(de) Fauchthunrundmail: 30.7.07 Selbstverwaltung in Argentinien
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Wed Aug 1 23:02:15 CEST 2007
1. Selbstverwaltung bedroht ,B.A.U.E.N .Buenes Aires 2. Aneignung ? eine
Gegenstrategie Das 20-stöckige Vier-Sterne-Hotel B.A.U.E.N mitten im
Zentrum von Buenos Aires ist nach längerem Leerstand im März 2003
besetzt worden. 150 ArbeiterInnen betreiben es in Selbstverwaltung. Am
20. Juli wurde vom Gericht ein Räumungstitel erlassen. Innerhalb von 30
Tagen sollen die Arbeiterinnen ihr Hotel verlassen. Auch gegen Zanon,
die 2001 besetzte Kachelfabrik in Neuquén, gibt es neue Drohungen. Die
Überlassung der Kachelfabrik Zanon an die ArbeiterInnen bzw. an ihre
Kooperative Fasinpat ist im Oktober 2006 um weitere drei Jahre
verlängert worden. Aber einer der Gläubiger, die italienische Firma
SACMI, legte dagegen Rechtsmittel ein und fordert das Ende der
Arbeiterselbstverwaltung. Der Staatsanwalt schlug den Richtern vor, die
Frist auf zwei Jahre zu verkürzen. Wenn das Gericht dem Gläubiger recht
gibt, könnte eine Räumung unmittelbar oder im Oktober nächsten Jahres
bevorstehen. Von der selbstverwalteten Kachelproduktion leben
mittlerweile 470 Familien. Die compañer at s planen jetzt neue Aktionen zur
Verteidigung ihrer Fabrik.
Die ArbeiterInnen des Hotel BAUEN haben bereits drei Räumungsdrohungen
überstanden. Ebenso wie die compañer at s von Zanon können sie auf große
Unterstützung zählen. Das ehemalige Luxushotel ist zu einem bei den
Bewegungen
beliebten Ort geworden, wo Treffen und Kulturveranstaltungen
stattfinden. Auch
sie mobilisieren jetzt zu verschiedenen Aktionen.
Weitere Informationen zu den selbstverwalteten Betrieben in Argentinien:
http://www.labournet.de/internationales/ar/selbstverw.html
Seit zwei Jahren gibt es eine Online-Unterschriftensammlung, mit der die
endgültige Enteignung des Hotels BAUEN zugunsten der ArbeiterInnen
gefordert wird:
http://www.petitiononline.com/bauen/petition.html
___________________________________________________
Übersetzung des Flugblattes, mit dem die ArbeiterInnen des BAUEN die
Räumungsdrohung bekannt machen:
Eine neue Drohung: Räumungstitel für das Hotel B.A.U.E.N
Ein neues Urteil gegen die Kooperative:
Diese Maßnahme gefährdet den Lebensunterhalt von mehr als 150 Familien.
1978: Das Hotel BAUEN S.A. wurde für die Fußball-Weltmeisterschaft
gebaut, dank
der guten Beziehungen seines Inhabers Marcelo Iurcovich zu Mitgliedern der
herrschenden Militärdiktatur. Er bekam einen Kredit von der Nationalen
Bank für
Entwicklung BANADE, die heute zur Bank Banco Nación gehört. Der Besitzer
Iurcovich hat sich nie um das Hotel gekümmert, er hat dem Staat nichts
von dem
Kredit zurückgezahlt, er hat keine Steuern bezahlt und Millionen Pesos
Schulden
gemacht. Mit dieser Methode hat er große Gewinne gescheffelt. 1997
verkaufte er
das Hotel an die Unternehmensgruppe Solari S.A. Deren Inhaber Solari
ging auf
dieselbe Weise vor wie sein Vorgänger, er bezahlte nur die erste Rate?
Er führte
das Hotel bis im Dezember 2001 der Konkurs erklärt wurde. 80 Familien
wurden um
ihren Lebensunterhalt gebracht, ohne jegliche Erklärung.
2003: Die Kooperative BAUEN wird gegründet. Die ArbeiterInnen haben das
Hotel in
einem völlig geplünderten und zerstörten Zustand vorgefunden. In den
letzten
vier Jahren mussten sie die gesamte Einrichtung instand setzen. Sie
haben den
Betrieb erfolgreich ans Laufen gebracht. Während das Land seine schlimmste
Wirtschaftskrise durchlief, schufen sie mehr als 150 Arbeitsplätze. In vier
Jahren haben sie zweifelsfrei gezeigt, dass eine Betriebsführung ohne Chef
machbar ist. Das Resultat ist für jeden sichtbar. Vielleicht stört
gerade das
diejenigen am meisten, die denken, dass eine seriöse und erfolgreiche
Verwaltung
nicht von Arbeitern selbst gemacht werden kann.
20. Juli 2007: Die Richterin Paula Hualde verfügt die Räumung des Hotels
und
räumt den ArbeiterInnen eine Frist von 30 Tagen ein, das Gebäude zu
verlassen.
Dieses Urteil begünstigt diejenigen, die das Hotel ruiniert, dem Staat
Verluste
verursacht und die Arbeiter rausgeschmissen haben, und es widerspricht
einem der
Grundrechte der argentinischen Verfassung: frei arbeiten können.
Wir ArbeiterInnen des BAUEN möchten, dass die ganze Gesellschaft von diesem
Angriff auf unsere Interessen erfährt. Wir möchten in Würde arbeiten,
weiterhin
unsere Fähigkeiten entwickeln und weitere Arbeitsplätze schaffen. Wir
werden
gegen das Urteil der Richterin Hualde Berufung einlegen, und wir werden
nicht
aufgeben.
Wir rechnen mit der solidarischen Unterstützung von politischen
Organisationen,
sozialen und kulturellen Bewegungen und der Bevölkerung. Wir werden
gegen diese
Maßnahme Widerstand leisten und organisieren verschiedene Aktionen,
damit die
ganze Gesellschaft uns in diesem Kampf begleitet.
6. August: Demonstration zum Gericht (Callao / Marcelo T.Alvear)
9. August: Pressekonferenz im Hotel
24. August: Große Kundgebung mit bekannten Bands und prominenten
Persönlichkeiten.
Das BAUEN gehört allen! Keine Räumung!
prensatrabajadoresdelbauen at yahoo.com.ar
2.Aneignung ? eine Gegenstrategie
In der Krise 2001/2002 wurden in Argentinien weit über 100 Fabriken von den
Arbeitern besetzt und übernommen. Viele von ihnen betreiben neben der
Produktion
soziale Projekte.
Von Lisa Groß Artikel aus Neues Deutschland
Klara und Roberta bereiten sich in der Schule der Holzfabrik auf den
Englischunterricht vor.
Foto: Groß
Mit ihren sozialen und kulturellen Projekten geben die Fábricas Recuperadas
(Besetzten Fabriken) in Argentinien dem Wertewandel einen neuen Anstoß ?
wie zum
Beispiel mit der Gründung von Schulen in ihren Fabriken. Ein Besuch in der
Schule »Bachillerato de Jovenes y Adultos Madedera Córdoba« der Holzfabrik
Maderera Córdoba in Buenos Aires.
Frisches Holz und Sägespäne. Auf den ersten Blick erscheint die Maderera
Córdoba
wie eine von vielen Holzfabriken in Buenos Aires ? es riecht nach
frischem Holz,
auf dem Gehweg liegen Sägespäne, das Schaufenster quillt über vor
Kochlöffeln,
Schneidebrettchen, Stühlen und Kisten, im Laden wuseln hilfsbereite
Fachkundige,
um die Kunden zu bedienen, und aus dem Hinterzimmer quietscht in
schrillen Tönen
die Holzschneidemaschine. Nichts lässt auf den besonderen Charakter der
Maderera
Córdoba schließen.
Erst im Gespräch mit dem schelmisch blinzelnden Verkäufer erfährt man,
dass die
Holzfabrik 2003 von den Arbeitern übernommen wurde. Alle beziehen den
gleichen
Lohn und die wichtigen Entscheidungen werden auf monatlichen
Betriebsversammlungen von der Belegschaft getroffen. Seit 2004 ist in dem
Hinterhaus sogar eine Schule untergebracht, in der das Abitur nachgeholt
werden
kann.
Von der Besetzung zur Legalisierung
Mit ihren 25 Mitarbeitern, dem vollgestopften Laden und der direkt
anschließenden Werkhalle ist die Maderera Córdoba einer der kleineren
Betriebe
unter den insgesamt über 100 Fábricas Recuperadas, in denen
zusammengenommen
fast 8000 Beschäftigte arbeiten. Fábrica Recuperada bedeutet eigentlich
»wiederhergestellte Fabrik«, aber im Deutschen wird das oft der Einfachheit
wegen mit »besetzte Fabrik« übersetzt. Entstanden sind die Fábricas
Recuperadas
in Argentinien während der schweren Wirtschaftskrise ab Ende 2001. Im
Laufe der
Krise lag die Armutsrate bei 57 Prozent, die Arbeitslosenrate stieg auf 23
Prozent und über 1560 Unternehmen meldeten Konkurs an. Die Eigendynamik,
die die
Konkurserklärungen in manchen Belegschaften entfachte, kam trotz allem
überraschend: Vor die Wahl gestellt, arbeitslos zu sein und die Familie
nicht
ernähren zu können oder ? allen widrigen Umständen zum Trotz ? auf
eigene Faust
mit der Produktion fortzufahren, entschieden sich einige Belegschaften für
letzteres. Unter dem Motto »Ocupar, resistir, producir« (besetzen,
widersetzen,
produzieren) besetzten fast 200 Belegschaften ihren Betrieb.
»Wir hatten ein großes gemeinsames Ziel während der Krise: durch die
Weiterführung der Produktion den Arbeitsplatz zu erhalten«, erinnert
sich einer
der Fabrikarbeiter. Die Tatsache, dass gut vier Jahre später immer noch
etwa 120
dieser Fabriken ihre Existenz gegen die Marktkonkurrenz verteidigen können,
lässt auf den Erfolg dieses Vorhabens schließen. Dennoch produzieren
viele der
Betriebe unter schwierigen ökonomischen Bedingungen. Da die
Lohnauszahlung an
erster Stelle steht, fehlt oft das Geld für Investitionen. Die grünlich
schimmernden Holzschneidemaschinen in der von Spänen bedeckten
Lagerhalle der
Maderera Córdoba zeugen von diesem Missstand ? sie sind noch aus den 60er
Jahren. Da sind Konflikte unter der Belegschaft programmiert.
Ambivalentes Verhältnis zu Kirchner
Die Mitte-Links-Regierung unter Präsident Néstor Kirchner verhält sich
in Bezug
auf eine Unterstützung der Fábricas Recuperadas zwiespältig. Präsident
Kirchner
und die Stadt Buenos Aires suchen zwar mit kleinen rhetorischen
Schmeicheleien
bewusst die Nähe zu den sozialen Bewegungen, um durch ein Einbinden in die
klientelistischen Strukturen der argentinischen Politik das
gesellschaftliche
Konfliktpotenzial abzumildern. Aber über eine punktuelle finanzielle
Unterstützung geht die Hilfe nicht hinaus. Auf Forderungen nach
kontinuierlicher
Unterstützung in Form von Steuererlassen oder niedrigeren Strom-,
Wasser- oder
Gaspreisen geht die Politik nicht ein, genauso wie die Unterstützung
beim Kampf
um die Legalisierung der Betriebe ausblieb.
Trotz der widrigen Umstände ist es den Arbeitenden in der Holzfabrik
Maderera
Córdoba gelungen, solidarische Arbeitsbeziehungen zu entwickeln und die
Neuordnung der Arbeitsverhältnisse anzustoßen. Dass die Fabrik nun den
Arbeitenden gehört, stellt das Verhältnis von Kapital und Arbeit auf den
Kopf ?
oder auch vom Kopf auf die Füße ? und erforderte eine Neustrukturierung,
in die
die gesamte Belegschaft einbezogen wurde. Bei allen Überlegungen
spielten Ideale
wie Solidarität, Gerechtigkeit und Partizipation eine entscheidende
Rolle. »Eine
der wichtigsten Veränderungen ist, dass wir uns nun gegenseitig helfen. Der
Kollege ist kein Konkurrent mehr, sondern jemand, der mir hilft. Er ist ein
wahrhaftiger Kollege ? und das ist das, was wichtig ist«, beschreibt der
Verkäufer im Laden der Maderera Córdoba die Veränderungen, die mit der
Besetzung
der Fabrik einhergingen.
Knotenpunkte der Kommunikation
Die meisten Fábricas Récuperadas sind darüber hinaus eng verbunden mit der
direkten Nachbarschaft, wie auch mit anderen sozialen Bewegungen. So
etwa mit
den Arbeitslosenbewegungen oder den Stadtteilversammlungen, die ebenfalls
während der Wirtschaftskrise zu wichtigen politischen Größen
heranwuchsen. »Die
Fábricas Recuperadas stellen so etwas wie einen Knotenpunkt der
Kommunikation
zwischen Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten dar. Unserem
Projekt
wurde in der Bevölkerung große Solidarität entgegengebracht und es gab bei
vielen Intellektuellen, Künstlern, Professoren, Studenten oder
Medienmachern in
Buenos Aires das Interesse, einen Beitrag zur Umgestaltung der
gesellschaftlichen Verhältnisse zu leisten«, versucht ein Arbeiter die
Fábricas
Recuperadas einzuordnen.
In manchen Betrieben gibt es Bibliotheken, in anderen
Gesundheitszentren, in der
Madedera Córdoba, bei IMPA, Provincia und Chilavert wiederum Schulen. In
den
Fabriken IMPA, Chilavert, Patricios und Zanón wurden sogar Kulturzentren
eingerichtet, in denen regelmäßig Kurse zu Kunst, Musik oder Literatur
angeboten
werden.
Ein anderes Lernen ist möglich! Um in die drei Unterrichtsräume im
Hinterhaus
der Maderera Córdoba zu kommen, muss man erst einmal einen mit
Stundenplänen,
Dienstzeiten und Demonstrationsfotos zugehängten Gang entlanggehen.
Jeden Tag
werden hier fünf Stunden lang 100 Schüler unterrichtet. Die
Heterogenität der
Lernenden ist groß, sie reicht von 17- bis 60-Jährigen, von den
Arbeitenden der
Fabrik über Mütter aus der Nachbarschaft bis zu Jugendlichen, die auf
der Straße
leben. Das Projekt fängt die Marginalisierten der Gesellschaft auf, die
sonst
keinen Zugang zu einer höheren Bildung erhalten würden ? ein
Pionierprojekt, was
die Etablierung eines zweiten Bildungsweges in Argentinien angeht.
»In den öffentlichen Schulen wurde ich immer schief angeschaut. Da wollte
niemand mit mir etwas zu tun haben und die Lehrer haben mich
diskriminiert ?
hier ist das anders. Hier habe ich mehr Lust, etwas zu lernen«, erklärt
einer
der jüngeren Schüler. Die Schulen der Fábricas Recuperadas unterscheiden
sich
aber nicht nur in dieser Hinsicht von den öffentlichen Schulen
Argentiniens ?
auch der Unterricht verläuft partizipativer. Es gibt immer zwei Lehrer pro
Unterrichtseinheit, die Schüler werden in die Gestaltung des Unterrichtes
einbezogen und wichtige Dinge werden jeden Freitag auf einer Art
Vollversammlung
geregelt. »Wir sehen die Schule als einen Raum der Bildung, aber auch
als einen
politischen Raum. Diese Schule ist Teil des politischen Projektes der
Transformation der Gesellschaft ? uns geht es um die gemeinschaftliche
Konstruktion der Schule«, erklären die Koordinatoren des Projektes Fernando
Lazaro und Ezequiel Alfieri aus der Lehrervereinigung »Cooperativa de
Educación
y Investigación Social«. Die beiden koordinieren die Schulen der Fábricas
Recuperadas und zudem noch sieben weitere Schulprojekte der
Lehrervereinigung.
Wie alle anderen 200 Lehrerinnen und Lehrer des Projektes arbeiten die zwei
ehrenamtlich ? Fernando ist eigentlich Direktor eines öffentlichen
Gymnasiums in
Buenos Aires, Ezequiel Geschichtslehrer an einem anderen Gymnasium. »Der
Vorschlag, Schulen in die Fabriken zu integrieren, kam von unserer
Lehrervereinigung. Die Dachorganisation der Fábricas Recuperadas, die
MNER, hat
ihn zustimmend aufgenommen und uns in der Maderera Córdoba ein
Koordinationsbüro
eingerichtet«, beschreibt Fernando den Entstehungsprozess der Schulen in
den
Fabriken.
Nur der Schulbehörde und den Bildungsministerien sind die Schulen ein
Dorn im
Auge. Die Lehrervereinigung muss immer wieder mit dem
Bildungsministerium um die
offizielle Anerkennung der Abschlüsse kämpfen. Mindestens einmal im Jahr
gehen
sie mit ihren insgesamt 900 Schülern auf die Straße, um für die
Anerkennung zu
demonstrieren ? bisher mit Erfolg. Die Fábricas Recuperadas sind also
weit mehr
als lediglich gemeinschaftlich organisierte Produktionsstätten. Sie
haben es
geschafft, von einer breiten gesellschaftlichen Schicht unterstützt zu
werden
und gleichzeitig in der Linken Inspiration und Motivation für neue soziale
Projekte zu sein ? in Argentinien gelten sie zu Recht als handfester
Beweis für
die Forderung: »Ein anderes Leben ist möglich!«
mehr Infos über Aktuelle Situation in Argentinien www.labournet.de
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