(de) Fauchthunrundmail 13.1.07 Bildung: Emma Goldman - Anarchistin und Pädagogin Revolutionäre Kosmopolitin
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Sun Jan 21 13:03:13 CET 2007
"Red Emma", wie Emma Goldman (1869- 1940) in den USA von der Presse
genannt wurde, ist nicht nur eine der bekanntesten Frauenrechtlerinnen
der USA im frühen 20. Jahrhundert, sie zählt auch zu den bedeutendsten
Anarchistinnen der Neuzeit. Als "Anarchafeministin" prägte sie zusammen
mit anderen Anarchistinnen wie etwa der Amerikanerin und Zeitgenossin
Voltairine des Cleyre (1866-1912), der gebürtigen Ukrainerin Milly
Witkop-Rocker (1877-1955) oder der Französin Louise Michel (1830-1905)
libertäre Positionen für den Feminismus des 20. Jahrhunderts. Darüber
hinaus - und dieser Aspekt ihres Lebens ist in Deutschland noch wenig
diskutiert - engagierte sie sich auch sehr für eine libertäre
Schulbewegung und gründete 1909 zusammen mit Alexander Berkman
(1870-1936) und Leonard Abbott die Francisco Ferrer Association, die
wichtigste libertäre Organisation zur Verbreitung des rationalistischen
Schulmodells des Spaniers Francisco Ferrer (1859-1909) in den USA im
ersten Drittel des letzten Jahrhunderts (vgl. Ferrer 03).
Diese beiden Aspekte ihres Lebens - Emma Goldman als Anarchistin und als
Bildungspolitikerin - stehen im Mittelpunkt der folgenden Skizze zu
dieser bemerkenswerten Frau. Von ihren über 70 Lebensjahren waren zwei
Drittel geprägt durch einen ständigen politischen Kampf gegen
Unterdrückung und Gewalt und für Gleichheit, Freiheit und Würde des
Menschen. Dieser Kampf und ihre Vision eines libertären und
kosmopolitischen Humanismus führten sie durch Nordamerika, Europa und
Russland und machten sie zu einer herausragenden politischen
Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Sie kannte John Reed, Jack London
und Henry Miller, sie korrespondierte mit Bertrand Russel, Aldous Huxley
und Rudolf Rocker, sie "kämpfte" mit John Most, Alexander Berkman,
Voltairine des Cleyre und stand an der Seite von CNT-FAI-KämpferInnen
während des Spanischen Bürgerkrieges (1936-1939), sie lebte revolutionär
und kosmopolitisch. Sie kämpfte für den Achtstundentag, für
Geburtenkontrolle, für die Legalisierung der
Schwangerschaftsunterbrechung, für Pressefreiheit, gegen Postzensur, für
die "Freie Liebe" und die Gleichberechtigung der Frauen. Sie wurde in
diesem Sinne zur libertären Ikone des Anarchismus und zählt zu jenen
revolutionären Frauen des 20. Jahrhundert, die ihm das nachhaltige
Profil der Emanzipation gaben.
Emma Goldman - Quellen und Rezeption
Die Quellen zu Emma Goldmans Leben sind vielfältig. Neben zahlreichen
Aufsätzen und Traktaten hinterlässt Goldman vor allem eine umfangreiche
Autobiographie, die erstmals 1931 in New York erschien und in der ersten
deutschen Übersetzung von 1978 drei Bände mit insgesamt 1171 Seiten
umfasst (Goldman 1978). Sie zählt nicht nur zu den herausragenden
Autobiographien des Feminismus im 20. Jahrhundert, sondern auch zu den
bemerkenswertesten Lebenszeugnissen von Libertären und ist vergleichbar
mit den großen Memoiren von Rudolf Rocker (1974) und Peter Kropotkin
(1969). Eine weitere wichtige Quelle zu ihrer politischen Orientierung
ist die von ihr herausgegebenen Zeitschrift Mother Earth (Goldman 1969),
die von 1906 bis 1917 erschien und zu einem zentralen Sprachrohr ihres
Anarchismus wurde. Ihre enttäuschenden Erfahrungen im russischen Exil
1919 bis 1921 verarbeitete sie in der Schrift Die Ursachen des
Niedergangs der Russischen Revolution (Goldman 1922). Eine
bemerkenswerte Biographie stammt von Candace Falk, die auf zufällig
gefundenen Briefen in einem Gitarrengeschäft 1975 beruhen und das
Liebesverhältnis zwischen Ben Reitman, einem acht Jahre jüngeren Arzt,
und Goldman dokumentieren (Falk 1987). Dieser erotische Briefwechsel
gilt als wichtige Ergänzung ihrer Autobiographie und beschreibt die
gleichsam "private" Emma Goldman.
In Deutschland erschienen ihre Schriften in den 1920er und 1930er Jahren
vor allem im Verlag Der Syndikalist (Berlin) - der zentrale Verlag der
deutschen Anarchosyndikalisten -, der ihre Abrechnung mit dem
Sowjetischen System nach der Oktoberrevolution 1922 mit einem Vorwort
von Rudolf Rocker veröffentlichte. Nach 1945 ist es im deutschsprachigen
Raum bis heute der anarchistische Karin Kramer Verlag (Berlin), der Emma
Goldman wieder zugänglich machte. Er veröffentlichte Ende der 1960er
Jahre - zu diesem Zeitpunkt "firmierte" er noch unter dem Namen
Underground Press L. - erstmals wieder in einer Reprintausgabe Goldmans
Analyse der Russischen Revolution (Goldman 1968 und 1970), 1977 eine
Reihe von Aufsätzen unter dem Titel Das Tragische an der Emanzipation
der Frau (Goldman 1977) und schließlich die dreibändige deutsche
Erstübersetzung ihrer Autobiographie (Goldman 1978(a)). Die deutsche
Übersetzung der Biographie von Candace Falk, Liebe und Anarchie,
erschien 1987.
Kurze Hinweise mit Textausschnitten aus Aufsätzen erscheinen ab Ende der
1960er Jahre in verschiedenen Quellenbänden zum Anarchismus. Von Erwin
Oberländer wird Goldman dabei zusammen mit John Most, Peter Kropotkin
und Elisée Reclus in den Kontext des Kommunistischen Anarchismus
gestellt (Oberländer (Hg.) 1972, S. 282-291) und in dem Sammelband von
Helmut Ahrens, Hans-Jürgen Degen und Christoph Geist findet Goldman
Platz als Vertreterin des anarchistischen Feminismus (Ahrens/Degen/Geist
(Hg.) 1980, S. 155-158). Erstmals wieder erwähnt in einem akademisch
orientierten Sammelband über den Anarchismus wird Goldman von dem
Soziologen Otthein Rammstedt 1969 (Rammstedt 1969, S. 121-125) und mit
einer deutschen Erstübersetzung aus Mother Earth über den Patriotismus
taucht Goldman in dem Sammelband von Achim von Borries und Ingeborg
Brandies 1970 auf (von Borries/Brandies 1970, S. 151-162).
Daneben erschienen in den späten 1970er und frühern 1980er Jahren eine
Reihe von Broschüren mit deutschen Erstübersetzungen von Aufsätzen aus
Mother Earth, die von Anarchistischen Vereinigungen herausgegeben
wurden. Der Anarchistische Bund Berlin publizierte beispielsweise in
seiner Heftreihe anarchistische texte im Libertad Verlag (Berlin) den
Aufsatz Anarchismus - seine wirkliche Bedeutung in einer ersten Auflage
von 2000 Exemplaren 1978 und in einer zweiten Auflage 1981 nochmals mit
3000 Exemplaren (Goldman 1978(b)). Ebenso veröffentlichte die
Anarchistische Vereinigung Norddeutschland Ende der 1970er Jahre und in
einer zweiten Auflage 1983 erstmals vier Aufsätze in einer deutschen
Übersetzung im Ems-Kopp Verlag (Meppen/Ems) in einer Gesamtauflage von
ca. 2000 Exemplaren (Goldman 1983).
Rezeptionsgeschichtlich kann damit vermutet werden, dass Goldman erst ab
Ende der 1970er Jahre wieder in Deutschland verstärkt rezipiert wurde.
Diese Diskussion fand nahezu ausschließlich in der damaligen
anarchistischen Bewegung statt, die zu diesem Zeitpunkt im Kontext der
Post-Alternativ-Bewegung angesiedelt war. Rezeptionsgeschichtliche
Spuren in der Frauenbewegung bzw. -forschung finden sich dagegen selten.
Von einer systematischen und anhaltenden Diskussion über Goldman kann im
deutschen Sprachraum nicht gesprochen werden. Sowohl im
politikwissenschaftlichen Diskurs als auch im Szene-Diskurs des
deutschen Anarchismus ist man in den letzten 30 Jahren nicht über eine
verkürzte ideen- und biographiegeschichtliche Beschreibung ihres Lebens
hinausgekommen. In dem jüngst erschienenen Einführungsband in den
Anarchismus von Hans-Jürgen Degen und Jochen Knoblauch (Degen/Knoblauch
2006) wiederholen sich die Statements und Einschätzungen aus den 1970er
Jahren zu ihrer Bedeutung für den modernen Anarchismus. Was ansteht, ist
eine systematische Analyse ihrer Vorstellungen von "Freier Liebe",
Familie und Geschlecht, ihrer pädagogischen und bildungspolitischen
Vorstellungen sowie ihrer Vorstellungen von Gewalt und Militarismus.
"Wie ich mein Leben lebte"
Diese sinngemäße deutsche Übersetzung des Titels ihrer selbstbewussten
und -kritischen Autobiographie, "Living my Life" (1931), beschreibt mit
einem Satz die Qualität ihres politischen Lebens: Sie lebte ein Leben
nach ihren Vorstellungen und gegen vorherrschende Regeln. Die Antwort
auf die Frage, ob ihr Leben dabei "erfolgreich" war, fällt ebenso schwer
wie leicht. Aus dem Blickwinkel emanzipatorischer und revolutionärer
Politik betrachtet, sind Erfolg und Scheitern die Zwillinge desselben
gesellschaftlichen Handels. Eine Trennung fällt schwer, denn erfolgreich
kann nur sein, was auch scheitern kann und darf. So gesehen war Goldman
erfolgreich und scheiterte dabei zugleich.
Sie wurde in am 27. Juni 1869 in Kovno, Russland/Litauen, als Tochter
eines jüdisch-russischen Ehepaares geboren und verbrachte ihre Kindheit
in Kurland und Königsberg. 1882 zog sie mit ihren Eltern nach
Petersburg, von wo aus sie zusammen mit ihrer älteren Schwester Helene
1886 als Siebzehnjährige aus dem bürgerlichen Elternhaus "ausbrach" und
in die USA übersiedelte. In New Haven und Rochester erlebte sie als
Textilarbeiterin proletarische Lebensverhältnisse und begann ihre
politische Sozialisation und Personalisation in der Arbeiterbewegung. Es
ist die Zeit der Arbeiterkämpfe in den USA. Für den 1. Mai 1886 wird von
den Gewerkschaften zum Generalstreik für den Achtstundentag ausgerufen
und am 4. Mai 1886 wird erstmalig in den USA in Chicago auf dem Heumarkt
("Haymarket") eine Bombe bei einer Arbeiterdemonstration geworfen, die
mehrere Polizisten tötete (vgl. Karasek (Hg) 1975; Nuhn 1992). Dies
führte zur Verhaftung von acht Anarchisten, davon sechs deutsche
Einwanderer, von denen fünf zum Tode verurteilt wurden. Bereits wenige
Jahre später stand fest, dass es sich bei den Verhafteten und
Verurteilten um einen Justizirrtum handelte, der mehr oder weniger
bewusst politisch inszeniert wurde.
Dieses "Haymarket-Massaker" und die Hinrichtung von vier Anarchisten am
11. November 1887 - einer der Verurteilten, Louis Lingg, beging mit
einer Patrone, die er im Mund zündete, vorher Selbstmord - politisierte
und radikalisierte weite Teile der amerikanischen ArbeiterInnenbewegung.
Unter dem Eindruck dieses Justizmordes und der ArbeiterInnenkämpfte
wurde die junge Emma Goldman zur militanten Anarchistin. Zwei Jahre
später, 1889, lernte sie in New York, wo sie nun lebte, den ehemaligen
deutschen Sozialdemokraten und jetzigen Anarchisten, Johann Most,
kennen, der mit seiner Zeitschrift Freiheit zum Wortführer des damaligen
militanten Anarchismus in den USA wurde. in diesem Zeitraum beginnt auch
die lebenslange Freundschaft zu Alexander Berkman, der ebenfalls aus
Russland in die USA emigrierte, dort zum Anarchisten wurde und gemeinsam
bis zu seinem Freitod 1936 an der Seite Goldmans politisch - oftmals in
ihrem Schatten - wirkte und bis heute zu einem der herausragenden
Anarchisten aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zählt (vgl.
Berkman 1927, 1982). Am 23. Juli 1892 schoss Berkman den Industriellen
Henry Clay Frick, der für ein Massaker an streikenden Stahlarbeitern und
die Vertreibung aus ihren Häusern verantwortlich gemacht wurde, mit
mehreren Pistolenschüssen nieder. Dieses Attentat wurde gemeinsam von
Goldman und Berkman geplant. Berkman wurde verhaftet und zu 21 Jahren
Kerker verurteilt, wurde aber vorzeitig nach 14 Jahren im Mai 1906
wieder entlassen (seine Gefängniserinnerungen erschienen 1912 in New
York und 1927 in Berlin auf Deutsch). Goldman tauchte erstmals unter. In
den folgenden 1890er Jahren entwickelte sich Goldman immer mehr zu einer
profilierten Rednerin der sozialrevolutionären und anarchistischen
Bewegung in den USA und wurde in diesem Zusammenhang auch immer wieder
verhaftet und zu Kerker verurteilt. Ab Mitte der 1890er Jahre besucht
sie zu Vortragsreisen zunehmend Europa (England, Frankreich, Schweiz,
Österreich) - sie spricht englisch, deutsch und russisch - und
entwickelt sich auch hier zu einer wortgewaltigen Agitatorin der
ArbeiterInnen- und Frauenbewegung.
Als der aus Polen stammende anarchistische Einzeltäter Leon Czoigocz
1901 in Buffalo den amerikanischen Präsidenten McKinley erschoss, wurde
auch Goldman, die dieses Attentat ablehnte und nichts damit zu tun
hatte, verhaftet. In dem nach diesem Mord einsetzenden Klima der
Radikalenverfolgung in den USA arbeitete Goldman von 1901 bis 1903 als
Pflegerin und Näherin unter falschem Namen ("Miss Smith") und zog sich
aus der politischen Arbeit zurück.
Zusammen mit Berkman, der 1906 aus dem Gefängnis entlassen wurde,
gründet sie in diesem Jahr ihre Monatszeitschrift Mother Earth, die bis
zu ihrer Abschiebung in die UdSSR 1917 zum wichtigsten Organ der
anarchistischen Bewegung in den USA wurde. Sie wurde wieder zur
"öffentlichen" Person, trat als politische Rednerin in Erscheinung und
unternahm zahlreiche Vortragstouren in den USA und in Europa, wo sie
u.a. 1917 als Delegierte am Zweiten Anarchistenkongress in Amsterdam
mitwirkt. In den USA wird sie immer wieder verhaftet, verhört und
eingesperrt. In diesen Zeitraum fällt auch ihr pädagogisches und
bildungspolitisches Interesse. Sie engagierte sich ab etwa 1909 zusammen
mit anderen AnarchistInnen für eine libertäre Alternativschulbewegung im
Anschluss an die Ermordung des spanischen Reformpädagogen Franciso
Ferrer 1909 und inspirierte eine Schulreformbewegung mit zahlreichen
Ferrer-Schulgründungen in der Folgezeit (Klemm 2004).
Das vielleicht interessanteste biographische Dokument ihres
ereignisreichen und bewegten Lebens ist der erotische Briefwechsel aus
diesem Zeitraum mit dem Arzt Ben Reitman, der 1974 zufällig entdeckt und
von Candace Falk in einer Biographie verarbeitet wurde (Falk 1984).
Diese dort dokumentierte leidenschaftliche Beziehung zu Ben Reitman, der
in den USA auch als "König der Hobos" (Tippelbrüder) bekannt wurde,
dauerte von 1908 bis 1917 und spielt in Goldmans privatem wie auch
politischem Leben eine zentrale Rolle. Sie schreibt selbst: "Wenn unser
Briefwechsel je veröffentlicht werden sollte, würde die Welt schlechthin
entsetzt sein, dass ich, die verwegene Emma Goldman, die überzeugte
Revolutionärin, die Frau, die alle Gesetze und Konventionen spottet,
sich so hilflos wie ein Schiffswrack auf einem wütenden Ozean gebärdet"
(in: Falk 1989, S. 11). Goldman, die das Ideal der "Freien Liebe"
propagierte, wird, so Falk, hier zur "Sklavin ihrer Leidenschaft" (ebd.
S. 13).
Seit Ausbruch des I. Weltkrieges engagiert sie sich als aktive
Antimilitaristin und gründet zusammen mit Berkman die "No Conscription
League", die 1917 verboten wird. Berkman und Goldman werden in diesem
Jahr wegen "antimilitaristischer Umtriebe" verhaftet und kommen für zwei
Jahre ins Gefängnis. 1919 findet die Deportation zusammen mit anderen
russischstämmigen AnarchistInnen in die UdSSR statt. Die Begeisterung
für dieses "gelobte" Land war bei den anarchistischen
SozialrevolutionärInnen zu diesem Zeitpunkt zunächst noch groß. Die
Ernüchterung über die repressive und totalitäre Politik kam jedoch
alsbald. Nach der Niederschlagung der Kronstadter Matrosen-Rebellion von
1921 und der Zerschlagung der ukrainisch-anarchistischen
Freiheitsbestrebungen von Nestor Machno, verlassen Goldman und Berkman
die UdSSR 1921 und gehen zunächst nach Berlin. 1922 erscheint im
deutschen Verlag Der Syndikalist ihre Abrechnung mit dem Sowjetischen
Regime unter dem Titel Die Ursachen des Niedergangs der Russischen
Revolution mit einem Vorwort ihres Freundes Rudolf Rocker (Goldman
1922). Sie heiratet formal den Minenarbeiter James Colton aus Wales, um
die britische Staatsbürgerschaft zu bekommen und unternimmt wieder
zahlreiche Vortragsreisen durch Europa und Kanada. Ihr langjähriger
Freund und politischer Weggefährte, Alexander Berkman, lebt verarmt und
staatenlos in Frankreich, erkrankt an einem Krebsleiden und begeht am
27. Juni 1936 Selbstmord. Für Goldman, die mehrmals verheiratet war und
über einen großen männlichen Bekanntenkreis verfügte, war Berkman
vermutlich der wichtigste (politische) Mensch in ihrem Leben gewesen.
Das Duo Goldman-Berkman, die beide aus russisch-jüdischen Familien
stammten, beide in den 1880er Jahren in die USA auswanderten und beide
dort über den Deutschen Johann Most und die "Haymarket- Tragödie"
politisiert wurden, zählt zu den wichtigsten "Motoren" der
anarchistischen Bewegung in Nordamerika und Europa zu Beginn des 20.
Jahrhunderts. Die letzten Jahre ihres Lebens engagierte sie sich mit
aller Kraft für die AnarchistInnen im Spanischen Bürgerkrieg
(1936-1939). Sie stirbt am 14. Mai 1940 im Alter von siebzig Jahren nach
einem Schlaganfall auf einer Vortragsreise in Toronto und wurde in
Chicago, dem Ort der dramatischen Arbeiterkämpfe in den späten 1880er
Jahren, beigesetzt. Überblicken wir heute das Leben Goldmans, dann
können wir ihrem Freund und Biographen Rudolf Rocker zustimmen, der 1922
im Vorwort zu ihrer Schrift über die Russische Revolution schrieb:
"Unter den propagandistischen Vertretern der modernen anarchistischen
Bewegung ist Emma Goldman zweifellos eine der hervorragendsten und
eigenartigsten Persönlichkeiten - ein groß angelegter Charakter" (Rocker
1922, S. 3).
Emma Goldman und die Ferrer-Bewegung in den USA
Goldman zählt zusammen mit Leonhard Abbott, Alexander Berkman und
Voltairine de Cleyre zu jenem Kreis von AnarchistInnen in den USA, die
unmittelbar nach dem Tod des spanischen Reformpädagogen Francisco Ferrer
eine Ferrer-Schulbewegung initiierten.
Goldman interessierte sich bereits einige Jahre zuvor für anarchistische
Schulprojekte und besuchte 1900 den anarchistischen Lehrer Paul Robin in
seiner Waisenhaus-Schule in Cempuis in Frankreich und 1907, auch in
Frankreich, die anarchistische Schule "La Ruche" von Sébastian Faure
(Goldman 1907), über die sie schrieb: "My visit to La Ruche was a
valuable experience that made me realize how much could be done, even
under the present system, in the way of libertarian education" (zitiert
nach Avrich 1980, S. 39). Faure gilt zusammen mit Francisco Ferrer und
dem Franzosen Jean Robin zu den Klassikern einer libertären
Reformpädagogik ab Ende des 19. Jahrhunderts, die die libertären Ideen
von Gleichheit, Rationalität und Freiheit in pädagogische Modelle
umsetzten (vgl. Grunder 1993, Klemm 2004). In ihrer Zeitschrift Mother
Earth erscheinen von ihr (z.B. Goldman 1906, 1907, 1909) und von anderen
pädagogisch orientierten Libertären (z.B. Abbott 1911, hier 1988) immer
wieder Beiträge grundsätzlicher Art über das Wesen einer libertären
Erziehung und Bildung und machten Mother Earth zu einem wichtigen
Kommunikationsorgan libertärer Bildungs- und Erziehungsalternativen in
den USA. Ein Aufsatz von Voltairine de Cleyre über Ferrer erschien in
deutscher Übersetzung in der von Gustav Landauer herausgegeben
Zeitschrift Der Sozialist 1914 in fünf Folgen (Cleyre 1914). Eine Reihe
weiterer Beiträge aus Mother Earth von Goldman, Berkman und de Cleyre
erschienen als Übersetzungen in Der Sozialist in der Zeit vor dem I.
Weltkrieg.
Einen grundsätzlichen Beitrag zur Pädagogik Ferrers veröffentlichte
Goldman in ihrem Essayband "Anarchism and other Essays" (1911, hier
1969(a), S. 145-166).
Diese Ferrer-Schul-Bewegung in den USA trägt in den ersten Jahren die
Handschrift Goldmans als Mitinitiatorin und dokumentiert ihr
bildungspolitisches Engagement, das gleichrangig - wenn auch nicht so
kontinuierlich - zu ihrem Engagement für die Gleichberechtigung der
Frauen zu sehen ist. Die Bildungs- und Frauenpolitik haben bei Goldman
denselben Ursprung im anarchistischen Denken von Freiheit und Gleichheit
des Menschen. Obgleich Goldman nur selten im eigentlich pädagogischen
Sinne mit Kindern tätig war, müssen wir sie im Kontext der libertären
Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jahrhundert diskutieren und als
Repräsentantin der amerikanischen Alternativschulbewegung würdigen. Ein
erster Ansatz hierzu im deutschsprachigen Diskurs erfolgte 1988 durch
Hans-Ulrich Grunder in seiner Studie über weibliche Bildung (Grunder 1988).
Für Goldman sind es vor allem zwei pädagogische Elemente, die ihr
libertäres Konzept definieren: Einmal der Emanzipationsgedanke in der
Erziehung von Jungen und Mädchen und zweitens die Zwangsstrukturen der
Schulen, die als Bildungsinstitution Herrschaft ausüben, wo Freiheit
notwendig wäre: Schule als Ort des Drills und Erziehung als Instrument
der Manipulation. Damit steht sie in der Tradition libertärer Pädagogen
wie Faure, Robin und Ferrer, die eine rationale, ganzheitliche und
koedukative Bildung anstreben.
Emma Goldman - eine "erfolgreiche" Frau?
Das Prädikat "erfolgreich" ist - und dies erscheint als Trivialität -
relativ. In diesem Sinne ist Goldmans Leben "sowohl als auch"
erfolgreich. Erfolgreich aus dem Blickwinkel etablierter
gesellschaftlicher Verhältnisse war sie als Anarchistin bestimmt nicht:
Die "rote Emma" war vorbestraft, des Landes verwiesen und wurde einmal
als "gefährlichste Frau der USA" bezeichnet. Sie war mehrmals
verheiratet, pflegte die "freie Liebe" und setzte sich für
Schwangerschaftsunterbrechung ein.
Erfolgreich war sie auch nicht im traditionell-privaten Sinne: Sie hatte
keine Familie mit Kindern und Enkeln, die sich um Mutter und Oma sorgten
und sie lebte auch nicht mit einem "treu liebenden" Ehemann "bis ans
Ende des Lebens" glücklich zusammen. Und auch im wirtschaftlichen Sinne
war sie wenig erfolgreich: Sie hatte weder ein Vermögen noch ein Haus
noch eine karriereorientierte Berufsbiographie oder Ausbildung. Sie
lebte oft von der Hand in den Mund und befand sich einen Großteil ihres
Lebens auf der Flucht, im Gefängnis, auf anstrengenden Vortragsreisen
oder in der Auseinandersetzung mit politischen Gegnern. Urlaub und
Freizeit kannte sie nicht.
Was ist also das "Erfolgreiche" in ihrem Leben? Sie war und ist
erfolgreich im politisch-emanzipatorischen Sinne. Sie hat den
herrschenden Verhältnissen auf die "Finger geklopft".
Sie konnte sie zwar unmittelbar nicht verändern, sie hinterließ jedoch
nachhaltige Spuren als Frauenrechtlerin, als Bildungspolitikerin und als
Revolutionärin. Sie war jedoch keine Theoretikerin und hinterließ auch
kein publizistisches "Lebenswerk", das in die "Große Bibliothek des 20.
Jahrhunderts" eingeordnet werden könnte. Ihre Publikationen waren Kampf-
und Agitationsschriften. Sie war eine Frau des Wortes, nicht der Schrift.
Sie konnte Menschen für die Freiheit "face to face" begeistern, sie gab
Menschen Mut, sich für ihre Belange gegenüber herrschenden Dritten zu
wehren.
Wir spüren bei Goldman neben ihrem Mut aber auch so etwas wie Demut vor
dem Leben und der Freiheit des Menschen. Sie litt vermutlich auch - und
dies sehen wir besonders in ihren Liebesbriefen - unter der Dynamik und
Erwartungshaltung ihrer Popularität. Ihre politische und kognitive
Stärke und Disziplin machte sie einerseits erfolgreich und berühmt und
andererseits verarmte ihre emotionale Seite. Als Pädagogin in einer vor
ihr mitbegründeten Ferrer-Schule wäre sie vielleicht fehl am Platz
gewesen. Die Fotos, die wir von ihr kennen, zeigen keine lachende Emma
Goldman. Sie wirkte stets ernst, konzentriert und angespannt. Auf einem
Foto von 1938 - zwei Jahre vor ihrem Tod - im Kreise spanischer
CNT-FAI-Genossen während des spanischen Bürgerkrieges hinterlässt dieser
ernste Gesichtsausdruck einen erschöpften und verbitterten Eindruck
(vgl. Falk 1987, Foto Nr. 39/41). Ist dies der Preis einer
"erfolgreichen" Revolutionärin, die für Generationen von Männern und
Frauen zum Vorbild wurde?
Goldman ist im 20. Jahrhundert zu einer Ikone des Widerstands gegen
Unterdrückung und Tyrannei geworden.
Sie lebte ihr Leben stolz, aufrecht, mutig und demütig. Sie zählt zu den
großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und verdient Beachtung als
Frau und Revolutionärin.
Ulrich Klemm
Zum Autor
Prof. Dr. phil. Ulrich Klemm, Diplom-Pädagoge, Honorarprofessor für
Erwachsenenbildung an der Uni Augsburg, Mitinhaber des Verlages Klemm &
Oelschläger, 20 Jahre Fachbereichsleiter an der Ulmer Volkshochschule,
derzeit Unternehmensberater im Gesundheitswesen.
> Literatur
Abbott, L.: Das Ideal libertärer Erziehung. In: H. Baumann/U. Klemm
(Hg.): Anarchismus und Schule. Werkstattbericht Pädagogik, Bd. 2.
Grafenau-Döffingen 1988, S. 111-115; erstmals in: Mother Earth, Nr.
2/1911, S. 118-121
Avrich, P.: The Modern School Movement. Anarchism and Education in the
United States. Princeton 1980
Ahrens, H./Degen, H.-J./Geist, Ch. (Hg.): "Tu was Du willst" Anarchismus
- Grundlagentexte zur Theorie und Praxis. Berlin 1980, 2. Aufl. Berlin 1987
Berkman, A.: Die Tat. Gefängniserinnerungen eines Anarchisten. Berlin
1927, Frankfurt a.M. 1976 (erstmals New York 1912)
Berkman, A.: ABC des Anarchismus. Berlin 1982 (erstmals New York 1929)
Borries, A. von/Brandies, I. (Hg.): Anarchismus. Theorie/Kritik/Utopie.
Frankfurt a.M. 1970
Blankertz, St.: Legitimität und Praxis. Öffentliche Erziehung als
pädagogisches, soziales und ethisches Problem. Studien zur Relevanz und
Systematik angelsächsischer Schulkritik. Wetzlar 1989
Cleyre, V. de: Francisco Ferrer. In: Der Sozialist, Nr. 17/1914, S.
133-135; Nr. 18/1914, S. 138-14; Nr. 19/1914, S. 148-150; Nr. 20/1914,
S. 156-157; Nr. 21/1914, S. 164-166
Degen, H.-J./Knoblauch, J.: Anarchismus. Eine Einführung. Stuttgart 2006
Dennison, G.: Lernen und Freiheit. Aus der Praxis der First Street
School. Frankfurt a.M. 1971 (erstmals engl. 1969)
Falk, C.: Liebe und Anarchie & Emma Goldman - Ein erotischer
Briefwechsel. Eine Biographie. Berlin 1987 (erstmals New York 1984)
Goldman, E.: The Child and its enemies. In: Mother Earth, Nr. 2/1906, S.
7-14
Goldman, E: La Ruche. In: Mother Earth, Nr. 9/1907, S. 388-394
Goldman, E: F. Ferrer. In: Mother Earth, Nr. 9/1909, S. 275-278
Goldman, E: Die Ursachen des Niedergangs der Russischen Revolution. Mit
einem Vorwort von Rudolf Rocker. Berlin 1922; Reprint unter dem Titel:
Der Bolschewismus: Verstaatlichung der Revolution. Berlin 1968,
veränderte Neuauflage 1970
Goldman, E.: Anarchism and other Essays. With a new Introduction by
Richard Drinnon. New York 1969 (erstmals New York 1911)
Goldman, E: Francisco Ferrer and the Modern School. In: E. Goldman:
Anarchism and other Essays. New York 1969(a), S. 145-166
Goldman, E: Das Tragische an der Emanzipation der Frau. Reihe: Frauen in
der Revolution, Bd. 2. Berlin 1977
Goldman, E: "Living My Life". Gelebtes Leben. 3 Bde. Berlin 1978(a), 3.
Aufl. Bd. 1 1988, 3. Aufl. Bd. 2 1990, 2. Aufl. Bd. 2 1990; erstmals
engl.: Living my Life, New York: Alfred A. Knopf 1931, 2 Bde., 993 und
XVI S. in Groß-Oktav
Goldman, E.: Anarchismus - seine wirkliche Bedeutung. Anarchistische
Texte 11. Berlin 1978 (b), 2. Aufl. 1981
Goldman, E.: Widerstand. Hrsg. von der Anarchistischen Vereinigung
Norddeutschland. Meppen/Ems 2. Aufl. 1983
Grunder, H.-U.: "Wir fordern alles". Weibliche Bildung im 19.
Jahrhundert. Grafenau 1988
Grunder, H.-U.: Theorie und Praxis anarchistischer Erziehung. 2.
überarbeitete Aufl. Grosshöchstetten und Bern 1993
Karasek, H. (Hg.): 1886. Haymarket. Die deutschen Anarchisten von
Chicago. Berlin 1975
Klemm, U.: Francisco Ferrer. Ein libertärer Schulreformer im Kontext der
Bildungsgeschichte. Hilterfingen 2004
Kropotkin, P.: Memoiren eines Revolutionärs. Frankfurt a.M. 1969;
erstmals New York 1899
Nettlau, M.: Anarchisten und Syndikalisten - Teil 1. Geschichte der
Anarchie. Band V. Vaduz 1984
Nuhn, H.: August Spies. Ein hessischer Sozialrevolutionär in Amerika.
Opfer der Tragödie auf dem Chicagoer Haymarket 1886/87. Kassel 1992
Oberländer, E. (Hg.): Anarchismus. Olten 1972
Rammstedt, O. (Hg.): Anarchismus. Grundtexte zur Theorie und Praxis der
Gewalt. Köln/Opladen 1969
Rocker, R.: Zum Geleit. In: E. Goldman: Die Ursachen des Niedergangs der
Russischen Revolution. Berlin 1922, S. 3-8
Rocker, R.: Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten. Frankfurt a.M.
1974
Veysey, L.: The Communal Experience. Anarchist and Mystical
Counter-Cultures in America. New York u.a. 1973
Neuere Veröffentlichungen u.a. Leo Tolstoi - Libertäre Volksbildung
(2004), Francisco Ferrer (2004), Lernen für die Eine Welt (2005),
Freiheit & Anarchie. Eine Einführung in den Anarchismus (2005)
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