(de) Erklärung der ZSP zum Bildungsstreik in der BRD und zum Bologna-Prozess

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sun Jun 21 09:58:34 CEST 2009


Die polnische »Union der SyndikalistInnen« (ZSP) hat aus Anlass des 
Bildungsstreiks in der BRD eine Erklärung verfasst, in der sie sich mit 
den derzeit in mehreren eurpäischen Ländern stattfinden Aktionen im 
Bildungsbereich und mit dem sog. »Bologna-Prozess« auseinandersetzt.

Die »Union der SyndikalistInnen« (ZSP) unterstützt den Bildungsstreik in 
Deutschland, der vom 15. bis 19. Juni 2009 stattfindet. Die ZSP plant 
eine Info-Aktion am 19. Juni, dem 10. Jahrestag der Unterzeichnung der 
»Bologna-Erklärung«. Unsere Unterstützung für den Kampf gegen die 
Kommerzialisierung der Bildung, bedeutet nicht, dass wir den Erhalt der 
Bildungseinrichtungen in der jetzt existenten Form unterstützen würden. 
Der Bildungsstreik in Deutschland ist eine aus einer Vielzahl von 
Aktionen gegen die Änderungen in der Finanzierung des Bildungssystems 
und anderer Sektoren. Die DemonstrantInnen sind gegen Veränderungen, die 
Profitinteressen über die Interessen der Menschen stellen und die den 
Zugang zu Bildung beschränken und ihn damit noch mehr auf die bereits 
privilegierten Teile der Gesellschaft beschränken. Die Einführung 
kommerzieller Aspekte in die Bildung passt diese an die Bedürfnisse des 
Kapitals an, aber nicht an die Bedürfnisse der SchülerInnen und 
StudentInnen.

Die Proteste richten sich auch gegen die Tendenz des Staates zur 
Neuverteilung von öffentlichen Mitteln, die eigentlich für weite breite 
gesellschaftliche Bereiche gedacht sind. Diese Veränderungen werden auch 
negative Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen von LehrerInnen, 
DozentInnen, ProfessorInnen und andere Beschäftigte an Schulen und 
Hochschulen haben. Viele von ihnen werden sich am Rand der prekären 
Beschäftigung wiederfinden, einige werden ihren Job verlieren.

Wir unterstützen die Kämpfe von SchülerInnen und LehrerInnen, die nicht 
bereit sind, die systematischen Veränderungen mitzutragen, welche die 
Lücke zwischen den Reichen und den Armen noch größer machen würden. Die 
wachsende Barriere zwischen ihnen wird die strukturellen Ursachen der 
Armut ebenso vergrößern wie sie die Lebensbedingungen vieler 
ArbeiterInnen, einschließlich der BildungsarbeiterInnen, verschlechtern 
wird.

Viele dieser Veränderungen, die überall in Europa im Bildungswesen 
eingeführt werden, konzentrieren sich rund um die Visionen, die von den 
Initiatoren des Bologna-Prozesses entwickelt wurden. Obwohl wir gegen 
die Grundannahmen dieses Prozesses sind, glauben wir nicht, dass dieser 
Prozess selbst die Hauptursache für das Problem ist. Die tiefergehenden 
Wurzeln des Problems sind mit dem Kapitalismus und der Rolle der Bildung 
als Werkzeug der Erzeugung von Eliten und der Zurichtung zur 
Vereinzelung in Übereinstimmung mit den Werten der Klassengesellschaft 
verbunden.

Wir stimmen nicht mit einigen sozialdemokratischen Positionen überein, 
die häufig von manchen GegenerInnen der Kommerzialisierung von Bildung 
angeführt werden. Darunter sind Auffassungen wie die, dass "Bildung vom 
Staat betrieben werden sollte" oder dass "die Universität in ihrer 
derzeitigen Form bewahrt werden müsse". Wie in einigen anderen 
Lebensbereichen auch, mag es sein, dass die Bewahrung des derzeitigen 
Systems besser sein kann als die Zukunft, welche die Neoliberalen für 
uns vorbereitet haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir für eine 
Unterstützung des Status Quo wären. Die Universität ist bereits jetzt 
ein Werkzeug der Elitenförderung, der Hierarchie und des Duckmäusertums. 
Der Zugang der Armen zu Bildung existiert häufig nur auf dem Papier. 
Bildungseinrichtungen sind ein Werkzeug der sozialen Indoktrination.

Für uns ist Bildung eher ein andauernder Prozess als eine Institution. 
Bildung muss nicht mit Diplomen verbunden sein, mit Karrieren und den 
Erfordernissen des Arbeitsmarktes. Unsere Vision von Bildung ist offen 
für alle - und zwar offen für wirklich alle und nicht nur für eine 
kleine Gruppe von Leuten, die sie sich leisten können und sich in ein 
Modell von Anpassung an Hierarchie und Noten einfügen. Das Modell von 
Bildung, das wir wollen, basiert in allererster Linie auf 
Zusammenarbeit, auf dem Teilen von Wissen in Übereinstimmung mit den 
libertären Prinzipien.

Wir rufen alle BefürworterInnen libertärer Bildung dazu auf, an den 
Protesten teilzunehmen und die Gelegenheit zu nutzen, Diskussionen über 
die Modell von Bildung jenseits des neoliberalen oder 
sozialdemokratischen Rahmens zu eröffen.

Union der SyndikalistInnen (Polen)

15. Juni 2009

Übersetzung: FAU
=============
* An antiauthoritarian anticapitalist syndicate


More information about the A-infos-de mailing list