(de) Fauchthunrundmail 28.12.07

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Mon Dec 31 10:28:46 CET 2007


wir trauern um zwei freunde der freiheit & zivilcourage: daniele jenni,anwalt 
und querdenker küre gossenreiter,architekt und querdenker ---- 1.Protestmarsch 
der somalischen Flüchtlinge in der Schweiz ---- 2.Im Anhang die Rede für D. 
Jenni im Namen der AnarchistInnen und Aussenparlamentarischen Kräften ---- 
1.Protestmarsch der somalischen Flüchtlinge in der Schweiz ---- Info für 
kurzentschlossene Mitmarschierende: Treffpunkt SA, 29.12. um 10:00 im Bahnhof 
Biel ---- Protestmarsch der somalischen Flüchtlinge in der Schweiz ---- Am 20. 
Dezember haben wir ? die somalischen Flüchtlinge in der Schweiz ? von der 
Kirchenbesetzung des Grossmünsters aus, zu Fuss einen Protestmarsch nach Bern 
begonnen. Wir sind nach einer Woche beschwerlichem Fussmarsch unterdessen zwei 
Dutzend somalische Flüchtlinge und sind seit gestern in Biel/Bienne.

Wir wollen mit diesem Marsch auf die schwierige Situation von uns
Somalis in der Schweiz aufmerksam machen. Wir leben nun in diesem Land
seit Jahren mit einem sogenannten "F-Ausweis", der "vorläufigen
Aufnahme". Seit Jahren versprechen uns die Behörden zu handeln und
unsere rechtliche Situation in der Schweiz zu verbessern, passiert ist
in all den Jahren jedoch nichts. Dieser Ausweis diskriminiert uns im
Alltag und verunmöglicht die persönliche Entwicklung und eine
Integration. Die Arbeitssuche ist stark eingeschränkt und nur in
gewissen Sektoren erlaubt, unsere Jugendlichen finden keine
Lehrstellen und dürfen sich nicht weiterbilden, ganz zu schweigen von
den negativen psychischen Folgen, welche dieses Dauerprovisorium auf
alle somalischen Flüchtlinge hat. Unsere Fähigkeiten und beruflichen
Qualifikationen werden von den Schweizer Behörden nicht anerkannt und
liegen brach. So verkümmert unser Wissen und wir sind gezwungen am
Rande dieser Gesellschaft zu leben. Wir sind müde, perspektivlos und
wissen nicht mehr weiter. Viele von uns leben schon seit weit über 10
Jahren in der Schweiz.

Mit unserem Protestmarsch von Zürich nach Bern wollen wir auf unser
Schicksal aufmerksam machen, mit den Menschen unterwegs den Dialog
suchen und über unser Leben informieren.

Hintergrundsinformationen zu Somalia
Somalia wird seit 20 Jahren von einem Krieg zerfleischt. Diese
Tragödie hat das politisch-administrative System total zerstört, hat
die schon prekären sozio-ökonomischen Strukturen zunichte gemacht und
die öffentliche Sicherheit im Land aufgelöst. In Somalia existieren
heute keinerlei staatlichen Strukturen mehr und derzeit befinden sich
wieder Hunderttausende von Menschen auf der Flucht und verlassen das
Land fluchtartig.

Der Krieg hat viele Menschen gezwungen, Asyl und Sicherheit im Ausland
zu suchen, ebenso sind viele der Zurückgebliebenen auf der
verzweifelten Suche nach Bedingungen und Mittel, um den Fussstapfen
derer zu folgen, die ihnen vorausgegangen sind und das Land verlassen
haben. Diese erzwungene Emigration hat das Land wertvoller
menschlicher Ressourcen an Familien, ausgebildeten Berufsleuten,
leitenden Kadern, usw. beraubt. Wohin man auch immer geht, nach
Afrika, Europa, Amerika, Australien, in die arabischen Staaten oder in
die an Somalia angrenzenden Länder: Man findet Familien oder
Einzelpersonen, vor allem zahlreiche Jugendliche, denen es schwer
fiel, in jenen fremden Ländern zu leben, bevor die Tragödie den
somalischen Staat aufgelöst hat. Uns ist jedoch keine andere
Möglichkeit geblieben, als aus Somalia zu fliehen.

Marschroute:

Datum            Zeit            von    nach
20.12.2007    10:00 Uhr Zürich - Urdorf
21.12.2007    09:00 Uhr Urdorf - Windisch
22.12.2007    09:00 Uhr Windisch - Aarau
23.12.2007    09:00 Uhr Aarau - Olten
24.12.2007    09:00 Uhr Olten - Solothurn
25.12.2007    10:00 Uhr Solothurn - Grenchen
27.12.2007    10:00 Uhr Grenchen - Biel
29.12.2007    10:00 Uhr Biel - Lyss
03.01.2008    15:00 Uhr Lyss - Münchenbuchsee
04.01.2008    12:00 Uhr Münchenbuchsee - Bern


Für mehr Informationen Abdulahi Mohamed Tel. 079 291 29 44


2.2.Im Anhang die Rede für D. Jenni im Namen der AnarchistInnen und
Aussenparlamentarischen Kräften


Am Sonntag 30. Dezember gibt es einen Trauermarsch und die Begleitung
der Gassenküche bei ihrer allwöchentlichen Essensabgabe. Treffpunkt
17.30 Uhr vor der Reitschule.

Anschliessed findet ein Abschiedsfest mit Essen/Wort/Musik im
Dachstock der Reitschule Bern statt.

lieber freund und genosse daniele
22.12.2007
Wir wissen wohl,daß man Ideale nicht verwirklichen kann,
aber wir wissen auch,daß nichts auf der Welt ohne die
Flamme des Ideals geschehen ist,geändert ist,gewirkt wurde.

Kurt Tucholsky


einsam manchmal im gegenwind der zeit!
einsam manchmal im beharren auf gerechtigkeit!
einsam manchmal im fragen - statt immer schon in der antwort !
einsam im laut denken statt im denkfaulen bequemen sein!
einsam in der langen zeit des kampfes -
wenn exgenossen schon im karrieregetrauten heim

nur die innere hoffnung auf eine gerechtere zeit
nur das träumen der jugend und die kämpfe von unten weltweit
lässt der einsamkeit die wärme in sich!
und das stete revoltieren - hält gegen jegliche denkfaulheit!

wir tragen dich in unseren kämpfen weiter
wir denken mit zorn und zärtlichkeit
an deine hoffnung für eine libertäre gesellschaft

freund und genosse
reise gut
und winke abundzu
wie du es versprochen hast

genossInnen aus der FAUCH

......

Der reisende Strom wird gewalttätig genannt,
aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig
Bertold Brecht



War's ein Traum? Ist's wahr? - Was macht's!
Bilder ziehn und fliegen.
Einen Toten sah ich nachts
auf der Bahre liegen.
Schlug die Augen nicht mehr auf,
hielt den Mund geschlossen
und ließ doch den Worten Lauf,
die im Kreis zerflossen:
Schreiner, füge mir den Sarg
aus sechs starken Brettern.
Wer das Herz in Schlummer barg,
trotzt nicht mehr den Wettern.
Wer am Wege niederfiel,
müde und verlitten,
braucht, daß er ihn leit zum Ziel,
keinen Gott zu bitten.
Wem die Sonne nicht mehr scheint,
kann die Liebe missen.
Wieviel Trauer um ihn weint,
braucht er nicht zu wissen.
Himmel - Hölle, Dunkel - Licht,
heitrer oder trüber -
Tote unterscheiden nicht.
Lust und Leid: vorüber!
Schreiner, richte mir die Truh
aus sechs starken Brettern.
In den Grabblock meißle du,
Steinmetz, diese Lettern:
Menschen, laßt die Toten ruhn,
euer ist das Leben.
Jeder hat genug zu tun,
Arm und Blick zu heben.
Laßt die Toten! Sie sind frei
im durchnäßten Sande.
Euch entringt der Sklaverei!
Euch der Not und Schande!
War ein Kampf des Lebens wert,
spart dem Tod die Spende -
aber nehmt des Toten Schwert!
Führt den Kampf zu Ende!
Kämpft, o kämpft, und nützt die Zeit
zu der Menschheit Glücke!
Fällt ein Mann, so steht bereit:
Vorwärts! Schließt die Lücke!
Wollt ihr denen Gutes tun,
die der Tod getroffen,
Menschen, laßt die Toten ruhn
und erfüllt ihr Hoffen!

Erich Mühsam


The extracted pdf

Zum Tod von Daniele Jenni - aus Sicht der Rand- und Widerständigen
                 Bern, 27.12.07
,,Daniele Jenni ¬ Riposa in pace" (Ruhe in Frieden) stand letzten Samstag
auf einem Transparent der ,,Gioventù Biancoblù" während des Eishockey-Matches 
der SCL Tigers gegen den HC Ambri Piottà. Das Transparent erntete den Applaus, 
der nicht nur aus dem Umfeld des autonomen Luganeser Centro sociale
autogestito ,,Molino" stammenden Ambri-Fans. Keinen Applaus bekam das 
Transparent für Daniele von der Langnauer Stadion-Security, die es zuerst gar 
nicht zulassen wollte.
Hier in Langnau, so lautete die Begründung, habe man diesen Daniele Jenni gar 
nicht gern.
Auch andere Menschen bekundeten in den letzten Tagen auf verschiedene Weise
ihre Betroffenheit über Danieles überraschenden Tod: Vor der Reitschule hängt 
ein Transparent, drinnen im Restaurant Sous le Pont eine Gedenktafel. Am letzten 
Freitag gab es im Jugendzentrum Grafitti am Konzertabend des
,,Vereins der versoffenen Schweine", einer Gruppe von jungen Punks, die öfters
mit Daniele zu tun hatten, eine Schweigeminute. Auf vielen Homepages sozialer, 
politischer und kultureller Gruppen wird Daniele gedacht.
Dass Daniele vielen in Erinnerung bleiben wird, ist kein Wunder. Denn er hat

sich nicht nur für uns
Rand- und Widerständige engagiert, er hat auch mit uns kritisch-solidarisch
gekämpft und gelebt.
Ich kann seinen Kampf und sein Engagement nur in Stichworten aufzählen: Er
kämpfte für Grund-,
Menschen- und Bürgerrechte, für Demonstrations- und Versammlungsfreiheit, er

leistete Widerstand
gegen den obrigkeitlichen Wegweisungswahn und unterstützte juristisch und
politisch Rand- und
Widerständigen aller Art: Haus- und Wagenplatzbesetzende, Jung- und
Alt-Antifas,
AktivistInnen gegen
WEF und WTO, Babypunks, Gassenpunks, Alkies, Junkies, Gassenküche-Kochende,
Paradiesli-
Kulturschaffende. Und so weiter und so fort.
Was ich nicht beschreiben kann, ist, was Danieles Arbeit für die einzelnen
Menschen bedeutete. Das
müssen sie schon selber tun. Ich kann hier nur für mich reden. Eines habe
wir
aber wohl alle gemeinsam:
Zu Daniele bestand immer ein besonderes Verhältnis. Denn er war nicht nur
Parlamentarier, Anwalt,
Genosse und meist ältester Demoteilnehmer, sondern er war einer ,,von uns".
Ich lernte Daniele etwa 1996 im Rahmen des Referendums gegen das neue
kantonale
Polizeigesetz
kennen. Während die parlamentarische Linke nach der verlorenen
Grossrats-Abstimmung über das von
Kurt Wasserfallen verschärfte kantonale Polizeigesetz ,,betroffen" in die
Sommerferien ging, ergriffen
AnarchistInnen aus Thun, Bern und Biel sowie die Grüne Partei Bern das
Referendum. Nach unserer
erfolgreichen Unterschriftensammlung schickte uns das Kader des Grünen
Bündnis
eine Gratulations-
Postkarte und erinnerte daran, dass sie uns ja ,,schon immer" unterstützt
hätten. Der Rest ist Geschichte:
es gab ein libertäres Abstimmungskomitee, dem auch Daniele angehörte und ein

rotgrün-
parlamentarisches, dass sich ängstlich von uns abgrenzte. In der Abstimmung
1997
erreichten wir
immerhin mehr als 1/3 Nein-Stimmen und ¬ beinahe wichtiger - die breite
Thematisierung der Inhalte des
Polizeigesetzes, v.a. der Lex Wasserfallen, dem berüchtigten
Wegweisungsartikel.
Während sich dann 1998 Rotgrün mit der Task Force Drogenpolitik ähnlich wie
heute nicht nur mit der
,,Aktion Citro" ins repressive Mittelalter stürzte, blieben die meisten
AktivistInnen des libertären
Abstimmungskomitees ¬ unter anderem auch der Mitte April dieses Jahres
verstorbene Bieler Anarchist
Marc Haldimann - am Thema dran. ,,In ä suberi Stadt blickt mä dür näs
Ziel(färn)rohr", beschrieben
damals die jungen Berner Hiphopper von PVP sehr treffend die Realitäten auf
den
Berner Strassen.
Daniele war wohl derjenige von uns, der den obrigkeitlichen Wegweisungswahn
am
effizientesten
bekämpfte. Er schuf mit seiner juristischen Arbeit eine niederschwellige
Anlaufstelle, zu der die von
Wegweisungen Betroffenen einen einfachen Zugang hatten. Mit Daniele fanden
sie
jemanden, der sie
respektvoll und nicht von oben herab oder anbiedernd behandelte und mit
dessen
Hilfe sie sich wehren
konnten. Er zwang Politik, Polizei und Justiz dazu, sich an die eigenen
Gesetze
zu halten und die
Grundrechte der von ihnen gejagten Rand- und Widerständigen - zumindest
juristisch - zu respektieren.
Daniele war nicht nur für soziale, sondern auch für politische Rand- und
Widerständige eine Anlaufstelle:
So zum Beispiel im Frühling 2000, als das frisch gegründete Bündnis alle
gegen
Rechts für den 1.
Antifaschistischen Abendspaziergang das erste und letzte Mal ein
Bewilligungsgesuch einreichte. Auf der
Suche nach zwei Menschen, die dieses Gesuch für uns einreichten, wurden wir
nur
bei Daniele fündig.
Und so sassen dann Daniele und ich bei der Stadtpolizei und verhandelten
über
die Demoroute. Ich war
froh darum, denn er stärkte mir den Rücken bei den nicht gerade einfachen
Verhandlungen.
Er hat damals auch auf sozialer Ebene etwas zum 1. Abendspaziergang
beigetragen:
er pflegte nämlich in
seiner damaligen Stammkneipe Löwen in Bümpliz auch mit Bernhard Hess von den
Schweizerdemokraten Bier zu trinken. Dieser hetzte damals in den Medien
massiv
gegen den
Antifaschistischen Abendspaziergang. In dieser von Daniele gelockerten
Atmosphäre liessen sich ein paar
Antifa-Babypunks, die auch dort verkehrten, von Hess zum Bier einladen,
diskutierten spasseshalber mit
ihm und erreichten damit, dass Hess plötzlich in den Medien verkündete, er
fände
die Jung-Antifas gar
nicht so schlimm.
Jahre später schrieb sogar der ,,Bote der Urschweiz" verwundert über diesen
bärtigen ,,Antifa-Anwalt"
aus Bern, der eines Tages in Begleitung von 5 jungen Antifas in schwarzen
Kapuzenpullovern in Brunnen
aus einem Touristenschiff gestiegen war und fortan Jahr um Jahr für das
,,Bündnis für ein buntes
Brunnen" mit den Behörden über eine Demobewilligung für eine Kundgebung
gegen
die Nazipräsenz auf
dem 1. August-Rütli verhandelte.
Daniele Jenni war nicht nur ein politischer Mitkämpfer, er war auch mein
Anwalt
in einigen juristischen
Auseinandersetzungen, die ich wie viele andere soziale, kulturelle und
politische Rand- und
Widerständige mit der Obrigkeit hatte. Er hat dies immer sehr ruhig,
kompetent,
gemütlich und - zum
Schrecken der RichterInnen - mit sehr ausführlichen Plädoyers getan. Und
sich
meistens noch mehr über
die Justiz amüsiert als wir Angeklagten. Das Gerücht, er habe sich für uns
prozessanfällige
AnarchistInnen v.a. aus finanziellen Gründen interessiert, kann ich mehr als

entkräften: Bis heute haben
ich und viele andere für seine juristische Arbeit keinen Rappen bezahlt.
Nicht
mal den Kaffee nach dem
Prozess durften wir selber bezahlen. Daniele vergass vorsätzlich und
mutwillig
uns Rechnung zu stellen,
denn er finanzierte lieber die erfolglosen Prozesse mit den Einnahmen der
erfolgreichen. Durch diese
faktische Kostenlosigkeit per Quersubventionierung erreichte Daniele auch
für
politische AktivistInnen
einen niederschwelligen Zugang zu juristischer Verteidigung.
Daniele war nicht nur in Parlament und Gerichtssaal, sondern, im Gegensatz
zu
vielen parlamentarischen
Rotgrünen, auch auf der Strasse aktiv und in den letzten Jahren nahm er zu
meinem Erstaunen an mehr
Demos teil als ich. Und er hat die Exzesse des schweizerischen
Polizeistaates
mit uns hautnah erlebt. So
zum Beispiel in Landquart im Januar 2004, als uns knüppelnde Genfer Robocops

nach der Anti-WEF-
Demo in Chur im Bahnhof Landquart aus den Zügen prügelten, sogar Tränengas
in
Waggons einsetzten,
und uns in faschistischer Manier wie Schwarze Schafe vor die deutschen
Wasserwerfer trieben. Daniele
hat damals lange mitten im Tränengasnebel gestanden, kam nicht so schnell
vorwärts wie wir anderen,
hatte Mühe, über eine eiserne Abschrankung zu kommen. Eine Zeitlang hab ich
sogar befürchtet, dass die
Robocops ihn zusammenknüppeln werden.
Die brutale Repression in Landquart hat einige fertig gemacht. Daniele nahms
¬
zumindest gegen aussen
¬ relativ locker. Und hat sich dann mit uns anderen 1081 Eingekesselten über
die
deutschen
Wasserwerfer-Bullen amüsiert, die uns hinter die mittlerweile berühmte
,,virtuelle Linie" befahlen ¬ und
die uns ermahnten ¬ ausgerechnet uns -, wir sollten nicht die Arbeit der
Polizei
behindern. Spätestens von
da an waren Daniele und ich in der gleichen Kartei.
In der gleichen Kartei landeten er und etwa 400 Anti-WEF-AktivistInnen, die
2005
in Basel noch vor
Demobeginn eingekesselt wurden. Daniele verhandelte mit der Einsatzleitung
und
verliess damals, wie
schon so oft, als letzter den Kessel, obwohl die Robocops ihn schon früher
gehen
lassen wollten. Danieles
letzter juristischer Erfolg als Anwalt vor seinem Tod war ein Sieg gegen den

damaligen (und heutigen)
Basler Polizeistaat: er und 14 Mitangeklagte wurden diesen Dezember
freigesprochen.
Daniele war ¬ schon lange vor dem 6.10. ¬ ein Schwarzes Schaf. In einer
seiner
Stammkneipen, dem
Restaurant des Pyrénées, bekam er im Spätsommer dieses Jahres Lokalverbot,
mit
der Begründung, er
würde immer die gewalttätigen Demos organisieren und so einen wolle man
nicht.
Vor, während und
nach dem 6.10. distanzierten sich die meisten rotgrünen Parteien
wahlkampf-ängstlich von Daniele und
dem Komitee Schwarzes Schaf. Unter anderem auch ein GFLer, der in jungen
Jahren
ein wilder
ausserparlamentarischer Gassenküche-Aktivist war. In internationalen Medien,

z.B. der New York Times,

wurde Daniele als einer der Sprecher des Schweizer Widerstandes gegen die
Blocher-SVP zitiert. Die
meisten Schweizer Medien und Parteien, die die Stadt Bern ¬ die ,,Hauptstadt
der
Anarchie" - medial in
Schutt und Asche gelegt hatten, machten in einem kollektiven Hass-Anfall aus

Daniele wider besseren
Wissens einen national bekannten Randale-Rädelsführer. Allen voran der
,,Berner
Bär", der Daniele gar
als ,,Talibanfürst" bezeichnete, obwohl dieser, wäre er Afghani gewesen,
wohl am
hartnäckigsten gegen
deren Religionsgesetze gekämpft hätte.
Daniele, immer unterwegs mit Aktentasche oder Rucksack, wird uns
weiterlebenden
Rand- und
Widerständigen fehlen. An Demos, vor Gericht, auf der Gasse, an
Vorbereitungs-Sitzungen, beim Bier im
Sous le Pont oder der Brass Lorraine. Er wird uns fehlen, wenn nächstes Jahr
die
Police Bern nicht nur
für das WEF aufmarschiert, wenn die Euro 08 anrollt und wenn im
Wahlkampf-Jahr
Bürgerliche und
Rotgrüne um repressive Ideen wetteifern. Wir werden ihn und seine
kontinuierliche Arbeit vermissen.
Wir werden den kompetentesten Mitstreiter gegen städtische, kantonale oder
eidgenössische Obrigkeiten
und deren Polizeiapparate vermissen. Und wir werden uns Gedanken machen
müssen,
wie wir
gemeinsam die Lücke, die sein Tod hinterlassen hat, füllen können. Wie wir
seine
antirepressive
Kontinuität weiterführen können. Denn wir werden auch weiterhin durch unsere

Lebensstile, durch
unsere Wohnformen, durch unsere sozialen, politischen und kulturellen
Inhalte
und durch unseren
Widerstand anecken.
Auch Daniele eckte an ¬ zum einen mit seiner juristischen Arbeit, seiner
parlamentarischen und
ausserparlamentarischen Politik - zum anderen ¬ wohl weil kaum jemand ihm
inhaltlich Paroli bieten
konnte ¬ auch mit seinem Erscheinungsbild, mit seiner Art, mit seinem Stil.
Er
war in dieser Stadt,
speziell auch im juristischen Milieu seine eigene kleine Randgruppe. Als
mein
kleiner Bruder - er ist
mittlerweile Anwalt ¬ vor Jahren im Amtshaus sein Praktikum machte, erzählte
er
mir immer wieder,
dass die dortigen JuristInnen, über Danieles Äusseres und sein Auftreten vor

Gericht ablästern würden.
Auch in der Stadtverwaltung machten sie Sprüche über Daniele. Einer dieser
Stadtverwaltungsmenschen
- ein Sachbearbeiter des Stadtratssekretariats und ein Hausmitbewohner von
mir,
- langweilte mich in den
letzten zwei Jahren regelmässig mit seinen Versuchen, mit mir im Treppenhaus

Small Talk über diesen
,,komischen Daniele Jenni" und seine ,,sturen politischen Vorstösse" zu
betreiben.
Daniele Jenni war ein Spinner ¬ genauso wie ich, genauso wie die meisten
hier in
diesem Raum.
SpinnerInnen, die es nicht lassen können und wollen, den herrschenden Zu-
und
Missständen einfach
etwas entgegenzusetzen, die für eine bessere und gerechtere Gesellschaft
kämpfen
¬ alle nach ihren
Möglichkeiten und Fähigkeiten, ohne sich vom herrschenden Mainstream, vom
knüppelschwingenden
Repressionsapparat oder von OpportunistInnen aus den eigenen Reihen davon
abbringen zu lassen.
1988 ¬ Daniele war damals 39 und ich 18 - wurde auf dem Gaswerkareal von
einer
kleinen Demo ein
Grab- und Gedenkstein für das im Jahr zuvor geräumte Zaffaraya niedergelegt.

Deren Inschrift möchte
ich zum Schluss uns weiterlebenden Rand- und Widerständigen zur Ermutigung
ans
Herz legen und all
den Blochers, Wasserfallens und rotgrünen OpportunistInnen als Warnung mit
auf
den Weg geben. Aber
vor allem möchte ich sie Daniele widmen, denn er hat deren trutzige Aussage
mit
seinem Wirken mehr
als gelebt:
,,Solange es Idioten gibt wie euch, gibt es Spinner wie uns."
                                                                      Tom,
Büro
gegen finstere Zeiten Bern




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