(de) Schwarzer Peter: Anarchie in Rusland

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Sat Dec 1 20:50:27 CET 2007


Petra Grad 21.11.2007 12:27 Themen: Antifa Antirassismus Freiräume Repression 
Soziale Kämpfe Weltweit ---- Rund 200 Autonome, Punx, Skins, Antifas, 
Umweltbewegte und sonstige AnarchistInnen trafen sich vergangenes Wochenende in 
St. Petersburg zum alljährlichen Festival "Tschorny Petrograd" (Schwarzes 
Petersburg). Diesmal wurde es eine interessante Mischung aus Chaostagen, 
Anarchietagen und Vernetzungstreffen. ---- Aus dem ganzen europäischen Teil 
Russlands und dem angrenzenden Ausland reisten bereits am Freitag (16.11.) 
zahlreiche Menschen nach St. Petersburg, kurz "Piter" - viele per Zug oder 
Autostopp, was schon mal erste Gelegenheiten zur Verbreitung anarchistischen 
Gedankenguts bot. Die politische Situation Russlands ist ja nicht gerade 
günstig: viele sehen das Land kurz vor dem Ende der regulären Präsidentschaft 
Putins an der Schwelle zur Diktatur, weil er offensichtlich die Macht nicht wie 
vorgeschrieben nach zwei Amtszeiten abgeben möchte und der Verfassung deswegen 
demnächst irgendeine Vergewaltigung bevorsteht; währenddessen versinkt die 
Mehrheit der Gesellschaft in Armut; faschistische Ideen greifen um sich, und 
entsprechende Gewalttaten bis hin zu Morden sind an der Tagesordnung; und in 
Tschetschenien köchelt immer noch ein Krieg vor sich hin, der zwar offiziell 
kein Thema (weil längst "gewonnen"), aber dennoch durch die verstümmelten 
Veteranen und die geheime Angst der jungen Männer vor dem Wehrdienst 
allgegenwärtig ist.
In dieser Situation lässt sich auch der Mitreisende im Nachtzug auf eine 
angeregte Diskussion ein und sein Schönheitsschläfchen sausen, wenn Golowa mit 
den Worten "Hör mal, Genosse, wir von der anarchistischen Bewegung sehen die 
Lage folgendermaßen..." zu erzählen beginnt, dass es alles auch ganz anders 
laufen könnte.
Ab dem frühen Vormittag bereits strömten die schwarz-bunten Scharen in die 
Petersburger Innenstadt. Wind, Schneefall und zahlreiche Minusgrade ("Piter" 
liegt mit 60 Grad noch ein ganzes Stück nördlicher als Moskau, und die nahe 
Ostsee macht das Klima dort nicht angenehmer) konnten die Freude nicht trüben, 
FreundInnen aus den entferntesten Regionen mal wieder zu sehen, und das wurde 
ausgiebig in verschiedenen Parks gefeiert (was auch die Temperatur etwas 
erträglicher machte). Quartiere in den verschiedenen anarchistischen WGs der 
Stadt wurden abgecheckt, anschließend gaben sich viele noch die kulturelle 
Breitseite mit den Museen und zaristischen Protzbauten der Innenstadt. Am Abend 
fand dann das erste kurze Plenum statt; über mehrere Schleusungspunkte wurden 
die BesucherInnen in einen Hinterhof gelotst, wo die Treffpunkte für die 
Aktionen des Wochenendes bekanntgegeben wurden.
Nach kurzem gemeinsamem Vorglühen stürzte sich die Meute daraufhin ins 
Petersburger Nachtleben. Zunächst mal ging's ins "Frikadelki", die russische 
Version von McDoof. Der gemeine ausländische Beobachter denkt sich vielleicht 
"uaaahh---", aber es kam ganz anders. Nach der fast ganz regulären Einnahme 
einer Mahlzeit (nee, das ess ich nicht, das ist ja gar nicht vegan) füllte sich 
der Laden zusehends mit GenossInnen, ein Workshop kümmerte sich um die 
Versorgung mit kostenlosen Getränken von der Theke, die härteren Sachen standen 
sowieso schon unterm Tisch bereit, und die Atmosphäre entsprach spätestens nach 
einer Stunde eher einem AJZ als einem Fastfoodschuppen. Sozusagen ein McSquat - 
man muss ja nicht immer gleich ein ganzes Haus besetzen. Gegen später wurden 
verschiedene Konzerte und eine Ska-Disco besucht, was noch sehr lustig war, nur 
auf dem Rückweg holten sich ein paar Leute eine derbe Erkältung, als sie im 
Morgengrauen drei Stunden vor einer zwecks Schiffspassage geöffneten Newa-Brücke 
warten mussten.
Samstag mittag begann dann das offizielle Programm. Auf dem Senny-Platz war um 
halb drei der erste Treffpunkt angesagt. Vor den Augen einiger etwas ratloser 
Milizionäre breitete sich zunächst so eine Art Chaostage-Szenerie aus; etwa 60 
Tschorny-Piter-Fans trafen sich, wobei teils recht aufwändig gestylte Punks das 
Bild prägten. Auch die verschiedenen Skin-Fraktionen (RASH, SHARP und Oi!, wobei 
zu erwähnen ist, dass Oi! in Russland immer eine deutliche Positionierung gegen 
Nazis, vor allem "Bonchedi" - Boneheads, Naziglatzen - bedeutet und 
"a-politisch" hier mit 'nem grossen A im Kreis geschrieben wird) waren sichtbar 
präsent. Das Wetter war deutlich schöner als gestern, es wurde viel getrunken 
und gelacht, ehe dann auf ein verabredetes Signal hin die Metro gestürmt wurde. 
Der Drehkreuzwächter und die Alarmanlage waren zwar der Meinung, dass 10 Jetons 
ein bisschen wenig für uns alle sind, wurden aber demokratisch überstimmt 
(ausnahmsweise kein Konsensentscheid, aber gegen die versuchte Verhaftung eines 
Genossen gab es noch viel mehr Vetos). Was auffiel, war, dass es nach der 
Schleusung über zwei weitere Treffpunkte schließlich deutlich mehr Leute waren; 
in Deutschland ist ja bei ähnlichen Aktionen eher die Tendenz, dass unterwegs 
die Hälfte verlorengeht. So aber trafen sich am Ende der Stadtrundfahrt an die 
150 Leute in einem Kino in der Vorstadt.
Nach kurzer Beratung war das Programm festgelegt. Zu Beginn wurde "i - der Film" 
gezeigt, der indymedia-Werbetrailer, und ein paar Clips von Aktionen in 
Russland. Anschließend wurde im Plenum über die Organisation der anarchistischen 
Bewegung in Russland diskutiert. Nach einer kleinen leckeren Werbeunterbrechung 
durch Food Not Bombs ging es in die Workshops. Beraten wurde über die 
verschiedenen laufenden und anstehenden Kampagnen wie Kämpfe am Arbeitsplatz und 
an den Unis, Aktionen gegen die 3. Amtszeit Putins (und was zu tun ist, wenn es 
dazu kommt), die Aktionscamps im Sommer (vor allem zu Umweltthemen) und 
allgemein über mögliche Aktionsformen und anarchistische Selbstorganisation.
Letzterer Workshop drehte sich zunächst (bevor in der letzten Viertelstunde noch 
schnell Nägel mit Köpfen gemacht wurden) vor allem um das Thema Alkoholismus und 
Drogen; während einige TeilnehmerInnen das Saufen als Grundlage russischer 
Geselligkeit und damit als unabdingbare Voraussetzung jeder kollektiven 
Organisation sahen, waren andere der Meinung, der Konsum solcher Mittel zerstöre 
jeglichen Aktivismus. Dagegen wurde das Beispiel von Frontaids gebracht, einer 
der aktivsten politischen Organisationen, die jede Menge auf die Beine stellt, 
obwohl sie von Haus aus zum großen Teil aus Junkies besteht - andererseits waren 
viele von ihnen an diesem Abend in der Stadt, schafften es aber nicht aufs 
Treffen, weil sie sich in irgendwelchen Squats die Rübe wegballern mussten. 
Heroin gibt's zur Zeit in Russland viel und billig, und es geht das Gerücht um, 
dass das kein Zufall ist, sondern dass staatliche Stellen dabei ihre Finger im 
Spiel haben und so gezielt versuchen, jetzt kurz vor den Wahlen den Widerstand 
zu schwächen. Die SE-Debatte spielte auch zwischen den Workshops eine Rolle, da 
ein paar Obermacker nicht ganz damit klarkamen, dass es für viele der Anwesenden 
eben dazugehört, zwischendurch vor dem Haus ein paar Wodka Bull oder andere 
Leckereien zu kippen.
Ein Workshop des Anarchist Black Cross vermittelte außerdem ein paar Grundlagen 
über Gesetze, Rechte und ihre Durchsetzbarkeit im Umgang mit der Staatsmacht. 
Dieser Workshop fand anschließend auf der Straße gleich eine praktische 
Fortsetzung: eine Miliz-Streife war der Meinung, dass die Papiere eines 
auswärtigen Genossen nicht in Ordnung seien, und wollte ihn mitnehmen. Dazu muss 
man sagen, dass das Leben in Russland ziemlich gut überwacht wird und die 
Bewegung von A nach B an sich schon einen kriminellen Beigeschmack hat. Deswegen 
muss man beim Fahrkartenkauf auch einen Perso vorlegen, der Name wird auf dem 
Ticket notiert, und das gilt als Registrierung am Zielort. Besagter Genosse war 
aber mit dem Auto angereist und daher auch in St. Petersburg nicht registriert, 
was im Gesetz irgendwie nicht so richtig vorgesehen ist; und wenn es keine 
Regelung gibt, kann man ja mal davon ausgehen, dass irgendwas daran illegal ist 
und auf blöd für eine Verhaftung ausreicht. Nun, im konkreten Fall dann doch 
nicht, denn es entwickelte sich ein größerer Wickel mit dieser und einer 
weiteren hinzugekommenen Milizwannenbesatzung, zwischendurch ging mal der größte 
Teil der Anwesenden auf dem gefrorenen Gehsteig zu Boden, und als sich das Chaos 
etwas beruhigt hatte, war der "Illegale" verschwunden.
Auch in der folgenden Nacht mieden viele Schwarzer-Peter-Fans den Schlaf. 
Trotzdem fanden am Sonntag ab dem frühen Morgen Aktionen statt, z. B. am Grab 
von Timur (der sich bei Food not Bombs und in der Flüchtlingshilfe engagiert 
hatte und vor zwei Jahren - ebenfalls auf dem "Tschorny Piter" - von Nazis 
erstochen worden war), von Frontaids und gegen die anstehenden Wahlen. Um halb 
drei war dann wieder - diesmal bei strahlendem Sonnenschein - Treffen auf dem 
Senny-Platz, anschließend ging es in die Vorstadt. Offenbar weil es gestern so 
locker gelaufen war, waren ein paar GenossInnen beim Metro-Eingang nicht ganz so 
auf Zack: der Drehkreuzmann konnte zwei Leute herausgreifen und hinter die 
Barriere ziehen, von denen auch nur einer schnell genug war, um durch den 
Hinterausgang zu flitzen. Der andere war allerdings nach einer Stunde auch 
wieder draußen.
Nach einigem Hin und Her fuhr die versammelte Mannschaft mit dem Bus in das 
Kulturhaus eines nahegelegenen Dorfes, wo ein Konzert mit fünf Bands aus Piter 
und Moskau stattfand. Das Programm reichte von anarchistischem Liedermaching 
über Ska, Oi! und HC-Punk bis Crust, dazu wurde ausgiebig getanzt und gefeiert. 
Den Tanz könnt Ihr Euch so ähnlich vorstellen wie den Pogo auf einem 
gewöhnlichen Deutschpunkkonzi, vielleicht ein bisschen gröber und mit mehr 
kollektiven Spielchen; z. B. klumpt sich der Mob gelegentlich zu teils 
mehrstöckigen Gebilden zusammen, die dann aufeinander losgehen. Rund um das 
Konzert war wieder jede Menge anarchistisches Infomaterial geboten, ein paar 
Distros vertickten Buttons etc., Aktionen und Treffen wurden abgecheckt, und 
schließlich ging es mit den letzten Bussen zurück in die Stadt, wo die Leute 
teils auf die Nachtzüge gingen, teils in den WGs und Treffpunkten weiterfeierten.
Insgesamt wird "Tschorny Petrograd 2007" allgemein als voller Erfolg gewertet, 
es hat organisatorisch viel mehr geklappt als in den vergangenen Jahren, es 
waren mehr Leute da und es war nicht nur ein Massenbesäufnis, es gab wenig 
Nazistress, fast keine Verhaftungen und nur zwei Leichtverletzte (einen durch 
nazibedingten Kontakt mit Pfefferspray und einen durch alkoholbedingten Kontakt 
mit einer Rolltreppe). Ist also sicher kein Fehler, für November 2008 schon mal 
eine Reise an die Newa einzuplanen...


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