(de) Babylon Mitte: Erneuter Offener Brief der FAU Berlin an ver.di

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sat Nov 7 20:15:02 CET 2009


Liebe ver.di, sehr geehrter Andreas Köhn, wir möchten hiermit nochmals 
ausdrücklich Ihr Vorgehen im Berliner Kino Babylon Mitte zum Thema 
machen. Es stehen unseres Erachtens immer noch offene Fragen im Raum, 
die solange diese nicht geklärt sind, Ihr Einschreiten äußerst 
fragwürdig erscheinen lassen. Neben diesen Unklarheiten haben sich zudem 
in Ihrem Vorgehen Verhaltensweisen gezeigt, bei denen keinerlei Zweifel 
bestehen und die wir hiermit ausdrücklich verurteilen wollen. ---- Wir 
hatten länger gewartet, all diese Dinge auf den Tisch zu bringen, da wir 
im Interesse der Belegschaft zu einer gemeinsamen Lösung kommen wollten. 
Ihre tatenlose Diplomatie der Lippenbekenntnisse, Ihr 
Verhandlungsalleingang, Ihre schalen Verhandlungsinhalte und die 
ständige Ausklammerung des Belegschaftswillens haben dazu geführt, dass
wir auf Distanz zu Ihnen gehen mussten. Da sie zuletzt auch zunehmend
auf Anfragen von Außen und öffentlich Unwahrheiten zu verbreiten
versuchten, sehen wir uns gezwungen, hier und jetzt Klartext zu
sprechen. Sie und andere mögen das als schroff empfinden; wir aber
denken, dieser Ton ist angemessen: an dem, was geschah und geschieht ist
nichts akzeptabel. Jede/r Beteiligte wird das nachvollziehen können.


*Eine unsolidarische Intervention*

Wie wir schon einmal dargelegt haben, kam Ihre Intervention im Babylon
für viele aus heiterem Himmel. Als Teile der Belegschaft Ende letzten
Jahres sich mit ihren Problemen an ver.di gewendet hatten, wurde ihnen
die kalte Schulter gezeigt. Auch ist nicht bekannt, dass ver.di im
weiteren Verlauf in irgendeiner Weise im Betrieb aktiv war oder andere
Anstalten zur Verbesserung der Lage gemacht hat. Dann, inmitten eines
offenen Arbeitskampfes für einen Haustarifvertrag, der von einer anderen
Gewerkschaft (FAU) organisiert wurde, die über eine respektable
Mitgliederbasis im Betrieb verfügt und kontinuierlich im Betrieb aktiv
ist, schalteten Sie sich ein.

Was dann geschah, war aber nicht etwa, dass Sie Kontakt zu den
kämpfenden KollegInnen aufnahmen und sich an ihre Seite stellten. Nein,
sie traten zunächst einmal mit der Geschäftsführung in Verbindung und
boten ihr Tarifverhandlungen an. Dies geschah wohlgemerkt zu einem
Zeitpunkt, als der öffentliche und gewerkschaftliche Druck auf die
Geschäftsführung immens war und sie sich nur schwer länger vor
Verhandlungen hätte drücken können. Das Resultat Ihrer Initiative war
ein enormer Schaden für den laufenden Arbeitskampf, der faktisch
unterlaufen wurde: die Geschäftsführung berief sich von nun an
unverhohlen auf Verhandlungen mit Ihnen, um den Arbeitskampf zu
delegitimieren; die kämpfenden KollegInnen fühlten sich übergangen; ihre
Position war geschwächt worden; es kam zu Irritationen in der
Belegschaft; die Geschäftleitung jubilierte. Kurzum: einen größeren
Gefallen hätte Sie der Geschäftsführung nicht tun können.

Wir fragen sie deshalb offen:
- Wie kann es sein, dass ein Gewerkschaftsfunktionär sich in einem
Arbeitskampf erstmal an den Arbeitgeber wendet statt an die kämpfenden
KollegInnen?
- Wie kann es sein, dass er als Betriebs-, ja sogar Branchenfremder ohne
Ahnung von den dortigen Problemen Verhandlungen anbietet?
- Wie kann es sein, dass er dies als Minderheitengewerkschaft einfach an
der stärksten Gewerkschaftsvertretung vorbei zu vollziehen versucht?
- Entspricht dies den Grundsätzen der Solidarität, die auch in der
Satzung von ver.di bemüht werden?
- Wie denken Sie darüber, dass ein Arbeitsgeber Ihre Pressemitteilung
freudig selbst verteilt und den kämpfenden KollegInnen unter die Nase hält?
- Wie denken Sie darüber, dass ein Arbeitgeber ihren Eingriff großspurig
als Argument heranzieht, um einen laufenden Arbeitskampf zu delegitimieren?
- Sind Sie sich überhaupt im Klaren darüber, welchen Schaden Sie
angerichtet haben?


*Fragwürdige Beweggründe*

Sie behaupten, Sie seien im Babylon tarifpolitisch aktiv geworden, weil
sie von einem Mitglied im Betrieb darum gebeten wurden. Wir nehmen Ihnen
das nicht wirklich ab (siehe unten). Aber selbst, wenn wir das
voraussetzen, stellen sich unangenehme Fragen:

- Warum wurden Sie diesmal aktiv, aber zuvor auf mehrfache Anfrage nicht?
- Und erneut: Warum wenden Sie sich erstmal an die Geschäftsleitung,
statt an die kämpfenden KollegInnen?
- Warum informieren Sie sich nicht erstmal bei den Beschäftigten über
die Probleme im Betrieb?
- Warum bieten sie eigene Tarifverhandlungen während eines
Arbeitskampfes an, für jeden Gewerkschafter wohlwissentlich, dass das
einen laufenden Arbeitskampf unterläuft?
- Ist das die gängige Praxis bei ver.di, Tarifverhandlungen
selbstermächtigt, also ohne Mandat der Betroffenen aufzunehmen?

Aber, wie gesagt, wir haben erhebliche Zweifel an Ihrer Version. Ihre
Intervention scheint suspekt und wirkt ob der Umstände äußerst
untypisch. Nicht etwa der zuständige Fachbereichsleiter wurde aktiv, was
doch der übliche Weg sein sollte, wenn ein Mitglied sich meldet, nein,
der Landesvize höchstpersönlich nahm die Sache in die Hand und erklärte
sie zur "Chefsache". Für einen kleinen Betrieb wie das Babylon ist das
doch recht ungewöhnlich. Doch nicht nur das: Ihre Intervention erfolgte
zu einem Zeitpunkt, da auch die Linkspartei aufgrund ihrer Verantwortung
für das Babylon zunehmend unter Druck geriet. Insbesondere deren
Landesvize Wolfgang Albers gab gegenüber der Presse an, er würde
Gespräche führen, um eine Lösung in diesem Streit zu finden. Die FAU
oder die Beschäftigten waren es nicht, mit denen er sprach -- das können
wir Ihnen versichern.

Stattdessen tauchen Sie kurze Zeit später auf der Bildfläche auf,
unerwartet, aus dem Nichts, in einer Art und Weise, die für alle
Beteiligten irritierend wirkte. So ließen Sie es sich z.B. nicht nehmen,
in Ihrer ersten Pressemitteilung lauthals und untypisch zu erklären,
dass ver.di die einzige tariffähige Gewerkschaft in der Branche sei, ein
Zitat, das sogleich die Geschäftsführung und auch die Linkspartei zu
verbreiten begannen. Schon seltsam.

Als Anlass ihres Eingreifens gaben sie die bereits geschilderte Version
an und dementierten einen politischen Hintergrund. Auch die Linkspartei
wollte dazu nichts sagen. In der gleichen Zeitphase sickerte dann die
Information durch, dem Babylon sollen mehr Subventionen zuteil werden,
damit höhere Löhne gezahlt werden können. Ein glücklicher Zufall?

Während der Proteste bei der "Linken Kinonacht" im Babylon am 25.
September sah sich dann aber die Linkspartei gezwungen, zuzugeben, dass
die Verhandlungen ver.dis mit der Geschäftsführung durch ihre
Vermittlung zustande gekommen seien. Sie verteilte diese Information in
Form massenhafter Flugblätter. Klaus Lederer, ihr Landesvorsitzender,
wiederholte dies am Abend vor gefülltem Saal und abermals in einem
persönlichen Gespräch mit Babylon-Beschäftigten. Diese staunten nicht
schlecht, hatten Sie doch noch kurz zuvor in der Betriebsversammlung,
auf der Sie zum ersten Mal in Erscheinung trafen, dies geleugnet, als
Sie darauf angesprochen wurden. Bis jetzt bleiben sie bei Ihrer Version.
Doch:

- Warum behauptet die Linkspartei, Sie hätte diese Verhandlungen
eingefädelt?
- Wenn die Linkspartei Unwahrheiten behauptet, warum distanzieren Sie
sich nicht davon?
- Soll das alles nur eine "zufällige" Verkettung sein?
- Gehört es zu Ihrer Standardverfahrensweise, Pressemitteilungen zu
veröffentlichen, die ihre (alleinige) Tariffähigkeit behandeln?


*Mangel an Solidarität, betrieblicher Demokratie und Transparenz*

Als weiterhin anstößig empfinden wir ihren Umgang mit der FAU, der
größten Vertretung von Beschäftigten im Betrieb, und den kämpfenden
KollegInnen. Dass sie den Letzteren mit ihrer Intervention im
Arbeitskampf in den Rücken gefallen sind, haben wir bereits erläutert.
Dass sie Verhandlungen mit der Geschäftsführung führen, ohne jemals nur
die Beschäftigten einbezogen zu haben, zeigt uns ein
Gewerkschaftsverständnis, über das wir nur den Kopf schütteln können.
Wir sind der Meinung, dass jede Tarifinitiative eine Zusammenkunft und
die Partizipation der Betroffenen selbst voraussetzen sollte. Wir sind
uns nicht sicher, ob ihre Gewerkschaft nicht sogar Regularien besitzt,
die so etwas gewährleisten sollen (z.B. Bildung einer ehrenamtlichen
Tarifkommission) und diese mit Ihrem autokratischen Vorgehen übergangen
werden. Sollte es diese nicht geben, lässt dass die ver.di-Struktur
insgesamt fragwürdig erscheinen.

Auch ihre Absichten, wie der Tarifvertrag unter Dach und Fach gebracht
werden soll, finden wir höchst anstößig: er soll schlichtweg von
niemandem abgestimmt werden können! Wir halten das nicht nur für eine
Beleidigung; es ist die Entmündigung einer Belegschaft, die sich aktiv
und selbstbewusst gegen die Bevormundung im Betrieb gewehrt hat. Ihre
Gewerkschaftspraxis deckt sich hier mit der Betriebsführung der
Arbeitgeber, gegen die man sich zu wehren versuchte. Welch Ironie.

Ihre Initiative starteten Sie zudem, ohne die größte
Beschäftigtenvertretung einzubeziehen. Das allein offenbart ein
seltsames Verständnis von betrieblicher Demokratie. Erst durch Drängen
der Beschäftigten, inklusive ver.di-Mitgliedern, und der FAU waren sie
bereit, prinzipiell eine Zusammenarbeit in Aussicht zu stellen.
Konkreter wurde auch das erst, als die Betriebsversammlung forderte,
beide Gewerkschaften sollten gemeinsam tarifpolitisch aktiv werden. Es
kam zu Treffen und Gesprächen, bei denen Sie allen Ernstes "anboten",
die Geschäftsführung bei Ihrem nächsten Treffen aufzufordern, die FAU
als Tarifpartei in die Verhandlungen einzubeziehen oder dass sie
zumindest diesen mit unterzeichnet.

Wenn Sie es wirklich ernst mit einer Zusammenarbeit gemeint hätten, dann
wäre nur eine Vorgehensweise in Betracht gekommen: Sie hätten zusammen
mit der FAU einen gemeinsamen Ausschuss gebildet und als
Tarifgemeinschaft Forderungen entwickelt, um der Geschäftsführung
gemeinsam gegenüber zu treten. Das wäre repräsentativ für die
Belegschaft gewesen und hätte den Prinzipien betrieblicher Demokratie
entsprochen. Dass sie als Minderheitengewerkschaft im Betrieb überhaupt
einen Alleingang in Betracht ziehen, spricht Bände. Auf welche Basis im
Betrieb Sie sich eigentlich dabei stützen, ist bis heute ein Rätsel. Die
angebliche ver.di-Basis ist in ihrer angegebenen Größe bisher nur ein
Phantom.

Auch behaupteten Sie zunächst gegenüber uns, dass es keine
Verhandlungen, sondern nur informelle Gespräche gäbe. Gleichzeitig
behauptete der Geschäftsführer, dass er sich schon länger in
Verhandlungen befände und baldigst zu einer Einigung mit ihnen kommen
würde. Dass sie direkt nach dem gegen die FAU gerichteten Urteil (siehe
unten) nun eifrig loslegten und auf einmal die Dinge in Gang kamen,
während ein Monat lang nichts passierte (zumindest offiziell), nährt bei
uns den Verdacht, dass es Ihnen nur um Hinhalten ging, bis man sich der
FAU entledigt hatte. Dass Sie prompt einen Tag nach diesem Urteil ihre
Mitglieder endlich zu einem Treffen einladen (übrigens: nur eines
erschien) und die Presseerklärung des Gerichts gleich mit verbreiten,
scheint dies zu bestätigen.

Wir wissen, dass diese Vorwürfe hart sind; sie scheinen uns aber nur
allzu logisch. Aber vielleicht können sie unsere Zweifel ja wegblasen:

- Entspricht Ihre Vorgehensweise tatsächlich dem üblichen Prozedere von
ver.di?
- Welche Gründe gibt es, dass man die Beschäftigten selbst nicht über
ihre eigenen Angelegenheiten entscheiden lässt?
- Wieso ließen Sie ihrer vermeintlichen Kooperationsbereitschaft keine
Taten folgen und bildeten eine Tarifgemeinschaft statt die Entscheidung
dieser Frage dem Arbeitgeber zu überlassen?
- Woher kommen die Behauptungen der Geschäftsführung und anderen Quellen
im Betrieb, sie hätten länger (Geheim-)Verhandlungen geführt?


*Vorschub für ein skandalöses Urteil*

Fatal hat sich Ihre Intervention auch in Sachen gewerkschaftlicher
Freiheit ausgewirkt. Nicht nur haben Sie sich zu einem Instrument machen
lassen, das genutzt wurde, um den selbstorganisierten Arbeitskampf von
Babylon-Beschäftigten zu torpedieren. Sie haben auch einem Urteil
Vorschub geleistet, dass das Recht auf freie gewerkschaftliche
Betätigung nicht nur im Babylon attackiert. Hatten Sie schon in ihren
Veröffentlichungen behauptet, ver.di allein sei tariffähig, und damit
die Position der Geschäftsführer gedeckt, wurde die Tatsache ihrer
Verhandlungen mit dem Babylon dann auch noch wesentlich zur Begründung
der Klage gegen die FAU herangeführt. Mit Sicherheit: Ohne die
ver.di-Einmischung in dieser Form hätte die FAU als Tarifpartei nicht
ignoriert werden können.

Dieses Urteil verballhornt die Grundgedanken der Repräsentativität.
Ver.di mag vielleicht auf Branchenebene tariffähig bzw.
durchsetzungsfähig sein (wobei ihr dortiger Organisierungsgrad von 5%
auch das in Frage stellt), im Babylon ist sie es bestimmt nicht. Ver.di
mit ihrer Phantombasis an Mitgliedern wäre niemals in der Lage gewesen,
einen Arbeitskampf im Babylon aufzuziehen und die Geschäftsführung zu
Verhandlungen zu bringen. Dass diese nun verhandelt und zu einem
Tarifvertrag bereit ist, ist das Resultat des Arbeitskampfes. Daran ist
überhaupt nichts "überraschend", wie Sie scheinheilig einst in einer
Pressemitteilung erklärten. Die Geschäftsführung sah ihren Ausweg darin,
etwas mit Ihnen abzuschließen, um noch einigermaßen glimpflich und
günstig aus der Sache herauszukommen. Machen wir uns nichts vor: Sie
unterzeichnen hier einen Gefälligkeitstarifvertrag, der billiger ist und
noch nicht mal den dringendsten Problemen im Babylon Abhilfe schafft,
die Sie als betriebsfremde Person offensichtlich nicht kennen.

Viele Probleme im Babylon sind nicht einfach mit einem Tarifvertrag
gelöst. Der volle Schaden ihrer Intervention wird sich deshalb erst noch
zeigen. Sie müssten eigentlich wissen, dass die Geschäftsführung bisher
äußerst repressiv gegen engagierte KollegInnen vorging und mehrfach
Angriffe auf den Betriebsrat gestartet hat. Sie wird dies auch in
Zukunft tun; die Repressalien gegen die im Arbeitskampf aktiven Kollegen
haben bereits begonnen. Deswegen wäre es notwendig gewesen, die
kämpferischen Strukturen im Betrieb zu stärken und zur Anerkennung
kommen zu lassen. Sie aber haben die Geschäftsführung gestärkt. Und wir
werden sehen, was ver.di zum Schutz der Beschäftigten unternehmen wird.
Wir vermuten: nichts. Die FAU Betriebsgruppe wird es dann sein, die der
Willkür im Betrieb die Stirn bietet und mit Ihrem Scherbenhaufen klar
kommen muss.

Wir sind der Meinung, Beschäftigte haben das Recht, selbst zu bestimmen,
wie sie sich gewerkschaftlich organisieren und wie sie ihren
Arbeitsgebern gegenüber treten. Und dieses Recht muss erkämpft und
verteidigt werden. Gerade in Anbetracht des Urteils, das faktisch den
Babylon-Beschäftigten untersagt, sich selbst gewerkschaftlich zu
organisieren und selbstbestimmt für Kollektivverträge zu kämpfen, würden
aufrichtige GewerkschafterInnen wissen lassen, wo sie zu stehen haben:
nämlich an der Seite der Beschäftigten. Sie aber verfolgen
offensichtlich andere Interessen. Wir werden sehen, ob es sich wirklich
für Sie gelohnt hat. Denn sollte sich die Rechtsprechung aus dem
Verfahren gegen die FAU etablieren, wird dies zweifelsohne auch auf
andere Gewerkschaften zurückfallen. Was hier geschehen ist, ist eine
Novum. Die Tariffähigkeit wurde nicht zum Schutz der Interessen der
Beschäftigten vor arbeitgeberfreundlichen Scheingewerkschaften bemüht,
sondern von der Gegenseite als Waffe eingesetzt, um einer kämpferischen
Belegschaft die wirksamsten Arbeitskampfinstrumente aus der Hand zu
schlagen. Wenn dieses Beispiel Schule macht, wird das früher oder später
auch auf die Arbeitskämpfe von ver.di zurückfallen.


*Anmaßend und dreist*

Dem allen nicht genug, erlauben Sie sich zunehmend weitere
Dreistigkeiten. Auf Anfragen von Außen und gegenüber der Presse
behaupten Sie, die FAU würde Leute dafür bezahlen, dass sie Flugblätter
vor dem Betrieb verteilt. Sie behaupten -- wider besseren Wissens --, die
FAU verfüge über nur zwei Mitglieder im Betrieb. Sie erklären, es
handele sich um keinen richtigen Arbeitskampf, weil hierbei
gewissermaßen nur von Außen zu einem Boykott aufgerufen wurde. Es ist
schon verblüffend, wir kennen diesen Behauptungen. Wir mussten sie im
selben Wortlaut monatelang von der Geschäftsführung hören. Falls diese
Ihre Informationsquelle sein sollte, dann sagen wir Ihnen: ihr ist nicht
zu trauen. Wir unterrichten Sie und andere gerne über die Gegebenheiten,
aus erster Hand:

Die FAU-Betriebsgruppe hat, gemäß der Struktur der FAU, die Kontrolle
über alle Entscheidungen im Arbeitskampf; der Boykott wurde einstimmig
von der FAU-Betriebsgruppe und damit von einem stattlichen Teil der
Belegschaft beschlossen. Die Flugblätter wurden von Beschäftigten selbst
vor dem Babylon an die Gäste verteilt; sie wurden dabei tüchtig von den
Gewerkschaftskollegen der FAU unterstützt. Dass der Boykott als
Arbeitskampfmaßnahme gewählt wurde, weil das Sommerloch im Kinoprogramm
(das Kino kann im Notfall von 1-2 Personen betrieben werden) und die
prekären Bedingungen (die Arbeitskräfte sind leicht ersetzbar und
angreifbar) einen Streik in dem Betrieb äußerst schwierig gestalten, ist
nur allzu logisch und keine Frage des "Stils", wie Sie es behaupten.
Dass die Wahl der Arbeitskampfmittel durchaus vielfältig sein kann, und
nicht immer ein Streik sein muss, sollten jedem Gewerkschafter klar
sein. Und vielleicht interessiert es Sie ja auch, dass ein Streik in
Vorbereitung war, der nach dem Sommerprogramm anlaufen sollte, aber
durch Ihre "stilvolle" Intervention fast verunmöglicht wurde.
Das Vertrauen ist nach dem Geschehenen selbstredend beschädigt. Wir
haben keine Bitten an Sie, nur weitere Vorhaltungen. Ihr
Tarifvertragsentwurf ist eine einfallslose Eins-zu-Eins-Übernahme des
Flächentarifvertrages und berücksichtigt die spezifischen Probleme der
Belegschaft im Babylon nicht, über die die Beschäftigten monatelang
diskutiert hatten und die in den Haustarifvertragsentwurf der FAU
eingeflossen sind. Ihnen war die ganze Zeit bekannt, dass dieser Entwurf
von den Beschäftigten selbst mit erarbeitet worden war. Dennoch haben
Sie es nicht für nötig gehalten, diese zu übernehmen, womit Sie als
angeblicher Vertreter der Beschäftigten eine monatelange Arbeit der
Beschäftigten ignoriert haben.

Die Belegschaft hat dennoch klar gemacht, dass sie an ihren zentralen
Forderungen festhält. Wie Sie wissen haben 3/4 der Beschäftigten erneut
einen Forderungskatalog unterzeichnet. Falls Sie sich erinnern: sie
kommentierten das damit, dass formell nur ver.di-Mitglieder berechtigt
seien Forderungen zu äußern. In Konsequenz durften wir nach Ihrer ersten
Verhandlungsrunde feststellen, dass kaum etwas -- und das auch nur durch
den ständigen Druck -- umgesetzt werden wird. Höhere Löhne als das
ver.di-Minimum seien nicht drin; die Subventionen des Kinos würden
"gerade mal" für die Deckung der laufenden Kosten reichen -- nach dieser
Logik dürften all die Kinos ohne Subventionen gar keine Löhne zahlen.
Die Zuschläge und Sonderzahlungen sollen, wie es aussieht, ausgesetzt
werden -- damit würden Sie real das Einkommensniveau aus Ihrem
Flächentarifvertrag unterschreiten. Es sollen auch offensichtlich keine
längeren Kündigungsfristen und kürzere Probezeiten geben -- eben das war
aber ein zentrales Anliegen, damit die rigorose Kündigungspolitik der
Geschäftsführung gedämpft wird. Auch alle anderen Forderungen, die zum
Schutz der ständig unter Beschuss gehaltenen Beschäftigten und
Mitbestimmungsstrukturen gedacht sind, bleiben außen vor. Entweder
wollen Sie nicht mehr umsetzen (womöglich aus Gründen, die wir oben
bereits dargelegt haben) oder aber Sie können es nicht. Letzteres wäre
vorstellbar, besitzen Sie doch keine Kampfkraft im Betrieb, um einen
Tarifvertrag durchzusetzen, der über das bloße Interesse des
Arbeitgebers hinausgeht. Auf Ihre Tarifsubstanz wirft das kein gutes Licht.

Aber was soll man auch erwarten, wenn ein fremder Berufsfunktionär daher
kommt und sich selbst zum Vertreter der Beschäftigten erklärt, ohne ihre
Probleme und Bedürfnisse zu kennen. Wenn es Ihnen in einem kleinen
Betrieb wie dem Babylon nicht möglich sein sollte, die Betroffenen
einzubeziehen, kann das nur zwei Gründe haben: Sie dürfen nicht oder Sie
wollen nicht. Ersteres würde alles über den Demokratiegehalt Ihrer
Organisation aussagen. Letzteres stellt Sie und Ihre Tarifverhandlungen
in ein äußerst schlechtes Licht. In Großbetrieben und ganzen Branchen
mag Partizipation schwieriger zu organisieren zu sein, hier im Babylon
hindert Sie nichts und niemand daran; es sei denn, Sie haben Ihre ganz
speziellen Gründe.

Wenn Sie ernsthaft gewillt sein sollten, Schadensbegrenzung zu üben,
dann sollten Sie endlich die Forderungen der Belegschaft und ihre
Interessenvertretungen ernst nehmen. Wir achten und respektieren jede/n
GewerkschafterIn, der/die zu den Prinzipien der Solidarität und der
Selbstbestimmung steht. Ob Sie und ver.di für uns zukünftig dazu zu
zählen sind, liegt in Ihrer Hand.

Mit kämpferischen Grüßen

FAU Berlin, 6. November 2009


Weitere Infos: www.prekba.blogsport.de


More information about the A-infos-de mailing list