(de) Tschechien: Enorme Aufmerksamkeit für wilde Streiks bei Hyundai und Dymos

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Wed Dec 9 18:33:04 CET 2009


Rund 20 Arbeiter verließen am Dienstag, den 1. Dezember 2009 während 
ihrer Schicht die Schweißerei im Hyundai Motor Manufacturing Czech 
(HMMC) Werk in Nošovice bei Frýdek-Místek (Tschechische Republik). Am 
nächsten Tag gab es in der Montagehalle des gleichen Betriebes einen 
einstündigen wilden Streik. Am 3. Dezember organisierten Arbeiter bei 
Dymos, einem Subunternehmer von Hyundai ebenfalls eine einstündige 
Arbeitsniederlegung. Am 7. Dezember erklärte die Gewerkschaft bei 
Hyundai einen „Streiknotstand“ (Eine symbolische Maßnahme im Vorfeld 
eines Streiks, um das Management zu warnen, dass ein richtiger Streik 
ausgerufen wird, wenn es nicht zu Verhandlungen kommt ). Die «Priama 
Akcia» (slowakische Sektion der IAA) berichtete erstmals am 3. Dezember 
auf ihrer Website über diese Streiks. Der nachfolgende Artikel versucht 
zusammenzufassen, was tatsächlich geschehen ist, welche positiven und 
negativen Ergebnisse bislang absehbar sind und wie andere ArbeiterInnen
helfen können.

„Gestern kam meine Frau nach Hause, schloss sich in einem Zimmer ein und
weinte. Als ich nach ihr schaute und fragte, was passiert sei, erzählte
sie mir Stückchen für Stückchen, was dort vor sich geht und was sie
auszuhalten haben. Sie hatte das sieben Monate lang heldenhaft in sich
hineingefressen; ich kann nicht verstehen, wie so etwas in unserem Land
möglich ist. Wenn ich die Stellungnahmen von Petr Vaňek (dem Sprecher
von HMMC) lese, fühle ich mich als müsse ich gleich kotzen. Schikane,
Demütigungen, Drohungen, das ist es, worauf die Herren Rakovský und
Vaňek hinarbeiten.“ (Kommentar eines Lesers auf der Website der Zeitung
sedmicka.cz

WILDER STREIK BEI HYUNDAI AM 2. DEZEMBER

Rund 400 Arbeiter erhoben sich gegen die zwangsweisen Überstunden,
willkürliche Zuschläge und Schikanen während der Arbeit. Vorausgegangen
waren seit den Morgenstunden Diskussionen unter den Arbeitern, die
Produktion anzuhalten. Als die Überstunden der Schicht beginnen sollten,
wurde eines der Bänder in der Halle angehalten und wenige Minuten
schlossen sich die anderen an. Die Arbeiter versammelten sich in der
Werkskantine. Das Management forderte sie auf, einen Vertreter zu
bestimmen, der für sie verhandeln sollte, was die Arbeiter ablehnten.
Sie forderten stattdessen, dass das Management zu ihnen kommen solle und
vor allen sprechen solle. Jemand aus dem koreanischen Management kam
zusammen mit dem Schichtleiter um sich die Forderungen der Arbeiter
anzuhören. Nach einstündigen Verhandlungen stimmten die Belegschaft zu,
die Schicht fortzusetzen und an den Folgetagen weiter zu verhandeln. Es
wurde versprochen, dass die Überstunden am Donnerstag gestrichen würden
und die Stunde, die sie gestreikt hatten, bezahlt würde.

WILDER STREIK BEI DYMOS AM 3. DEZEMBER UND DIE REAKTIONEN DES MANAGEMENTS

Am Mittwoch, den 3. Dezember gab es auch einen rund einstündigen wilden
Streik einer Schicht von ca. 100 Arbeitern bei Dymos in Nošovice (siehe
Foto), einem Subkontraktor von Hyundai mit ebenfalls koreanischem
Management. Zu den Gründen gehörten die Überstunden, Überanstrengung und
miese Arbeitsbedingungen. Das Hyundai-Management verhält sich bislang
defensiv und versucht die Sache in den Massenmedien herunterzuspielen.
Das Management von Dymos hingegen reagierte sehr schnell. Laut einer im
Netz erschienenen Mitteilung, teilte das Management am 4. Dezember der
Frühschicht, die am Tag zuvor gestreikt hatte, mit, dass die Arbeiter
alle Zulagen verlieren würden und dass es ein Einfrieren der Löhne geben
würde.

„STREIKNOTSTAND“ SEIT DEM 7. DEZEMBER – DIE GEWERKSCHAFTEN VERSUCHEN DIE
KONTROLLE ÜBER DIE WEITERE ENTWICKLUNG ZU ÜBERNEHMEN

Der Streik bei Hyundai wurde ohne offizielle Einbeziehung der
Gewerkschaft (und des Betriebsrates) organisiert, so dass die
Gewerkschaft keiner illegalen Aktion beschuldigt werden konnte. Im
Diskussionsforum der Arbeiter im Netz gab es einige Beiträge, die zum
schnellen Eintritt in die Gewerkschaft aufriefen, um mehr Stärke zu
erreichen. Die Gewerkschaft hat am Montag, den 7. Dezember, den
„Streiknotstand“ ausgerufen.

Eine mögliche Lösung wurde von einem Gewerkschaftsvertreter im
Mitgliederforum der Gewerkschaft skizziert. Er schreibt, dass die
Beschäftigten, die sich am Streik beteiligen würden, nicht bestraft
würden und drängt, jetzt müssten sich „...alle Beschäftigten von
Aktionen ähnlich denen am Mittwoch distanzieren!!! Ihr könnt nur
hinterher streiken, falls es keine Übereinkunft und keinen Kompromiss
mit dem Management geben sollte!!! Nicht eher!!! Das wäre illegal und
die Verhandlungen würden scheitern!!! Und noch eine technische Info: es
gibt 500 Kronen (ca. EUR 19,- ) in bar anstelle einer Weihnachspackung
Schokolade für alle Gewerkschaftsmitglieder, die ihre November-Beiträge
bezahlt haben!! :-)“

BISHERIGE POSITIVE ERGEBNISSE

1.) Die Selbstorganisierung der Aktion. Die Mobilisierung der Arbeiter
und ihre eigenständige Aktion könnten anderen ArbeiterInnen, nicht nur
in Tschechien, Mut machen.

2.) Die Informationskanäle. Die Arbeiter hatten lange bevor sie
streikten ein öffentliches Online-Forum eingerichtet. Dieses Forum wurde
zusammen mit Kommentaren auf Websites der Medien ein Platz, wo sie
Informationen austauschen und der Öffentlichkeit ihre Situation und die
aktuellen Ereignisse erklären. Wir glauben, dass die Arbeiter dadurch
einen riesigen Schritt nach vorne gemacht haben und dass es ihnen
gelungen ist, jedem der Zugang zum Netz hat und die Artikel verfolgt,
ihre Situation zu erklären.

3.) Die Unterstützung aus anderen Betrieben. Viele Online-Postings von
ArbeiterInnen anderer Betriebe, unterstützt die Streikenden. Sie
tauschen ihre eigenen Erfahrungen mit schlechten Arbeitsbedingungen,
unbezahlten Überstunden, Überstunden, die aus den elektronischen
Zeitabrechnungen verschwunden sind usw. aus.

4.) Die Unterstützung von außerhalb und Beispiele anderer Aktionen. Es
wurden auch Streiks in anderen Ländern erwähnt (Frankreich, Korea...).
Und es gibt Solidaritätserklärungen von Arbeitern aus dem Ausland, z.B.
aus der Slowakei, Polen, Frankreich im dem Diskussionsforum der Arbeiter.

5.)Die Berichterstattung in den Medien. Die Massenmedien informierten
mehr oder weniger neutral über das Problem. Jedenfalls gab es keine
Artikel, die sich direkt gegen die Arbeiter gerichtet hätten. Hunderte
von LeserInnen nutzten die Gelegenheit, auf den Websites der Medien zu
diskutieren.

Diese Liste kann man vielleicht noch ergänzen, aber es ist noch zu früh
für eine Bewertung des ganzen Konflikts.

EINIGE ÜBERLEGUNGEN ZU ZUKÜNFTIGEN ENTWICKLUNGEN

HYUNDAI. Der „Streiknotstand“ bedeutet, dass die Gewerkschaft die
Kontrolle über die Aktionen übernehmen wird. Niemand weiß, was dieser
Schritt bringen wird. Die Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag
werden im Januar 2010 beginnen und die Gewerkschaften werden den
kämpferischen Geist unter den Arbeiter ausnutzen wollen. Die Erfahrung
tschechischer Skoda-Arbeiter in einem ähnlichen Fall im Jahr 2007, ist
allerdings nicht sehr positiv (siehe http://protikapitalu.org/?p=30.).
Wenn die Gewerkschaft mit ihrem Versuch Erfolg hat, die Arbeiter zu
überzeugen, keine unabhängigen Aktionen durchzuführen, wird die
Kontrolle der Gewerkschaft über ein Abkommen gestärkt.

Die Gewerkschaft bei Hyundai vertritt ca. 350 von 2000 ArbeiterInnen und
nach Angaben ihres Kassierers Štefan Janík gibt es einen großen Zuwachs
von Beitrittsinteressenten. Die Forderungen der Gewerkschaft beziehen
sich hauptsächlich auf Überstunden und den Druck auf die Arbeiter von
Seiten des Managements. Das liegt vermutlich daran, dass sie davon
ausgehen, dass andere Probleme in den ab Januar beginnenden
Tarifverhandlungen behandelt werden. Wir können nur raten, ob die
Formulierung der Forderungen mit der Meinung der Arbeiter übereinstimmt.
Es ist jetzt wichtig, dass die Kontrolle über die aufgestellten
Forderungen und die Entscheidung über die Annahme von Vereinbarungen, in
den Händen der Arbeiter und nicht in denen der Gewerkschaft bleibt. Das
heißt, sie sollte aus den Diskussionen von Arbeitervollversammlungen in
den Fabrikhallen entstehen (ohne die Anwesenheit von Vertretern des
Managements). Der Druck auf das Management wäre so ein doppelter: Sie
sähen sich nicht nur einer Anzahl Gewerkschafter gegenüber, sondern den
kompletten Produktions-Sektionen, die ihre Macht durchsetzen und
Entscheidungen treffen. Es ist möglich, dass jetzt, wo der
„Streiknotstand“ ausgerufen ist, diese Macht verloren gehen wird. Die
nächsten Wochen werden zeigen, wie die Arbeiter ihre eigene Macht mit
derjenigen der Gewerkschaft aufwiegen.

Was die Annahme von Vereinbarungen angeht, sollte das Vorgehen unserer
Meinung nach ähnlich sein: Jede Entscheidung sollte durch
Massenversammlungen diskutiert und angenommen werden. Es sollten
Arbeiterdelegierte gewählt werden, die dem Management die Forderungen
berichten. Unter keinen Umständen sollte ein Ergebnis akzeptiert werden,
das nicht von der Arbeitervollversammlung abgesegnet ist.

Wir denken auch, dass die Arbeiter anfangen sollten ein Streikkomitee zu
gründen. Üblicherweise nehmen an so etwas nur Gewerkschaftsvertreter
teil, aber wir denken, dass es autonom sein sollte – im Geist der
anfänglichen unabhängigen Aktionen. Jeder Arbeiter sollte die
Möglichkeit haben, Mitglied des Streikkomitees zu sein. Das und nicht
die Gewerkschaftsmitgliedschaft sollte zählen.

DYMOS. Die Arbeiter bei Dymos stehen einem größeren Problem gegenüber.
Über sie gibt es kaum Informationen. Wir wissen nicht, wie sie auf die
Ankündigung der Streichung der Zulagen und des Einfrierens der Löhne
reagiert haben. Wir wissen nicht einmal, ob es Kontakte zwischen den
Arbeitern bei Hyundai und Dymos gibt. Die Forderungen der Gewerkschaft
erwähnen Dymos nicht. Wenn die Hyundai Arbeiter für sie einstünden, wäre
es sicherlich ein großes Zeichen von Solidarität und zukünftiger Stärke.

SOLIDARITÄT!

Was können all diejenigen tun, die nicht bei Hyundai oder Dymos
arbeiten, außer viel Stärke und einen erfolgreichen Ausgang zu wünschen?
Hier sind einige kleine Vorschläge:

– Drückt eure symbolische Unterstützung im Diskussionsforum der Arbeiter
oder an anderen Stellen in den Medien aus.

– Bittet Arbeiter in Subunternehmen ihre Solidarität individuell oder
als Gruppe auszudrücken. Einige tschechische Firmen findet ihr bei
http://www.hyundai.phorum.cz/viewforum.php?f=24

- Informiert FreundInnen und Bekannte zu Hause und im Ausland über diese
Kämpfe, besonders die, die in der Automobilindustrie arbeiten.

- Wenn bei euch gerade gestreikt wurde oder sich ein Streik abzeichnet,
könntet ihr die Erfahrungen, die Vor- und Nachteile mit anderen
diskutieren und was ihr anders machen würdet, wenn ihr erneut in so
einer Situation wärt.

Priama akcia
Slowakische Sektion der Internationalen Arbeiter Assoziation
www.priamaakcia.sk

Online-Forum der ArbeiterInnen bei Hyundai:
http://www.hyundai.phorum.cz/

[Quelle: http://www.fau.org/artikel/art_091208-222621]


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