(de) Interview mit der (A) Zeitschrift ,,El Libertario“ - Venezuela

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Sat Aug 14 05:00:48 CEST 2010


„Die demoralisierte traditionelle Linke entdeckt in ihrer Verzweiflung
immer seltsamere Lichtgestalten“, schrieb Robert Kurz vor fünf Jahren
über die Chávez-Begeisterung, die auch in der Zwischenzeit nicht
abgeklungen ist. Um auch einmal kritische Stimmen aus dem Land zu
hören, auf das die europäische Linke – gerne mit Verweis auf
„basisdemokratische Bewegungen“ – am liebsten ihre Hoffnungen
projiziert, wurde das folgende Interview mit der anarchistischen
Zeitschrift „El Libertario“ aus Caracas, Venezuela,
geführt. Sie ist eine der wenigen Publikationen in Venezuela, die
ebenso kritisch über die Chávez-Regierung wie die reaktionäre
Opposition berichten. Die Fragen wurden per Mail geschickt, die
Redaktion antwortete als Kollektiv. Das Magazin gibt es seit 1995 und
erscheint alle zwei Monate. Die aktuelle und ältere Ausgaben, sowie
Übersetzungen von Artikeln in verschiedene Sprachen finden sich auf
http://www.nodo50.org/ellibertario.

ºº Chávez erklärt gerne, dass die Privatmedien die Menschen manipulieren,
korrupt seien und nur den kapitalistischen Klassenstandpunkt verbreiten.
Er will deshalb „alternative Medien“ voranbringen. Was haltet ihr davon?

-- Wie bei vielen seiner anderen Proklamationen, versteht es Chávez auch
hier, eine Halbwahrheit auszusprechen. Zweifellos sind die privaten Medien
im Grunde so, wie er sagt. Kein Zweifel aber auch, dass die staatlich
kontrollierten Medien in Venezuela ausschließlich den Standpunkt des
Caudillos und der ihm folgendenen „Boli-Burguesía“ (bolivarianische
Bourgeoisie) verbreiten, dass sie durch bürokratische Zurichtung korrupt
bis auf die Knochen sind und ebenfalls die Menschen manipulieren.

Bis auf sehr wenige Ausnahmen nehmen die angeblich „alternativen Medien“
kaum die Unruhen, Forderungen und Proteste auf, die in immer größerem Maße
aus verschiedenen Bereichen der ausgegrenzten Bevölkerung aufsteigen. Denn
in ihrer Nachrichtenlinie unterwerfen sich diese Medien fast alle der
staatlichen Ausrichtung. Ihr Überleben hängt von der wirtschaftlichen
Unterstützung durch die Regierung ab.

Die Situation ist inzwischen so paradox, dass viele marginalisierte
Menschen ihre Proteste über die oppositionellen Privatmedien an die
Öffentlichkeit tragen. Schließlich ist bekannt, dass sie damit niemals
Raum in den sogenannten „Volksmedien“ (medios populares) finden würden.
Dort hört man nur Propaganda des übelsten stalinistischen Stils, die die
Wohltaten und Wunder der pseudo-„sozialistischen Revolution“ und ihres
unübertrefflichen Caudillos verkündet.

Ein aktuelles und klares Beispiel für den Zustand dieser „alternativen
Medien“ ist ihr Verhalten gegenüber Fälle offener staatlicher Aggression
gegen soziale Bewegungen: Sie nehmen dazu weder Stellung, noch lassen sie
zu, dass Stellung genommen wird. So geschehen bei den Inhaftierungen und
manipulierten Gerichtsprozessen gegen den Gewerkschafter Rubén González
(vom Staatsunternehmen Ferrominera Orinoco, im Süden des Landes) oder
gegen den Indio Sabino Romero (ethnische Gruppe der Yukpa, in der Sierra
de Perijá im Westen). Diese und andere Beispiele von Zensur und
Informationsmanipulation rechtfertigen sie mit stumpfsinnigen Argumenten,
etwa indem sie sagen: „Man kann nicht über Themen reden, mit denen man
Argumente an die reaktionäre Opposition und an den imperialistischen Feind
liefert“.

ºº „Das Volk“ (pueblo): Ist das eurer Absicht nach ein vernünftiger und
emanzipatorischer Begriff? Wie in Chávez benutzt, scheint er eher ein
Begriff der Unterdrückung zu sein.

-- Wiederholt und öffentlich hat Chávez wissen lassen, dass seine
Konzeption um den Begriff des „Volkes“ vom Werk des Argentiniers Norberto
Ceresole stammt, der seinerseits klar und explizit vom italienischen
Faschismus beeinflusst war. Deshalb ist es weder verwunderlich noch
zufällig, dass wir in den Reden des „Comandante Presidente“ so viele
Gemeinsamkeiten mit dem Geschwätz des „Duce“ erkennen. Selbstverständlich,
dass sich solch irrationaler Wortschwall, übersetzt in einen grotesken und
maßlosen Persönlichkeitskult, in Parolen wie „Vaterland, Sozialismus oder
Tod!“, „Befehlen Sie, Comandante, befehlen Sie!“ oder „Hungrig, nackt und
arbeitslos, ich halte zu Chávez!“, auf keinen Fall in eine
emanzipatorische, vernünftige Praxis umwandeln kann.

In diesem Zusammenhang müssen wir auch erwähnen, wie von
marxistisch-leninistischer Seite versuchte wurde, diese Demagogie zu
rechtfertigen, durch den angeblich „einzigartigen Charakter der
bolivarianischen Revolution“. Ganz zu schweigen von den Intellektuellen
(inner- und außerhalb Venezuelas), die behaupten, diesen Prozess von einer
linken Position aus zu unterstützen, aber gegenüber der unverhüllt
autoritären Seite des Chávez-Regimes schändlich verstummen.

ºº Erfahrt ihr in der Redaktion Einschüchterungen oder Ähnliches von
Anhängern Chávez (den Chávistas) oder direkt von der Regierung?

-- Jeder, der wie wir vom „El Libertario“, in Venezuela Opposition,
Nichtkonformität oder gar Störung gegenüber den anhaltenden Irrtümern,
Lächerlichkeiten und Gewalttätigkeiten, die diese Regierung begeht,
ausdrückt, wird sofort Opfer einer ganzen Reihe von Einschüchterungen
durch diese Regierung und ihres Caudillos, der von seinen Regierten nur
unterwürfigen Gehorsam akzeptiert. Bei den Übrigen handelt es sich um
„Kontra-Revolutionäre“, denen gegenüber jede Art der autoritären
Kontrolle, Einschüchterung und/oder Unterdrückung erlaubt ist.

In diesem Sinn haben auch wir im „El Libertario“ die wachsende staatliche
Härte zu spüren bekommen. Diese richtet sich gegen jeden sozialen Protest
in Venezuela und kriminalisiert Aktionen, die den allgemeinen Frust
ausdrücken. Aktuell sind 2.400 Personen gerichtlichen Strafen unterworfen,
weil sie ihr legitimes Recht auf Protest ausgeübt haben. Auch die übrigen
Formen des Drucks und der Erpressung gegenüber Abweichler sind nicht zu
vergessen, beispielsweise die „schwarzen Listen“, um Rechte von Personen,
die als Staatsfeinde identifiziert wurden, einzuschränken.

ºº Gibt es in Venezuela weitere Medien wie den „El Libertario“, also
solche, die nicht nur den Kapitalismus, sondern auch die aktuelle
Regierung ablehnen?

-- Bedauerlicherweise sind es sehr wenige, wegen den Schwierigkeiten, die
die unabhängigen und radikalen Medien überwinden müssen, um überhaupt
starten und sich dann am Leben erhalten zu können. Im venezolanischen Fall
kommt noch eine starke Polarisierung hinzu, zwischen den staatlichen,
pseudo-revolutionären und den oppositionellen – sozialdemokratischen und
rechten – Medien. Da wir beide Gruppen als gleichermaßen negativen
Ausdruck von Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit angreifen,
haben wir zweifellos eine sehr schwierige, aber unerlässliche Aufgabe.

Diese Aufgabe beinhaltet auch, klarzustellen, dass die Chávez-Regierung in
keiner Weise antikapitalistisch ist, wie die Fragestellung zu suggerieren
scheint. Denn sie ist, unter anderem, vollkommen dem nachgekommen, wofür
sich die Globalisierung in Venezuela interessiert: Aus dem Land einen
sicheren, untertänigen und zuverlässigen Lieferer von Energieressourcen zu
machen. Die Kontrolle über diese Ressourcen wird durch sogenannte
gemischte Unternehmen (empresas mixtas) an das internationale Großkapital
abgegeben. Man kann eine Regierung außerdem nicht antikapitalistisch
nennen, die ihre Auseinandersetzungen mit der hiesigen Bourgeoisie geführt
hat, um eine andere Gruppe, die Boli-Bourgeoisie, zu begünstigen, deren
Präsenz und Macht heute unübersehbar ist.

ºº Was haltet ihr von der Ideologie von Linken wie Noam Chomsky, Richard
Gott oder Tareq Ali, die Chávez und seinen „Prozess“ verehren zu scheinen?

-- Die umfassendste und treffendste Antwort auf diese Frage gab der
Artikel „Chomsky, Hofnarr von Chávez“ von unserem Genossen Octavio
Alberola, veröffentlicht in der Nummer 57 von „El Libertario“ (aus dem
Jahr 2009). Der Artikel wurde in verschiedene Sprachen, nicht aber ins
Deutsche übersetzt. Daraus zitieren wir:

„Im Gegensatz zur Meinung vieler Menschen, ist die Fähigkeit, Lügen zu
glauben und blind eine Fiktion zu akzeptieren, so fantastisch und grotesk
diese auch sei, keine Eigenschaft von Dummköpfen und Ignoranten. Der
berühmte Essayist Noam Chomsky hat uns eben erst gezeigt, dass auch
kultivierte, intelligente und scharfsinnige Intellektuelle leichtgläubig
werden und politische Führungen akzeptieren können, die ganz
offensichtlich demagogisch, trügerisch und autoritär sind.

Natürlich ist es nichts neues, einen Intellektuellen hohen Ranges in einen
solchen Widerspruch geraten zu sehen. Schon in der Sowjetunion und dem
maostischen China hatten wir das irrationale Phänomen der „reisenden
Genossen“. Diese Intellektuellen, die – viele von ihnen im guten Glauben –
an die Errichtung des „Sozialismus“ und der Erschaffung des „neuen
Menschen“ in diesen Ländern glaubten, bis die Tatsachen sie zwangen, den
wirklichen Charakter dieser Regime zur Kenntnis zu nehmen. Doch auch wenn
diese Irregeleiteten in vielen Fällen nicht von der Suche nach irgendeiner
Art von Belohnung motiviert und aufrichtig scheinen, ist es natürlich,
nach dem Warum und dem Wie solchen Verhaltens zu fragen. Die einfachste
Erklärung wäre, dass es einer ideologischen Verblendung geschuldet sei,
welche kein Mensch – auch nicht der rationalste – andauernd verhindern
kann. Doch im Fall Chomsky ist es unmöglich zu vergessen, dass er es war,
der solche Verblendungen in der Vergangenheit bekämpft hatte.“

ºº Abgesehen von eurer Zeitung: Gibt es in Caracas oder Venezuela
Bewegungen, die gleichermaßen die staatliche wie ökonomische Unterdrückung
beenden wollen?

-- Es gibt sowohl im Land wie in der Hauptstadt verschiedene Gruppen und
Aktivisten, die sowohl den Kapitalismus wie den staatlichen Autoritarismus
bekämpfen. Beispielsweise jene, die sich im Netzwerk „Aufständische“
(Insurgentes) oder der Kampagne für die Verteidigung des Rechts auf den
Sozialen Protest (Campaña por la Defensa al Derecho a la Protesta Social)
zusammengeschlossen haben (El Libertario nimmt an beiden Initiativen
teil). In dem Maße, wie die autonomen Kämpfe in Venezuela sich verstärken,
wie es in den letzten beiden Jahren der Fall war, eröffnet sich die
Möglichkeit, dass diese strategische Ausrichtung der Kurs wird, den die
sozialen Bewegungen nehmen werden, die bisher durch die Staats- oder
Kapitalmacht kontrolliert wurden.

ºº Spielen die venzeolanischen Studenten eine Rolle – und wenn ja, welche?

-- Der studentische Aktivismus schien vor zwei oder drei Jahren Zeichen
der Wiederbelebung und des Kampfgeistes zu senden. Aber bedauerlicherweise
wurde dieser Aktivismus Opfer einer Unterwerfung unter jene Fraktionen,
die um die Macht kämpfen – sei es der regierende Chávismo oder seine
sozialdemokratischen oder rechten Gegner. Diese widerstreitenden
politischen Gruppen haben alles getan, um das zu liquidieren, was das
Erwachen der autonomen Aktion der studentischen Bewegung zu sein schien,
so dass sich dort nun die gleichen Politiker- und Wahlkampfspiele
abspielen, wie sie die nationale Bühne beherrschen.

ºº Welche anderen gesellschaftlichen Gruppen könnten eine wichtige Rolle
bei den Protesten spielen?

-- Wie schon aufgezeigt, hat in den letzten beiden Jahren eine bedeutsame
Wiederaufnahme des sozialen Protests in Venezuela stattgefunden.
Hervorzuheben ist dies nicht bloß, weil die Zahl der Demonstrationen
beträchtlich gestiegen ist, sondern auch, weil die Demonstrationen eine
Tendenz ausdrücken, mit der Kontrolle zu brechen, die die
Regierungsparteien und die Opposition über die sozialen Bewegungen
ausgeübt haben.

Wir beginnen zu beobachten, wie sich in verschiedenen Gruppen der
unterdrückten und ausgebeuteten Bevölkerung (Arbeiter, Indios, Frauen,
Bewohner der armen Barrios, Rentner, obdachlose Familien, Bezieher
öffentlicher Dienstleistungen, etc.) zunehmend Ausdrucksformen des Kampfes
äußern. Darauf haben die Mächtigen geantwortet, indem sie versucht haben,
diese Gruppen durch demagogische Wahlversprechen zu täuschen. Oder
kriminalisierten die Konflikte und gingen repressiv vor. Für letzteres
wird in Venezuela auf eine groteske Sprache aus dem Kalten Krieg
zurückgegriffen: Jeder Protest des Volkes wird als „imperialistische
Manipulation“ bezeichnet, als „Komplott der CIA“ oder ihm wird vorgeworfen
„der rechten Reaktion in die Hände zu spielen“.

Trotz solcher Erpressungen erwarten wir, dass der autonome soziale Protest
weiter wachsen wird, denn weder diese autoritäre, korrupte, inkompetente
und opportunistische Regierung, noch ihre sozialdemokratischen und rechten
Gegner, die von ähnlichem Schlag sind, haben eine wirkliche Antwort auf
die tiefe Krise, die die venezolanische Gesellschaft heute erleidet.

ºº Wollt ihr sonst noch etwas loswerden?

-- Nur ein Danke an den „Letzten Hype“ http://letzterhieb.blogsport.de,
der uns mit diesem Interview Leute erreichen lässt, die – sei es wegen der
Sprache, der Entfernung oder der Unwissenheit über die venezolanische
Situation – sehr wahrscheinlich keinen Zugang zu den Standpunkten haben,
die unsere Publikation vertritt. Wir wollen mit den tendenziösen
Interpretationen der großen Privatmedien der eaktionären Rechten ebenso
brechen wie mit der Propaganda der tradionellen, autoritären Linken mit
ihrer bedingungslosen Rechtfertigung von allem, was Chávez tut.

Außerdem möchten wir einladen, die folgenden deutschen Texte zu lesen, die
unter der Sektion „other lenguages“ auf unserer Homepage
www.nodo50.org/ellibertario verfügbar sind:

- Venezuela: Eine Revolution mit einem Kadaver im Mund
- Wir brauchen keinen weiteren Krieg
- Den Tauben predigen: Chavismus und Anarchismus in Venezuela
- Der Sender RCTV und die angebliche Demokratisierung der Kommunikation
- Hugo Chavez aus der Sicht venezolanischer AnarchistInnen
- Depolarisierung und Autonomie : Herausforderungen Venezuelas zu den
Sozialbewegungen nach D-3
- Wer genau hinsieht, sieht keine Revolution: Anarchistische Perspektive
der „Bolivarianischen Revolution“ in Venezuela
- Libertäre Erklärung von Caracas // 29. Januar 2006
- Venezuela: Eine folgerichtige Antwort auf wiederholte Fragen

Interview und Übersetzung: Sebastian Loschert


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