(de) ES FING AN, ALS MCKINSEY BEI UNS WAR - Streik bei Gate Gourmet am Duesseldorfer Flughafen

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Tue Jan 10 21:54:25 CET 2006


[ Direkte Aktion, Zeitung der FAU-IAA | Nr. 173, Januar / Februar 2006 ]

"ES FING AN, ALS MCKINSEY BEI UNS WAR."
Streik bei Gate Gourmet am Düsseldorfer Flughafen

Seit dem 7. Oktober 2005 streiken am Flughafen Düsseldorf über 80
ArbeiterInnen des Catering-Konzerns Gate Gourmet (GG). Auch Gruppen der
FAU haben sich in Düsseldorf und an anderen GG Standorten in Frankfurt,
Berlin und Hannover an Solidaritätsaktionen beteiligt. Sogar GenossInnen
der CNT, die sich zur Zeit im Streik gegen die Airline Iberia befinden,
informierten am Flughafen in Madrid und diskutierten mit ArbeiterInnen
von Air Cater und Iberswiss, den dortigen GG Tochtergesellschaften, über
den Streik in Düsseldorf. Solidarität ist weiterhin wichtig für die
Streikenden, die sich schon so lange, mutig und geschlossen gegen das
Dumping ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen wehren.

Gate Gourmet, zweitgrößter Airline-Catering Konzern, sorgte im August
2005 für weltweite Schlagzeilen. Am Fluhafen Heathrow weigerte sich die
GG-Belegschaft, einem "Sanierungsplan" zuzustimmen, worauf das
Management Stellenstreichungen und den Einsatz von Leiharbeiterinnen
ankündigte. Die daraufhin erfolgende Versammlung der Schicht am 10.
August wurde von der Geschäftsleitung in einer offenbar geplanten Aktion
eingesperrt und mit der Aufforderung konfrontiert, den neuen Bedingungen
zuzustimmen. Als sich die ArbeiterInnen weigerten, wurde die komplette
Schicht, ca. 670 Leute, entlassen! Darauf kam es zu einem
Solidaritätsstreik bei British Airways (das dortige Catering war 1997 an
Gate Gourmet verkauft worden), und zwar stellte das Bodenpersonal in
Heathrow für ca. zwei Tage die Arbeit ein - der BA Flugplan brach
tagelang komplett zusammen, mindestens 70.000 Passagiere waren betroffen
oder gar gestrandet, es gab Turbulenzen im internationalen Flugverkehr.

Bisher weniger turbulent, aber dafür schon seit drei Monaten läuft der
Streik bei GG am Düsseldorfer Flughafen. Die dortige GG-Filiale ("unit")
entstand vor 4 Jahren, als die Fluggesellschaft LTU - immer noch
Hauptkunde von GG Düsseldorf - wegen Finanzproblemen seine
Catering-Tochtergesellschaft LTC an GG verkaufte und diese in Düsseldorf
mit der kleineren GG Niederlassung zusammengelegt wurde. Der GG-Konzern
selbst wurde wegen des Bankrotts der Swissair 2001 von dieser an den US
Investor Texas Pacific Group (TPG) verkauft. TPG ist eine private
Beteiligungsgesellschaft und z.B. auch bei Burger King und Grohe
beteiligt, wobei die Kreditlasten der Übernahme den übernommenen
Unternehmen aufgehalst werden, und damit der Rentabilitätsdruck
gesteigert wird. Sind die Übernommenen dann nach einigen Jahren auf
hochprofitabel "saniert" worden, werden sie mit Gewinn (für die
Investoren) wieder verkauft.

Auf den ersten Blick hat der Düsseldorfer Streik seinen Ursprung mit der
Kündigung des (Haus-)Entgelttarifvertrages im Mai 2005 durch die NGG, in
der die Streikenden organisiert sind, und der Forderung nach 4,5%
Lohnerhöhung - dem waren zwei Jahre "Sanierungsverzichte" vorangegangen.
Bei Verhandlungen im August kündigte dann das Management den
(Haus-)Manteltarifvertrag und forderte höhere Wochenarbeitszeit und 5
Tage weniger Urlaub. Diese Provokation passt aber zur zugrundeliegenden
und für den Konflikt zentralen Entwicklung der letzten Jahre. Die
Arbeitsbedingungen und das Betriebsklima hatten sich seit dem intensiven
"Besuch" der Kopflanger von McKinsey immer weiter verschlechtert. So
wurde z.B. die Zahl der LKW Fahrer von 90 auf 36 reduziert und dadurch,
dass jetzt einer die Flugzeugbeladungen macht, was früher zu zweit
gemacht wurde, hat sich die Arbeitshetze - und der Krankenstand - massiv
erhöht. Rationalisierung im Fabrikstil funktioniert aber am Flughafen
nicht, sondern lädt den durch Wechselschichten und Arbeitszeitkonten
ohnehin schon hoch "flexibilisierten" ArbeiterInnen noch zusätzlichen
Stress auf, da es keine Pufferzeiten mehr gibt, in denen auftretende
Probleme gelöst werden könnten. GG setzt derweil auf Druck durch
Abmahnungen, den Verzicht auf Neueinstellungen und immer höhere Anteile
von Leiharbeit. Und mindestens in einer GG "unit", in Kelsterbach bei
Frankfurt, haben sie einen tarif- und gewerkschaftsfreien Zustand
erreicht, vmtl. ist das auch ihr Ziel in Düsseldorf. So ließ GG ein
Verhandlungsergebnis vom 6. Dezember, das die Streikenden mglw.
akzeptiert hätten, am Tag darauf wieder platzen.

Am Streikzelt vor Halle 8 des Düsseldorfer Flughafens hört und sieht
man, dass es bei dem Konflikt um mehr geht als um Lohnprozente.
"Menschenwürde" steht auf Transparenten und die Streikenden, die
übrigens aus vielen Ländern stammen, haben die Nase voll von den
Zumutungen "da drin" im Betrieb. "Draußen" sind sie im Laufe des
unerwartet (und in der NGG beispiellos) langen Streiks zusammengewachsen
und haben, unterstützt von der NGG, schon eine Menge Aktivitäten
entfaltet: Streikzeitungen, Fluggastinformationen, Demonstrationen und
Delegationen, u.a. zu einer besetzten Nestlé-Fabrik in Marseille. Und
auch direkte Aktionen, u.a. in Form von Blockaden hat es gegeben. Durch
Unterstützungsgrüße, Besuche, Sach- und Geldspenden ist den Streikenden
schon viel materielle und ideelle Solidarität zugekommen, was in ihrer
schwierigen Lage sehr wichtig ist. Dabei handelt es sich in den
überwiegenden Fällen wohl nicht um Traditionsrituale gewerkschaftlicher
Apparate, sondern viele Leute scheinen zu spüren, dass es zunehmend
wichtiger wird, der immer aggressiveren Verschlechterung der Arbeits-
und Lebensbedingungen etwas wirksames entgegenzusetzen - Streik.

Der Wirksamkeit des Düsseldorfer Streiks stehen vor allem zwei Faktoren
entgegen: Streikbrecherei und Isolation. Die Streikbrecherei besorgt -
neben der "drin" gebliebenen Verwaltung - von anderen GG "units"
entsandtes Personal, aber auch LeiharbeiterInnen türkischer Herkunft der
Duisburger Firma Goldberg & Avci GmbH. Deren Chef und von daher
Streikbruchprofiteur Sevket Avci ist pikanterweise Vorsitzender des
Beirates für Zuwanderung und Integration der Stadt Duisburg. Laut
Indymedia-Berichten ist dieser Zusammenhang kürzlich in Duisburg auch
durch zweisprachige Plakate öffentlich gemacht und das Büro von Avci
verwüstet worden.

Zur Isolation des Streiks: es hat im Gegensatz zu Heathrow bisher kein
Überspringen des Düsseldorfer Streiks am dortigen Flughafen oder auch
innerhalb von GG gegeben. In beiden Bereichen gibt es zur Zeit bzw. in
Kürze wieder Verhandlungen bzw. schwebende Zustände mit Friedenspflicht
- in der Zuständigkeit von ver.di. Bezugspunkte für gemeinsame Kämpfe
gäbe es genug - outsourcing, Leiharbeit, Flexibilisierung,
Arbeitszeitverlängerung, Verzicht stehen auch in der ehemaligen
Edelbranche Flughafen längst überall auf der Tagesordnung. Wer -
sinnvollerweise - nicht auf ver.di warten will, sollte den Streik jetzt
schon unterstützen. Neben Spenden helfen z.B. Informationsverbreitung,
Aktionen auch an anderen Flughäfen wie am 17.12. oder effektive
Blockaden wie zuletzt Heiligabend in Düsseldorf (nach einem ökumenischen
Gottesdienst am Streikzelt ;-).

[ Weitere Information: http://www.fau.org/soli/gate-gourmet ]


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