(de) Neu-übersetzt: Die Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union (Entwurf) - EINLEITUNG

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Thu Apr 26 12:34:38 CEST 2007


Anarchisten! --- Es ist denkwürdig, dass, ungeachtet der Kraft, positiven
Ausstrahlung und unbestreitbaren Gültigkeit anarchistischer Ideen, ungeachtet
der Gradlinigkeit und Integrität anarchistischer Positionen in der sozialen
Revolution, ungeachtet des Heldenmuts und der zahllosen Opfer, die Anarchisten
im Kampf für den anarchistischen Kommunismus erbracht haben, dass ungeachtet
all dessen die anarchistische Bewegung immer schwach geblieben ist; in der
Geschichte des Kampfes der Arbeiterklasse war sie meist ein unbedeutender Fakt,
aber kein handelnder Faktor.
Dieser Widerspruch zwischen der positiven Ausstrahlung und unbestreitbaren
Gültigkeit anarchistischer Ideen und dem kläglichen Zustand der anarchistischen
Bewegung hat eine Reihe von Ursachen, von denen die wesentlichste der Mangel an
organisatorischen Prinzipien und organisierten Verhältnissen in der
anarchistischen Gemeinschaft ist.

Die anarchistische Bewegung ist in allen Ländern durch lokale Organisationen
vertreten, die gegensätzliche Ideologien und Taktiken verkörpern, keine
Perspektive für die Zukunft haben und keine kontinuierliche Arbeit leisten.
Wenn sie eingehen, hinterlassen sie so gut wie keine Spuren.

Für diesen Zustand des revolutionären Anarchismus, wenn wir ihn als Ganzes
betrachten, gibt es nur eine Bezeichnung: chronische allgemeine
Desorganisation. Diese Desorganisation hat sich wie Gelbfieber tief in den
Organismus der anarchistischen Bewegung hineingefressen und zehrt an uns seit
Jahrzehnten.

Es ist aber auch unbestreitbar, dass diese Desorganisation in einigen
Missbildungen ideologischer Art wurzelt, in einer verkehrten Vorstellung des
individualistischen Prinzips im Anarchismus, in seiner Gleichsetzung mit
Verantwortungslosigkeit. Die Freunde der vergnügungssüchtigen Autonomie sind
hartnäckige Befürworter des chaotischen Zustandes der anarchistischen Bewegung,
sie zitieren die unerschütterlichen anarchistischen Prinzipien und die großen
Lehrer, um diese Zustände zu rechtfertigen.

Die unerschütterlichen Prinzipien und die Lehrmeister sprechen aber eine ganz
andere Sprache.

Die Zersplitterung ist die Vorstufe des Todes, während Geschlossenheit ein
Garant des Lebens und der Entwicklung ist. Dieses Gesetz des sozialen Kampfes
trifft gleichermaßen für Klassen wie auch für politische Parteiungen zu.

Der Anarchismus ist kein schönes Phantasiegebilde, das sich ein Philosoph in
seinem Kämmerchen erdacht hat, sondern eine soziale Bewegung der arbeitenden
Massen. Schon aus diesem Grund muss er seine Kräfte in einer allgemeinen,
kontinuierlich agierenden Organisation sammeln, wie es das Leben und die
Strategie im sozialen Kampf, im Klassenkampf, erfordern.

Wir sind überzeugt, sagt Kropotkin, dass die Bildung einer anarchistischen
Partei in Russland der allgemeinen revolutionären Sache nicht nur nicht schaden
würde, sondern in höchstem Grade wünschenswert und nützlich wäre.
(Vorwort zur russischen Ausgabe von Bakunins ?Pariser Kommune und die Idee des
Staates?, 1892)

Auch Bakunin hat niemals Einwände gegen eine allgemeine anarchistische
Organisation vorgebracht. Im Gegenteil, seine organisatorischen Bestrebungen
und sein Wirken in der Ersten Internationale geben allen Grund, in ihm einen
aktiven Verfechter gerade einer solchen Organisation zu sehen.

Überhaupt kämpften fast alle anarchistischen Aktivisten gegen ?zerstreute?
Arbeit und dachten an eine durch einheitliche Zielsetzung und Taktik verbundene
anarchistische Bewegung.

Am deutlichsten und ausdrucksvollsten kam die Notwendigkeit einer allgemeinen
Organisation in den Jahren der russischen Revolution von 1917 zum Ausdruck.
Während dieser Revolution zeigte sich die anarchistische Bewegung eben äußerst
zersplittert und verworren. Das allgemeine Organisationsdefizit trieb viele
anarchistische Aktivisten zu den Bolschewiken; viele der Verbliebenen hält er
in einem Zustand der Passivität, was die Entfaltung ihrer zuweilen kolossalen
Kräfte hindert.

Wir brauchen dringend eine Organisation, die die Mehrheit der anarchistischen
Bewegung vereint, eine generelle taktische und politische Linie im Anarchismus
festlegt und zur leitenden Kraft der Bewegung wird.

Es wird Zeit, dass sich der Anarchismus aus dem Sumpf der Desorganisation
zieht, das ewige Schwanken in den wichtigsten theoretischen und taktischen
Fragen hinter sich lässt und sich für den Weg bewusster Zielsetzung und
organisierter kollektiver Praxis entscheidet.

Es reicht aber nicht aus, die Lebensnotwendigkeit einer solchen Organisation zu
konstatieren. Vielmehr ist es nötig, eine Arbeitsweise zu finden, die zu ihrer
Gründung führt.

Als theoretisch und praktisch haltlos lehnen wir den Gedanken ab, eine
Organisation nach Art der ?Synthese? zu schaffen, d.h. eine Organisation, die
aus Anhängern verschiedener anarchistischer Strömungen besteht. Da sie
unterschiedliche theoretische und praktische Ansätze versammeln würde, wäre
eine solche Organisation nichts anderes, als ein Sammelsurium von Personen, die
unterschiedliche Ansichten zu allen Fragen der anarchistischen Bewegung
vertreten; bei der ersten ernsthaften Bewährungsprobe würde sie unvermeidlich
auseinanderfallen.

Die Methode des Anarchosyndikalismus kann die organisatorischen Probleme des
Anarchismus auch nicht lösen, da der Anarchosyndikalismus dieses Problem
überhaupt nicht in den Vordergrund stellt. Vielmehr ist er mit dem Eindringen
und Fußfassen im Arbeitermilieu beschäftigt. Wobei man in Ermangelung einer
allgemeinanarchistischen Organisation durchaus etwas im Arbeitermilieu
erreichen und bis zu einem gewissen Grad in ihm Fuß fassen kann.
Die einzige Methode, die zur Lösung des allgemeinen organisatorischen Problems
führt, ist unseres Erachtens die Vereinigung der anarchistischen Aktivisten auf
dem Boden bestimmter ideologischer, taktischer und organisatorischer
Positionen, d.h. auf der Grundlage eines mehr oder minder abgeschlossenen
einheitlichen Programms.

Die Ausarbeitung eines solchen Programms ist eine der Hauptaufgaben, die der
soziale Kampf der letzten Jahrzehnte den Anarchisten auferlegt. Eben dieser
Aufgabe hat die Gruppe russischer Anarchisten im Ausland einen wesentlichen
Teil ihrer Anstrengungen gewidmet.

Die unten zu lesende ?Organisationsplattform? stellt ein Gerüst dar, das
Skelett eines solchen Programms. Sie soll als erster Schritt hin zur
Versammlung der anarchistischen Kräfte in einem aktiven handlungsfähigen
revolutionären anarchistischen Kollektiv dienen: die Allgemeine Anarchistische
Union.

Wir machen uns keine Illusionen hinsichtlich Lücken in dieser Plattform. Wie
jeder neue, praktische und zugleich verantwortungsvolle Schritt hat auch die
Plattform zweifellos ihre Lücken. Möglicherweise sind eine Reihe von
wesentlichen Überlegungen nicht in die Plattform eingegangen oder sind
ungenügend berücksichtigt worden; eventuell sind andere Punkte wiederum zu
detailliert oder mit Wiederholungen ausgearbeitet worden. Das ist alles
möglich, aber darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, ein Fundament für
eine allgemeine Organisation zu legen, und dies ist durch die ausgearbeitete
Plattform im notwendigen Maß erreicht. Nun ist es Sache des allgemeinen
Kollektivs, also der Allgemeinen Anarchistischen Union, diese Plattform
auszufüllen, zu vertiefen und zum definitiven Programm der gesamten
anarchistischen Bewegung zu machen.

Auch in einer anderen Sache machen wir uns nichts vor: Es ist abzusehen, dass
viele Vertreter des sogenannten Individualismus und des chaotischen Anarchismus
mit Schaum vor dem Mund über uns herfallen und uns der Verletzung
anarchistischer Prinzipien bezichtigen werden. Wir wissen jedoch, dass die
individualistischen und chaotischen Elemente unter ?anarchistischen Prinzipien?
eben das Gemisch aus Schlamperei, Zügellosigkeit und Verantwortungslosigkeit
verstehen, das unserer Bewegung beinahe den Garaus gemacht hätte. Gegen diese
Missstände gehen wir jetzt mit unserer ganzen Kraft und Leidenschaft an. Die
Attacken aus diesem Lager können wir daher getrost beiseite lassen. Unsere
Hoffnungen setzen wir statt dessen auf die Aktivisten, die dem Anarchismus treu
geblieben sind, die die ganze Tragödie der anarchistischen Bewegung erleben und
ertragen mussten und nun ihre liebe Not haben, einen Ausweg zu finden.

Große Hoffnungen setzen wir auch auf die anarchistische Jugend, die unter dem
Lufthauch der russischen Revolution geboren wurde und sogleich in den Kreislauf
der konstruktiven Probleme geriet und deshalb notwendigerweise die
Verwirklichung der organisatorischen und positiven Prinzipien im Anarchismus
fordern wird.

Wir rufen alle russischen anarchistischen Organisationen, die es verstreut in
verschiedenen Ländern der Welt gibt, sowie einzelne anarchistische Aktivisten
dazu auf, sich in einem revolutionären Kollektiv auf der Basis der allgemeinen
Organisationsplattform zusammenzuschließen.

Möge sich diese Plattform als revolutionäre Losung und Sammelbecken für alle
Aktivisten der russischen anarchistischen Bewegung erweisen, möge sie den
Grundstein für die Allgemeine Anarchistische Union legen.

Es lebe die organisierte anarchistische Bewegung!
Es lebe die Allgemeine Anarchistische Union!
Es lebe die soziale Revolution der Arbeiter der Welt!

Gruppe russischer Anarchisten im Ausland
Sekretär: P. Arschinow
Paris, den 20. Juni 1926


ALLGEMEINER TEIL

I. DER KLASSENKAMPF, SEINE ROLLE UND BEDEUTUNG

Es gibt keine einheitliche Menschheit.
Es gibt die Menschheit der Klassen,
der Sklaven und Herren.

Wie alle vorangegangenen Gesellschaften ist auch die heutige
bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft uneinheitlich. Sie ist in zwei Lager
gespalten, die sich nach ihrer jeweiligen sozialen Position und ihren sozialen
Funktionen stark voneinander unterscheiden: das Proletariat im weitesten Sinne
und die Bourgeoisie.

Es ist seit jeher das Los des Proletariats, die Last der schweren körperlichen
Arbeit zu tragen, deren Früchte jedoch nicht ihm zufallen, sondern der
privilegierten Klasse, die das Eigentum, die Macht und die Werke der geistigen
Kultur (Wissenschaft, Bildung und Kunst) besitzt: der Bourgeoisie.

Die soziale Versklavung und die Ausbeutung der arbeitenden Massen bilden die
Basis der heutigen Gesellschaft, ohne die sie nicht existieren kann.

Dieser Umstand erzeugte den seit Jahrhunderten andauernden Klassenkampf, der
mal wild und stürmisch zu Tage tritt, mal unauffällig und ruhig verläuft, und
der in seiner Grundlage auf eine Umgestaltung der gegenwärtigen Gesellschaft in
eine Gesellschaft ausgerichtet ist, die den Bedürfnissen, Anliegen und
Gerechtigkeitsvorstellungen der arbeitenden Menschen entspricht.

Die gesamte Sozialgeschichte der Menschheit bis zum heutigen Tag stellt eine
ununterbrochene Kette von Kämpfen der arbeitenden Massen für ihre Rechte, für
Freiheit und für ein besseres Leben dar. In der Geschichte der menschlichen
Gesellschaft war dieser Klassenkampf immer der Hauptfaktor, der die Form und
Verfassung der Gesellschaft bestimmte.

Die soziale und politische Struktur eines jeden Landes ist vor allem ein
Ergebnis des Klassenkampfes. Ihre Gestalt dient als Gradmesser dafür, welchen
Punkt der Klassenkampf erreicht hat und in welchem Zustand er sich gerade
befindet. Auch die kleinste Änderung im Verlauf des Klassenkampfs, in der
Wechselbeziehung der miteinander kämpfenden Kräfte, ruft unverzüglich
Veränderungen im Gewebe und im Aufbau der Klassengesellschaft hervor.

Das ist die allgemeine und universelle Bedeutung des Klassenkampfes im Leben
der Klassengesellschaften.

II. DIE NOTWENDIGKEIT EINER GEWALTSAMEN SOZIALEN REVOLUTION

Die heutige Gesellschaft basiert auf dem Prinzip der gewaltsamen Versklavung
und der gewaltsamen Ausbeutung der Massen. Alle Bereiche dieser Gesellschaft ?
Wirtschaft, Politik und die sozialen Beziehungen ? werden durch die
Klassengewalt und ihre untergeordneten Organe (die Behörden, die Polizei, die
Armee und die Gerichte) gestützt. Alles in dieser Gesellschaft, von der
einzelnen Fabrik bis hin zum gesamten Staatsapparat, ist eine Festung des
Kapitals, in der die Arbeiter ständig beobachtet werden und wo immer Kräfte
bereit stehen, um jede Bewegung der Arbeiter zu unterbinden, die den
Grundpfeilern der heutigen Gesellschaft auch nur im Geringsten drohen oder ihre
Ruhe stören könnte.

Gleichzeitig hält das jetzige gesellschaftliche System die arbeitenden Massen
zwangsläufig im Zustand der Unwissenheit und geistigen Rückständigkeit;
gewaltsam hindert es die Anhebung ihres geistigen und kulturellen Niveaus,
damit es mit ihnen leichter fertig werden kann.

Fortschritte der heutigen Gesellschaft wie die technische Entwicklung des
Kapitals und die Vervollkommnung seines politischen Systems festigen die Macht
der herrschenden Klassen weiter, was den Kampf gegen sie erschwert und den
entscheidenden Moment der Befreiung der arbeitenden Menschen hinausschiebt.

Durch Analyse der heutigen Gesellschaft stellen wir fest, dass die gewaltsame
soziale Revolution den einzigen Weg darstellt, der zur Umgestaltung der
kapitalistischen Gesellschaft in eine Gesellschaft der freien Werktätigen
führt.

III. ANARCHISMUS UND ANARCHISTISCHER KOMMUNISMUS

Der Klassenkampf, der aus der Unfreiheit der Arbeiter und ihren uralten
Freiheitsbestrebungen entstand, ließ im Kreis der Unterdrückten die
anarchistische Idee entstehen: die Idee der vollständigen Ablehnung der
Klassengesellschaft und des staatlichen gegängelten Gemeinschaftslebens.
Letzteres soll durch die freie, vom Staat entledigte Gesellschaft der sich
selbst verwaltenden Werktätigen ersetzt werden.

Der Anarchismus entwickelte sich also nicht aus den abstrakten Gedanken eines
Gelehrten oder Philosophen, sondern unmittelbar aus dem Kampf der Arbeiter
gegen das Kapital, aus ihren Bedürfnissen und Anliegen, aus ihrer Mentalität,
aus ihrem Streben nach Freiheit und Gleichheit, in dem die arbeitenden Massen
besonders in den besseren, heroischen Epochen ihres Lebens und Kampfes
aufblühen.

Hervorragende Denker des Anarchismus ? Bakunin, Kropotkin u.a. ? haben die
anarchistische Idee nicht geschaffen; vielmehr fanden sie sie in den Massen vor
und verhalfen ihr mit der Kraft ihrer Gedanken und ihres Wissens zur Entfaltung
und Verbreitung.

Der Anarchismus ist nicht das Produkt individuellen Schaffens und nicht der
Gegenstand individueller Experimente.

Der Anarchismus ist genauso wenig das Ergebnis allgemeinmenschlicher
Bestrebungen. Eine einheitliche Menschheit gibt es nicht. Jeder Versuch, den
Anarchismus zu einer Eigenschaft der ganzen Menschheit in ihrer jetzigen
Gestalt zu machen oder ihm einen allgemeinmenschlichen Charakter aufzudrücken,
wird sich als historische und soziale Lüge erweisen, die unweigerlich zur
Rechtfertigung des heutigen Systems und zu neuer Ausbeutung führt.

Anarchismus ist allgemeinmenschlich lediglich in dem Sinne, dass die Ideale der
arbeitenden Massen das Leben aller Menschen erquicken können und das Schicksal
der Menschheit in Gegenwart und Zukunft mit dem Schicksal der versklavten
Arbeit verbunden ist. Wenn die arbeitenden Massen obsiegen, wird es wie ein
Frühling für die ganze Menschheit sein. Wenn sie scheitern, werden weiterhin
Gewalt, Ausbeutung, Sklaverei und Unterdrückung in der Welt herrschen.

Die Entstehung, Blüte und Verwirklichung anarchistischer Ideale wurzelt tief im
Leben der arbeitenden Massen, in ihren Kämpfen; sie sind mit dem Schicksal der
Massen untrennbar verbunden.

Der Anarchismus strebt nach der Umgestaltung der heutigen
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in eine Gesellschaft, die den
Arbeitern die Früchte ihrer Arbeit gewährt und ihnen Freiheit, Unabhängigkeit,
soziale und politische Gleichheit sichert ? eine Gesellschaft des
anarchistischen Kommunismus. Hier kommen sowohl die gesellschaftliche
Solidarität als auch die Idee der individuellen Freiheit jeweils voll zum
Ausdruck, wobei beide Ideen sich in ihrer Entwicklung gegenseitig ergänzen und
bedingen.

Der anarchistische Kommunismus ist der Auffassung, dass der arbeitende Mensch ?
gleich ob er körperliche oder geistige Arbeit verrichtet ? der einzige Schöpfer
aller gesellschaftlicher Werte ist. Ihm allein steht das Recht zu, das
wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in seiner Gesamtheit zu leiten. In
keiner Weise rechtfertigt der anarchistische Kommunismus die Existenz
nichtarbeitender Klassen oder lässt ihren Weiterbestand zu.

Sollten sich diese Klassen neben dem anarchistischen Kommunismus erhalten,
übernimmt letzterer keinerlei Verantwortung für sie. Lediglich in dem Fall,
dass die nichtarbeitenden Klassen entscheiden, produktiv zu arbeiten und
nunmehr im gesellschaftlichen System des anarchistischen Kommunismus auf
gemeinsamer Grundlage zu leben, werden sie in ihm eine gleichgestellte Position
einnehmen, d.h. eine Position als freie Mitglieder der Gesellschaft, die die
Rechte dieser Gesellschaft in Anspruch nehmen und die allgemeinen
Verantwortungen mit tragen.

Der anarchistische Kommunismus strebt nach der Beseitigung jeder Ausbeutung und
jeder Gewalt gegen Personen und die arbeitenden Massen. Zu diesem Ziel schafft
er eine wirtschaftliche und soziale Basis, die das wirtschaftliche und
gesellschaftliche Leben des Landes in ein Ganzes zusammenführt, die jedem
Einzelnen eine gleichgestellte Position und ein Maximum an Gütern und Segnungen
sichert. Grundlage hierfür ist die Vergesellschaftung aller Ressourcen und
Produktionsmittel (Industrie, Transport, Land, Rohstoffquellen usw.) sowie der
Aufbau volkswirtschaftlicher Organe auf der Basis der Gleichheit und der
Selbstverwaltung der arbeitenden Klassen.

Im Rahmen dieser selbstverwalteten Gesellschaft der Werktätigen etabliert der
anarchistische Kommunismus das Prinzip der Gleichwertigkeit und
Gleichberechtigung jeder Person (nicht einer abstrakten ?allgemeinen?
Persönlichkeit, einer ?mystischen? Persönlichkeit oder der Persönlichkeit als
Idee).

Aus dem Prinzip der Gleichwertigkeit und der Gleichberechtigung jedes
Einzelnen, aber auch daraus, dass der Wert der Arbeit jeder einzelnen Person
nicht gemessen und beurteilt werden kann, ergibt sich das grundlegende
sozialrechtliche und wirtschaftliche Prinzip des anarchistischen Kommunismus:
?Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen?.

IV. ABLEHNUNG DER DEMOKRATIE

Die Demokratie ist eine Form bürgerlich-kapitalistischer Herrschaft.

Grundlage der Demokratie ist die Erhaltung der gegensätzlichen Klassen der
heutigen Gesellschaft ? Arbeit und Kapital ? sowie die Zusammenarbeit dieser
Klassen auf der Basis des kapitalistischen Privateigentums. Das Parlament und
die repräsentative Regierung eines Nationalstaates sind Ausdruck dieser
Zusammenarbeit.

Formell verkündet die Demokratie die Freiheit des Wortes, der Presse,
Organisationsfreiheit und die Gleichheit aller vor dem Gesetz.

Doch all diese Freiheiten sind so gut wie fiktiv: sie werden toleriert, sofern
sie den Interessen der herrschenden Klasse, d.h. der Bourgeoisie, nicht
widersprechen.

Die Demokratie tastet das Prinzip des kapitalistischen Privateigentums nicht
an. Dadurch gibt sie der Bourgeoisie das Recht, die ganze Wirtschaft des
Landes, die ganze Presse sowie die Bereiche Bildung, Wissenschaft und Kunst in
ihren Händen zu halten, was die Bourgeoisie faktisch zum unumschränkt waltenden
Herrn des Landes macht. Die Monopolstellung der Bourgeoisie in der Wirtschaft
des Landes ermöglicht es ihr, ihre volle, unbegrenzte Macht auch im politischen
Bereich zu errichten. Das Parlament und die repräsentative Regierung in
Demokratien sind tatsächlich die ausführenden Organe der Bourgeoisie.

Die Demokratie ist somit eine der Formen bürgerlicher Diktatur, trügerisch
getarnt durch fiktive politische Freiheiten und demokratische Scheingarantien.

V. ABLEHNUNG DES STAATES UND DER MACHT

Die Ideologen der Bourgeoisie definieren den Staat als Organ, das die
komplizierten sozialpolitischen, zivilen und gesellschaftlichen Beziehungen der
Menschen innerhalb des heutigen Systems reguliert und die Rechtsordnung dieser
Gesellschaft schützt. Mit dieser Definition sind Anarchisten weitestgehend
einverstanden; sie fügen lediglich hinzu, dass die Rechtsordnung der heutigen
Gesellschaft auf der Versklavung der großen Mehrheit des Volkes durch eine
verschwindend kleine Minderheit beruht und dass der heutige Staat eben dieser
Versklavung dient.

Der Staat ist zugleich ein Ausdruck der organisierten Gewalt der Bourgeoisie
gegen die Arbeiter und ihre Organisationen.

Linke Sozialisten, insbesondere die Bolschewiken, sehen in der bürgerlichen
Macht und dem bürgerlichen Staat ebenfalls Diener des Kapitals. Sie meinen
jedoch, dass die Staatsmacht von den sozialistischen Parteien erobert und als
mächtiges Werkzeug zur Befreiung des Proletariats eingesetzt werden kann.
Deshalb sind sie für die sozialistische Macht und den proletarischen Staat,
wobei ein Teil von ihnen die Eroberung der Macht mit friedlichen,
parlamentarischen Mitteln befürwortet (Sozialdemokraten), der andere Teil für
die Eroberung der Macht auf revolutionärem Wege steht (Kommunisten, linke
Sozialrevolutionäre).

Der Anarchismus betrachtet beide Positionen als grundsätzlich falsch und
schädlich für die Sache der Befreiung der Arbeit.

Die Macht hängt immer mit der Ausbeutung und Versklavung der Volksmassen
zusammen, sie entsteht aus dieser Ausbeutung oder wird für sie geschaffen. Ohne
Gewalt und Ausbeutung verliert die Macht ihre Grundlage.

Der Staat und die Macht nehmen den Massen ihre Initiative, töten ihre
Selbstständigkeit und erziehen sie zu sklavischer Unterwürfigkeit und zum
Glauben an Führer und Obrigkeit. Die Befreiung der arbeitenden Menschen ist
unterdessen nur im Zuge eines unmittelbaren revolutionären Kampfes der breiten
Arbeitermassen und ihrer Klassenorganisationen gegen das kapitalistische System
möglich.

Die Eroberung der Macht durch sozialdemokratische Parteien auf
parlamentarischem Wege im Rahmen des heutigen Systems wird die Befreiung der
Arbeiter keinen Schritt voranbringen, schon deshalb nicht, weil die eigentliche
Kraft und daher die wirkliche Macht bei der Bourgeoisie bleibt. Sie hält die
ganze Wirtschaft und Politik des Landes in ihren Händen. Die Rolle der
sozialistischen Macht beschränkt sich in diesem Fall auf Reformen, auf eine
Verbesserung des bürgerlichen Systems (z.B. Ramsay McDonald, die
sozialdemokratischen Parteien in Deutschland, Schweden und Belgien, die im
Kapitalismus an die Macht gelangten).

Die Machtergreifung im Zuge einer sozialen Umwälzung und die Organisation eines
sogenannten proletarischen Staates kann ebenfalls nicht zu einer echten
Befreiung der Arbeit führen. Ein Staat, der zunächst vermeintlich zum Schutz
der Revolution errichtet wird, entwickelt zwangsläufig spezifische eigene
Bedürfnisse, wird dann zum Selbstzweck, lässt privilegierte soziale Kasten um
sich herum entstehen, auf die er sich stützt; die Massen unterwirft er
gewaltsam seinen Bedürfnissen und denen der privilegierten Kasten, so dass die
Grundlage der kapitalistischen Macht und des kapitalistischen Staates
wiederhergestellt ist: die gewaltsame Versklavung und Ausbeutung der Massen
(wie beim ?Arbeiter-und-Bauern-Staat? der Bolschewiken).

VI. DIE ROLLE DER MASSEN UND DER ANARCHISTEN IM SOZIALEN KAMPF UND IN DER
SOZIALEN REVOLUTION

Die tragenden Kräfte der sozialen Umwälzung sind die städtische Arbeiterklasse,
die Bauernschaft und teilweise die arbeitende Intelligenz.

Anmerkung: Die arbeitende Intelligenz ist zwar, wie die ländlichen Tagelöhner
und das städtische Proletariat auch, eine unterworfene und ausgebeutete Klasse,
aber dank der wirtschaftlichen Privilegien, die die Bourgeoisie einigen Teilen
der Intelligenz gewährt, ist sie stärker in Schichten gegliedert als die
Arbeiter und Bauern. In den ersten Tagen der sozialen Revolution werden sich
deshalb nur die am wenigsten wohlhabenden Schichten der Intelligenz aktiv
betätigen.

Die Rolle der Massen in der sozialen Revolution und im sozialistischen Aufbau
unterscheidet sich grundlegend von der Rolle, die ihnen die staatstragenden
Parteien zuweisen. Die Bolschewiken und verwandte Strömungen sind der Ansicht,
dass die arbeitenden Massen lediglich zerstörerische revolutionäre Instinkte
besitzen und schöpferischer revolutionärer Tätigkeit unfähig sind, weshalb
diese schöpferische Tätigkeit Menschen anvertraut werden muss, die im Staat
oder im Zentralkomitee einer Partei konzentriert sind. Anarchisten sind
wiederum überzeugt, dass die arbeitenden Massen riesige schöpferische
Potentiale in sich bergen; daher streben sie nach der Beseitigung der
Schranken, die die Entfaltung dieser Kräfte in der Klasse hindern.

Das größte Hindernis in dieser Hinsicht sieht der Anarchismus im Staat, der
alle Rechte der Massen usurpiert und beinahe alle Funktionen des
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens monopolisiert. Der Staat soll
aber nicht ?irgendwann? in der Gesellschaft der Zukunft absterben. Er soll von
den Arbeitern gleich am ersten Tag ihres Siegs zerstört werden und darf in
keiner Form wiedererrichtet werden. Er wird durch ein System föderativ
vereinigter selbstverwalteter Produktions- und Verbrauchsorganisationen der
Arbeiter ersetzt. Dieses System schließt sowohl staatliche Machtstrukturen als
auch die Diktatur einer Partei aus.

Die Russische Revolution von 1917 stellte die Weichen für genau eine solche
freiheitliche soziale Entwicklung, indem sie ein System der Arbeiter- und
Bauernräte und Fabrikkomitees schuf. Aber ihr trauriger Fehler war es, dass sie
nicht frühzeitig die staatliche Macht beseitigte ? anfangs die Macht der
Provisorischen Regierung, dann die Macht der Bolschewiken. Letztere benutzten
das Vertrauen der Arbeiter und Bauern, um den bürgerlichen Staat den momentanen
Verhältnissen entsprechend zu reorganisieren und sie machten dann mit diesem
Staat das Werk der revolutionären Massen zunichte: die freiheitliche Struktur
der Räte und Fabrikkomitees, die gerade die ersten Schritte hin zum Aufbau
einer staatslosen Gesellschaft absteckten.

Die Aktivität der Anarchisten teilt sich in zwei Phasen: die vorrevolutionäre
Phase und die Phase der Revolution. In jedem Fall sind die Anarchisten nur im
Stande, eine Rolle zu spielen, wenn sie als organisierte Kraft auftreten, die
die Ziele ihres Kampfes und die Wege zu ihrer Verwirklichung genau kennt.

In der vorrevolutionären Phase liegt die Hauptaufgabe der Allgemeinen
Anarchistischen Union in der Vorbereitung der Arbeiter und Bauern auf die
soziale Umwälzung.

Dadurch, dass der Anarchismus die formelle (bürgerliche) Demokratie, die Macht
und den Staat ablehnt und die vollständige Befreiung der Arbeit verkündet,
betont er unentwegt die Prinzipien des kompromisslosen Klassenkampfs, fördert
in den Arbeitermassen ein revolutionäres Klassenbewusstsein und eine
revolutionäre Gesinnung der Klassenunversöhnlichkeit.

Die anarchistische Aufklärung der Massen muss im Geiste der
Klassenunversöhnlichkeit, der Antidemokratie und Antistaatlichkeit geführt
werden. Aber Aufklärung allein ist nicht genug. Nötig ist auch eine gewisse
anarchistische Organisation der Massen. Zu deren Verwirklichung muss die Arbeit
in zwei Richtungen erfolgen: zum einen auf der Ebene der Auswahl und
Gruppierung der revolutionären Kräfte der Arbeiter und Bauern auf der ideellen
Basis des Anarchismus (anarchistische Ideenorganisationen), zum anderen auf der
Ebene der Gruppierung der revolutionären Arbeiter und Bauern im Betrieb und als
Verbraucher (revolutionäre betriebliche Organisationen der Arbeiter und Bauern,
freiheitliche Arbeiter- und Bauernkooperativen u.a.).

Die Arbeiterklasse und die Bauernschaft, auf betrieblicher Basis und als
Verbraucher organisiert und von der Ideologie des revolutionären Anarchismus
durchdrungen, werden primäre Stützen der sozialen Revolution, und je mehr
anarchistisches Bewusstsein und anarchistischer Organisationsgeist jetzt in
ihre Mitte hineingetragen wird, desto mehr anarchistische Orientierung,
Standfestigkeit und anarchistische Schaffenslust werden sie im Augenblick der
Revolution entfalten.

Was die Arbeiterklasse Russlands angeht, so kann man sagen, dass sie auch nach
acht Jahren bolschewistischer Diktatur, die die natürlichen Bedürfnisse der
Massen nach Eigeninitiative gefesselt und deutlicher als andere Diktaturen die
wahre Natur jeder Macht vor Augen geführt hat, noch immer ein riesiges
Potential für die Schaffung einer anarchistischen und anarchosyndikalistischen
Massenbewegung in sich birgt. Organisierte anarchistische Aktivisten müssen
sich dieser Bedürfnisse und Möglichkeiten umgehend mit aller Kraft annehmen und
dürfen nicht gestatten, dass sie sich in Menschewismus ausarten.

Ebenso unverzüglich und vollständig müssen Anarchisten ihre
Organisationsbemühungen der unteren Bauernschaft widmen, die durch die Macht
erdrückt wird, aber einen Ausweg sucht und gewaltige revolutionäre
Möglichkeiten in sich birgt.

Die Rolle der Anarchisten in der Phase der Revolution kann sich ebenfalls nicht
allein auf die Propagierung von Losungen und anarchistischen Ideen beschränken.

Das Leben ist nicht nur die Arena der Propagierung dieser oder jener Ideen,
sondern im gleichen Maße auch die Arena des Kampfes, der Strategie und des
Strebens eben dieser Ideen zur Meinungsführerschaft. Mehr als irgend eine
andere Idee muss der Anarchismus zur führenden Idee der sozialen Revolution
werden, denn lediglich auf der Grundlage anarchistischer Ideen kann die soziale
Revolution die vollständige Befreiung der Arbeit herbeiführen.

Die führende Position anarchistischer Ideen in der Revolution verlangt
gleichzeitig die ideelle Leitung des Geschehens durch Anarchisten. Diese
Leitung darf jedoch nicht mit der politischen Führung staatlich orientierter
Parteien verwechselt werden, die schließlich in eine Führung durch den Staat
mündet.

Der Anarchismus strebt nicht nach der Eroberung politischer Macht, nach
Diktatur. Seine Hauptbestrebung ist es, den Massen zu helfen, den richtigen Weg
der sozialen Umwälzung und des sozialistischen Aufbaus zu finden. Aber es
reicht nicht aus, den Massen den Weg der sozialen Revolution nur vorzuzeichnen.
Es ist nötig, den revolutionären Kurs zu halten und das Ziel zu bestätigen: der
Sturz der kapitalistischen Gesellschaft im Namen der freien Gesellschaft der
Werktätigen. Die Erfahrungen der russischen Revolution von 1917 zeigen, dass
dies keine leichte Aufgabe ist, vor allem wegen der zahlreichen Parteien, die
danach trachten, die Bewegung von ihrem Streben nach sozialer Revolution
abzubringen.

Obwohl sich in den sozialen Massenbewegungen zutiefst anarchistische Tendenzen
und Losungen manifestieren, sind diese Tendenzen und Losungen zerstreut, es
fehlt ein Medium, das sie miteinander verbindet. Daher können sie nicht auf
organisierte Art und Weise die leitende ideelle Kraft entfalten, die für die
Beibehaltung der anarchistischen Ausrichtung und des anarchistischen Ziels der
sozialen Revolution notwendig ist. Nur ein von den Massen eingerichtetes
spezielles Ideenkollektiv kann diese führende ideelle Kraft werden. Die
organisierten anarchistischen Kräfte und die organisierte anarchistische
Bewegung werden dieses Kollektiv bilden.

Die ideologischen und praktischen Pflichten dieses anarchistischen Kollektivs,
d.h. der Allgemeinen Anarchistischen Union, fordern in der Zeit der Revolution
großen Einsatz.
In allen Bereichen der sozialen Revolution wird es Initiative zeigen und sich
rege beteiligen müssen: in der Bestimmung der Richtung der Revolution, im
Bereich des Bürgerkriegs und der Verteidigung der Revolution, bei der Lösung
der positiven Aufgaben der Revolution, in der Frage der neuen Produktion, des
Verbrauchs, des Bodens usw.

In all diesen und vielen anderen Fragen verlangen die Massen von den
Anarchisten klare und genaue Antworten. Und wenn die Anarchisten mit der Idee
der anarchistischen Revolution und des anarchistischen Aufbaus der Gesellschaft
antreten, werden sie verpflichtet sein, auf all diese Fragen genaue Antworten
zu geben, die Lösung dieser Fragen mit der allgemeinen Idee des Anarchismus zu
verbinden und all ihre Kräfte für ihre Umsetzung einzusetzen.

Nur so werden die Allgemeine Anarchistische Union und die anarchistische
Bewegung ihre führende ideelle Rolle in der sozialen Revolution ausfüllen
können.

[VII.] DIE ÜBERGANGSPERIODE

Unter Übergansperiode verstehen die sozialpolitischen Parteien eine bestimmte
Phase im Leben des Volkes, die durch den Bruch mit der alten Ordnung und die
Einrichtung eines neuen wirtschaftlichen und politischen Gebildes
charakterisiert ist, das aber die vollständige Befreiung der Arbeiter noch
nicht in sich trägt.

In diesem Sinne sind alle Minimalprogramme der sozialpolitischen Parteien, zum
Beispiel das demokratische Programm der opportunistischen Sozialisten oder das
kommunistische Programm einer ?Diktatur des Proletariats? eben Programme für
eine Übergangsperiode.

Ein wesentlicher Aspekt dieser Minimalprogramme ist, dass sie die Ideale der
Arbeiter ? ihre Unabhängigkeit, Freiheit und Gleichheit ? für momentan nicht
vollständig erfüllbar halten und deshalb eine ganze Reihe von Institutionen des
kapitalistischen Systems bewahren: das Prinzip des staatlichen Zwangs, das
Privateigentum an Produktionsmitteln, die Lohnarbeit und vieles andere mehr ?
abhängig davon, nach welchen Zielen dieses oder jenes Programm der politischen
Parteien gerichtet ist.

Anarchisten waren immer prinzipielle Gegner solcher Programme, da sie der
Auffassung sind, dass schon der Aufbau von Übergangssystemen und das Prinzip
der Ausbeutung und Nötigung der Massen, das diese Systeme aufrecht erhält,
unausweichlich zur Entstehung neuer Sklaverei führt.

Anstelle von politischen Minimalprogrammen sind die Anarchisten immer gleich
für die soziale Revolution eingetreten, die der kapitalistischen Klasse ihre
politischen und wirtschaftlichen Privilegien entzieht und die Produktionsmittel
und alle Funktionen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in die
Hände der Arbeiter gibt.

Diese Position vertreten die Anarchisten bis zum heutigen Tag.

Die Idee einer Übergangsperiode, wonach in Folge der sozialen Revolution nicht
die anarchistische Gesellschaft, sondern irgend ein ?X? entstehen soll, das in
sich noch Elemente und Überreste des alten kapitalistischen Systems trägt, ist
im Kern antianarchistisch. Sie birgt in sich die Gefahr der Festigung und
Entwicklung dieser Elemente zu ihren ursprünglichen Ausmaßen und dreht die
Ereignisse zurück.

Das eindrucksvolle Beispiel dafür ist das durch die Bolschewiken in Russland
errichtete Regime der ?Diktatur des Proletariats?, das sich nach Überzeugung
der Bolschewiken alles in allem als Übergangsstadium zum vollständigen
Kommunismus erweisen sollte, in Wirklichkeit aber zur Wiedererrichtung der
Klassengesellschaft führte, so dass die Arbeiter und die ärmsten Bauern sich
wieder einmal ganz unten befanden.

Der Schwerpunkt im Aufbau der anarchistischen Gesellschaft liegt nicht darin,
am allerersten Tag der Revolution jedem Einzelnen unbegrenzte Freiheit zur
Befriedigung seiner Bedürfnisse zu geben, sondern in der Erkämpfung der
sozialen Basis für diese Gesellschaft und in der Aufstellung der Prinzipien der
zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Frage des größeren oder kleineren
materiellen Wohlstandes ist keine prinzipielle Frage, sondern eine Frage der
Technik.

Das grundlegende Prinzip, nach dem die neue Gesellschaft aufgebaut wird, das
den Inhalt dieser Gesellschaft ausmacht und unter keinen Umständen
eingeschränkt werden darf, besteht in der Gleichheit der Verhältnisse, in der
Freiheit und Unabhängigkeit der Arbeiter. Dieses Prinzip ist auch die
grundlegende anfängliche Forderung der Massen, weshalb sie sich ja auch zur
sozialen Revolution erheben.

Es gibt nur zwei mögliche Ausgänge: Entweder endet die soziale Revolution mit
der Niederlage der Arbeiter ? in diesem Fall wird man sich von neuem auf den
Kampf vorbereiten müssen, auf einen erneuten Angriff auf das kapitalistische
System; oder sie führt zum Sieg der Arbeiter. Dann werden diese sich die
Stellungen aneignen, die die Selbstverwaltung ermöglichen ? den Boden, die
Produktion und die gesellschaftlichen Funktionen ? und mit dem Aufbau der
freiheitlichen Gesellschaft beginnen.

Das wird der Anfang des Aufbaus der anarchistischen Gesellschaft sein, der,
wenn er einmal begonnen hat, ununterbrochen weitergehen wird, die
anarchistische Gesellschaft wird sich erstarken und vervollkommnen.

Die Aneignung betrieblicher und gesellschaftlicher Funktionen durch die
Arbeiter zieht somit eine klare Grenze zwischen der Epoche der Staatlichkeit
und der Epoche der Staatslosigkeit.

Will er zum Banner der kämpfenden Massen und der sozialrevolutionären Epoche
werden, darf der Anarchismus seine grundlegenden Prinzipien nicht verbergen,
sein Programm nicht den Überbleibseln der alten Ordnung oder den
opportunistischen Tendenzen von Übergangssystem und -perioden anpassen, sondern
muss sie im Gegenteil maximal entwickeln und vervollkommnen.

[VIII.] ANARCHISMUS UND SYNDIKALISMUS

Einen Gegensatz zwischen dem anarchistischen Kommunismus und dem Syndikalismus
aufzubauen halten wir für vollkommen künstlich, grundlos und sinnlos.

Die Auffassungen des Kommunismus und des Syndikalismus liegen auf zwei
unterschiedlichen Ebenen. Während der Kommunismus, d.h. die freiheitliche
Gesellschaft gleichberechtigter Werktätiger, das Ziel des anarchistischen
Kampfes ist, stellt der Syndikalismus als revolutionär-gewerkschaftliche
Arbeiterbewegung lediglich eine Form des revolutionären Klassenkampfs dar.

Der revolutionäre Syndikalismus vereinigt die Arbeiter im betrieblichen Bereich
und hat dabei, wie jede andere Gewerkschaftsbewegung auch, keine eigene
Ideologie; er ist keine Weltanschauung, die auf jede komplexe sozialpolitische
Frage der heutigen Zeit eine Antwort gibt. Ständig widerspiegelt er Ideologien
einzelner politischer Gruppierungen, je nachdem, welche von ihnen gerade am
intensivsten in seinen Reihen agitiert.

Hieraus ergibt sich unser Verhältnis zum revolutionären Syndikalismus. Ohne
gleich die Frage der Rolle der revolutionären Syndikate am zweiten Tag der
Revolution vorherbestimmen zu wollen, d.h. die Frage, ob sie die Organisatoren
der Gesamtheit der neuen Produktion sein werden oder diese Rolle den
Arbeiterräten oder Fabrikkomitees überlassen, sind wir der Meinung, dass sich
Anarchisten am revolutionären Syndikalismus als einer der Ausprägungen der
revolutionären Arbeiterbewegungen beteiligen sollen.

Jetzt geht es jedoch weniger darum, ob sich Anarchisten am revolutionären
Syndikalismus beteiligen sollen oder nicht, als darum, wie und mit welchem Ziel
sie sich beteiligen sollen.

Die Vorgehensweise der ganzen bisherigen Zeit bis in unsere Tage, wo
Anarchisten einzeln als Arbeiter und Propagandisten in die
revolutionär-syndikalistische Bewegung hineingehen, halten wir für einen
stümperhaften Umgang mit der Gewerkschaftsbewegung.

Der Anarchosyndikalismus, der bestrebt ist, die anarchistische Ideologie am
linken Flügel des revolutionären Syndikalismus durch die Schaffung von
Syndikaten anarchistischen Typs zu festigen, stellt in dieser Hinsicht einen
Schritt in die richtige Richtung dar, doch überwindet er diese ganze
Flickschusterei nicht. Der Anarchosyndikalismus stellt keine dauerhafte
Verbindung zwischen der Anarchisierung der syndikalistischen Bewegung und der
Organisation anarchistischer Kräfte außerhalb dieser Bewegung her. Nur eine
solche Verbindung erlaubt es, den revolutionären Syndikalismus nachhaltig zu
anarchisieren und Abweichungen hin zum Opportunismus vorzubeugen.

Wir halten den revolutionären Syndikalismus für eine rein gewerkschaftliche
Bewegung der Arbeiter, die keine bestimmte eigene sozialpolitische Ideologie
hat und daher auch nicht in der Lage ist, das soziale Problem selbständig zu
lösen. Unserer Meinung nach ist es die Aufgabe der Anarchisten in den Reihen
dieser Bewegung, die anarchistische Ideologie in ihr zu entwickeln und sie
ideell zu führen, um sie in eine aktive Armee der sozialen Revolution zu
verwandeln. Man muss immer bedenken, dass der Syndikalismus rechtzeitig eine
Stütze in der anarchistischen Ideologie erhalten muss, weil er sich sonst wohl
oder übel auf die Ideologie einer staatstragenden politischen Partei stützen
wird.

Der französische Syndikalismus, der einst mit anarchistischen Losungen und
anarchistischer Taktik glänzte aber danach teilweise unter kommunistischen
Einfluss, insbesondere aber unter den Einfluss rechter opportunistischer
Sozialisten fiel, ist ein frappantes Beispiel dafür.

Die Aufgabe der Anarchisten in den Reihen der revolutionären
Gewerkschaftsbewegung kann jedoch erfüllt sein, wenn ihre Arbeit dort aufs
Engste mit dem Wirken der anarchistischen Organisation außerhalb des Syndikats
verbunden und abgestimmt ist. Mit anderen Worten, in die revolutionäre
Gewerkschaftsbewegung müssen wir als organisierte Kraft hineingehen, eine
Kraft, die für die Arbeit der allgemeinen anarchistischen Organisation in den
Syndikaten verantwortlich ist und die von der Organisation geleitet wird.

Wir dürfen uns nicht auf die Schaffung anarchistischer Syndikate beschränken,
sondern müssen danach streben, ideell auf den gesamten revolutionären
Syndikalismus in all seinen Formen einzuwirken (u.a. auf die IWW, die
russischen Gewerkschaften usw.). Das können wir erreichen, wenn wir an die
Aufgabe als streng organisiertes anarchistisches Kollektiv herangehen, aber
keineswegs als kleine primitive Grüppchen, dazu noch ohne organisatorische
Verbindung zueinander und ohne ideelle Abstimmung.

Anarchistische Betriebsgruppen, die an der Schaffung anarchistischer Syndikate
arbeiten, die den Kampf in den revolutionären Syndikaten um die Vorherrschaft
der anarchistischen Ideologie im Syndikalismus und um die ideelle Leitung der
Syndikate führen und in ihrem Wirken von der vereinten anarchistischen
Organisation, der sie angehören, gelenkt werden: so sieht das sinnvolle
Verhältnis des Anarchismus zum revolutionären Syndikalismus und zu den
verwandten revolutionären Gewerkschaftsbewegungen aus.


KONSTRUKTIVER TEIL

Das Problem des ersten Tages der sozialen Revolution

Das Hauptziel der kämpferischen Arbeitklasse ist der revolutionäre Aufbau einer
freiheitlichen egalitären anarchokommunistischen Gesellschaft, die auf dem
Prinzip beruht: ?Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen
Bedürfnissen.?

Diese Gesellschaft in ihrer definitiven Form wird jedoch nicht automatisch in
Folge einer sozialen Umwälzung entstehen. Vielmehr bedarf ihre Verwirklichung
eines mehr oder minder langwierigen sozialrevolutionären Prozesses, den die
organisierten Kräfte der siegreichen Arbeiterklasse in eine bestimmte Richtung
lenken werden.

Unsere Aufgabe ist es, diesen Weg bereits jetzt aufzuzeigen und die konkreten
positiven Aufgaben zu definieren, die sich am ersten Tag der sozialen
Revolution den Arbeitern stellen werden und von deren richtigen Lösung das
Schicksal der sozialen Revolution abhängen wird.
Der Aufbau der neuen Gesellschaft ist natürlich erst nach dem Sieg der Arbeiter
über das heutige bürgerlich-kapitalistische System und seine Träger möglich. Es
ist unmöglich, den Aufbau neuer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher
Verhältnisse in Angriff zu nehmen, ohne die Macht des Staates gebrochen zu
haben, der das alte Sklavensystem schützt, und ohne dass sich die Arbeiter und
Bauern die Industrie und die Landwirtschaft des Landes durch Revolution
angeeignet haben.

Die vordergründigste Aufgabe der sozialen Revolution wird deshalb die
Zerstörung der Staatsmaschinerie der kapitalistischen Gesellschaft sein, d.h.
die Entmachtung der Bourgeoisie und aller anderen sozial privilegierten
Elemente und die universelle Durchsetzung des Willens der aufständischen
Arbeitklasse, der sich in den grundlegenden Prinzipien der sozialen Revolution
ausdrückt. Diese kämpferisch-zerstörerische Seite der Revolution ebnet bloß den
Weg für die positiven Aufgaben, die den Sinn und Inhalt der sozialen Revolution
ausmachen.

Das sind folgende Aufgaben:
a) die Lösung der Frage der Produktion (Industrie) des Landes im
anarchistischen Sinne
b) die Lösung der Landfrage in eben diesem Sinne
c) die Lösung der Versorgungsfrage.

DIE PRODUKTION

Ausgehend von der Tatsache, dass die Industrie des Landes durch die
Anstrengungen vieler Generationen von Arbeitern geschaffen wurde und dass die
einzelnen Branchen der Industrie engstens miteinander zusammenhängen,
betrachten wir die ganze heutige Produktion als einen einzigen Betrieb der
Produzierenden, der den Arbeitern in ihrer Gesamtheit und niemandem im
Einzelnen gehört.

Der Produktionsmechanismus des Landes bildet eine Einheit und gehört der ganzen
Arbeiterklasse. Diese Situation bedingt den Charakter und die Form der neuen
Produktion. Auch in Zukunft wird sie einheitlich und gemeinsam sein, in dem
Sinne, dass die Erzeugnisse, die von den Produzierenden hergestellt werden,
allen gehören werden. Diese Erzeugnisse, gleich welcher Art, stellen den
gemeinsamen Lebensmittelfonds der Arbeiter dar, aus dem jeder Beteiligte an der
neuen Produktion alles Notwendige erhalten wird, jeder auf der gleichen
Grundlage wie alle anderen.

Die neue Produktion hebt die Lohnarbeit und alle Formen der Ausbeutung
vollständig auf und bekräftigt an ihrer Stelle das Prinzip des kollegialen
Zusammenwirkens der Arbeiter.

Die Mittelklasse, die in der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft mit
vermittelnden Funktionen beschäftigt ist (Handel usw.), und auch die
Bourgeoisie werden sich auf der gleichen Grundlage wie alle anderen an der
neuen Produktion beteiligen müssen. Andernfalls stellen sie sich selbst
außerhalb der arbeitenden Gesellschaft.

Einen Besitzer ? sei es in Form eines privatunternehmerischen Eigentümers oder
eines Eigentümer-Staates, wie gegenwärtig der Staat der Bolschewiken ? wird es
nicht mehr geben. Die organisatorischen Funktionen der neuen Produktion gehen
auf speziell von den Arbeitermassen geschaffene Verwaltungsorgane über:
Arbeiterräte, Fabrikkomitees oder betriebliche Verwaltungen der Arbeiter. Diese
Organe, die auf Ebene der Stadt, der Region und dann des ganzen Landes
miteinander verbunden sind, bilden städtische, regionale und schließlich
allgemeine (föderale) Organe für die Leitung und Verwaltung der Produktion. Von
den Massen gewählt und stets unter ihrer Kontrolle und ihrem Einfluss, werden
sie sich ständig erneuern und die Idee der wahren Selbstverwaltung der Massen
verwirklichen.

Eine gemeinschaftliche Produktion, bei der die Produktionsmittel und die
Erzeugnisse der Produktion der Allgemeinheit gehören, die die Lohnarbeit durch
das Prinzip der kollegialen Zusammenarbeit ersetzt, die gleiche Rechte für alle
Produzierenden gewährleistet und die von gewählten Organen der
Arbeiterselbstverwaltung geleitet wird ? das ist der erste praktische Schritt
auf dem Weg zur Verwirklichung des anarchistischen Kommunismus.

DIE VERSORGUNG

Die Versorgungsfrage in der Revolution stellt sich als doppeltes Problem. Der
erste Aspekt ist die Beschaffung von Lebensmitteln, der zweite ? das Prinzip
ihrer Verteilung.

Was die Verteilung der Lebensmittel angeht, können Lösungen in diesem Bereich
nur in groben Umrissen genannt werden, denn bei der Lösung dieser Frage wird
die Menge der vorhandenen Lebensmittel eine große Rolle spielen, wie auch das
Prinzip der Zweckmäßigkeit und anderes mehr.

Die soziale Revolution, die sich den Umbau der ganzen bestehenden Gesellschaft
vornimmt, nimmt damit auch die Pflicht auf sich, sich um die Grundbedürfnisse
aller Menschen zu kümmern. Eine Ausnahme bildet hier jener Teil der
Nichtarbeitenden, der sich aus konterrevolutionären Beweggründen weigert, sich
an der neuen Produktion zu beteiligen. Insgesamt aber, mit Ausnahme der
genannten Kategorie, werden die Bedürfnisse der ganzen Bevölkerung auf dem
Territorium der sozialen Revolution aus dem gemeinsamen revolutionären
Lebensmittelfonds befriedigt. In dem Fall, dass die Menge der vorhandenen
Lebensmittel unzureichend ist, werden sie nach dem Prinzip des größten Bedarfs
verteilt, d.h. in erster Linie an Kinder, Kranke und Arbeiterfamilien.

Ein schwierigeres Problem stellt die Einrichtung des gemeinsamen revolutionären
Lebensmittelfonds dar. Zweifellos werden die Städte in den ersten Tagen der
Revolution nicht über die notwendigen Lebensmittel verfügen. Die in den Städten
fehlenden Lebensmittel wird es gleichzeitig in ausreichender Menge bei den
Bauern geben.

Für Anarchisten kann es keinen Zweifel an den guten gegenseitigen Beziehungen
zwischen den Arbeitern in der Stadt und den Arbeitern auf dem Land geben.
Anarchisten sind der Meinung, dass die soziale Revolution lediglich durch
gemeinsame Anstrengungen der Arbeiter und Bauern verwirklicht werden kann.
Folglich ist auch die Lösung der Versorgungsfrage in der Revolution nur auf der
Grundlage der revolutionären Kooperation dieser zwei Klassen des arbeitenden
Volkes möglich.

Um diese Zusammenarbeit herzustellen, muss die städtische Arbeiterklasse,
nachdem sie die Produktion in ihre Hände genommen hat, sich unverzüglich um die
dringenden Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung kümmern und sich bemühen,
neben Artikeln des täglichen Gebrauchs auch Mittel und Geräte für die
kollektive Bewirtschaftung des Bodens an die Bauern zu liefern. Die kollektive
Sorge der Arbeiter um die Bedürfnisse der Bauern wird bei letzteren ähnliches
Entgegenkommen hervorrufen, d.h. die kollektive Versorgung der Stadt mit
Erzeugnissen der bäuerlichen Arbeit, in erster Linie mit Nahrungsmitteln.

Gemeinsame Arbeiter- und Bauern-Kooperativen werden die primären Organe der
Versorgung und der Befriedigung der wirtschaftlichen Bedürfnisse der Stadt und
des Dorfes werden. Diese Kooperativen könnten dann mit weiteren und ständigen
Funktionen ausgestattet werden, um alles Notwendige für die Unterhaltung und
Entwicklung des gesellschaftlichen und wirtschaftlich Lebens der Arbeiter und
Bauern zu liefern, sie könnten damit in ständige Organe der Versorgung der
Stadt und des Dorfes verwandelt werden.

Die Lösung der Versorgungsfrage auf diese Weise wird es dem städtischen
Proletariat erlauben, einen ständigen Lebensmittelfonds zu schaffen, was sich
positiv und entscheidend auf das Schicksal der neuen Produktion insgesamt
auswirken wird.

DIE LANDFRAGE

Wir halten die arbeitende Bauernschaft, die keine fremde Arbeit ausbeutet, und
das ländliche Tagelöhnerproletariat für die wichtigsten
revolutionär-schöpferischen Kräfte bei der Lösung der Landfrage. Ihre Aufgabe
wird es sein, eine revolutionäre Aufteilung des Bodens zu vollziehen, damit
eine Bodennutzung und Bodenbearbeitung nach kommunistischen Prinzipien möglich
ist.

Ähnlich der Industrie ist der Boden, der von Generationen von Arbeitern
bearbeitet und kultiviert wurde, das Ergebnis der Anstrengungen der arbeitenden
Menschen. Er gehört ebenfalls dem gesamten arbeitenden Volk im Ganzen und
niemandem im Einzelnen. Als gemeinsamer Besitz der Arbeiter kann der Boden
nicht zum Gegenstand von Kaufgeschäften werden. Er kann weder verpachtet werden
? durch wen auch immer an wen auch immer, noch als Mittel zur Ausbeutung
fremder Arbeit dienen.

Der Boden ist gewissermaßen ein volkseigener Betrieb, in dem das arbeitende
Volk die Nahrungsmittel erzeugt. Aber er ist ein Betrieb, in dem es sich jeder
Landarbeiter (Bauer) historisch bedingt angewöhnt hat, seine Arbeit selbständig
auszuführen und die Produkte seiner Arbeit unabhängig von anderen Produzenten
zu vermarkten. Während die gemeinschaftliche (kommunistische) Arbeitsweise in
der Industrie absolut notwendig und die einzig mögliche ist, ist sie in der
Landwirtschaft zur Zeit nicht die einzig mögliche. Die Mehrheit der Bauern
wirtschaftet vereinzelt.

Mit dem Übergang des Bodens und der Mittel seiner Bearbeitung an die Bauern
werden Verkauf und Verpachtung des Bodens unterbunden; die Frage der Formen der
Bodennutzung und der Bewirtschaftung (kommunal oder auf Familienbasis) drängt
deshalb nicht sofort nach einer allgemeinen und endgültigen Lösung, wie dies
bei der Industrie der Fall ist. In der ersten Zeit wird man wahrscheinlich
sowohl auf die eine als auch auf die andere Bewirtschaftungsform zurückgreifen.

Die Entscheidung über die endgültige Form der Bodennutzung und Bewirtschaftung
wird der revolutionären Bauernschaft überlassen. Druck von außen darf es in
dieser Frage nicht geben.

Aber da wir der Meinung sind, dass lediglich das kommunistische
Gemeinschaftsleben, im Namen dessen die soziale Revolution auch gemacht wird,
die Arbeiter von Rechtlosigkeit und Ausbeutung befreien und ihnen die
vollständige Freiheit und Gleichheit geben wird; da ferner die Bauern die
überwältigende Mehrheit der Bevölkerung stellen (in Russland etwa 85%) und die
ländliche bäuerliche Struktur sich folglich als entscheidender Faktor für das
Schicksal der Revolution erweisen wird; und da schließlich die private
Landwirtschaft genauso wie das private Industrieunternehmen zum Handel, zur
Anhäufung des Privateigentums und zur Wiederherstellung des Kapitals führt; aus
all diesen Gründen ist es unsere Pflicht, gerade jetzt alles Nötige zu tun, um
die Lösung der Landfrage im kommunalen Sinne zu fördern.
Zu diesem Ziel müssen wir jetzt unter den Bauern verstärkt die kommunistische
Bodennutzung und Bewirtschaftung propagieren.

Die Schaffung einer spezifisch bäuerlichen Union anarchistischer Ausrichtung
wird diese Aufgabe wesentlich erleichtern.

Der technische Fortschritt, der die Entwicklung der Landwirtschaft fördert, und
die Verwirklichung des Kommunismus in den Städten, vor allem in der Industrie,
werden in dieser Hinsicht von außerordentlicher Bedeutung sein. Wenn die
Arbeiter in ihren Beziehungen zu den Bauern nicht als einzelne Gruppen, sondern
als riesiges kommunistisches Kollektiv, das ganze Branchen der Produktion
umfasst, agieren, wenn sie sich dabei um die dringenden Bedürfnisse des Dorfes
kümmern und neben Artikeln des täglichen Bedarfs auch Geräte für die kollektive
Bewirtschaftung des Bodens in jedes Dorf liefern, dann wird das die
Bauernschaft zweifellos zum Kommunismus in der Landwirtschaft antreiben.

DIE VERTEIDIGUNG DER REVOLUTION

Die Frage der Verteidigung der Revolution gehört ebenfalls zum Problem des
?ersten Tages?. Im Grunde genommen ist das mächtigste Mittel zur Verteidigung
der Revolution die erfolgreiche Lösung ihrer Herausforderungen in den Bereichen
der Produktion, der Versorgung und der Landfrage. Wenn diese Probleme richtig
gelöst werden, werden die Kräfte der Konterrevolution den freiheitlichen Aufbau
der Arbeiter nicht umkehren oder ins Wanken bringen können. Dennoch werden die
Arbeiter einen heftigen Kampf mit ihren Feinden führen müssen, um den Bestand
der Revolution zu sichern.

Die soziale Revolution bedroht die Privilegien und selbst die Existenz der
nichtarbeitenden Klassen der heutigen Gesellschaft, unausweichlich ruft sie den
verzweifelten Widerstand dieser Klassen hervor, der sich in einen erbitterten
Bürgerkrieg entlädt.

Die Erfahrungen Russlands haben gezeigt, dass ein solcher Bürgerkrieg nicht
eine Sache von Monaten, sondern von Jahren werden kann.

Auch wenn die ersten Schritte der Arbeiter am Anfang der Revolution erfolgreich
verlaufen sind, werden die ehemals herrschenden besitzenden Klassen noch für
längere Zeit über eine gewaltige Widerstandskraft verfügen und einige Jahre die
Revolution bekämpfen, um die ihnen entzogene Macht und die alten Privilegien
zurückzugewinnen.

Die aus ihren zahlreichen Anhängern geschaffene Armee, mit viel Militärtechnik
ausgerüstet, mit ausgeklügelten Strategien versehen und mit Kapital im Rücken,
wird gegen die siegreichen Werktätigen geworfen.

Um all dem eine entsprechende Kampfkraft entgegensetzen zu können, werden die
Arbeiter Organe zum Schutz der Revolution gründen müssen, um die
Errungenschaften der Revolution zu bewahren. In den ersten Tagen der Revolution
werden die vielen bewaffneten Arbeiter und Bauern zusammen eine solche
Kampfkraft darstellen, aber das sind nur die ersten Tage, bevor der Bürgerkrieg
seinen Höhepunkt erreicht hat und bevor die kämpfenden Seiten richtig
aufgebaute militärische Organisationen geschaffen haben.

Der kritischste Augenblick der sozialen Revolution ist nicht der, in dem das
alte System gestürzt wird, sondern der, der nach diesem Sturz anbricht, ein
Augenblick des allgemeinen Angriffs des niedergeworfenen Systems auf die
Arbeiter, eine Zeit, in der die Errungenschaften der Revolution bewahrt werden
müssen.

Der Charakter dieses Angriffs, die Technik und die Entwicklung des Bürgerkriegs
im Allgemeinen, verlangen von den Arbeitern bestimmte militärisch-revolutionäre
Strukturen. Das Wesen und die Grundprinzipien dieser Strukturen müssen im
Voraus festgelegt werden. Da wir staatliche Machtmethoden zur Lenkung der
Massen ablehnen, lehnen wir auch staatliche Mittel zur Organisation der
militärischen Kräfte der Arbeiter ab, d.h. wir lehnen das Prinzip der auf Zwang
basierenden staatlichen Armee ab. Im Einklang mit den grundlegenden
anarchistischen Einstellungen, muss den militärischen Strukturen der Arbeiter
das Prinzip der Freiwilligkeit zu Grunde gelegt werden. Als Beispiel für solche
Strukturen können die militärisch-revolutionären Partisanentruppen der Arbeiter
und Bauern in der russischen Revolution dienen.

Revolutionäre Freiwilligkeit und der Partisanenkampf sollen jedoch nicht im
engeren Sinne verstanden werden, d.h. als Bekämpfung des Feindes durch
vereinzelte lokale Arbeiter- und Bauerntruppen, die jeweils nur in eigener
Verantwortung ohne zusammenhängenden operativen Plan agieren. Ab einem höheren
Entwicklungsstadium beginnt sich die Taktik des Partisanenkampfes von der
gemeinsamen militärisch-revolutionären Strategie der Revolution leiten zu
lassen.

Ein Bürgerkrieg, wie jeder andere Krieg auch, kann von den Arbeitern nur dann
erfolgreich geführt werden, wenn zwei grundlegende militärische Prinzipien
beachtet werden: die Einheit des operativen Plans und die Einheit des
gemeinsamen Kommandos. Der Augenblick der Revolution, wenn die Bourgeoisie mit
organisierten Kräften gegen sie zu Felde zieht, um sie zu stürzen, wird sich
als kritischster Augenblick erweisen, und er wird von den Arbeitern den
Rückgriff auf diese militärischen Prinzipien verlangen.

Die Anforderungen der eigenen militärischen Strategie sowie der Bekämpfung der
Strategie der Konterrevolution werden die bewaffneten Kräfte der Revolution
somit zwingen, sich zu einer vereinten revolutionären Armee
zusammenzuschließen, die über einen gemeinsamen Oberbefehl und einen
gemeinsamen operativen Plan verfügt.

Diese Armee wird auf folgenden Prinzipien basieren:
a) der Klassencharakter der Armee,
b) die Freiwilligkeit (schließt jeden Zwang zur Verteidigung der Revolution
aus),
c) die revolutionäre Selbstdisziplin (Freiwilligkeit und revolutionäre
Selbstdisziplin, in vollkommenem Einklang miteinander, machen eine
revolutionäre Armee stärker im Geist als jede staatliche Armee), und
d) die vollständige Unterstellung der revolutionären Armee unter die Massen der
Arbeiter und Bauern in Form von gemeinsamen landesweiten Organisationen der
Arbeiter und Bauern, die im Augenblick der Revolution von den Massen an
führende Stellen des wirtschaftlich-sozialen Lebens des Landes gesetzt werden.

Mit anderen Worten: Diese Armee wird zu einem Organ zur Verteidigung der
Revolution, das die Pflichten des Kampfes gegen die Konterrevolution trägt ?
sowohl an den offenen militärischen Fronten, als an den Fronten des verdeckten
Bürgerkriegs (Verschwörungen der Bourgeoisie, die Anstachelung zu
Ausschreitungen usw.) ? das sich vollständig in der Hand der höheren
betrieblichen Organisationen der Arbeiter und Bauern befindet, ihnen untersteht
und von ihnen auch politisch geleitet wird.

Anmerkung: Die revolutionäre Armee muss nach bestimmten anarchistischen
Prinzipien aufgebaut sein, aber man darf sie nicht als prinzipielle Sache an
sich betrachten. Sie ist lediglich ein Erfordernis der militärischen Strategie
der Revolution, eine strategische Maßnahme, die der Verlauf des Bürgerkriegs
den Arbeitern aufzwingt. Dieser Maßnahme müssen wir aber schon jetzt unsere
Aufmerksamkeit schenken. Schon jetzt muss sie sorgfältig studiert werden, um
bei der Verteidigung und dem Schutz der Revolution einen nicht wieder
gutzumachenden Verzug zu vermeiden, denn Verspätungen in den Tagen des
Bürgerkriegs können zum Verhängnis für den Ausgang der gesamten sozialen
Revolution werden.


ORGANISATORISCHER TEIL

DIE PRINZIPIEN DER ANARCHISTISCHEN ORGANISATION

Die oben ausgeführten allgemeinen konstruktiven Bestimmungen bilden eine
Organisationsplattform der revolutionären Kräfte des Anarchismus.

Die Plattform verkörpert eine bestimmte ideologische und taktische Richtung und
ist das Minimum, auf das sich alle Teilnehmer der organisierten anarchistischen
Bewegung unbedingt einigen müssen.

Es ist die Aufgabe der Plattform, alle gesunden Kräfte der anarchistischen
Bewegung in einer vereinten, aktiven und dauerhaft agierenden Organisation um
sich zu scharen, in der Allgemeinen Anarchistischen Union. Alle anarchistischen
Aktivisten müssen ihre Kräfte in die Schaffung dieser Organisation einbringen.

Die grundlegenden organisatorischen Prinzipien der Allgemeinen Anarchistischen
Union sind wie folgt:

1) Einheit der Ideologie

Die Ideologie ist eine Kraft, die die Aktivität einzelner Personen und
einzelner Organisationen auf einen bestimmt Weg hin zu einem bestimmten Ziel
richtet. Sie muss selbstverständlich einheitlich für alle Personen und
Organisationen sein, die sich an der gemeinsamen Union beteiligen. Die
Aktivität der Allgemeinen Anarchistischen Union muss sowohl im Allgemeinen als
auch im Detail den von ihr bekundeten ideologischen Prinzipien genau
entsprechen.

2) Einheitliche Taktik und kollektives Handeln

Die taktischen Methoden, die von einzelnen Mitgliedern oder Gruppen der Union
angewandt werden, müssen einheitlich und genau abgestimmt sein, sowohl
miteinander als auch mit der allgemeinen Ideologie und Taktik der Union.

Eine einheitliche taktische Linie der Bewegung ist von entscheidender Bedeutung
für das Leben der Organisation und der ganzen Bewegung: Sie rettet die Bewegung
aus dem saugenden Sumpf der zahlreichen, gegenseitig zerstörerischen Taktiken
und versammelt alle Kräfte auf einer bestimmten Linie, die zu einem bestimmten
Ziel führt.

3) Kollektive Verantwortung

In den Reihen der anarchistischen Bewegung muss die Praxis, auf eigene Faust zu
handeln, entschieden verurteilt und abgelehnt werden.

Das revolutionäre und sozialpolitische Leben umfasst vor allem zutiefst
kollektive Bereiche. Revolutionäre gesellschaftliche Tätigkeit kann hier
unmöglich auf der Grundlage der persönlichen Verantwortung einzelner Aktivisten
erfolgen.

Das ausführende Organ der gemeinsamen anarchistischen Bewegung ? die
Anarchistische Union ? spricht sich entschieden gegen den verantwortungslosen
Individualismus aus und führt in ihren Reihen das Prinzip der kollektiven
Verantwortung ein: Für die revolutionär-politische Tätigkeit jedes Mitglieds
der Union ist die Union als Ganzes verantwortlich; ebenso antwortet jedes
einzelne Mitglied für die revolutionär-politische Tätigkeit der Union als
Ganzes.

4) Föderalismus

Der Anarchismus hat zentralistische Organisation immer abgelehnt, sowohl im
gesellschaftlichen Leben der Massen, als auch im eigenen politischen Wirken.
Das System des Zentralismus stützt sich durch die Tötung des Geistes der
Kritik, der Initiative und der Unabhängigkeit in jeder Person sowie durch die
blinde Unterwerfung der breiten Massen unter den Willen des ?Zentrums?. Das
selbstverständliche und unvermeidliche Ergebnis dieses Systems ist die
Versklavung und Mechanisierung des gesellschaftlichen und politischen Lebens.

Als Gegensatz zum Zentralismus hat der Anarchismus stets das Prinzip des
Föderalismus vorgebracht und verfochten, ein Prinzip, das die Unabhängigkeit
der Person oder Organisation, ihre Initiative und den Dienst an der gemeinsamen
Sache verbindet.

Durch die Verknüpfung der Idee der Unabhängigkeit und Souveränität des
Einzelnen mit dem Dienst an den gesellschaftlichen Bedürfnissen und Instinkten
öffnet der Föderalismus die Tür zu einer gesunden Entfaltung der Kräfte jedes
Einzelnen.

Nicht selten jedoch wurde in den Reihen der Anarchisten das föderalistische
Prinzip falsch verstanden ? es wurde als Recht aufgefasst, in der Organisation
hauptsächlich sein ?Ich? zu bekunden, ohne dass man seine Pflichten gegenüber
der Organisation wahrnimmt.

Solche Verdrehungen haben unserer Bewegung in der Vergangenheit eine extreme
Desorganisation beschert, der wir jetzt mit aller Entschiedenheit ein Ende
setzen müssen.

Föderalismus bezeichnet die freiheitliche Vereinbarung von Personen und ganzen
Organisationen zur Zusammenarbeit, die auf das Erreichen eines gemeinsamen
Ziels gerichtet ist.

Aber diese Vereinbarung und die föderalistische Union, auf der sie aufbaut,
können nur verwirklicht werden, statt Fiktion und Selbsttäuschung zu bleiben,
wenn alle Beteiligten an dieser Vereinbarung und dieser Union die übernommenen
Pflichten und die gemeinsam getroffenen Entscheidungen in vollem Umfang
erfüllen.

Gleich wie breit und föderalistisch eine Gesellschaft aufgebaut ist, kann es
keine Rechte ohne Pflichten geben, keine Entscheidungen ohne Umsetzung. Umso
weniger ist dies in einer anarchistischen Organisation möglich, die sich den
Belangen der Arbeiter und ihrer sozialen Revolution verschrieben hat.

Zusammen mit der Anerkennung der Unabhängigkeit, der Stimme, der persönlichen
Freiheit und der Initiative jedes einzelnen Mitglieds, erlegt die
anarchistische Organisation föderalistischen Typs folglich jedem Mitglied auch
bestimmte organisatorische Pflichten auf, fordert ihre genaue Wahrnehmung und
die Erfüllung gemeinsam getroffener Entscheidungen.

Nur so kann das föderalistische Prinzip mit Leben gefüllt werden und
ermöglichen, dass die anarchistische Organisation richtig funktioniert und sich
dem abgesteckten Ziel nähern kann.


Die Idee einer Allgemeinen Anarchistischen Union wirft das Problem der
Koordination (Abstimmung) der Aktionen aller Kräfte der anarchistischen
Bewegung auf.

Jede einzelne Organisation, die der Union beitritt, ist quasi eine selbständige
Zelle der Union; jede hat ihr (eigenes) Sekretariat, das die politische und
technische Arbeit der Organisation ausführt und ideell leitet.

Zur Koordinierung der Tätigkeit aller Organisationen, die der Union beitreten,
wird ein spezielles Organ in Form eines Ausführenden Komitees der Union
geschaffen, das folgende Aufgaben hat: die praktische Umsetzung der von der
Union getroffenen Entscheidungen, wo ihm dies zum Auftrag gemacht wird; die
ideelle und organisatorische Leitung der Tätigkeit der einzelnen Organisationen
gemäß der gemeinsamen Ideologie und der gemeinsamen taktischen Linie der Union;
die Beleuchtung des allgemeinen Zustands der Bewegung; die Unterhaltung
operativer und organisatorischer Verbindungen zwischen allen Organisationen der
Union; und anderes mehr.

Die Rechte, Pflichten und praktischen Aufgaben des Ausführenden Komitees werden
auf einem allgemeinen Kongress der Union festgelegt.

Die Allgemeine Anarchistische Union hat ein ganz bestimmtes, konkretes Ziel. Um
den Erfolg der sozialen Revolution zu sichern, muss sie in erster Linie die
kritischsten und revolutionärsten Elemente der Arbeiter- und Bauernschaft
aussuchen und sie als Mitglieder aufnehmen.

Da sie hauptsächlich eine Organisation der sozialen Revolution und außerdem
eine antiautoritäre Organisation ist, die die unmittelbare Zerstörung der
Klassengesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben hat, stützt sich die Allgemeine
Anarchistische Union gleichmäßig auf die zwei grundlegenden arbeitenden Klassen
der heutigen Gesellschaft ? die Arbeiter und die Bauern ? und dient im gleichen
Maße der Befreiung beider.

Gegenüber den städtischen Arbeitern und revolutionären
Gewerkschaftsorganisationen muss die Allgemeine Anarchistische Union alle
Anstrengungen unternehmen, um ihr Wegbereiter und ideeller Anführer zu werden.

Die gleichen Aufgaben setzt sich die Allgemeine Anarchistische Union auch in
Bezug auf die unterdrückte Bauernschaft, wobei sie danach streben muss, ein
Netzwerk revolutionärer wirtschaftlicher Organisationen der Bauernschaft zu
entwickeln, die als Bollwerk im Kampf die gleiche Rolle wie die revolutionären
Gewerkschaften der städtischen Arbeiterklasse spielen. Sehr sinnvoll wäre
darüber hinaus die Gründung einer spezifischen Bauernunion, die auf
freiheitlichen Grundsätzen basiert.

Aus der Mitte der Arbeiterschaft geboren, muss sich die Allgemeine
Anarchistische Union an allen Lebensbereichen der Klasse beteiligen und stets
mit Organisiertheit, Hartnäckigkeit und einem Geist der Aktivität und des
Angriffs überzeugend auftreten.

Nur so kann sie ihre Bestimmung erfüllen ? ihre ideelle und historische Mission
in der sozialen Revolution der Arbeiter ? und zum organisierten Initiator ihres
Befreiungsprozesses werden.

Übersetzung: WF+CM


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