(de) Münster: Paul Wulf Skulptur - Denkmal für einen

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Wed Jun 20 20:47:34 CEST 2007


Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 320, Monatszeitung für eine gewaltfreie, 
herrschaftslose Gesellschaft, 36. Jahrgang, Sommer 2007, www.graswurzel.net --- 
Ein Denkmal für einen Anarchisten --- Die Lebensgeschichte und 
gesellschaftspolitische Arbeit des libertären Antifaschisten Paul Wulf wird 
gewürdigt Öffentliche Plätze und Straßen werden oft nach historischen 
Persönlichkeiten benannt. Durch die Auswahl der so geehrten Personen 
demonstriert eine Stadt, wen und was sie als ehrwürdig ansieht. --- Im 
westfälischen Münster ist der größte Platz nach Paul von Hindenburg benannt, 
einem Revanchisten, der den Ersten Weltkrieg einmal wie folgt --- kommentierte: 
„Der Krieg bekommt mir wie eine Badekur.“ Die Universität dieser 
Stadt trägt den Namen eines Judenhassers und Imperialisten, der den Ersten 
Weltkrieg mitverschuldete: Kaiser Wilhelm II.

Viele Straßen in der katholischen Provinzmetropole sind Militaristen und 
„Kriegshelden“ wie Manfred von Richthofen, Maximilian Graf von Spee 
und Otto Weddingen gewidmet.

Eine Straße, die an den Münsteraner Antimilitaristen Paul Wulf erinnert, sucht 
man dagegen vergebens.

Dabei war Paul Wulf eine herausragende Persönlichkeit des Antifaschismus.

Paul Wulf – ein Kämpfer für soziale Gerechtigkeit Der am 2. Mai 1921 
geborene Paul Wulf verstand sich als Anarchist und Kommunist. Er war ein extrem 
humorvoller Mensch und leidenschaftlicher Blasphemiker, er liebte das 
revolutionäre Pathos und konnte sich über herrschaftskritische und 
antiklerikale Späße wie ein Kind freuen.

Seine Waffe war das kritische und entlarvende Wort. Sein Ziel war ein 
freiheitlicher Sozialismus, eine herrschaftsfreie Gesellschaft.

Paul Wulf verstarb am 3. Juli 1999 im Alter von 78 Jahren.

Paul Wulf – das Arbeiterkind

Paul Wulf wuchs mit seinen drei Geschwistern in proletarischen Verhältnissen auf.

Sein Vater war in den Jahren 1921 bis 1928 im Ruhrbergbau in der Zeche 
Ernestine in der Kokerei beschäftigt, wo seine Gesundheit angegriffen wurde.

Es war die Zeit zwischen der Inflation und der Weltwirtschaftskrise 
(1923-1930), die Zeit der Weimarer Republik.

So formulierte Paul Wulf: „Die Regierung Severing (SPD) tat [so], als ob 
sie die Interessen der Arbeiter vertreten würde, [sie] war schon damals – 
so möchte ich sagen – der Folterknecht der arbeitenden Bevölkerung.“

Zwangssterilisation

Angesichts ihrer materiellen Not gaben seine Eltern ihn 1928 schweren Herzens 
in die Obhut des katholischen St. Vincent-Heims in Cloppenburg.

1932 wurde er in die jugendpsychiatrische „Idiotenanstalt“ nach 
Marsberg verlegt.

Hier lebten aufgrund fehlender Heimplätze gesunde und „kranke“ 
Kinder unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammen. Sie waren den 
Anstalts-„Ärzten“ und ihren „rassen-hygienischen 
Maßnahmen“ ausgesetzt.

1937 stellten Paul Wulfs Eltern einen Entlassungsantrag.

Der Anstaltsleiter teilte ihnen mit, dass dem Antrag aufgrund von Pauls 
„angeborenen Schwachsinn ersten Grades“ nur in Verbindung mit der 
Sterilisation zugestimmt werden könne. Um ihr Kind vor der Vergasung zu retten, 
stimmten die Eltern der Zwangssterilisation zu.

Der 12. März 1938, der Tag, an dem Österreich dem Deutschen Reich 
„angeschlossen“ wurde, war der traumatischste Tag seines Lebens. An 
diesem Tag wurde Paul Wulf im Paderborner Landeskrankenhaus zwangssterilisiert.

Noch keine 17 Jahre alt, wurde er Opfer des von den Nazis am 14. Juli 1933 
verabschiedeten „Erbgesundheitsgesetzes zur Verhütung erbkranken 
Nachwuchses“.

Dieser brutale Eingriff veränderte sein Leben und machte ihn zu einem 
unermüdlichen Antifaschisten.

Antifaschistischer Widerstand und Aufklärungsarbeit Nach seiner Entlassung aus 
der Anstalt in Niedermarsberg arbeitete Paul Wulf während des Zweiten 
Weltkrieges gegen das Nazi-Regime. Er konspirierte mit Kriegsgefangenen, gab 
Informationen an sie weiter und verübte kleinere Sabotageaktionen.

Den Einmarsch der Alliierten erlebte er als Befreiung. Doch er musste schon 
bald sehen, dass viele der alten NS-Schreibtischtäter auch im „neuen 
Deutschland“ Schlüsselpositionen besetzten und gesellschaftliches Ansehen 
genossen, während er aufgrund seiner offen ausgesprochenen sozialrevolutionären 
Gedanken selbst in Zeiten der Vollbeschäftigung arbeitslos und arm war.

Nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ kämpfte Paul Wulf 
beharrlich für politische Aufklärung und für eine Entschädigung.

1950 verkündete das Amtsgericht Hagen:

„Der Antragsteller hat sich offenbar spät entwickelt und die Entwicklung 
ist für ihn günstig verlaufen, so daß die Diagnose ‚angeborener 
Schwachsinn’ nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.“ Das gleiche 
Gericht lehnte Paul Wulfs Schadensersatzanspruch zynisch ab:

„Erfahrungsgemäß behaupten die Betroffenen, durch die Unfruchtbarmachung 
körperliche Schäden, die zur Arbeitsunfähigkeit oder Arbeitsbehinderung geführt 
haben sollen, erlitten zu haben. Die Erfahrung des Wiederaufnahmegerichts 
lehrt, daß diese körperlichen Schäden durchweg simuliert werden.“ Erst 
1979 gab ihm das Sozialgericht Münster Recht und verurteilte die 
Landesversicherungsanstalt zur Zahlung einer bescheidenen Erwerbsunfähigkeitsrente.

Durch seine juristische und politische Hartnäckigkeit wurde Paul Wulf zur 
Stimme der ca. 400.000 im nationalsozialistischen Deutschland 
zwangssterilisierten Menschen.

Ohne sein öffentliches Engagement wäre wohl auch die 1981 vom Bund bewilligte 
einmalige Entschädigungszahlung in Höhe von 5.000 DM an die noch lebenden 
Zwangssterilisierten nicht zustande gekommen.

Wie kein anderer in Münster hat Paul Wulf faschistische Strukturen aufgedeckt 
und die Biografien von Menschen verfolgt, die im „Dritten Reich“ 
als NSDAP-Schreibtischtäter aktiv waren und dann nach dem Krieg eine 
reibungslose Karriere gemacht haben.

So machte er sich viele Feinde, weil er als Ergebnis seiner Recherchen zum 
Beispiel die Nazivergangenheit des Münsteraner Professors Dr. Otmar Freiherr 
von Verschuer dokumentierte und dessen NS-Schriften zugänglich machte.

Verschuer war Leiter der „Zwillingsforschung“. Sein bekanntester 
Schüler war der KZ-Arzt Josef Mengele, der im KZ Auschwitz-Birkenau für 
Verschuers Forschung Menschen mit Krankheitserregern infizierte und die Proben 
an ihn sandte.

Ab 1951 war Verschuer Professor für Humangenetik und erster Lehrstuhlinhaber 
des neu gegründeten Institut für Humangenetik an der Westfälischen Wilhelms 
Universität (WWU) Münster, zeitweise auch Dekan der Medizinischen Fakultät. Bis 
zu seinem Tod am 8. August 1969 blieb er ein hoch angesehener Bürger seiner Stadt.

Paul Wulf recherchierte täglich in Staatsbibliotheken und diversen Archiven. 
Immer auf der Suche nach Material, das er für seine zahlreichen 
antifaschistischen Ausstellungen nutzen konnte. Die Themen seiner heute 
teilweise in der Bildungsstätte Villa ten Hompel zugänglich gemachten 
Schautafeln sind, neben Euthanasie, auch die Situation der Frauen, der 
Jugendlichen und der Sinti und Roma im NS-Staat.

Bei der Zusammenstellung seiner Ausstellungen verstand er es – inspiriert 
durch die Arbeiten des Dadaisten John Heartfield und des libertären 
Antimilitaristen Ernst Friedrich –, in Collagenform Zusammenhänge zu 
verdeutlichen.

Nicht viele Menschen haben sich so intensiv mit den Themen Euthanasie und 
Zwangssterilisation beschäftigt wie Paul Wulf.

Er war Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und 
engagierte sich zeitweise in der ab 1956 verbotenen KPD. Doch die 
Kaderkommunisten waren ihm, dem lebensfrohen Freidenker und Anarchisten, bald 
zu hierarchisch, zu „revisionistisch“, zu autoritär, zu stalinistisch.

Er blieb ein undogmatischer, linker Einzelkämpfer. Kaum eine Hausbesetzung, 
kaum ein alternatives Straßenfest, kaum eine Anti-Atom-,

Anti-Kriegs- oder Antifa-Demonstration, an der er nicht teilnahm. Noch kurz vor 
seinem Tod engagierte er sich gegen den NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien.

Regelmäßig besuchte er das Umweltzentrum in der Scharnhorststraße, um zu 
diskutieren, im Umweltzentrum-Archiv zu stöbern und alternative Zeitungen zu lesen.

Egal wo man ihn gerade traf, aus seiner legendären Aktentasche zauberte er 
immer wieder seine neuesten Funde, spannende Bücher oder Kopien, die er bei 
seinen Touren durch die Archive und Buchläden entdeckt hatte.

Das Bundesverdienstkreuz für einen Anarchisten Anfang der 1990er Jahre setzten 
sich der damalige ESG-Pfarrer Werner Lindemann und andere Demokratinnen und 
Demokraten, die Paul Wulf nahe standen, dafür ein, dass er das 
Bundesverdienstkreuz bekommen solle. 1991 war es soweit: Der Sozialrevolutionär 
und Staatskritiker Paul Wulf erhielt für seine antifaschistische Bildungsarbeit 
das Bundesverdienstkreuz.

Die Verleihung war für ihn eine zwiespältige Sache. Er hatte überlegt, den 
Orden abzulehnen, weil er meinte, dass „so viele schlechte Menschen, so 
viele Nazis diese Auszeichnung gekriegt“ haben.

Paul Wulf hat seine Ideale nie verraten. Er war ein Menschenfreund, ein 
liebenswerter Hand- und Kopfarbeiter mit Herz, ein schwieriger, bisweilen 
chaotisch und skurril wirkender, aber wunderbarer Mensch.

Wenn er mit Menschen geredet hat, nahm er oft ihre Hände und schaute ihnen tief 
in die Augen. Und seine Augen waren auch im Alter die eines Siebzehnjährigen. 
Seine Seele war jung geblieben, bis zu seinem Tod war er ungebrochen, sehr 
lebendig und kämpferisch.

Der Freundeskreis Paul Wulf

Seit der gemeinsam organisierten Trauerfeier im Juli 1999 trifft sich der 
Freundeskreis Paul Wulf, produziert Publikationen und führt Lesungen und 
Gedächtnisveranstaltungen durch.

Intention der Gruppe ist es, Paul Wulfs Nachlass aufzuarbeiten und der 
Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im April 2007 hat der Freundeskreis das 
Buch „Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrie, 
Zwangssterilisierung und Widerstand“ im Verlag Graswurzelrevolution 
herausgegeben.

Nun engagiert er sich für eine Umbenennung des Münsteraner 
„Jötten-Wegs“ in „Paul Wulf Weg“.

Der Jötten-Weg ist benannt nach einem NS-Rasseforscher, der nach 1945 
unbehelligt an der Uni Münster weiterarbeiten konnte. Karl Wilhelm Jötten war 
von 1924 bis zu seinem Tod 1958 Direktor des Münsteraner Instituts für Hygiene. 
Seine wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Gewerbehygiene hat ihm 
Ehrungen eingebracht. Er bekam das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Die Deutsche Akademie der Naturforscher zeichnete ihn mit der 
Cothenius-Medaille aus. Bis vor kurzem genoss Jötten in Münster einen guten Ruf.

„Dass er der eugenischen und rassenhygienischen Forschung an der 
Universität Münster bis 1945 wie kaum ein anderer Vorschub leistete, wird 
mithin gerne übersehen“, schreibt Jan Nikolas Dicke in seiner 
Examensarbeit (Weißensee-Verlag 2004). Dickes Dissertation belegt, dass Jötten 
menschenunwürdige Praktiken mit seiner akademischen Autorität legitimierte.

AntifaschistInnen haben der Forderung nach Umbenennung des Jötten-Wegs durch 
eine direkte gewaltfreie Aktion Nachdruck verliehen. Das Straßenschild wurde 
überklebt, wo zuvor „Karl Wilhelm-Jötten-Weg“ stand, steht nun 
„Paul-Wulf-Weg“.

Auch die Chancen für eine offizielle Umbenennung des Jötten-Wegs in 
Paul-Wulf-Weg stehen nicht schlecht. Der öffentliche Druck auf die 
Verantwortlichen wächst.

Im Mai 2007 informierten die Frankfurter Rundschau, die Münstersche Zeitung 
(MZ) und die Westfälischen Nachrichten (WN) über den „Fall Jötten“.

Am 6. Juni berichtete die MZ über die Umbenennungsinitiative des Paul 
Wulf-Freundeskreises.

Ein Denkmal für einen Widerstandskämpfer Vom 17. Juni bis zum 30. September ist 
in Münster die Skulpturenausstellung zu sehen. Sie gilt als „die 
wichtigste Freiluftschau der Gegenwartsplastik“ (DER SPIEGEL 21/07).

Das von der Frankfurter Künstlerin Silke Wagner in Zusammenarbeit mit der 
Graswurzelrevolution-Redaktion und dem Münsteraner Umweltzentrum-Archiv-Verein 
konzipierte Paul-Wulf-Denkmal, das während dieser „skulptur projekte 
07“ zu sehen sein wird, könnte die öffentliche Aufmerksamkeit auf das 
Leben des Zwangssterilisierten lenken.

Die Paul-Wulf-Skulptur aus Epoxid-Zement steht vor dem Stadthaus 1 im Zentrum 
Münsters. Sie ist 3,40 Meter hoch und trägt einen Mantel, der als Litfasssäule 
dient. Auf den Plakaten ist die Lebensgeschichte des Anarchisten mit Dokumenten 
und Texten skizziert.

Alle vier Wochen soll der Mantel neu plakatiert werden.

Dann werden zudem Artikel über die Geschichten der Münsteraner 
HausbesetzerInnenbewegung, der Anti-Atom-Bewegung, des Umweltzentrum-Archivs 
und der Kriminalisierung alternativer Medien dokumentiert. Ausführlichere 
Beiträge, viele Dokumente und Fotos zu diesen Themen sind außerdem zu finden 
auf der eigens eingerichteten

Internetseite: http://www.uwz-archiv.de

Durch seine Recherchen und sein Engagement in den sozialen Bewegungen sei Paul 
Wulf „selbst zu einer Art wandelnden Sammlung geworden“, so Silke 
Wagner.

Diese Eigenschaft möchte die Künstlerin mit ihrer „Mischung aus Denkmal 
und Display“ festhalten.

Ein Ziel des Projektes „Münsters Geschichte von unten“ ist es, 
Kunst und Politik zusammenzuführen und für die plakatierten Inhalte eine 
Öffentlichkeit zu schaffen. Soziale Probleme sollen zur Diskussion gestellt werden.

Vielleicht kann so auch zusätzlicher Druck auf die Verantwortlichen gemacht werden?

Damit die nach dem NS-Verbrecher Jötten benannte Straße verschwindet und 
stattdessen Paul Wulfs widerständiges Lebenswerk auch in Form eines 
Straßennamens gewürdigt wird.

Bernd Drücke

Weitere Informationen zu Paul Wulf

Veranstaltungen:

11. Juli 2007, 20 Uhr, Metropolis (ehemaliges Kino am Hauptbahnhof), 
Bahnhofstr., Münster: Münsters Geschichte von unten, Präsentation des 
Umweltzentrum Archiv e.V. im Rahmen der „skulptur projekte münster 
07“, u.a. mit der Künstlerin Silke Wagner und Bernd Drücke (GWR)

2. September 2007, 10.30 Uhr, Attac-Villa, Bahnhofstr. 6, Könnern:

„Lebensunwert?“, Film- und Buchpräsentation im Rahmen des

„35 Jahre Graswurzelrevolution“-Kongresses

Buch:

Freundeskreis Paul Wulf (Hg.): Lebensunwert? Paul Wulf und Paul Brune.

NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand, Verlag 
Graswurzelrevolution, Nettersheim 2007, 208 Seiten, ISBN 978-3-939045-05-2, 
14.90 Euro Neben Paul Wulf steht sein Freund Paul Brune (geb. 1935) im Zentrum 
dieses

Buches: Paul Brune wurde als „gemeingefährlicher, debiler 
Psychopath“ von 1943 bis 1957 zwangspsychiatrisiert. Er war der Gewalt 
von Anstaltsleitern, Ärzten und Ordensschwestern ausgeliefert. Mit Petitionen 
an den Landtag NRW kämpfte er um seine Rehabilitation. 2003, nach 60 Jahren, 
wurde er als eines der ersten Opfer der NS-Psychiatrie anerkannt.

„Bis in die 1970er Jahre hinein setzten sich in den Psychiatrien und 
Heimen die menschenunwürdigen Zustände der NS-Zeit fast ungebrochen fort, 
während die Täter als Ärzte oder Gutachter schnell neue Karrieren machen 
konnten.“ Dieses Buch spannt den Bogen von der NS-Ideologie 
„lebensunwerter“ Existenz bis hin zu ihrer aktuellen Renaissance in 
den Diskussionen um Menschenzucht und Sterbehilfe. Es basiert auf den Berichten 
der Betroffenen und zeichnet die Entwicklung der deutschen Psychiatrie vom 
„Dritten Reich“ bis in die 70er Jahre nach. Dokumentiert werden die 
langen, oft durch die früheren TäterInnen behinderten Kämpfe um Entschädigung, 
sowie die beeindruckenden, durch autodidaktisches Lernen erworbenen Kenntnisse 
von Paul Wulf und Paul Brune im Bereich der Archiv- und Dokumentationsarbeit. 
„Heimkinder, Psychiatrisierte und Zwangssterilisierte wurden von den 
Nazis als ‚lebensunwert’ stigmatisiert. Die gegen sie gerichtete 
Gewalt und ihre Bemühungen um Entschädigung rücken noch viel zu selten ins 
Blickfeld, wenn von Erinnerungspolitik für Opfer des Nationalsozialismus 
gesprochen wird.“

Broschüre:

Paul Wulf, ein Antifaschist und Freidenker. Beiträge von Paul Wulf, Robert 
Krieg, Anke Bruns, Klaus Dillmann, Bernd Drücke u.a., Graswurzelrevolution, 
Münster 1999, 52 DIN A4-Seiten (erhältlich nur noch

bei: www.anares.org)

Film:

Robert Krieg, Dagmar Wünneberg, Paul Wulf: Die nicht vorhersehbare 
Spätentwicklung des Paul W. Ein Film über die Folgen von Rassegesetzen und 
Zwangssterilisierungen im 3. Reich, BRD 1979, Videofilm halbzoll s/w, Länge ca. 
45 Min.

Dauerausstellung:

Im Rahmen einer Dauerausstellung zur Rolle der Ordnungspolizei im 
Nationalsozialismus ist Paul Wulf ein Ausstellungsraum gewidmet. Ort:

Villa ten Hompel, Kaiser-Wilhelm-Ring 28, Münster. Öffnungszeiten: Di. - Fr. 
10-16 Uhr, So. 14-18 Uhr. Infos: 0251/4927048

CD-Rom/Radiosendungen:

Radiosendungen auf CD: News Magazin: Bernd Drücke über Paul Wulf, gesendet am 
11.7.99, Moderation: Klaus Blödow; Paul Wulf – Portrait & Nachruf, 
gesendet am 31.7.99, Antje Schmidt-Schleicher im Gespräch mit Volker Pade, 
Walter Schopp, Norbert Eilinghoff, Andreas Balke und Willi Quiel. Preis: 5 
Euro, bei News Magazin, c/o Medienforum, Verspoel 7-8,

48143 Münster

Artikel über Paul Wulf (online):

Bernd Drücke: Erinnerung an einen Freund, in: GWR Nr. 243, Nov. 1999, 
http://www.paul-wulf.net/Druecke-1999.htm

Norbert Eilinghoff: Gedächtnisveranstaltung für Paul Wulf, in: GWR 245, Januar 
2000, http://www.graswurzel.net/245/wulf.shtml

Volker Pade: Paul Wulf – ein unermüdlicher Kämpfer für Gerechtigkeit, in: 
Schwarzer Faden Nr. 71, Mai 2000, http://www.paul-wulf.net/Nachruf.htm

Robert Krieg: „Ich lehre Euch: Gedächtnis!“ Eugenik, 
Zwangssterilisierungen im 3. Reich und die aktuelle Gentechnik-Debatte,

in: GWR 261, Sept. 2001, http://www.graswurzel.net/261/wulf.shtml

  Rezension aus: Graswurzelrevolution Nr. 320, Monatszeitung für eine 
gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 36. Jahrgang, Sommer 2007, 
www.graswurzel.net Ein starkes Buch, das wütend macht Lebensunwert? Paul Wulf 
und Paul Brune. NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand 
Buchbesprechung Freundeskreis Paul Wulf (Hrsg.): Lebensunwert? Paul Wulf und 
Paul Brune.

NS-Psychiatrie, Zwangssterilisierung und Widerstand, Verlag 
Graswurzelrevolution, Nettersheim 2007, 202 S., ISBN 978-3-939045-05-2, 14,90 Euro

Ein Ende der Beschäftigung mit den nationalsozialistischen, deutschen 
Menschheitsverbrechen steht schon deshalb nicht auf der Tagesordnung, weil es 
in vieler Hinsicht mit dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes gar keine Zäsur gab.

Die Eliten blieben weithin in ihren bequemen Chefsesseln (oder besetzten 
alsbald neue), mochte auch noch so viel Blut an ihren Fingern kleben.

Noch schlimmer aber ist, dass die Verbrechen selbst teilweise ohne Atempause 
weitergingen.

Dies war vor allem im Bereich der Psychiatrie der Fall.

Das hier zu besprechende Buch zeigt diesen Sachverhalt anhand von zwei 
individuellen „Fällen“ auf. Paul Wulf (1921-1999) und Paul Brune 
(geb. 1935) kommen in dem Band selbst zu Wort, und flankierend wird ihr Leben, 
ihr Leiden und ihr Kämpfen von FreundInnen und von HistorikerInnen dargestellt 
und analysiert.

Durch diese Herangehensweise ist eine sehr dichte, teilweise unheimlich 
beklemmende Beschreibung der biologistischen und ökonomistischen 
Menschenverachtung entstanden, die im „tausendjährigen Reich“ in 
entgrenzten (und zugleich beängstigend rationalisierten) Exzessen explodierte, 
die Jahrzehnte danach (und davor) aber ebenso prägte.

Gleichzeitig ist zu lernen, wie auch der totale Zugriff auf eine Person nicht 
total ist, sondern Chancen auf ein Entkommen bestehen bleiben.

Menschlichkeit kann sich auch dort noch zeigen, wo das Menschsein am 
radikalsten negiert und verweigert wurde.

Paul Wulf wurde 1938, nachdem er bereits zehn Jahre in verschiedenen Heimen 
aufgewachsen war, von einem „Erbgesundheitsgericht“ für 
„schwachsinnig“ erklärt und daraufhin zwangssterilisiert.

Dieses Schicksal teilten hunderttausende von Deutschen im „Dritten 
Reich“, aber Wulf gehört zu den ganz wenigen, die später Scham und 
fortdauernde Stigmatisierung überwanden, auf ihr Schicksal aufmerksam machten 
und eine Entschädigung forderten.

Er entwickelte sich auch zu einem lebenslangen politischen Agitator, der vor 
allem mit selbst hergestellten Ausstellungstafeln zur nationalsozialistischen 
Ideologie im Allgemeinen und zur Vernichtungspolitik im Besonderen hervortrat. 
Diese Tafeln werden im besprochenen Band relativ ausführlich dokumentiert; doch 
leiden die Reproduktionen unter der starken Verkleinerung.

Ferner werden auch einige lyrische und prosaische Texte aus der Feder Wulfs 
dokumentiert.

Man muss das starke Pathos dieser Schriftzeugnisse nicht lieben, um die 
Leistung zu bewundern, mit der Wulf sich aus der Stigmatisierung als 
„Schwachsinniger“ gegen heftigste Widerstände staatlicher Arroganz 
herausgearbeitet hat.

Wulf musste 30 Jahre gegen die deutsche Bürokratie kämpfen, bis ihm 1979 eine 
„Erwerbsunfähigkeitsrente“ gewährt wurde. 1991 verlieh man ihm für 
sein Engagement das Bundesverdienstkreuz, das er bei der Entgegennahme als 
„Karnevalsorden“ würdigte (131).

Paul Brunes Heimkarriere begann 1936, als er erst ein Jahr alt war. Seine 
Schilderungen von den Folterungen, denen die Kinder im 
„St.-Johannes-Stift“ im sauerländischen Marsberg bei den 
„Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vincenz von Paul“ ausgesetzt 
waren, sind schwer zu ertragen. (In derselben Anstalt hatte auch Wulf

gelitten.)

Die systematische Verhinderung von körperlicher Bewegung und von sprachlicher 
Kommunikation zwischen den Insassen war hier der Alltag, so dass bei vielen 
Kindern Sprachvermögen und Beinmuskulatur verkümmerten.

Das Kapitalverbrechen des „Schwätzens“ wurde mit schweren 
körperlichen Misshandlungen durch die barmherzigen Schwestern geahndet, wobei 
die anderen Kinder durch Denunziation sowie durch Festhalten des Delinquenten 
assistieren mussten. Andere Aspekte des Strafsystems umfassten den Entzug des 
Essens, den Zwang, Erbrochenes erneut zu verzehren, kalte Bäder, oder 
wochenlanges nächtliches Tragen einer Zwangsjacke, wenn ein Junge beim 
Onanieren erwischt worden war.

Der „Schulunterricht“ bestand fast ausschließlich aus Gebeten, weil 
Wissen nach Ansicht der Schwestern schädlich für die Insassen sei.

An diesem „pädagogischen“ System ging der politische Systemwechsel 
von 1945 spurlos vorüber.

Die beschriebenen Missstände wurden noch Anfang der 70er Jahre im 
„St.-Johannes-Stift“ vorgefunden. Brune hat diese konkrete Hölle 
von 1943 bis 1950 durchgemacht.

Es erstaunt (ähnlich wie bei Paul Wulf) nicht nur, dass er es schaffte, sich 
autodidaktisch ein beträchtliches Maß an Bildung zuzulegen, sondern erst recht, 
dass er es nach der sadistischen Erziehung zu „entmenschten 
Kreaturen“ (63), die nicht imstande waren, das Wort „wir“ zu 
denken (94, 96f), zu einer vorbildlichen ethischen Haltung brachte. Die 
ermöglicht es ihm sogar noch, seine Peinigerinnen ihrerseits als Opfer zu 
sehen, wenn er erwägt, dass sie die beträchtlichen staatlichen Geldmittel, die 
für ihre Tätigkeit flossen, wohl nie gesehen haben.

„Hätten die Nonnen“, schreibt Brune, „wenigstens ein 
Taschengeld bekommen, hätten sie sich vielleicht ein wenig anders zu den 
Kindern verhalten, zumal sie total überfordert waren“ (85).

Stattdessen wurden sie geistig zugerüstet durch Moraltheologen wie Joseph 
Mayer, der bereits 1926 geradezu besessen war von der Idee der 
Zwangssterilisierung „minderwertiger“ Menschen und im biblischen 
Mose den „ältesten Rassehygieniker“ feierte (78-84) – 
sicherlich selbst eher ein Fall für den Psychiater als viele seiner Opfer. Aber 
noch heute kann man im „Biographisch-Bibliographischen 
Kirchenlexikon“ (BBKL) über Mayer lesen, die „Schwäche und 
Unverantwortlichkeit“ seiner ansonsten „ungeheuer materialreichen 
wissenschaftlichen Arbeit“ liege allein darin, dass er den Begriff 
„geisteskrank“ nicht definiert habe. Mayer: „Die schlechte 
Erbmasse ist dem unfruchtbar machenden Messer auszuliefern.“ So etwas 
gilt dem BBKL im Jahre 2004 als „wissenschaftlich“. Brune 
kommentiert hingegen unerbittlich

subjektiv: „Für uns Kinder hatte dieses dreckige Gesudel verhängnisvolle 
Folgen“ (83). Und diese subjektive Perspektive, die Zeitzeugenschaft der 
beiden exemplarischen Opfer Wulf und Brune, stellt den größten Vorzug des 
besprochenen Bandes dar – und macht ihn zugleich schwer verdaulich für 
Zartbesaitete.

Das trifft auch auf die Biographie der beiden zu, nachdem sie dem 
Anstaltssystem entronnen waren.

Das Netz von Ausweglosigkeiten, das in ihrer Kindheit gesponnen worden war, 
wirkt noch bei der Lektüre beängstigend: Insassen, denen Schulbildung 
verweigert wurde, wird später aufgrund fehlender Schulbildung 
„Debilität“ diagnostiziert (31). Wer für sein Recht kämpft, wird 
als „Querulant“ pathologisiert (30f, 73). Gerechte Empörung wird 
von psychiatrischen Gutachtern als somatisches Problem denunziert 
(„vasomotorische Erregbarkeit“, 32). Anträge auf Rehabilitierung 
werden in der jungen Bundesrepublik von Bürokraten beschieden, die einige Jahre 
zuvor als fanatische Nazis an den Psychiatrieverbrechen des „Dritten 
Reichs“ maßgeblich beteiligt waren – es ist wie im Horrorfilm, aber 
es handelt sich um historische Wirklichkeit.

Im nationalsozialistischen Deutschland wurden PsychiatriepatientInnen nicht nur 
systematisch ermordet oder zuweilen von sadistischem Anstaltspersonal zu Tode 
gequält – gegen Kriegsende (und darüber

hinaus) kam es auch in größerem Umfang zu einem „Hungersterben“. 
Die Versorgung der Kranken wurde nämlich auf der Grundlage 
„rassenhygienischer und rüstungsökonomischer 
Kosten-Nutzen-Rechnungen“ (42) kalkuliert.

Wir können uns einfach nicht in selbstgerechter Empörung über diese vergangenen 
Jahrzehnte zurücklehnen, solange wir es zulassen, dass z.B.

aus unseren Steuergeldern am Kieler Institut für Weltwirtschaft eine Studie 
finanziert wird, welche die Allokation von AIDS-Hilfsmitteln an den Wohlstand 
der Betroffenen koppelt, mit der unverhohlenen Begründung, dass Menschen, die 
reicher seien, einen höheren „Lebenswert“

hätten.1  Vom logischen Zielpunkt solchen Denkens handelt der besprochene Band.

Dieses Denken selbst ist in der Gegenwart leider sehr lebendig. Das fügt der 
Wut, die die Lektüre des Buches hinterlässt, eine höchst aktuelle Dimension 
hinzu. Nichts spricht dagegen, dem Beispiel Paul Brunes und Paul Wulfs zu 
folgen und diese Wut in politisches Engagement zu verwandeln, bevor die 
Technokraten der Selektion ihre nächste Chance erhalten.

Rüdiger Haude

   1 Vgl.: Zahlungsbereitschaft, Artikel von Rüdiger Haude, in: GWR 313, 
November 2006, S. 1, http://www.graswurzel.net/313/aids.shtml

------------------------ Ursprüngliche Nachricht -------------------------

Betreff: Paul Wulf Skulptur

Von:     "redaktion graswurzelrevolution" <redaktion at graswurzel.net>

Datum:   Fr, 15.06.2007, 16:52

An:      undisclosed-recipients:;

--------------------------------------------------------------------------

Liebe Freundinnen und Freunde,

die Paul Wulf Skulptur ist seit gestern in Münsters Innenstadt zu bewundern 
(siehe Artikel dazu im Anhang).

http://www.uwz-archiv.de

ist endlich online.  :-)

Viel Spaß beim Lesen (auch der angehängten Infos).

Eine Verlinkung, Weiterleitung, sowie Berichte über das Projekt fände ich gut.

Li(e)bertäre Grüße,

Bernd Drücke (GWR-Koordinationsredakteur)

Redaktion Graswurzelrevolution

Breul 43

48143 Münster

Tel.: 0251/48290-57

Fax: -32

E-Mail: redaktion at graswurzel.net

www.graswurzel.net


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