(de) Swiss, Libertäre Aktion Winterthur LAW Broschüre zu den Aufständen in Nordafrika und dem Nahen Osten I P1 - P6

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sun Jul 17 15:49:45 CEST 2011


★ Inhalt ---- ★ Vorwort.2 ---- ★ Chronologie der Aufstände.4 ---- ★ Zu den Protesten in 
Nordafrika...8 ---- ★ Tunesien: Die Revolution ist noch nicht zu Ende..11 ---- ★ Die 
arabische Welt brennt: Gespräch mit einem syrischen Anarchisten.13 ---- ★ Die Revolution 
in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen?..17 ---- ★ Interview mit einem ägyptischen 
Anarcho-Kommunisten.31 ---- ★ Erste Gedanken zu Ägypten...36 ---- ★ Die arabische 
Revolution: Vom Aufstand zur Macht des Volkes .42 ---- ★ Vorwort ---- Hat der 
Strassenhändler Mohamed Bouazizi geahnt, dass er nicht nur sich selbst, sondern eine ganze 
Region entflammen wird, als er sich aus Protest gegen die Beschlagnahmung seiner Waren 
vergangenen Dezember im zentraltunesischen Sidi Bouzid selbst angezündet hatte? Er machte 
damit aber nicht nur den Auftakt zu den Revolten, die inzwischen fast jedes Land in 
Nordafrika und dem Nahen Osten erfasst haben, sondern hatte mit seinem Protest auch schon 
ihre wesentlichen Punkte vorweggenommen: Sie sind sowohl ein Aufbegehren gegen die 
ökonomische und soziale Ungleichheit als auch gegen die politische (und mitunter ethnische 
und religiöse) Unterdrückung eines grossen Teils der Bürgerinnen und Bürger. Dieser 
schillernde Charakter liess es zu, dass sich der Wille zum Aufstand so einfach von Land zu 
Land, aber auch in vielen Schichten der jeweiligen Bevölkerung ausbreiten konnte.

Daher erstaunt es aber auch wenig, dass sich alsbald Risse und Widersprüche unter den 
Demonstrierenden auftaten, besonders in Tunesien und Ägypten, wo sie in Bezug auf ihre 
politischen Forderungen erfolgreich waren. Dies genügte zwar der beteiligten Bourgeoisie 
und der Mehrheit der linken und religiösen Parteien, die sich sofort daran machten, ihre 
neu gewonnene Macht zu konsolidieren. Doch war dies kaum ausreichend für die armen Massen, 
die sich um die Möglichkeit ihrer sozialen und ökonomischen Besserstellung geprellt sahen. 
Dieses Muster ist leider nur allzu bekannt, und bildete bisher mit Ausnahme von wenigen 
kurzlebigen und lokal begrenzten Revolutionen die Regel: Siehe die Französische Revolution 
von 1789, siehe die Russische Revolution von 1917.

Weshalb also machen wir uns die Mühe, eigens eine Broschüre zu diesem Thema zu 
veröffentlichen? Dafür sprechen verschiedene Gründe: Erstens scheint es uns als 
Anarchistinnen und Anarchisten wichtig, überall dort genauer hinzugucken, wo sich Menschen 
gegen ihre ökonomische oder soziale Situation aufbegehren, sei dies nun in meist kleinerem 
Rahmen in der Schweiz oder eben in grösserem Massstab in Nordafrika und im Nahen Osten. 
Dies hat aber nichts mit medialem Voyeurismus zu tun, sondern ist für uns ein Aspekt 
gelebter Solidarität und mit der Hoffnung verbunden, dass wir aus solchen Kämpfen immer 
irgendetwas lernen können (und sei es auch nur zu erfahren, wo Gefahren lauern können). In 
diesem Zusammenhang halten wir es zweitens mit dem Prinzip der „revolutionären Gymnastik“: 
Diese bezeichnet nicht etwa eine neue Form dieser Art Körperertüchtigung, sondern ist an 
die Überlegung angelehnt, dass jeder kollektive Versuch des Protestes und des Aufstandes 
sowohl eine wichtige Erfahrung für die revolutionäre Bewegung als auch ein deutliches 
Zeichen gegen die herrschende Klasse ist - und uns damit einen Schritt weiter im Prozess 
der radikalen gesellschaftlichen Umgestaltung bringt. Die wichtigste Erkenntnis in den 
hier besprochenen Revolten scheint uns schliesslich die unglaubliche Geschwindigkeit zu 
sein, wie Menschen fähig sind, sich unabhängig von Staat und Bossen basisdemokratisch zu 
organisieren. Die Volkskomitees in Tunesien und die Räte der Demonstrierenden in Ägypten 
sind ein genuiner Ausdruck libertärer Praxis, und verdienen – trotz Mängel, zweifelsohne – 
unser spezielles Augenmerk und Unterstützung.

Dank weltweit ausgerichteten libertären Medienplattformen wie Anarkismo 
(www.anarkismo.net) war es möglich, in dieser Broschüre Texte aus verschiedenen 
Kontinenten zu veröffentlichen. Wir finden es spannend, wie sich je nach Land die 
Sichtweise auf die besprochenen Ereignisse verschiebt und andere Erkenntnisse aus ihnen 
gezogen werden. Die Auswahl fiel uns angesichts der Fülle interessanter Analysen nicht 
leicht. Da diese Broschüre nicht nur in den kommenden Monaten eine spannende Lektüre 
bieten soll, war es uns ein Anliegen, insbesondere Texte aufzunehmen, die nicht nur die 
jeweils aktuellen Geschehnisse zusammenfassen, sondern darüber hinaus auch eine 
Interpretation derselben versuchen. Interpretationen, die sich unserer Meinung nach in 
ihrer Gültigkeit auch auf andere Weltgegenden übertragen lassen und so tendenziell auch 
uns in Westeuropa ein Leitfaden sein können. Denn ob in Sidi Bouzid oder in Winterthur – 
die Revolution muss noch immer erst gemacht werden! Wir bleiben dran.

Libertäre Aktion Winterthur, April 2011

http://www.arachnia.ch/etomite/Joomla/media/pdf/Die-Aufstaende-in-Nordafrika.pdf

Libertäre Aktion Winterthur (Hg.) Die Aufstände in Nordafrika und dem
Nahen Osten – Eine Textsammlung. Winterthur, April 2011
http://www.libertaere-aktion.ch | law at arachnia.ch
LAW c/o Verein für libertäre Kultur, Postfach 286, CH-8406 Winterthur
1 Diese arabische Demonstrationsparole bedeutet „Das Volk will, dass das System fällt!“
★

★ Chronologie der Aufstände

17. Dezember 2010
Im zentraltunesischen Sidi Bouzid entzündet sich der 26-jährige Mohamed
Bouazizi, dessen Verkaufswagen kurz zuvor durch die lokale Polizei beschlagnahmt
wurde, selbst. Auf Grund dieses Ereignisses kommt es zu wiederholten Protesten in
der Stadt.
27. Dezember
Die Proteste erreichen die Hauptstadt Tunis, wo von unabhängigen Gewerkschaften
zu einer Solidaritätsdemonstration aufgerufen wird, die sich aber auch gegen die
hohe Arbeitslosigkeit und die hohen Lebenskosten richtet. Dasselbe geschieht im
Laufe der nächsten Tage auch in anderen Städten des Landes.
29. Dezember
Erste Demonstrationen in Algerien. Obwohl es in den folgenden Wochen immer
wieder zu Protesten gegen die Regierung kommt, übersteigt die Zahl der
Teilnehmenden nie mehr als ein paar Tausend.
Anfang Januar 2011
Die Proteste in Tunesien werden zunehmend militanter.
gesellschaftlichen Elite (wie Anwälte) schliessen sich an.
Angehörige
der
14. Januar
Staatspräsident Zine Ben Ali flieht unter dem Druck der Strasse aus Tunesien. Doch
die Proteste reissen nicht ab. Sie richten sich nun gegen die Übergangsregierung
und den RCD, die Partei Ben Alis. Der RCD wird Anfang März auf richterlichen
Beschluss aufgelöst.
In der jordanischen Hauptstadt Amman und weiteren Städten rufen
Gewerkschaften und linke Parteien zu Demonstrationen gegen die Regierung auf. Als
Reaktion macht diese eine zuvor beschlossene Erhöhung des Ölpreises rückgängig.
Doch auch in den folgenden Wochen kommt es immer wieder zu Protesten.
Mitte Januar
Jemen wird der nächste
Änderung der Verfassung,
wirtschaftlichen Lage und
Präsident Ali Abdullah Saleh
Schauplatz von Protesten. Während anfänglich die
Abbau der Arbeitslosigkeit, eine Verbesserung der
ein Ende der Korruption gefordert wird, steht bald
im Zentrum der Kritik.
★ 4 ★

17. Januar
In Oman fordern mehrere Hundert Personen Lohnerhöhungen und Senkung
Lebenskosten. Ebenso wie in späteren Demonstrationen wird aber
Rücktrittsforderungen gegenüber dem Sultan verzichtet.
der
auf
25. Januar
Erste Demonstrationen in Ägypten das bereits in den Jahren
zunehmenden sozialen und ökonomischen Spannungen geprägt war.
zuvor
von
26. Januar
Auch Syrien wird von den Protesten erfasst, wo die Demonstrierenden politische
Reformen, die Wiederherstellung der Bürgerrechte und die
Aufhebung der
Notstandsgesetze von 1963 fordern.
28. Januar
Hunderttausende Menschen nehmen trotz nahezu vollständiger Abschaltung des
Internets und des Mobilfunknetzes zwei Tage zuvor an den Demonstrationen gegen
die ägyptische Regierung teil; der Tahrir-Platz in Kairo wird besetzt. In der Folge
kommt es zu täglichen Protesten.
3. Februar
In Dschibuti verlangen Hunderte Demonstrierende vom Präsidenten Ismael Omar
Guelleh, nicht für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Nach massiver Repression
verebben die Proteste Anfang März.
11. Februar
Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak tritt zurück. Das Militär übernimmt die
Macht und löst das Parlament auf.
12. Februar
Obwohl der irakische Premierminister Nouri al-Maliki unter dem Eindruck der
Aufstände angekündigt hat 2014 nicht mehr für das Amt zu kandidieren, kommt es
zu Protesten mit Hunderten TeilnehmerInnen. Sie bleiben aber an diesem Tag, wie
auch in den folgenden Wochen auf einzelne Städte beschränkt.
14. Februar
Vorwiegend SchiitInnen demonstrieren in Bahrain für mehr politische Freiheit und
Einhaltung der Menschenrechte. Nachdem die Polizei drei Tage später einen
nächtlichen Überfall auf ein Protestcamp im Zentrum der Hauptstadt Manama
verübt, werden die Demonstrationen militanter und richten sich neu direkt gegen
den sunnitischen Monarchen. Das Militär erschiesst mehrere Personen.
★ 5 ★

Auch im Iran kommt es an diesen Tagen zu Demonstrationen gegen die Regierung,
an denen alleine in Teheran bis zu Hunderttausend Menschen teilnehmen. Allerdings
kann weder an diesem Tag noch in den darauffolgenden Wochen eine Dynamik
erreicht werden, wie sie bei den Protesten 2009 zum Tragen kam.
15. Februar
Erste Proteste gegen die Regierung in Libyen. Drei Tage später ist die ostlibysche
Stadt Benghazi unter Kontrolle der Aufständischen.
20. Februar
Demonstrationen finden nun auch in der libyschen Hauptstadt Tripolis statt.
Dennoch gelingt es den regierungstreuen Truppen in den folgenden Wochen, fast
alle durch die Aufständischen besetzten Städte zurückzuerobern.
In Marokkos Hauptstadt Rabat gehen gut 40'000 Menschen auf die Strasse, um
den Rücktritt von König Mohammed zu fordern. Einige Tage später kündigte der
Monarch an, konstitutionelle Reformen in Auftrag zu geben.
8. März
Nach fast zwei Monaten Unruhen schliessen sich Teile des jemenitischen Militärs den
Demonstrierenden an. Am gleichen Tag gehen eine Million Menschen im Südjemen
auf die Strasse.
14. März
Saudi-Arabien und weitere Golfstaaten entsenden auf Wunsch des Kronprinzen
Truppen nach Bahrain. In den unmittelbar darauf folgenden Auseinandersetzungen
sterben Dutzende Demonstrierende, mehr als 2000 werden verletzt. Im Einsatz war
auch ein Schützenpanzer der Schweizer Firma MOWAG.
15. März
Die Proteste in Syrien flammen wieder auf. Das Regime reagiert mit brutaler
Repression. Alleine während einer Demonstration in der Stadt Daara am 24. März
sollen mehr als Hundert Menschen getötet worden sein.
17. März
Die UNO beschliesst v.a. auf Druck von Frankreich und Grossbritannien eine
Flugverbots-Zone über Libyen. Eine fast ausschliesslich westliche Militärallianz
beginnt zwei Tage später mit der Bombardierung von strategischen Zielen.
23. März
Das neue ägyptische Regierungskabinett führt ein Gesetz ein, dass Proteste
Streiks unter Strafe stellt.
★ 6 ★





More information about the A-infos-de mailing list