(de) [FAU Berlin] PM: Berliner Praktikantin klagt vergeblich gegen ehemalige Arbeitgeberin

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Sat Feb 7 18:53:01 CET 2009


Relatives Recht ---- Berliner Praktikantin klagt vergeblich gegen
ehemalige Arbeitgeberin ---- Schon seit einiger Zeit ist das Thema
Praktika in den Medien präsent. Einer breiten Öffentlichkeit ist
deshalb mittlerweile bekannt, dass viele Menschen, die offiziell als
PraktikantInnen geführt werden, in Wirklichkeit reguläre Tätigkeiten
verrichten, wodurch zahlreiche Betriebe viel Geld sparen und sich die
PraktikantInnen einem enormen Druck ausgesetzt sehen. Oft müssen diese
noch nebenbei arbeiten, um Geld zum Leben zu verdienen. Da es sich
hierbei um keine Einzelfälle, sondern um ein allgemeines Phänomen
handelt, wurde in diesem Zusammenhang der Begriff "Generation
Praktikum" geprägt. Zwischenzeitlich schienen jedoch wieder einzelne
Sonnenstrahlen den wolkenverhangenen PraktikantInnen-Himmel zu
durchbrechen. Verschiedene Urteile vor Arbeitsgerichten gaben zuletzt
klagenden Praktikantinnen recht und verdonnerten die jeweiligen Firmen
zu hohen Nachzahlungen.

Dass diese medienwirksam aufbereiteten juristischen Erfolge wohl eher die
Ausnahme bleiben werden, musste nun die 23jährige Neuköllnerin Agnes M.
erfahren. Sie war ab Ende März 2008 in der Kita "Omas Garten" in
Berlin-Wedding angestellt. Wie so oft galt das Label "Praktikantin" hier
jedoch nur vordergründig: "Ich mußte regelmäßig eine Gruppe von 23 Kindern
alleine betreuen und machte im Wesentlichen die gleichen Arbeiten wie
festangestellte Erzieherinnen", berichtet sie. Nachdem sie sich mehrmals
über diesen Zustand beschwert hatte und darum bat, so eingesetzt zu
werden, wie es einem Praktikum entspricht, oder aber entsprechend bezahlt
zu werden, wurde sie von der Leiterin der Kita gekündigt. Dies wollte
Agnes M. nicht auf sich sitzen lassen und zog vor das Arbeitsgericht
Berlin, um auf einen für Erzieherinnen üblichen Branchenlohn zu klagen.
Schließlich hatte sie auch die entsprechenden Tätigkeiten auszuführen und
Verantwortungen zu tragen.
Im Prozess zeigte sich jedoch, dass der Nachweis dessen nicht leicht zu
erbringen ist. Es obliegt nach deutschem Arbeitsrecht den PraktikantInnen,
den Beweis darüber zu erbringen, dass sie nicht ordnungsgemäß eingesetzt
wurden, sondern tragende Arbeitsleistungen im Betrieb übernehmen mussten.
"Unter diesen Voraussetzungen ist es besonders für unausgebildete Menschen
fast unmöglich, juristisch nachzuweisen, dass ein Arbeits- und kein
Lernverhältnis vorlag, wenn seitens des Betriebes keine Fehler gemacht
wurden, die diesen Beweis ermöglichen. Das deutsche Arbeitsrecht
benachteiligt hier ganz klar die Menschen die sowieso schon am kürzesten
Hebel sitzen", meint Robert Ortmann von der Sektion Sozialwesen der
Gewerkschaft Freie ArbeiterInnen Union (FAU), die der Klägerin in dieser
Angelegenheit beratend zur Seite stand.
So auch in diesem Fall: Da Agnes M. nicht lückenlos nachweisen konnte,
dass sie das Aufgabenprofil einer ausgebildeten Erzieherin vollständig
abgedeckt habe, stünde ihr auch kein entsprechender Lohn zu, argumentierte
die Richterin, Andrea Baer. Dies wäre erst der Fall, wenn die Klägerin mit
allen diesbezüglichen Kompetenzen ausgestattet sei. "Nach dieser Logik
hätte Agnes M. nur einen angemessenen Lohn für ihre Tätigkeiten erhalten
können, wenn sie auch offiziell den Rang einer Erzieherin gehabt hätte –
ein absurder Formalismus", kommentiert Ortmann das Urteil.
Letztlich bekam die Klägerin in einem Vergleich lediglich 800 Euro
zugesprochen, die als Praktikumsvergütung für die letzten zwei Monate der
Tätigkeit ohnehin noch ausstanden. Agnes M. zeigt sich ernüchtert und
kämpferisch zugleich: "Der Prozess hat mir ganz klar gezeigt, dass
Praktikantinnen sich nicht darauf verlassen sollten, ihr Recht vor
deutschen Arbeitsgerichten zu bekommen. Dieses bekommen wir wohl nur, wenn
wir uns gewerkschaftlich organisieren und kämpfen." Der FAU ist sie
zwischenzeitlich beigetreten.

Sektion Sozialwesen in der FAU Berlin
Kontakt:
faub-soziales [AT] fau.org

-- FAU Berlin: http://www.fau.org/ortsgruppen/berlin/


More information about the A-infos-de mailing list