(de) Venezuela: Gewerkschaftsarbeit zwischen unterwürfiger Bürokratie und angeheuerten Killern

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Mon Mar 23 19:54:14 CET 2009


In den schwierigen Zeiten die die Venezolanische ArbeiterInnenbewegung
gerade durchmacht, zählen zu den dramatischsten Entwicklungen sicher
der kriminelle Akt der Tötung dutzender Gewerkschaftsangehöriger, vor
dem Hintergrund der Passivität der pseudo-revolutionären Regierung und
ihrer Bewunderer aus dem Ausland. Davon handelt dieser Text aus El
Libertario # 55, Januar-Februar 2009. ---- "In der Revolution müssen
Gewerkschaften verschwinden ... Gewerkschaften wurden alle mit
demselben Gift der Autonomie geboren. Gewerkschaften können nicht
unabhängig sein, damit sollten wir Schluss machen".
Rede von Hugo Chávez anlässlich der Einführung des PSUV-Gesetzes.--
Caracas, 24.März 2007.
Die feige Hinrichtung von 3 Arbeiterführern im Staat Aragua, die am
27. November 2008 stattfand, verlangt dass wir genauer auf die
kriminellen
Praktiken blicken die in den letzten Jahren in den Resten der
unterworfenen Gewerkschaftsbewegung zur Gewohnheit geworden sind.Wie auch
woanders auf der Welt ist es ein Zeichen der schwachen Militanz der
Gewerkschaften, wenn sich Gangster-Praktiken ausbreiten, die zu einer
verheerenden Routine werden und den Niedergang des Arbeitskampfes weiter
beschleunigen.

Ein Teil der konkreten Beweise wie weit es mit dieser rüden Pervertierung
des Arbeitskampfes gekommen ist findet sich – in seiner düsteren
Ausprägung, wie der Ermordung von ArbeiterInnen-Aktivisten – in den
Berichten der Jahre 2007 und 2008 der Menschenrechtsorganisation PROVEA
www.derechos.org.ve. Basierend auf einer Sammlung aus Veröffentlichungen
landesweiter Zeitungsartikel, geben diese Berichte recht glaubwürdig und
faktengetreu wieder was uns hier interessiert, und stellen eine
alarmierende Rechnung auf: zwischen Oktober 2006 und September 2008 kam es
in Venezuela zur Ermordung von 77 Gewerkschaftern.

Die Verbrechen richteten sich hauptsächlich gegen Gewerkschafter aus dem
Baugewerbe- und Ölsektor, und drehten sich um die Kontrolle der Jobvergabe
durch Verträge, wobei ein hoher Prozentsatz (75% im Baugewerbe) in den
Händen der Gewerkschaft liegt, so dass wer immer die
Gewerkschaftsrichtlinien dominiert sich auch durch den Verkauf von
Arbeitsverträgen an Arbeitssuchende eine ordentliche Scheibe abschneiden
kann. Es sei angemerkt, dass in diesen Kämpfen mit oft tödlichem Ausgang
noch nicht einmal politische Differenzen eine Rolle spielen, da sich beide
Seiten gleich stark mit der herrschenden Regierung identifizieren.

Die Situation ist so ernst dass der PROVEA-Report von 2007 Venezuela, nach
Kolumbien, als das Land bezeichnet mit der größten Gefährlichkeit für
jeden gewerkschaftlich Engagierten. Zusätzlich verschärfen Straffreiheit
und komplizenhaftes Schweigen die schreckliche Situation. Ein dem
PROVEA-Report angehängter Menschenrechts-Bericht des Vikars von Caracas
besagt, dass von den letzten 52 Mordfällen an Gewerkschaftern nur 3
strafrechtlich belangt wurden.

Von den Gewerkschaften, sein sie regierungskritisch wie die ausgemergelte
Arbeiterkonföderation von Venezuela (CTV), oder regierungsnah wie die
handlungsunfähige Nationale Arbeiter Union (UNT), oder die unterwürfige
Sozialistische Bolivarische Arbeitermacht (FSBT), gab es keine einzige
Kampagne, keine Rede oder empörte Beschwerde. Wenn die SprecherInnen und
AnhängerInnen des "Chavismo" sich damit befassen, falls sie das überhaupt
einmal tun, machen sie das allgegenwärtige „Empire“ in Zusammenarbeit mit
lokalen Arbeitgebern dafür verantwortlich; eine ironische Feststellung,
wenn man bedenkt dass das Baugewerbe und der Ölsektor, der nicht direkt
für die Regierung arbeitet, für jemanden arbeitet, der vom Staat
angestellt ist. Nicht zu vergessen die klassische Antwort der Regierung
wenn eine unangenehme Tatsache ignoriert werden soll: 2007 wurde eine
Kommission höchster Priorität gegen Gewerkschaftsgewalt einberufen, von
der wir nach einiger Zeit nichts mehr hörten.

  - Gangstermethoden breiten sich aus

Die Umstände um die abscheulichen Morde an Richard Gallardo, Luis
Hernandez und Carlos Requena stehen für eine Eskalation krimineller
Entwicklungen innerhalb der Gewerkschaftsverbände. Verwandte und nahe
Freunde aus den Arbeitskämpfen und der Community betonten von Anfang an
dass die Hauptverdächtigen für die Anordnung des Massakers unter den
Gewerkschaftsbürokraten und unter den mit der herrschenden Partei
verbundenen regionalen politischen Führern zu suchen wären (insbesondere
beim Bürgermeister der Stadt Villa de Cura und seinem Bruder, dem Anführer
der Chavista-Gilden). Diese Vermutung äußerte sich sogar in verschiedenen
Medienberichten, da sie lautstark von vielen Menschen während den
Protesten und Versammlungen in der Region in den Tagen nach den Morden
verkündet wurde. Ein Slogan der bei den Protestdemonstrationen mehrfach
wiederholt wurde war der von „angeheuerten Killern von der Gewerkschaft“,
was sich auf die Art bezog wie sich korrupte Bürokraten der Aktivisten
entledigten, die ihr schmutziges Geschäft behinderten. In diesem
speziellen Fall handelte es sich bei den drei Toten um Militante einer
trotzkistischen Gruppe, die in dieser Gegend Fuß fassen konnte (z.B. war
Hernandez Generalsekretär der Pepsi-Cola Gewerkschaft in Villa de Cura, wo
er 3816 Stimmen als Bürgermeisterkandidat erhielt).

Diese Gruppe -deren national bekanntestes Mitglied  der
Gewerkschaftsführer Orlando Chirino ist- hat in den vergangenen 2 Jahren
eine kritische Distanz zur herrschenden Partei eingenommen, und ist durch
ihre Anprangerungen und Aktionen im Staat Aragua zu einem Ärgernis für die
von der Öffentlichkeit beschuldigten regionalen Mafiastrukturen geworden.

Was den Verdacht verschärft, ist weiterhin die schwammige Art mit der die
Regierung und ihre Gefolgsleute mit diesem Verbrechen umgehen; ihr
Sprecher schwieg dazu, bis - 4 Tage danach- Chavez das Verbrechen
erwähnte, und auf undurchsichtige Art ausländische Firmen und
paramilitärische Kräfte (???!!!) dafür verantwortlich machte, was sich auf
die Tatsache bezog dass die Verstorbenen an diesem Tag ihre Solidarität
den ArbeiterInnen einer kolumbianischen Firma angeboten hatten.

Aus diesen und ähnlichen Quellen speiste sich die offizielle Version- der
sich mit Leidenschaft die internationalen Fans der „Bolivarischen
Revolution“ anschlossen- die sich dann änderte, als der Innenminister die
Festnahme des Mörders verkündete, und bekanntgab, dass die Gründe für das
Verbrechen im Streit um die Kontrolle der kollektiven Arbeitsverträge in
der Sprudelindustrie [fizzy drinks industry] lägen.

Dies empörte die Hinterbliebenen über alle Maßen; den Mordanschlag als
eine Art ordinäre Abrechnung zu bezeichnen war die eine Sache, aber der
als Verantwortlicher für die Morde bezeichnete, ein Angestellter von
Pepsi-Cola, war außerdem nur ein Sündenbock, da mehrere Zeugen ihn zum
Zeitpunkt des Anschlags an seinem Arbeitsplatz gesehen hatten.

Als Krönung des Ganzen sagte der neue chavistische Gouverneur von Aragua,
der bis jetzt seinen Mund gehalten hatte, er würde keine weiteren Proteste
wg. der Morde mehr dulden, da er präzisen Informationen hätte dass diese
Proteste Teil eines Destabilisierungsplans wären (schon wieder???!!!).
Außerdem, wie wir schon ahnen, wurde eine offizielle Kommission mit der
Untersuchung der Angelegenheit beauftragt…

Translation: Marcus K. Noche

[For more info in German about Venezuela, see the "others languages"
section in www.nodo50.org/ellibertario]


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