwaltete Besetzung

 

 

Seit dem Abgang Mubaraks konzentrieren sich die arabischen und
internationalen Medien auf die Rolle der virtuellen sozialen Netzwerke und
der modernen Kommunikationsmittel im ägyptischen Volksaufstand und vergessen
dabei absichtlich die anderen revolutionären Innovationen der Ägypter im
Kampf gegen den Diktator, ein Kampf, der auf der Basis der Spontaneität und
Freiwilligkeit geführt wurde. Die wichtigsten Innovationen sind, nach
Meinung des Autors, die Demonstrationen, die ohne hierarchische Führung
verliefen, sowie die selbstverwaltete Dauerkundgebung am Tahrir-Platz.

Taktik des „Black Block“

 

Die Taktik des Black Block tauchte zum ersten Mal im Deutschland der
Achtziger in der Antinuklearbewegung auf. Sie beruht auf der Ansammlung von
Demonstranten in großen Blöcken, wo sie sich durch schwarze Bekleidung und
Masken von den übrigen Demonstrationsteilnehmern differenzierten. Die
Teilnahme am Black Block ist freiwillig und der Modus Operandi schließt die
Existenz einer zentralen Führung aus.

 

Im Gegensatz zu den früheren Demonstrationen in Ägypten, die von Parteien
und politischen Organisationen organisiert wurden, hatten die
Demonstrationen des Volksaufstands einen spontanen Charakter, was
Mobilisierung und Bewegung betraf. Niemand fragte nach der Person und der
politischen Identität des Nachbarn. Die erste Millionenmobilisierung am 28.
Jänner war die Entscheidungsschlacht dieses Aufstands. Sie fand an einem
Freitag statt, als eine große Anzahl von Menschen nach dem Freitagsgebet auf
den Straßen war. Die Menschenmenge bewegte sich spontan in Richtung
Hauptplätze. Die Dynamik ähnelt dem Black Block hinsichtlich der
Spontaneität und des Fehlens einer zentralen Führung. Die Demonstrationen
konnten ohne Führung bestehen, bis der Tahrir-Platz unter Kontrolle der
Demonstranten gebracht und von den Truppen Mubaraks befreit wurde.

Temporäre autonome Zonen

 

In seiner Studie über temporäre autonome Zonen (TAZ) definiert der
US-amerikanische Anarchist Hakim Bey diese Zonen als Orte, die temporär von
jeder Form hierarchischer Autorität isoliert werden. Als Beispiel gibt er
die sicheren Unterschlüpfe der Piraten

(eng.: pirate utopias). Das Hauptmerkmal dieser Zonen ist das Entfallen der
Autorität und die unhierarchische Kontrolle der Zone durch die Besatzung.
Dies galt fünfzehn Tage lang bei der Besetzung des Tahrir-Platzes vor dem
Abgang Mubaraks und kurz danach. Andere verglichen den Platz mit der Pariser
Kommune, wobei bestimmte Autoren gegen diesen Vergleich waren, weil die
Besetzung von Tahrir keinen expliziten Klassencharakter hatte.

 

Als Teilnehmer an der Besatzung kann ich bestätigen, dass die
Selbstverwaltung des Platzes unhierarchisch verlaufen ist. Es gab keine Form
der Autorität. Auch die „Ordnungskomitees“ und „Schutzkomitees“ waren nur
Namen von spontaner und momentaner Zusammensetzung, die sich nach
Megaphonaufrufen bildeten und sich zur Abwehr zu einem der Platzeingänge
begaben. Diese „Komitees“ bestanden aus jedem, der an der Besetzung, egal
wie lange, teilnahm. Als Alarm geschlagen wurde, trugen alle Stöcke und
Steine und gingen zu den Eingängen, um den Platz vor den Angriffen der
Schläger zu beschützen. Dies war eine spontane Innovation des ägyptischen
Aufstands. Das Entfallen einer zentralen Führung machte es dem Regime
schwer, den Aufstand unter Kontrolle zu bringen. Das erklärt die wiederholte
Forderung seitens der Vertreter des Regimes nach der Bildung einer Führung,
mit der sie verhandeln könnten.

Was nach dem Abgang Mubaraks?

 

Sobald Mubarak abgegangen war, kamen Aufrufe zu Putzkampagnen und
Verschönerung der Stadt. 

Es wurde aufgerufen, neue Bäume zu pflanzen, die Verkehrsregeln zu
respektieren und auf den Straßen keine Mädchen zu belästigen. Dies war der
Diskurs der städtischen Bourgeoisie, die sich ebenfalls in Opposition zu
Mubarak befand, weil sein korruptes Regime auch ihre Entwicklung gehemmt
hatte. Die städtische Bourgeoisie rebellierte nicht gegen das
kapitalistische Regime, sondern gegen die Reste der mafiösen
Militärbürokratie, deren Verwaltung Ägyptens die Entwicklung einer freien
Marktwirtschaft im Lande verhindert hatte.

 

Gleichzeitig brachen in mehreren Orten und Städten Arbeiteraufstände, die
pure gewerkschaftliche Forderungen hatten, aus. Einige Initiativen
kombinierten das Wirtschaftliche mit dem Politischen, wie jene der
Postangestellten, deren Aufruf vom „Komitee der Postangestellten zum Schutz
der Revolution“ unterzeichnet wurde.

 

Die Gefahr liegt in den Aufrufen der bürgerlichen Kräfte zur Einheit.
Gemeint ist eine Einheit unter dem Banner der Bourgeoisie. Diese ist durch
eine mögliche Radikalisierung des Aufstandes und seiner Umwandlung von
bloßen konstitutionellen Forderungen in eine soziale Revolution gegen die
kapitalistische Ausbeutung und die Lohnarbeit verängstigt. 

Daher wird jeder Arbeiterstreik als eine sektiererische Aktion dargestellt,
welche die Kräfte spaltet und zur falschen Zeit stattfindet. Einige stellen
Arbeiterproteste sogar als eine Gegenbewegung, die vom alten Regime
gesteuert werde, dar. Diese Stimmen klingen synchron mit den Warnungen des
regierenden Militärrates vor allen Formen von Protesten und Demonstrationen.

 

Eine Radikalisierung der ägyptischen Intifada hängt von der Beteiligung und
der Selbstorganisierung der Arbeiterkräfte gegen die Macht des Kapitals, des
Staates und des Militärs ab. Das ist der einzige Garant für die Entwicklung
des Aufstandes und seine Umwandlung in eine soziale Revolution.

 

Heute steht die ägyptische Intifada vor drei Hauptszenarien:

 

a. Der Aufstand beschränkt seine Forderungen auf die Verbesserung der
Bedingungen des politischen Konfliktes und einige konstitutionelle Reformen,
welche die Hauptelemente des sozialen und politischen Systems nicht in Frage
stellen. Dies würde eine neue, weniger hässliche Auflage des Mubarak-Regimes
bedeuten.

 

b. Die Entwicklung der Sozialproteste der Arbeiter von wirtschaftlichen
Protesten in eine Bewegung, die das Wirtschaftliche mit dem Politischen
verbindet. Diese Entwicklung der Arbeiter „von einer Klasse an sich in eine
Klasse für sich“ würde den Aufstand in eine echte soziale Revolution
verwandeln.

 

c. Das dritte und schlimmste Szenario ist die Entwicklung einer neuen
faschistoiden Macht, welche die Rufe zu „Einheit“ für die Beseitigung jeder
Pluralität ausnützt. Diese Gefahr kommt nicht nur von religiöser Seite,
sondern auch von Populisten, welche die sozialen und antiimperialistischen
Volksforderungen teilweise erfüllen und dafür jede demokratische Entwicklung
unterbinden.

 

Diese und andere Szenarien stehen der ägyptischen Intifada bevor, die ein
Aufstand des Zornes ist, der das Stadium der Revolution noch nicht erreicht
hat.

 

Related Link:  <http://www.antiimperialista.org/de/node/6849>
http://www.antiimperialista.org/de/node/6849

 
-------------- next part --------------
An HTML attachment was scrubbed...
URL: <http://lists.ainfos.ca/pipermail/a-infos-de/attachments/20110301/2e2ed7fb/attachment.html>


More information about the A-infos-de mailing list