(de) Schwarze Wurzeln schlagen - über die Karakök Autonome türkei/schweiz (en, tr)
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Thu Aug 6 19:28:54 CEST 2009
Im Mai 2007 sammelten sich AnarchistInnen in Istanbul erstmals unter dem
Namen „Karakök Autonome“. Aufgrund des engen politischen und
freundschaftlichen Austauschs mit den dortigen GenossInnen, beschlossen
in der schweiz aktive AnarchistInnen, diesen Namen zu übernehmen.
„Karakök“ bedeutet „Schwarze Wurzel“ und signalisiert einerseits das
libertäre Spektrum, in welchem wir uns bewegen, als auch die Art und
Weise, wie wir dies tun: wie ein dezentrales Wurzelgeflecht, nicht
gestützt auf einen einzelnen Stamm oder eine Wirbelsäule, sondern
geflechtartig zusammenhängend, gemeinsam stützend und verschiedenartige
Strukturen hervorbringend: Äste, Blätter, Blüten.
Wie sind wir organisiert?
Wir verstehen uns nicht als Organisation nach klassischem Verständnis,
sondern als ein Zusammenschluss von Individuen, die im Willen zur
Kollektivität handeln. Die AktivistInnen unserer Gruppe vertreten keine
einheitliche starre Denkweise oder Ideologie: unser gemeinsamer Nenner
besteht darin, dass wir Herrschafts- und Machtstrukturen jeglicher Art
ablehnen und für eine freie Welt kämpfen, für ein selbstverwaltetes,
verantwortungsvolles und offenes Miteinander Aller. Gewisse gemeinsame
Ziele oder Ansichten gibt es durchaus (auf die untenstehend näher
eingegegangen wird), sie kamen jedoch in gemeinsamen Diskussionen oder
durch gelebte Praxis auf und wurden nicht von einem “führenden Zentrum”
als Programmpunkte aufgesetzt.
Die Karakök Autonome “gehört” niemandem, sie dient einzig und allein der
Vernetzung und Organisierung zum Zweck, effektiver Veränderungen zu
bewirken. Jede und jeder kann innerhalb dieses Namens frei den
libertären Grundgedanken auf welche Art auch immer unterstützen, ohne
dass alle anderen dies absegnen müssen. Niemand hat das Recht, über
jemand anderen zu entscheiden, sie oder ihn zu führen oder zu
kontrollieren. Auch ob und inwiefern man/frau Aktionen unterstützen
will, ist jedem selbst überlassen und findet nicht auf Verpflichtung,
sondern auf einer freiwilligen Ebene statt.
Wir handeln im Bewusstsein, bestehende, der Gesellschaft auferzwungene
Strukturen über Bord zu werfen, und dabei nicht nur für die Zukunft
Neues zu wünschen, sondern Neues bereits in unserem Weg dahin
umzusetzen. Unser Widerstand gegen Herrschaft und Autorität kann nicht
auf Regierungsstrukturen beschränkt werden, denn auch wir selbst sind
Teil dieser Strukturen. Während unseres Widerstandes sollten wir daher
das in uns verankerte System nicht ausser acht lassen, wenngleich sich
dies oftmals als schwieriger erweist.
Dass wir Menschen sind, die einen gemeinsamen politischen Namen
benutzen, heisst nicht, dass wir gleich denken müssen, um gemeinsam an
einem Strang ziehen zu können, im Gegenteil: je mehr unterschiedliche
Farben und Sichtweisen zusammenkommen, umso wirksamer kann die
revolutionäre Bewegung neue Alternativen hervorbringen. Erst wenn jeder
Mensch frei seine Individualität nach aussen tragen kann und nicht
Mitglied einer lähmenden “Herde” sein muss - ohne dass dies jedoch
Egoismus, fehlende Rücksichtnahme oder das Hervortreten von
Führungsstrukturen bedeutet, sondern vielmehr Selbstverantwortung, ein
kollektives und respektvolles, autonom organisiertes Miteinander ohne
Machtstrukturen- erst dann können wir nicht nur von freien Individuen,
sondern von einer freien Gesellschaft, einer freien Welt als Ganzes
sprechen. Gerade eine funktionierende, autonome Kollektivität trotz all
unseren Eigenheiten und unterschiedlichen Ansichten stellt doch die Welt
dar, die wir uns wünschen. Indem wir bereits jetzt diese Welt in unseren
Köpfen, in unserem Handeln und in unseren Umgangsformen erschaffen,
entwickeln wir uns nicht nur politisch, sondern auch auf
zwischenmenschlicher Ebene weiter und bauen dadurch Stück für Stück am
praktischen Funktionieren einer Welt ohne kapitalistisch, feudal,
patriarchalisch, religiös oder bürgerlich aufdiktierte Strukturen.
Ein weiterer Konsens besteht darüber, dass die Erschaffung von Helden
und Idolen uns unweigerlich zu Populismus und Hierarchien sowie zur
Lähmung eigenständigen Denkens führt. Die anarchistische Theorie kann
niemandem “gehören”; sie entstand direkt aus dem Leben heraus und dient
dazu, wieder ins Leben zurückzufliessen. Auch wenn Theorien wichtig sind
zum Verständnis der Geschichte und der Gegenwart, so wird uns doch ein
praktisches Handeln, welches sich einzig und allein an ihnen orientiert,
nach rückwärts bewegen. Was uns weiterbringt, ist das scharfe Beobachten
der Gegenwart, ihre Analyse und Lösungsansätze. Wir haben es uns daher
zum Ziel gesetzt, eigenständig und frei von starren Denkstrukturen die
aktuelle Situation zu beobachten und mit unserem Widerstand im Heute und
im Morgen anzusetzen, direkt bei allen Hürden, die sich uns reell stellen.
Was machen wir?
Wir beteiligen uns an den unterschiedlichsten Kämpfen innerhalb des
libertär-revolutionären Spektrums, sei es in Arbeitskämpfen, Öko- und
Anti-Kriegs-Aktivitäten, Jugend-, Frauen- oder Queer-Bewegung. Auf der
lokalen Ebene greifen wir aktuelle ortsspezifische Problematiken auf. Es
kommt durchaus vor, dass wir uns hier in der schweiz auf ein bestimmtes
Thema konzentrieren und die GenossInnen in der türkei mit einem völlig
anderen. Oftmals stellen wir jedoch fest, dass sich diese sich zwar in
ihren Symptomen unterscheiden, jedoch auf derselben Grundlage einer
kapitalistischen, Hierarchien fördernden Welt voller Regeln, Zwänge,
staatlicher Kontrolle und Repression basieren. Dies kann sich
beispielsweise in Istanbul durch die Ermordung von Transsexuellen
äussern, in Zürich hingegen in der Vereinnahmung der Queer-Bewegung
durch den Staat und damit ihre Kontrolle und Schwächung. Beiden liegt
eine intolerante und repressive Struktur zugrunde, obschon sie sich
kulturell unterschiedlich manifestiert.
Grossen Wert legen wir auf gegenseitige solidarische Unterstützung mit
GenossInnen anderer Regionen. Wir arbeiten antinational mit
anti-autoritären Gruppen und Netzwerken aus diversen Ländern zusammen.
2008 wurden Delegierte der Karakök Autonome aus der türkei und der
schweiz an den 8. Kongress der IFA (Internationale der Anarchistischen
Föderationen) eingeladen. Zum ersten Mal in der Geschichte der IFA waren
somit AktivistInnen aus der türkei vertreten und berichteten über den
Kampf und die Anliegen der Anarchistischen Bewegung im anatolischen
Gebiet. Im Januar 2009 nahmen wir als Delegierte am diesjährigen Treffen
der CRIFA (Kommission für Internationale Beziehungen der IFA) in
Strasbourg teil.
Karakök Autonome türkei: In Istanbul nahmen wir 2008 und 2009 gemeinsam
mit weiteren anarchistischen Organisationen an der 1. Mai-Plattform teil
und demonstrierten als solche in Taksim. Nach der Ermordung der
italienischen Friedensbotschafterin Pippa Bacca initiierten wir in der
türkei gemeinsam mit weiteren Gruppen die Kampagne “Biz erkek degiliz”
(“Wir sind keine Männer”), welche mit verschiedenen Aktionen das
patriarchalische Männerbild anfocht. Desweiteren riefen wir zur Gründung
einer Anatolischen Anarchistischen Föderation auf und führten mehrere
Vorbereitungssitzungen durch, an welchen anarchistische Organisationen
diverser Regionen teilnahmen. In Istanbul organisierten wir ein
Symposium zum Thema “Sexualität und Revolution” sowie Filmtage. Im Süden
der türkei planen wir ein alternatives Lebens- und Kulturprojekt, dessen
Vorbereitungen im Gange sind. Wir nahmen an mehreren Demos und Treffen
teil im Rahmen der Kampagne “Kardesime Dokunma” (eine Kampagne gegen
staatliche Gewalt) und solidarisierten uns mit antimilitaristischen
Aktivitäten und Militärdienstverweigerern.
Karakök Autonome schweiz: Ende Oktober 2008 nahmen wir an den
kulturellen und praktischen Aktivitäten der „Anarchiewoche“ in Zürich
teil, welche von den „Zürcher AnarchistInnen“ organisiert wurde. Im
November 2008 organisierten wir gemeinsam mit einer weiteren Gruppe eine
Anti-AKW-Demo in Zürich und in München beteiligten wir uns anfangs 2009
im „Aktionsbündnis gegen die NATO-Sicherheitskonferenz“ und
unterstützten aktiv die Anti-NATO-Aktivitäten. Die „Feministische
Aktion“ der schweizer Sektion nahm am FrauenLesbenTreffen in Wien (April
2009) teil und veranstaltete dort u.a. einen Workshop zu neuen Ansätzen
und Wirkungsweisen im Anarchafeminismus. Am 1. Mai 2009 marschierten wir
in Basel innerhalb des Revolutionären Bündnisses und schlugen ein
gemeinsames Transpi auf mit der Villa Rosenau und den Kurdischen
Militärdienstverweigerern. Anschliessend öffneten wir im Zürcher
Zeughausareal gemeinsam mit den Zürcher AnarchistInnen und der IWW
unsere 1.Mai-Stände. An den StudentInnenprotesten an der Uni Zürich
(April/Mai 2009) gegen eine von Konzerninteressen abhängige und
ökonomisch orientierte universitäre Bildung beteiligten wir uns aktiv.
Im Juni 2009 organisierten wir in Zürich innerhalb des Aktionsbündnisses
die Demonstration “Festung Europa stürmen” mit, die am Internationalen
Flüchtlingstag stattfand. Während der Demo spannten wir mit den Zürcher
AnarchistInnen und der Tierrechtsgruppe Zürich ein gemeinsames Transpi
auf. Desweiteren sind wir auf Radi LoRa mit einem monatlichen Programm
auf Sendung, das wir zweisprachig (türkisch/deutsch) durchführen sowie
hauptsächlich als Info-Plattform für die anarchistische und die breite
revolutionäre und alternative Bewegung weltweit nutzen.
Nebst den praktischen politischen Aktionen legen wir Wert darauf, die
eigene anti-autoritäre und freiheitliche Haltung auch im Alltag
praktisch umzusetzen, sei es in familiären, freundschaftlichen oder
Liebesbeziehungen, in Arbeits- oder Bildungsverhältnissen, in
ökonomischen Beziehungen oder in unserem Verhältnis zu materiellen
Besitztümern. Was eine von oben diktierte politische Revolution nützt,
solange die soziale, psychologische und kulturelle Grundlage nicht dafür
bereit ist, hat uns die Geschichte leider gezeigt. Auch hat uns die
Geschichte gezeigt, dass alleinige soziokulturelle Bewegungen ohne die
Einbindung in einen politischen, ökonomischen und ökologischen Kontext,
langfristig genausowenig zu ändern vermag. Daher sollten wir beiden
Seiten mindestens den gleichen Stellenwert zollen.
Das Leben ist überall. Es zu befreien, liegt in unseren eigenen Händen.
Lasst uns in unseren Köpfen und Herzen damit beginnen!
“Isyan! Devrim! Anarsi!” – “Widerstand! Revolution! Anarchie!”
Unsere deutschsprachigen Texte:
Anarchismus in der Türkei
Militarismus & Patriarchat
Anarchafeminismus & Militärverweigerung – Zwei Widerstandsformen gegen
Militarismus, Nationalismus und Patriarchat
8. März Frauenkampftag
Feminismus in der türkei
Das Klima & wir
Über die Atomenergie
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