(de) Russland: Situation der Bewegung nach dem Mord an Baburowa (en, fr)

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Tue Mar 24 19:02:20 CET 2009


Interview mit Igor von der "Autonomen Aktion" (AD) in Moskau zur aktuellen politischen Lage und zum Zustand der "Linken" in Russland. Das Interview wurde für den dänischen "autonom info service" geführt (auf Dänisch siehe http://indymedia.dk/articles/781, Spanisch siehe A las barricadas, Französisch von einem Aktivisten der OCL). Igor spricht nicht für die AD, sondern das Interview gibt nur seine persönliche Meinung wieder.

- Wo steht die radikale Linke in Russland nach dem Mord an Anastasia "Skat" Baburowa?

Zuallererst muss ich betonen, dass es in der autonomen Bewegung keinen Konsens gibt, uns als "links" zu definieren. Wir sind alle libertäre KommunistInnen, die meisten AnarchokommunistInnen, aber die Fragen des "Links-Seins" sind umstritten. Manche von uns gelten als "links", ich nicht, weil die "Linke" immer mit Symbolen identifiziert wird, wie Che Guevara-T-Shirts.
Persönlich betrachte ich mich nicht als "links"; mir scheint, dass der Großteil der "linken" PatriotInnen denkt, Nastja sei von einer Art jüdischer Verschwörung ermordet worden.
Was die AnarchistInnen und Libertären betrifft, waren sie am Tag nach dem Mord sehr präsent, weil es die erste große anarchistische Demonstration in Moskau war, bei der es zu Sachbeschädigungen kam.
Aber sehr viele AnarchistInnen sind im Lauf der letzten Jahre getötet worden, und ich denke nicht, dass dieser Mord viel ändern wird.

- Wir wissen, dass Stanislaw Markelow Ziel des Anschlags war und Anastasia, die ihn begleitet hatte, zufälligerweise ermordet wurde. Es gibt Gerüchte, dass die Spuren in militärische oder rechtsextreme Kreise in Moskau führen. Kannst Du uns etwas genauer sagen, wer hinter diesem Verbrechen steckt?

Nein, und ich sehe wenig Sinn darin, zu spekulieren. Stas hatte die Interessen zahlreicher Gruppen und der Regierung angegriffen, nicht nur der Nazis und Militärs.

- Kannst Du kurz den Zustand der russischen Gesellschaft heute beschreiben?

Zu umfassende Frage! Die Wirtschaftskrise hat Russland schlimmer erwischt als die meisten westlichen Länder, aber weniger als Litauen oder Island. Die Proteste wachsen, aber es ist schwer zu sagen, ob sie das Ausmaß vom Frühjahr 2005 übersteigen werden.
Das Fernsehen wird sehr stark vom Staat kontrolliert, bis auf einen kommerziellen Sender, der halbwegs unabhängig ist. Es gibt unabhängige Zeitungen und Radios, aber nicht in allen Regionen.
Russland ist ein riesiges Land, und es gibt enorme Unterschiede zwischen den Regionen - manche haben einigermaßen liberale Verhältnisse (Moskau, St. Petersburg, Karelien und Perm zum Beispiel), andere sehr autoritäre (Tschetschenien, Inguschetien bis zum jüngsten Regimewechsel, Mordowien, Baschkirien, Kalmükien und Mari zum Beispiel).
Zur Zeit gibt es sechs anarchistische und antifaschistische politische Gefangene, vier davon noch nicht verurteilt. Was die "linken" politischen Gefangenen betrifft, das hängt davon ab, ob man die nationalbolschewistische Partei (NazBol) als links betrachtet.

- Kannst Du die aktuelle Lage der radikalen Linken in Russland und Moskau beschreiben? Was sind die Tendenzen, welche politischen Gruppen gibt es, und was sind ihre Haupt-Aktivitäten?

Das hängt wieder davon ab, was man "links" nennt. Dieses Wort kann ja alles Mögliche heißen.

Die größte Gruppe, die sich selbst als "links" bezeichnet, ist die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF). Sie arbeitet "innerhalb des Systems" und versucht, radikale Aktivitäten auf der Straße zu zügeln, wie es kommunistische Parteien überall tun. Die jüngsten Einschränkungen des Wahlrechts waren nützlich für sie, weil alle anderen Oppositionsparteien praktisch aus dem föderalen politischen System ausgeschlossen worden sind. Sie wird hauptsächlich von StaatsbürokratInnen und RentnerInnen gewählt. Sie ist vielleicht noch patriotischer als kommunistische Parteien in anderen Ländern, zum Beispiel hat sie das Blutbad in Tschetschenien unterstützt. Immerhin haben sie in letzter Zeit keine Bündnisse mehr mit erklärten FaschistInnen gesucht.

Die "Mutterland"-Partei ist eine vom Kreml geschaffene Struktur, die der KPRF die WählerInnen abjagen soll. Sie ist noch krasser patriotisch als die KPRF, auch wenn sie die strammen Nazis, die bei der Parteigründung dabei waren, ausgebootet hat.

Die härteren StalinistInnen sind ziemlich an den Rand gedrängt, weil sie nie eine andere Strategie hatten als Wahlen, was heutzutage nicht mehr funktioniert.

Die "Revolutionäre Kommunistische Arbeiterpartei" (RKRP) hat vielleicht noch eine gewisse Präsenz in einigen alternativen Gewerkschaften (wie Saschtschita Truda, "Verteidigung der Arbeit"), aber die antisemitischen HardlinerInnen von der TR ("Arbeitendes Russland") offenbar nicht.

Es gibt eine Reihe trotzkistischer Gruppen (ob sie sich nun so bezeichnen oder nicht), aber keine davon hat mehr als ein paar Dutzend Leute, die sind ziemlich unbedeutend.

Was "Jugendpolitik auf der Straße" betrifft, das war bisher die Domäne zweier Gruppen - der Nationalbolschewistischen Partei und der stalinistischen AKM (Avantgarde der kommunistischen Jugend). Beide sind wegen Repression im Niedergang, es gibt z. B. in Moskau mehr aktive AnarchistInnen als beide zusammen haben - wegen mangelnder Disziplin schaffen es die AnarchistInnen allerdings selten, mehr als sie zu mobilisieren.

In Sibirien gibt es die alternative Gewerkschaft "Sibirische Konföderation der Arbeit", einige ihrer AktivistInnen sind AnarchistInnen oder SyndikalistInnen. Sie haben um die 6000 Mitglieder.

Was die AnarchistInnen betrifft (die ich persönlich nicht für "links" halte), deren Bewegung ist die letzten neun Jahre kontinuierlich gewachsen. Zu den anarchistischen Organisationen gehören die Autonome Aktion und die Hüter des Regenbogens (deren Haupt-Aktionsform Öko-Protestcamps sind). Von der "Assoziation anarchistischer Bewegungen" (ADA) ist nicht viel übrig, aber sie haben immer noch ein paar aktive Leute. In Moskau gibt es zwei syndikalistische Gruppen: Die KRAS (Konföderation revolutionärer AnarchosyndikalistInnen) und MPST (Berufsübergreifende Arbeitsunion).

Doch die Mehrheit der AnarchistInnen steht außerhalb von Organisationen, in Netzwerken; diese schließen auch eine Anzahl Leute mit ein, die sich selbst z. B. nur als Antifas sehen.

Die AnarchistInnen beteiligen sich bereitwillig an aktuellen Protestinitiativen. Die Hauptaktivitäten, die AnarchistInnen selbst im Laufe der letzten Jahre eingeleitet haben, waren die Teilnahme an AnwohnerInnenprotesten gegen Stadtentwicklungsprojekte, andere Umweltproteste, Aktionen gegen Krieg und Armee, Antifaschismus und Anti-Repressions-Arbeit. Zeitweise gibt es auch besetzte Häuser.

- Kannst Du uns einige der wichtigsten Papier- und Internet-Medien für die revolutionäre russische Linke nennen?

Die "Linke" ist mir egal. Was nicht-autoritäre AktivistInnen betrifft, die sind sehr aktiv, was die Herausgabe von Zines betrifft, so wurden allein im Jahr 2007 über 60 verschiedene Zines in Russland veröffentlicht, meist allerdings zu Musik und anderen subkulturellen Themen. Was rein politische Publikationen für eine breitere Öffentlichkeit betrifft, da gibt es wenige, und außer den Zeitschriften und Zeitungen der Autonomen Aktion erscheinen nur anarchosyndikalistische Zeitungen halbwegs regelmäßig.

Was das Internet betrifft, haben soziale Netzwerke und Blogs die anarchistischen Seiten weitgehend abgelöst - das ist gut, weil damit leichter Leute erreicht werden, aber auch schlecht, weil die Suche nach Informationen dadurch manchmal schwierig wird und weil es keine anti-autoritären technischen Plattformen gibt, die es mit den kommerziellen wirklich aufnehmen können.

Für eine umfassende Kontaktliste schaut Ihr Euch am besten die Kontaktseiten der Zeitschrift "Abolishing the Borders from Below" oder die Webseite der Anarchistischen Gelben Seiten (http://ayp.subvert.info/) durch. Aber das folgende ist eine Auswahl der wichtigsten Webseiten des anti-autoritären Spektrums:

Autonome Aktion:
http://avtonom.org
antifaschistisches Info- und Analyse-Portal:
http://www.antifa.p0.ru/
Indymedia Russland
http://ru.indymedia.org/,
Indymedia Kuban (Region Krasnodar und Adygeja)
http://kuban.indymedia.ru
Indymedia Piter (St. Petersburg),
http://piter.indymedia.org/,
Indymedia Sibirien,
http://imc-siberia.org,
Meldungen über Hausbesetzungen und die HausbesetzerInnen-Bewegung
http://squat.anho.org/

- Gibt es feministische und schwule Gruppen oder Netzwerke in Russland/Moskau? Wenn ja, was machen sie?

Es gibt keine wirklich überregionalen feministischen Organisationen, aber es gibt einige Gruppen und verschiedene Arten der Vernetzung, z. B. in sozialen Netzwerken und unter Leuten an der Akademie (was nicht viele sind). Es gibt viele LGBT-Organisationen, die miteinander um das Recht kämpfen, die Gemeinschaft gegenüber dem Westen zu vertreten und Spendengelder zu kassieren. Ansonsten machen sie, was solche Organisationen in allen Ländern machen - Lobbyarbeit, Bildungsveranstaltungen und manchmal kleine Straßenaktionen. Über unsere Versuche, mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten, könnt Ihr hier: http://avtonom.org/index.php?nid=1045 und hier: http://avtonom.org/index.php?nid=1563 auf Englisch was lesen.

- Was ist Deine Haltung gegenüber der reformistischen Linken?

Sowas gibt es in Russland kaum. Die größte Gruppe in Russland, die sich links nennt, ist die KPRF, die verspricht, die Sowjetunion wieder einzuführen, wenn sie an die Macht kommt, was meiner Ansicht nach zwar schon eine radikale Idee ist, aber eine dumme. SozialdemokratInnen gibt es in Russland nicht wirklich.

Falls Deine Frage auf Gruppen wie die KPRF zielt: Die sind mir ziemlich egal, solange sie keine akute körperliche Bedrohung für uns darstellen.

- Wie setzt sich die rechtsextreme Szene in Moskau zusammen? Hat sie Verbindungen zu politischen Machtstrukturen im Parlament? Gibt es dokumentierte Verbindungen zu Polizei- und Militärkreisen?

Die Nazis versuchen, sich mehr auf die Mittelklasse auszurichten und ihr asoziales Image loszuwerden. Manchmal sind sie damit sogar erfolgreich. Sie haben einige Verbindungen in die Duma, wo manche rechten Abgeordneten ihnen z. B. mit Anfragen zur "terroristischen Antifa-Aktivität" helfen. Einige einzelne Bullen sind Nazis, und das ist gut dokumentiert, wie z. B. im Fall unseres Genossen Bytschin aus St. Petersburg, der mit zwei Boneheads gekämpft hat, von denen einer ein Bulle war. Eine klare Verbindung zu Armee-Strukturen ist mir noch nicht begegnet, aber z. B. waren viele der Leute, die die Bombe auf dem Tscherinowsky-Markt in Moskau gelegt haben, ehemalige Mitglieder von Sondereinheiten. Die meisten Abgeordneten und Bullen sind jedoch gegen Nazis.

- Wie stark ist der antifaschistische Widerstand und wie reagiert er auf das öffentliche Auftreten der extremen Rechten?

Es ist nicht klar, ob sich die Nazi-Bewegung wegen der allgemeinen Tendenz zu Wohlfahrt, Stabilität und Kontrolle in Russland im Niedergang befindet, wegen der staatlichen Repression oder wegen der Antifa. Wahrscheinlich spielen alle diese Faktoren eine gewisse Rolle, wobei die Antifa der unbedeutendste sein dürfte.

Es ist nicht wirklich möglich, das öffentliche Auftreten der extremen Rechten in Russland zu beeinflussen. Gegendemos sind nicht erlaubt, und die Antifa ist nicht in der Lage, sich mit Hunderten von Aufstandsbekämpfungsbullen zu prügeln, was das Ergebnis wäre, wenn sie so ein Verbot ignorieren würde. Was AntifaschistInnen tun können, sind Überfälle auf kleinere Nazigruppen und Sabotage, aber diese Aktivitäten beeinflussen das öffentliche Auftreten der Faschos nicht wirklich, sie machen sie nur vorsichtiger und verbreiten Angst in der Naziszene.

Auf Englisch ist in den letzten Jahren viel über Antifaschismus in Russland geschrieben worden, sucht einfach mal nach "Antifa Russia" im Internet, da findet Ihr viele interessante Sachen.

- Danke, Genosse, möchtest Du noch etwas hinzufügen?

Dazu sonst nichts mehr, behaltet Euren Eifer! Der Kampf um das Ungdomshuset war eine große Inspiration für russische AnarchistInnen und AktivistInnen, ich hoffe, dass Ihr den Schwung dieses Kampfes in Dänemark aufrecht erhalten könnt!

[Quelle: http://avtonom.org/index.php?nid=2264 / frz. http://oclibertaire.free.fr]
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Original:

(en) Russia, An interview with Autonomous Action by Danish Autonom Info Service
Date Sun, 15 Feb 2009 13:26:25 +0200

(fr) La situation du mouvement radical apres l'assassinat de la militante anarchiste Anastasia Baburova - Russie
Date Mon, 23 Mar 2009 22:41:12 +0100

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Psssst! Schon vom neuen GMX MultiMessenger gehört? Der kann`s mit allen: http://www.gmx.net/de/go/multimessenger01



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