(de) Autonom-Feministisches FrauenLesbenTreffen

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Tue Apr 21 10:05:29 CEST 2009


Vom 9.-14. April fand das Autonom-Feministische FrauenLesbenTreffen in
Wien statt. Frauen aus unterschiedlichsten Ecken dieser Welt kamen
zusammen, um sich selbstorganisiert zu vernetzen, zu diskutieren,
Erfahrungen auszutauschen, Perspektiven zu entwickeln und sich
politisch zu organisieren. In Workshops diskutierten wir über
spezifische Themen betreffend Sexismus, Rassismus, Kapitalismus,
Patriarchat, Religion, Homophobie. Es wurde über die Situation in
verschiedenen Ländern informiert, es wurden Filme gezeigt, Kurse
durchgeführt und praktische Fertigkeiten trainiert, es wurde gemeinsam
diskutiert, debattiert, gekocht, gegessen, gedolmetscht, gelacht und
getanzt. Als Frauen der Karakök Autonome tr/ch ? Feministische Aktion
führten wir eine Infoveranstaltung zum Thema ?Anarchafeminismus &
Militärverweigerung ? Widerstand gegen Patriarchat und Nationalismus?
durch. Da wir viel Wert darauf legen, den sexuell orientierten mit
weiteren Formen des Widerstandes (politisch, ökonomisch, ökologisch,
soziokulturell) zu vervollständigen, genossen wir insbesondere den
fruchtbaren gegenseitigen Austausch und die Vernetzung mit politisch
motivierten Frauen aus verschiedenen Ländern. Zwischen den
Teilnehmerinnen des Treffens gab es Frauen, die offenlegten, nur ihre
sexuelle Identität thematisieren zu wollen; andere wiederum erwogen
das Treffen als eine Möglichkeit, offen die eigene Homosexualität
ausleben zu können, ohne angestarrt oder angegriffen zu werden. Andere
wollten den politischen Widerstand als Grundlage für die
geschlechtspezifische Situation der Frauen nehmen und wieder andere
nutzten das Treffen dazu, um sich Infos aus anderen Ländern zu
beschaffen, z.B. für Zeitschriften oder Radioprogramme. Interessant
war, wie sich die Interessensgebiete auf natürliche Art und Weise
aufteilten, ohne dass es dabei zu Konflikten kam. Da die Workshops und
Aktivitäten spezifische Schwerpunkte behandelten, zogen sie
entsprechend diejenigen Frauen an, die an diesem Schwerpunkt
interessiert waren. Dadurch fanden gleichgesinnte Frauen zwischen den
Anwesenden rasch zusammen und konnten intensiv auf ihre jeweiligen
Interessensgebiete eingehen. Die unterschiedlichen Ansichten führten
aber keineswegs zu Reibereien, sondern konnten alle frei zur Geltung
kommen, ohne sich gegenseitig zu behindern. Diese Tatsache zeigte sich
insbesondere an der Demonstration am Sonntagvormittag, welche den
kämpferischen Höhepunkt des Treffens bildete. Die Demo begann am
Stephansplatz vor dem Dom und passend zu Ostern thematisierten wir die
Unterdrückung der Frau durch Religion und Patriarchat. Als
Karakök-Frauen hielten wir eine Rede zum Thema Befreiung der Frau und
des Individuums, Verweigerung der Institution ?Familie? und Ablehnung
einer reformistischen Gleichstellungspolitik. Wir wollen kein Stück
des von Anfang an verdorbenen Kuchens, sondern wollen uns selber sein:
als Frauen, als Menschen, als Individuen! Die Reden sowie die
unterschiedlichen Transparente zeigten auf, dass wir (so
unterschiedlich und individuell, wie Menschen eben nun einmal sind)
unterschiedliche Meinungen vertraten und teilweise auch
unterschiedliche Anliegen hatten. Trotzdem unterstützen alle einander.
Parolen wurden leidenschaftlich mitgerufen, unabhängig von der
jeweiligen Ausrichtung oder Sprache. Die gelebte Praxis vereinte uns
stärker, als es theoretische Diskussionen je hätten tun können. Sie
stärkte das Bewusstsein aller darüber, dass unser Kampf antinational
ist und war ein Beispiel für gelebte Solidarität, Toleranz und
Bewahrung der eigenen Individualität. Die Demo verlief entschlossen
und kämpferisch und sorgte für Aufsehen unter Einheimischen und
TouristInnen: viele sprachen uns an und interessierten sich für unsere
Anliegen,  andere fotografierten uns, es gab aber auch solche, die
unser Anliegen nicht positiv auffassten. Bei allem Kampfgeist war die
Demo jedoch nicht bierernst und wir hatten sehr viel Spass an der
Sache: wir riefen Parolen, liessen uns durch die Bullen nicht
einschüchtern, die uns den Platz einengen wollten, wir schrien unsere
Wut hinaus, wir lachten, tanzten und bildeten einen riesigen Kreis,
indem wir uns alle an den Händen hielten. Es gab zwei
aufsehenerregende Kuss-Aktionen und schliesslich demonstrierten
Frauen, was sie vom System halten, indem sie auf einer Wiese am
Stephansplatz (wo Hitler 1938 eine bedeutende Rede gehalten hatte) die
Hosen runterliessen und ungehemmt drauflos pissten.

Auch hier wurden unterschiedliche Meinungen akzeptiert: Frauen, die
nicht küssen oder pissen wollten, wurden ebenso von den jeweils
anderen akzeptiert, wie umgekehrt. Ob kurzhaarig oder langhaarig, ob
homo oder hetero, ob enthaart oder behaart, ob radikalfeministisch
oder anarchafeministisch, ob Arbeiterin oder Studentin, ob extro- oder
introvertiert: während des Treffens durfte jede so sein, wie sie
wollte. Entgegen des indoktrinierten Musters, das Patriarchat und
Kapitalismus in unser aller Köpfe verankert haben, und entgegen aller
Versuche, Frauen gegeneinander aufzuhetzen und untereinander zu
spalten, ist es also durchaus möglich, dass Frauen einander
respektieren, tolerieren, zusammenstehen, und dabei trotzdem ihre
individuelle Position vertreten ? so wünschen wir uns die Gesellschaft
und das friedliche, bunte Zusammenleben aller Menschen und Lebewesen
auf dieser Welt! Das Einzige, was wir am Treffen vermissten, war die
Diskussion aktueller Themen anstelle allgemeiner, theoretischer
Inhalte. Viele Probleme bestimmen die aktuelle Tagespolitik und wirken
sich auf uns Menschen aus, und damit auch auf uns Frauen. Diese wurden
jedoch von den meisten Teilnehmerinnen kaum bis gar nicht
thematisiert. Fairerweise muss man anmerken, dass diese Tendenz nicht
spezifisch für die feministische Bewegung ist, sondern im gesamten
revolutionären Spektrum weit verbreitet ist. Da der Kapitalismus
intensiv nach vorwärts blickt und unaufhörlich Pläne für die vor uns
liegenden Jahre bis Jahrzehnte schmiedet, ist es unabdingbar, dass wir
noch viel stärker nach vorne blicken und analysieren, wohin sich das
aktuelle System, die Menschen und die Natur entwickeln. Wir müssen
alle bestehenden Theorien über Bord werfen und sie aus unseren Köpfen
löschen, damit wir die Gegenwart scharf und unvoreingenommen
beobachten können. Veraltete Theorien sind nicht mehr gültig und
behindern uns im Vorwärtskommen. Wir durchleben aktuell eine Epoche
von Erneuerungen des bestehenden politischen Systems. Der Kapitalismus
erfindet sich neu und stärkt sich. Es gilt nun aufzudecken: welche
Strategien benutzt der Kapitalismus, um sich ein neues Gesicht zu
verschaffen? Was sind die Probleme, aber auch die Wünsche und
Sehnsüchte der Menschen? Mit welchen Methoden werden Menschen heute
manipuliert? Wie ist die spezifische Situation der Jugend und worin
unterscheidet sie sich von vorherigen Generationen?  Wie werden
Menschen ans bestehende System gekettet? Wovor haben Menschen Angst?
Was sind aktuelle geschlechtsspezifische Probleme von Frauen und
Männern? Welche neuen Probleme tauchen in zwischenmenschlichen
Beziehungen auf und wie versuchen die Menschen, sie zu bewältigen? Wie
verändert sich unser Körper unter Angesicht der ökonomischen und
ökologischen Umstände? Welches sind unsere Bedürfnisse und welche
davon wurden künstlich erzeugt? Nur, wenn wir möglichst viele Bereiche
des Lebens beobachten und praktisch an ihnen teilhaben, generationen-
und schichtenübergreifend denken und leben, können wir sehen, welche
Entwicklung die Gegenwart nimmt und nur so können wir an
wirkungsvollen Alternativen arbeiten. Das System ist abhängig von uns
und kann nur dadurch funktionieren, dass wir mitmachen. Wir besitzen
daher eine grosse Kraft: benutzen wir sie hier und jetzt ? als Frauen,
als Menschen, als Individuen!

Karakök Autonome türkei/schweiz - Feministische Aktion


More information about the A-infos-de mailing list