(de) Rumänien: Lehrer auf der Strasse gegen die Regierung und ein genereller Einblick ins Bildungssystem

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Tue Mar 30 20:33:21 CEST 2010


Rumänien: Lehrer auf der Strasse gegen die Regierung und ein
genereller Einblick ins Bildungssystem ---- Zu einer im Land eher
seltenen Aktion kam es am 24. März im rumänischen Buzau. Mehr als 4000
LehrerInnen demonstrierten durch dieStadt bis zum Rathaus und
forderten die Auszahlung der ausstehenden Löhne ein. Die letzte
Zahlung haben sie am 14. Februar erhalten. Mit dieser
existenzbedrohenden Situation stehen die LehrerInnen in Buzau
keineswegs alleine da. In zahlreichen Teilen des Landes haben
LehrerInnen seit Monaten keinen Lohn oder nur geringe Abschläge
erhalten. In der Regel gibt es kein gemeinsames Vorgehen gegen die
Regierungspolitik.

Die Gewerkschaften stecken mit der Regierung unter einer Decke, haben
zahlreiche groß angekündigte Streiks wieder abgeblasen und in
(Geheim)Verhandlungen alle Verschlechterungen und Umstrukturierungen
der häufig wechselnden Regierungen mitgetragen. Mit der Einführung der
„Dezentralisierung“ der Kommunal-Verwaltung fiel die Einstellung und
Entlassung der LehrerInnen den jeweiligen Bürgermeistern und
Schuldirektoren zu. Die ohne hin das Land beherrschende Korruption
wurde dadurch noch fester zementiert und es ist klar, das weder
Bürgermeister (die das öffentliche Geld verwalten und allermeistens
lieber in Statusprojekte oder die eigene Tasche stecken, als Löhne
auszuzahlen) und Direktoren aufmüpfige und für ihre Rechte eintretende
KollegInnen einstellen. Stattdessen blüht die Bestechung und die
Einstellung angepasster LehrerInnen für aus dem Bildungssystem
Gedrängte. Der rumänische Staat zementiert so sein System vor
Veränderung und erhebt die persönliche Unsicherheit für LehrerInnen
zum Prinzip.

Mit den großen Entlassungswellen, die seit über zwei Jahren durch das
Land gehen, wurden auch zehntausende LehrerInnen erwerbslos.
Zusätzlich wurde das Bildungssystem dem us-amerikanischen Modell der
„Punkte“ angepasst, die von jedem Lehrer verlangt in 4 Jahren 100
„Punkte“ für eigenständige Aktivitäten zusammenzutragen. Wer unterhalb
dieser – nur sehr schwer zu erreichenden Punktzahl liegt, verliert
seinen Arbeitsplatz. Punkte gibt es durch das Schreiben und
Veröffentlichen eigener Beiträge zu den spezifischen Bildungsthemen,
der Teilnahme an Symposien etc. Die Teilnahmen an diesen Aktivitäten
kosten wiederum Geld was eine weitere Industrie begünstigt hat.
Weiterhin führt der Kampf um die Erreichung dieser Punkte zu einer
extremen Konkurrenzsituation zwischen den LehrerInnen. Rumänien ist
ein Land das besonders im sogenannten „Altreich“ keine bzw. kaum eine
Kultur der gegenseitigen Solidarität entwickelt hat. Das „jeder gegen
Jeden“ ist hier vorherrschend, auch unter den LehrerInnen. Die
Klassengesellschaft manifestiert sich auch in der „Sammlung der
Punkte“. Wer Geld hat, kauft sie sich bei veranstaltenden Schulen oder
gleich direkt bei der Schulbehörde ein. Die „Fachbücher“ sind voll von
Plagiaten und aus der Wikipedia entnommenen Artikeln. Es kommt öfters
vor das in ein und demselben Buch, herausgegeben von Bildungsbehörden
oder Schulen, mehrmals dieselben aus der Wikipedia entnommen Artikel
enthalten sind. Unterzeichnet mit verschiedenen Namen.

Auf der Strecke bleiben dabei sowohl die an ihrer Arbeit
interessierten LehrerInnen, als auch die SchülerInnen. Zwar stehen die
letzten in allen Erklärungen der Regierung im Mittelpunkt und werden
zu Propagandazwecken missbraucht; doch wirklicher Unterricht wird nur
selten geleistet. Schulbücher gibt es für die meisten Klassen nur
gegen Bezahlung, vor kurzem hat die Regierung zusätzlich noch das
Unterstützungsgeld für Kinder aus armen Familien deutlich gekürzt und
die Schwelle für den Anspruch hinaufgesetzt. Auch die kostenlos
angebotene Schulmilch – um eine gesunde Ernährung der Kinder und
Jugendlichen zu unterstützen – hat in zahlreichen Fällen zu
Lebensmittelvergiftungen geführt, da sie häufig mit Salmonellen
verseucht oder mit Motorölrückständen vergiftet war. Zahlreiche Kinder
starben und sterben auch immer wieder daran, das Teile von
Kupferkabeln in den Milchpackungen enthalten sind und beim Trinken
verschluckt werden. Das Problem mit der Schulmilch ist seit Jahren
bekannt. Es geschieht aber nichts um dem Abhilfe zu schaffen.

Für die Kinder aus der Arbeiterklasse soll der Weg vorherbestimmt
bleiben. Staatspräsident Basescu gab die Richtung vor: „Wir brauchen
Automechaniker und Servicekräfte, keine Intellektuellen“. In den
Schulen wird nur das nötigste gelehrt, oftmals gibt es noch heute
Schläge, freies Denken ist nicht gewünscht. Während es verboten ist
über Politik in der Schule zu sprechen (was sowohl für LehrerInnen als
auch den Unterricht generell gilt) ist extremer Nationalismus
allgegenwärtig. In manchen Schulen finden sich Ausstellungen zur
rumänischen Geschichte, in denen die rechtsextreme, antisemitische
Legionärs-Bewegung der Vergangenheit und Gegenwart ihren akzeptierten
Platz findet. Übertroffen wird die Präsenz des Nationalismus nur noch
durch die Dominanz der erzreaktionären orthodoxen Kirche.

Während für die Kinder der Arbeiterklasse die systemkonforme Anpassung
gesellschaftliches Ziel ist, lassen auf der anderen Seite die Reichen
ihre Kinder in Privatschulen und durch Privatunterricht bilden.

Das sich in Buzau nun Widerstand gegen dieses System gezeigt hat ist
wichtig. Doch sollte dies nicht zu falschen Hoffnungen Anlaß geben.
Anstatt ihren kämpfenden KollegInnen in Buzau zur Seite zu springen,
erklärte die größte Bildungsgewerkschaft SIP ihre
Handlungsunfähigkeit. Der Protest sei schließlich von der
konkurrierenden Gewerkschaft FSLI mitgetragen worden. Zusätzlich hat
die Regierung, um den Protest in Buzau klein zu halten und nicht auf
andere Regionen ausweiten zu lassen, auf ein strategisches Mittel
zurückgegriffen: Am Tag des Protests vereinfachte sie die
Voraussetzungen um einen angeblichen Lohnaufschlag von 25% zu
erhalten. Um einen Antrag dafür einzureichen sind die meisten
LehrerInnen nun am Zusammenstellen aller bisherigen erreichten
„Punkte“ innerhalb der gegebenen Frist und lassen die Solidarität mit
den KollegInnen in Buzau links liegen. Diese haben ihren Lohn bis
heute nicht erhalten.

Eine grundsätzliche Kraft, welche die Missstände angeht und eine
Perspektive in sich trägt und vermitteln kann gibt es nicht.
Anarchosyndikalisten oder anarcho-syndikalistische Strukturen
existieren nicht. Rumänien 2010: Ein Land im Klassenkampf von oben und
bislang ohne Widerstand mit Perspektive dagegen.

S,tefan Gheorghiu, Bra(ila, für Syndikalismus.tk

Artikel online bei Syndikalismus.tk:
http://syndikalismus.wordpress.com/2010/03/29/rumanien-lehrer-auf-der-strasse-gegen-die-regierung-und-ein-genereller-einblick-ins-bildungssystem/


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