(de) Fauchthunrundmail: 24.12.06 Bildung:Über die Chancen eines zeitgemäßen Anarchosyndikalismus II. (2/2?

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Sun Dec 24 17:17:02 CET 2006


Ob aber die Internationale noch zu retten ist, steht dahin. Im  
Augenblick jedenfalls befindet sie sich mit Volldampf auf dem direkten  
Kurs zu einer weltanschaulichen Sekte, die sich vor lauter  
Prinzipientreue hartnäckig weigert, sich der Welt des 21. Jahrhunderts  
zu stellen und sich der realen Probleme der Menschen im Hier und Heute  
anzunehmen. Solange andere Sichtweisen nicht einmal zur Kenntnis  
genommen und offen diskutiert werden dürfen, besteht indes wenig 
Hoffnung, den vergreisten Patienten AIT von seinem Altersstarrsinn  noch 
kurieren zu können.
 > Anti-Aging für die Anarchie?
Abhilfe dürfte allerdings kaum aus den sklerotischen und verkrusteten  
Strukturen selbst erwachsen; sie kann wohl nur aus den konkreten  
Erfahrungen realer Kämpfe in wirklichen Gewerkschaften und aktiven  
Bewegungen entstehen. Was hat uns Barcelona heute in dieser Hinsicht  an 
Erfahrungen und Alternativen zu bieten?

Vielleicht finden wir ja hier schon einige Zutaten für eine wirksame  
?Anti-Aging-Kur? gegen die Senilität der Konzepte und die  
pathologische Fixierung auf die Vergangenheit? Nicht nur für den  
kriselnden syndikalistischen Bereich der anarchistischen Bewegung,  
sondern für die Gesamtheit des libertären Lagers. Eine Art  
Frischzellenkur, die dem stagnierenden Diskurs für eine befreite und  
selbstverwaltete Gesellschaft zu neuer Dynamik verhelfen könnte?? Denn  
das ist schließlich die Quintessenz des »anarchosyndikalistischen  
Projekts«: die Verwirklichung jenes positiven Gesellschaftsentwurfs  
namens Anarchie, einer Welt ohne Herrschaft, ohne Ausbeutung, ohne  
Lohnsklaverei. Einer Welt übrigens, in der man dann auch keine  
Gewerkschaften mehr bräuchte ? bei deren Verwirklichung sie jedoch die  
zentrale Rolle spielen könnten. Vorausgesetzt, sie sind wirklich  
revolutionär und vernetzen sich gemeinsam mit all den vielen anderen  
libertären Projekten zu einer starken, virulenten Bewegung, die sich  
Schritt für Schritt verdichtet, die nicht nur träumt, sondern neue  
Realitäten schafft.

Schauen wir uns also an, was der Streifzug durch die anarchophilen  
Winkel Barcelonas in dieser Hinsicht gebracht hat. Welche  
?therapeutischen Elemente? könnten die einzelnen Gruppen,  
Gruppierungen und Szenes, die wir kennengelernt und die sich  
vorgestellt haben, zu einer Anti-Aging-Kur beisteuern? Und wie ließe  
sich am Ende aus all diesen ?Anwendungen? vielleicht ein gescheiter  
?Therapieplan? aufstellen, der der Anarchie nicht nur die Runzeln aus  
dem Gesicht vertreibt, sondern sie auch fit genug macht, um auf dem  
Tanzboden der sozialen Kämpfe wieder den heißesten Befreiungs-Rock ?n?  
Roll zu tanzen?

Was die CNT auténtica angeht, so hatten wir bereits gesehen, dass sie  
? zumindest in Barcelona ? nicht gerade mit einer bestechenden  
Zukunftsstrategie aufwarten kann und wohl eher auf ?bessere Zeiten? zu  
warten scheint, in der die Arbeiter endlich ?aufwachen?. Dass sie  
indes nicht passiv abwartet, sondern sich mutig und engagiert den  
deklassierten ?Randgruppen? zuwendet und sich hier mit radikaler  
Kampfeslust einen guten Ruf als radikal andere Gewerkschaft  
erstreitet, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden! Denn der Sektor  
des ?klassischen? Arbeiters, des gut bezahlten Angestellten mit  
anständigem Arbeitsvertrag, bröckelt überall in der globalisierten  
Welt des Neoliberalismus ? das Prekariat wird allenthalben wachsen und  
zu einer bedeutenden sozialen Realität werden, die große Mengen an  
sozialem Sprengstoff in sich birgt. Auch die Versuche der CNT, sich  
nach Jahren des Niedergangs wieder vermehrt ihrer traditionellen Rolle  
als Gewerkschaft zuzuwenden ? etwa im Hotel- und Gaststättengewerbe ?,  
ist ein positiver Ansatz. Hier könnte sich in praktischem Experiment  
und offenem Wettstreit zeigen, welches Konzept tauglicher ist: die  
Gewerkschaftssektionen der CNT oder die Betriebsräte der CGT. Im  
besten Fall könnten aus gemeinsamen Aktionen und kritischer Bilanz  
sogar neue, kämpferischere Formen entwickelt werden ? vorausgesetzt,  
man betrachtet sich nicht länger als ?Feinde?, sondern tauscht die  
Erfahrungen offen miteinander aus ? als ?Genossen mit  
unterschiedlichen Konzepten?.

Der wichtigste Beitrag, den die CNT auténtica jedoch zum Anti-Aging  
beisteuern könnte, ist sicherlich die Power ihrer Aktivisten, die  
ungetrübte jugendliche Radikalität ihres kämpferischen Elans. Würde  
diese Energie doch nur nicht in sterilen, rückwärtsgewandten   
Fraktionskämpfen so sinnlos verpulvert!

Wenn diese CNT bei all ihrer Hingabe an die glorreiche Geschichte  
ihrer Organisation auch endlich die geschichtliche Dialektik der  
historischen CNT verstehen wollte, müsste sie eigentlich begreifen,  
dass sie heute zum klassischen ?Rezept? des Anarchosyndikalismus genau  
jene Zutaten beisteuern könnte, ohne die sich die anarchistische Pizza  
nicht backen lässt: das radikale Element ? oder, um im Bild zu  
bleiben: die Peperoni, die Salami, das Salz, den Chili und den  
Majoran. Denn ohne diesen Part bliebe der gewerkschaftliche  
?Hefeteig?, den die im Vergleich zur CNT eher beschauliche CGT  
inzwischen angerührt hat, nur die sterile notwendige, aber eben nicht  
hinreichende Voraussetzung für eine Revolution, die den Leuten auch  
wirklich schmecken würde.

Bei der CNT desfederada hadert man offenbar intensiv mit der  
Vergangenheit und sitzt schimpfend auf einem Scherbenhaufen, redlich  
bemüht zu beweisen, dass man am Ende doch Recht hatte und die anderen  
Unrecht. Das ist vermutlich sogar richtig, führt aber nirgends hin.

Dabei waren die wirklich relevanten Gründe für die Spaltung ? nicht  
die zahlreichen vorgeschobenen rhetorischen Nebelkerzen ? durchaus  
interessante Indizien für einen vorausschauenden und modernen  
anarchosyndikalistischen Diskurs bei den desfederados. Ging es dabei  
doch um so wichtige Fragen wie die interne Demokratie, die Autonomie  
der Syndikate und das Primat horizontaler Strukturen gegenüber der  
Macht der Komitees. Allesamt Strukturelemente, die, wenn sie in einer  
kämpferischen Gewerkschaft konsequent angewandt würden, diese auch  
heute noch für Arbeiter und Angestellte attraktiv erscheinen ließe ?  
und sich so zu einer ernsten Konkurrenz für die reformistischen  
Gewerkschaften entwickeln könnten. Sogar bei uns in Deutschland. Aber  
leider werden hieraus offenbar keine wirklichen Konsequenzen gezogen,  
keine innovativen Schritte eingeleitet, keine vorausschauenden  
Strategien entwickelt. Stattdessen wartet man lieber auf eine  
?Entschuldigung? ? und alles verliert sich dadurch irgendwie im  
rückwärtsgewandten Groll. Dem aber immerhin solch ebenso apodiktischen  
wie zutreffenden Urteile zu verdanken sind wie die Einschätzung der  
heutigen FAI, deren einzige Funktion Genosse Lamata darin sieht, »sich  
die Komitees unter den Nagel zu reißen, um sie zu kontrollieren«.

Auch was die angeblichen anarchosyndikalistischen Todsünden angeht,  
zeigte sich zumindest mein Interviewpartner erstaunlich nachdenklich  
und offen für neue Wege. Denn Ignacio Lamata weiß als erfahrener  
Veteran der Bewegung natürlich, dass die Präsenz im Betriebsrat  
keinesfalls automatisch in Reformismus und Korruption enden muss,  
sondern gerade einer radikalen Gewerkschaft wie der CNT ein ganzes  
Bündel von Vorteilen bieten könnte: den Schutz der Aktivisten vor  
Repression, die Agitationsfreiheit im Betrieb, eine solidere Basis für  
die direkte Aktion. Und vor allem: den direkten Kontakt zur realen  
Arbeiterschaft, der beiden Fraktionen der CNT in den letzten Jahren  
Schritt für Schritt abhanden gekommen ist. Ignacio tritt sogar offen  
dafür ein, dass die Betriebsräte »eine Option« sein müssten, stößt in  
seiner Organisation jedoch noch überwiegend auf Skepsis.  
Bezeichnenderweise aus Angst davor, dass sich einmal gewählte  
Betriebsräte quasi automatisch zu korrupten Monsterfunktionären  
entwickeln müssten, zu »Lebemännern«, wie er sagt. Ist das Vertrauen  
in die Integrität der eigenen Genossinnen und Genossen wirklich so  
schwach? Hat man sich wirklich noch keine Gedanken darüber gemacht,  
wie dieser Gefahr durch entsprechende Gegenmaßnahmen und Strukturen zu  
begegnen wäre? Bei der CGT ist dies längst geschehen und dort verfügt  
man inzwischen über einen Erfahrungshorizont von einem  
Vierteljahrhundert. Aber mit denen redet selbst ein so undogmatischer  
CNTista wie Ignacio Lamata nicht gerne?

Was bei alldem erstaunt, ist die tiefsitzende Angst vor Risiken. Man  
scheint ganz allgemein den Kontakt mit der realen Gesellschaft zu  
scheuen, weil man hier ja mit allem Bösen, was in Staat, Kapital,  
Medien und Konsum steckt, in Berührung kommen könnte! Und überall dort  
lauert ganz verführerisch die Gefahr der Korrumpierung. Von einem  
virtuosen und listigen Umgang mit der bürgerlichen Welt, einer  
taktischen Ausnutzung der Ressourcen unserer Gegner, wie sie bei der  
CGT mit geradezu subversivem Vergnügen betrieben wird, ist man hier  
noch weit entfernt. Andererseits ist alles, was mir bei der CNT  
desfederada aus der täglichen Praxis berichtet wird, ebenfalls  
inmitten der bürgerlichen Welt angesiedelt und Teil der legalen  
staatlichen Strukturen: die gewerkschaftliche Rechtsberatung ebenso  
wie die selbstverwalteten Betriebe oder der Kampf um höhere  
Abfindungen. Seit wann aber hält denn das bloße Risiko, eventuell zu  
scheitern oder sich zu irren, die Anarchosyndikalisten davon ab, zu  
handeln?! Fast bin ich geneigt zu fragen, ob man aus derselben Angst  
vor ?Ansteckung? nicht auch grundsätzlich ein Bankkonto ablehnen  
müsste oder die staatliche Rentenversicherung.

Ansonsten herrscht in der Calle Joaquín Costa eher Ratlosigkeit. »Wie  
schafft man es«, werde ich gefragt, »überhaupt an das Bewusstsein von  
Leuten heranzukommen, die von den Medien auf Konsum und  
Individualismus getrimmt und entsolidarisiert worden sind? Weiß die  
FAU das? Sagt es mir!« Einstweilen versuchen es die desfederados mit  
kleinen Schritten und engem Schulterschluss: Nahziel ist der  
gemeinsame Auftritt auf der traditionellen Demo zum 1. Mai.  
Angesprochen sind nicht nur »alle Schwarzroten« (einschließlich der  
CGT!), sondern auch die zahlreichen antiautoritären und  
emanzipatorischen Bewegungen Barcelonas. Immerhin! Denn die  
?offizielle? CNT pflegt zur übrigen libertären Szene der Stadt eher  
ein distanziertes Verhältnis. Aber auch dieser Bloque Negro ist wohl  
nicht der Knaller gewesen, den Ignacio Lamata sich gewünscht hätte.  
Eine gemeinsame Demo aller Anarchosyndikalisten kam auch in diesem  
Jahr nicht zu stande ? und im Sommer erschien eine Sondernummer der  
dissidenten Solidaridad Obrera, in der seitenlang die interne  
Manöverkritik zwischen den verschiedenen beteiligten Gruppen  
zelebriert wurde.

Nach dem großen, zukunftsweisenden Entwurf sieht auch das alles nicht  
aus. Aber immerhin nach einer gewissen selbstkritischen Offenheit,  
bereit, eventuell auch neue Wege jenseits der alten Dogmen zu gehen.

Damit wäre die CNT desfederada prädestiniert, Brücken zu bauen. Mit  
der großen praktischen Erfahrung ihrer Aktivisten aus der mittleren  
Generation, ihrem geschärften Gespür für Gerechtigkeit und Anstand in  
den internen Strukturen der Organisation, ihrem Mix aus radikalem  
Denken und pragmatischem Realismus, was die Realität in den Betrieben  
angeht. Sie scheint heute ziemlich genau zwischen dem kämpferischen  
aber etwas reflexionsarmen Aktionismus der CNT auténtica und der  
soliden aber etwas routinierten Gewerkschaftsarbeit der CGT zu stehen.  
Und: sie unterhält zu beiden immerhin noch Kontakte. Somit könnte sie,  
sofern sie zum Dialog bereit ist, bei der Anti-Aging-Kur quasi für ein  
ausgewogenes peeling im verschrumpelten Gesicht der Anarchie sorgen,  
ohne gleich die ganze Haut mit abzurubbeln.

Beim Besuch der CGT erlebte ich im Vergleich zu all der Rat- und  
Perspektivlosigkeit bei Barcelonas traditionellen Anarchosyndikalisten  
die positivste Überraschung. Vor allem aus dem einfachen Grund, weil  
hier eine anarchosyndikalistische Organisation tatsächlich  
gewerkschaftliche Arbeit leistet. Nicht im Wolkenkuckucksheim von  
Historie und Theorie, sondern ganz real im Leben von millionen  
arbeitender Menschen. Mit zehntausenden von Mitgliedern überall im  
Land. Und ganz offenbar mit Lust und Dynamik, mit Kraft und  
undogmatischer Offenheit für Experiment und Risiko.

Ich habe mich seit meiner Rückkehr oft gefragt, ob ich mich in der Vía  
Layetana nicht habe blenden lassen. Ich weiß, ich bin ein  
begeisterungsfähiger Typ, der bisweilen zur Jovialität neigt, was  
nicht unbedingt von Vorteil ist wenn es darum geht, kritisch zu sein.  
Natürlich hat mir die freundliche und lockere Atmosphäre gefallen;  
auch die quirlige Geschäftigkeit in den Räumen der einzelnen Syndikate  
hat mir imponiert. Und ohne Frage habe ich mich in einem  
anarchistischen Archiv außerordentlich wohl gefühlt ? fast wie zu Hause?

Es kann natürlich sein, dass mich all das in meinem revolutionären  
Standpunkt »korrumpiert« hat ? ganz so, wie sich das die AIT-Hardliner  
in ihren schlimmen Albträumen vorstellen. Hat die CGT tatsächlich so  
viele Mitglieder wie sie angibt? Schafft sie es wirklich, das Primat  
der betrieblichen Basisdemokratie gegen den Einfluss der ?Funktionäre?  
durchzuhalten? Stimmt es, dass ihre Gewerkschaftsarbeit radikaler ist  
als die der Reformisten ? und vor allem: verändert sie die  
Gesellschaft oder wird sie von der Gesellschaft geschluckt? Offene  
Fragen, die letztlich nur dann beantwortet werden können, wenn die  
anderen Anarchosyndikalisten in aller Welt sich dazu bequemen, die  
Erfahrungen der CGT überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und ihre Arbeit  
über längere Zeit genauso unvoreingenommen und solidarisch zu  
beobachten, wie sie das mit anderen libertären Organisationen tun. Ich  
selbst war nur eine Woche in Barcelona. Auch halte ich mich weder für  
einen ?Gewerkschaftsfachmann?, noch fühle ich mich dazu berufen, den  
Weg der CGT als ?den richtigen? darzustellen. Ob es ein zielführender  
Weg zu einer libertären Gesellschaft ist, kann ich nicht wissen,  
ebensowenig, wie ich das bei der CNT oder der FAU weiß. Aber ein  
interessanter, ein vielversprechender Weg ist das, was diese  
Gewerkschaft auf die Beine stellt, allemal.

Eigentlich glaube ich auch nicht, dass ich so naiv bin, mich von ein  
paar chicen Büros, modernen Computern und schwarzroten Fahnen derart  
beeindrucken zu lassen, dass man mir mal eben einen ?potjemkinschen  
Anarchosyndikalismus? unterjubeln könnte. Aber letztlich ist das ohne  
Belang. Denn für die CGT wie für die CNTs gilt gleichermaßen, dass ich  
mich bei meiner Reportage nur auf den Augenschein verlassen konnte ?  
und auf das, was man mir in den Interviews sagte. Und was das angeht,  
so gaben mir Auge und Ohr bei der CGT übereinstimmend dasselbe Signal:  
Was ich hier erfuhr, war sowohl das Innovativste wie auch das  
Plausibelste, was ich vom anarchosyndikalistischen Barcelona zu sehen  
und zu hören bekam. Wer die Interviews liest und vergleicht, mag sich  
sein eigenes Urteil bilden.

Überzeugend wirkte auf mich vor allem, dass Ángel Bosqued, mein  
Interviewpartner bei den CGTistas, nicht einmal den Versuch unternahm,  
die Kritiken aus dem anarchistischen Lager abzutun; sie werden nämlich  
durchaus ernst genommen. Und die Antworten, die er mir im Einzelnen  
gab, zeigten, dass manche Kritiken punktuell berechtigt sind, andere  
hingegen als törichter Humbug angesehen werden müssen. Am  
beeindruckendsten jedoch war die Offenheit, mit der man bei der CGT  
auch über Misserfolge spricht ? und gleichzeitig im Detail erläutert,  
wie man in der Praxis versucht, die gefährlichen Klippen von  
Reformismus, Korrumpierung und Saturiertheit zu umschiffen. Hieraus  
ergab sich das Gesamtbild einer funktionierenden  
anarchosyndikalistischen Struktur, bei der es zwar stellenweise im  
Getriebe knirscht, die aber mit Sicherheit transparenter und  
basisdemokratischer ? sprich: anarchistischer ? ist, als die  
kläglichen Intrigenspielchen in den Komitees der CNT, von denen die  
desfederados so anschaulich zu berichten wussten. Zu guter Letzt hat  
mich als Journalist natürlich gefreut, dass ich in der Vía Layetana  
auf klare Fragen auch klare und kohärente Antworten bekam. Von meinen  
anderen Interviewpartnern lässt sich das nicht unbedingt behaupten.

Ohne Frage ist die CGT eine in der Wolle gefärbte  
anarchosyndikalistische Organisation, die sich selbst als Teil der  
libertären Bewegung versteht, in der sie auch bestens verankert ist.  
Das sieht man in Barcelona fast in jeder einschlägigen Lokalität.  
Gewiss entspricht ihr Konzept des Anarchosyndikalismus nicht den  
gegenwärtigen Statuten der AIT, aber gerade das scheint ihre Virulenz  
auszumachen und ihre Stärke zu begründen. Denn die CGT sieht sich  
exakt in der Tradition der historischen CNT in den Jahren vor der  
revolutionären Situation von 1936, als das Zusammenspiel von  
gewerkschaftlichen und revolutionären Kräften innerhalb einer  
einzigen, starken Konföderation überhaupt erst die Kraft generierte,  
die dann die Revolution möglich machte.

Entsprechend klar sind die Vorstellungen, die man hier für die Zukunft  
des Anarchosyndikalismus entwickelt hat: Überwindung der Spaltungen  
mit Hilfe jener jungen Aktivisten der neuen Generation, die von den  
endlosen Polemiken die Nase voll haben ? und schrittweiser Einstieg  
sowohl in den konstruktiven Dialog über die Theorie als auch in die  
punktuelle  Zusammenarbeit in der Praxis. All dies in dem klaren  
Bewusstsein, dass das anarchosyndikalistische Projekt die Power der  
radikaleren Kräfte, wie sie in der CNT und anderswo zu finden sind,  
genau so nötig braucht wie die solide gewerkschafliche Aufbauarbeit,  
wie sie die CGT leistet. Erst aus der Kombination beider Elemente  
könne jene Mischung entstehen, die im geeigneten Augenblick zur  
?kritischen Masse? kulminiert.

Unverzichtbarer Bestandteil dieses Szenarios aber sei die Restauration  
der libertären Alltagskultur jenseits der Syndikate ? jene virulente,  
an-archische Gegengesellschaft aus kulturellen, ökonomischen und  
politischen Projekten in den Städten und auf dem Lande, in jedem  
Viertel und in allen gesellschaftlichen Gruppen. Hier pflegt die CGT  
nicht nur den Kontakt, hier ist sie selbst seit Jahren aktiv und  
unterstützt beharrlich und unspektakulär die verschiedensten  
Iniativen, weit weg von der eigentlichen gewerkschaftlichen Arbeit.  
Denn schließlich, so ist Ángel Bosqued überzeugt, müssten »alle unsere  
Kämpfe in der Praxis und in der Theorie auf ein einziges Projekt  
zusammenlaufen, das jeder Mensch verstehen kann, ohne dass er vorher  
Bakunin oder Malatesta lesen muss.«

Klar, dass Organisationen wie die CGT in einem nach vorne schauenden  
anarchosyndikalistischen Zukunftskonzept die Funktion eines  
kraftvollen und zuverlässigen Motors bestens ausfüllen könnten. Ohne  
Motor fährt kein Auto, ohne Teig gibt?s keine Pizza und ohne  
Gewerkschaften keinen Syndikalismus. Die CGT ist jung, sie ist stark,  
sie ist dynamisch. Und sie ist ? entgegen allen Gerüchten ? libertär  
aus vollster Überzeugung. Da sie darüber hinaus auch offen ist und  
(ganz im Gegensatz zu vielen anderen Anarchoorganisationen) fähig zur  
kritischen Selbstreflexion, wäre es ebenso arrogant wie töricht, auf  
die ausgestreckte Hand zu spucken und diese innovative Kraft weiterhin  
zu ignorieren, wie das in manchen Anarchokreisen nach wie vor angesagt  
scheint.

             Und wenn wir noch einmal die Metapher vom Anti-Aging  
bemühen wollen: Die CGT scheint mir im Moment der einzige Körper im  
anarchosyndikalistischen Lager zu sein, der als Spender für eine  
Frischzellenkur überhaupt in Frage käme.

Jene libertäre Alltagskultur, deren Bedeutung bei der CGT so stark  
betont wird, bildete die letzte Station meiner Reportage ? und  
zugleich die angenehmste. Nach all den Geschichten voller Ränke und  
Kabale, Spaltereien und Ausschlüssen tat es gut, tief durchzuatmen und  
einen intrigenfreien Raum zu betreten, in dem die verschiedensten  
Projekte und Initiativen sich offenbar nicht als Konkurrenten sehen,  
sondern als komplementäre Alternativen im gemeinsamen Bestreben für  
eine freie Gesellschaft.

Da ich hier nicht über anarchistische Exegese und Fraktionskriege  
berichten muss, fällt das Resümé dieses Besuches kurz aus:

Auch im ?alternativen Barcelona? sehen sich viele Menschen durchaus  
noch in der Tradition des klassischen anarchosyndikalistischen  
Diskurses ? als aktiver Teil in der Dualität aus gewerkschaftlichem  
Kampf und dem zeitgleichen Aufbau einer aktiven, subversiven und  
virulenten Gegengesellschaft im Alltag der Menschen. Das zeigt sich  
nicht zuletzt an vielen gemeinsamen Aktionen, Projekten und  
Demonstrationen ? naturgemäß am intensivsten mit der CGT, aber auch  
mit der CNT desfederada. Allerdings hat das Vertrauen auf die  
Durchschlagskraft des anarcosindicalismo in den letzten Jahrzehnten  
verständlicherweise sehr gelitten ? man hat diese Krise zur Kenntnis  
nehmen müssen und sich mit ihr arrangiert. Aber nicht resigniert. Wenn  
sich die sindicalistas untereinander zerfleischen, muss es halt auch  
ohne sie weitergehen. Und dass es weitergegangen ist, habe ich bei  
meinem Besuch immer wieder feststellen können. Die meisten Projekte,  
die ich zuletzt auf meinen Reisen in den neunziger Jahren gesehen  
hatte, haben sich gut entwickelt und nachhaltig in ihrem sozialen  
Umfeld verankert. Einige haben sich beachtlich vergrößert und bei  
manchen hat eine zweite Generation inzwischen ?Ableger? gebildet. Und  
viele neue sind hinzugekommen, so dass der urbane Raum von immer mehr  
formellen und informellen Netzwerken durchzogen wird.

Natürlich gibt es auch in Barcelona offene und hermetische Projekte,  
innovative und sterile, undogmatische und dogmatische ? manche  
erreichen die Menschen der Stadt, andere kapseln sich lieber in ihren  
jeweiligen Szene-Ghettos ab. Aber in ihrer Gesamtheit scheint sich das  
alternative Barcelona unumkehrbar auf den Weg gemacht zu haben: weg  
von einer politfolkloristischen ?Nischenkultur?, hin zu einer  
selbstbewussten ?Gegengesellschaft?, die zunehmend auch in der Lage  
ist, die ?Normalbürger? anzusprechen. Als Franco 1974 starb, gab es  
von all dem nicht einmal eine Spur ?  inzwischen ist eine Dichte  
erreicht, die es zunehmend schwerer macht, diese soziale Realität zu  
ignorieren.

Auffallend ist, wie unverkrampft sich hier politisch unterschiedlich  
gefärbte Gruppen begegnen, die in Deutschland vermutlich im Clinch  
miteinander lägen, fleißig bemüht, herauszufinden und zu  
kommunizieren, was sie trennt und warum diese Unterschiede so enorm  
wichtig sind? Hier scheint man ? so war wenigstens mein Eindruck ?  
eher das Gemeinsame zu suchen, nicht das Trennende. Eine junge Frau  
aus dem Projekt-A-Dunstkreis hat das in frappierender Schlichtheit so  
begründet: »Warum sollte ich meine knappe Zeit damit vergeuden, den  
anderen ständig in den Topf zu gucken und ihnen sagen, was sie alles  
anders machen müssten, weil ich es anders machen würde!? Ich hab? doch  
genug damit zu tun, meine eigene Suppe zu kochen. Und weiß ich denn,  
ob ich alles richtig mache? Wichtig ist doch, dass überhaupt jemand  
kocht!« Dem möchte ich nichts mehr hinzufügen. Außer vielleicht, dass  
eine solche Sichtweise zum Anti-Aging der Anarchie mehr beitragen  
würde als alles peeling, alles politische Make-up und alle  
Frischzellenkuren zusamengenommen.

Wer eine Pizza backen will, braucht nicht nur Hefeteig und Belag,  
sondern auch einen heißen Backofen. Und wer eine anarchistische  
Gesellschaft anstrebt, braucht das richtige soziale Umfeld. Ein  
Milieu, in dem die Alternativen gedeihen, wo die Menschen ihre Ängste  
vor der Utopie verlieren können, weil sie in kleinen Schritten  
beginnen, das Utopische schon hier und heute im Alltag zu leben. Ein  
lebendige ?Gegenkultur?, in der die neue Gesellschaft in der Gestalt  
vieler kleiner ?Embryos? ebenso heranreifen kann, wie in einer  
revolutionären Gewerkschaft, in der die Arbeiter ebenfalls Schritt für  
Schritt lernen, dass sie ihre Arbeit und ihre Interessen tatsächlich  
selbst und direkt in die eigenen Hände nehmen können.

Therapieplan für eine nachhaltige Anti-Aging-Kur

Auf beiden Baustellen ? Gegengesellschaft und Gegengewerkschaft ? wird  
in Barcelona seit Jahren fleißig gearbeitet. Nur scheint irgendwie der  
gemeinsame Bauplan abhanden gekommen zu sein. Die einen gießen das  
Fundament, während die anderen sich darüber zerstreiten, wie die  
Dachsparren aussehen sollen ? derweil wieder andere schonmal anfangen,  
eine Suppe zu kochen, damit wenigstens was zum Essen da ist. Es  
herrscht Chaos auf der Baustelle?

Um den gemeinsamen Bauplan wiederzufinden und den krankhaften Streit  
zu beenden, braucht es einen Therapieplan, den alle akzeptieren. Und  
der ist im Prinzip ganz einfach.

Jeder, der im libertären Barcelona mitmischt, hat wertvolle Zutaten,  
die er in die Therapie einbringen kann. Keiner kann auf Dauer ohne die  
Zutaten des Anderen auskommen ? und schon gar nicht erfolgreich sein.  
Das Rezept liegt auf dem Tisch und besteht im Grunde nur darin, die  
Zutaten vernünftig zusammenzubringen. Dem steht eigentlich nur ein  
Hindernis entgegen: der fehlende Blick auf?s Große und Ganze ? der  
mangelnde Wille, die Gemeinsamkeiten auf der großartigen Baustelle des  
anarchistischen Gesamtprojekts zu suchen und zu erkennen ? und  
folgerichtig auch die Begrenztheiten des jeweils eigenen Gewerks zu  
begreifen.

Ich weiß, das klingt ebenso schwülstig wie naiv. Aber das haben  
Metaphern so an sich. Trotzdem glaube ich, dass ein anschaulicher   
Vergleich ? ebenso wie eine treffende Polemik ? bisweilen mehr  
Klarheit schafft als jedes theoretische Manifest. Und obwohl ich die  
Verbissenheit und Intransingenz meiner anarchistischen Genossinnen und  
Genossen nur allzu gut kenne, gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass  
hin und wieder doch der gesunde Menschenverstand über die ideologische  
Rechthaberei zu siegen vermag. Vielleicht gerade deshalb, weil jemand  
es wagt, ein völlig verfahrenes Problem im richtigen Moment mit der  
frechen und erfrischenden Naivität eines Kindes zu betrachten.

Der Stufenplan der Therapie wäre also abgesteckt: Dialog ? Vertrauen  
schaffen ? schrittweise Annäherung in Praxis und Theorie ? offene  
Debatte der Erfahrungen ? Wiedervereinigung aller Anarchosyndikalisten  
in einer gemeinsamen Konföderation aller Strömungen? Und parallel dazu  
den Aufbau und die intensive Pflege einer Vernetzung mit allen  
Gruppen, Initiativen und Projekten, die ebenfalls im weitesten Sinne  
eine libertäre Gesellschaft anstreben. Ein erstes hoffnungsvolles  
Indiz für die Möglichkeit dieses Weges flatterte mir übrigens kurz vor  
Fertigstellung dieses Buches auf den Schreibtisch: das gemeinsame  
Manifest libertärer Gewerkschaften aus dem Gesundheitsbereich gegen  
die Privatisierung der Krankenhäuser von Madrid. Einträchtig  
unterschrieben von CGT, CNT und der ebenfalls dissidenten madrider  
Gruppe Solidaridad Obrera. Es geht also.

Voilà?! Mit den Anwendungen unserer Anti-Aging-Kur könnten wir also  
alle noch heute beginnen. Der erste Schritt, der bekanntlich immer am  
schwersten fällt, bestünde ja nur in einer ganz simplen Übung: Einfach  
die Erfahrungen, die andere Gesinnungsgenossen in anderen  
Zusammenhängen mit anderen Strategien gemacht haben, unvoreingenommen  
anzuschauen.
**

Postskriptum:  Ich fürchte, man könnte den Eindruck gewinnen, ich  
hätte in diesem Essay versucht, den Anarchistinnen und Anarchisten von  
Barcelona Nachhilfeunterricht zu erteilen, um ihnen als typisch  
deutscher Besserwisser mal zu zeigen, wo?s lang geht. Das war  
natürlich nicht meine Absicht; weder in der Reportage, noch in meinen  
Reflexionen. In der Hauptsache wollte ich die deutsche Leserschaft  
informieren und inspirieren, im Besonderen natürlich die deutschen  
Libertären und meine Weggefährtinnen und -gefährten in der wackeren,  
kleinen FAU. Gerade uns Deutschen stünde es schlecht zu Gesicht, zum  
spanischen Anarchismus mal fix ein Urteil abzusondern. Vergessen wir  
nicht, dass es alleine in Barcelona vermutlich mehr libertäre Menschen  
gibt als in ganz Deutschland, die ? trotz aller Querelen und Probleme  
? jeweils auf ihre Weise versuchen, die Idee der Anarchie  
voranzubringen. Genau aus diesem Grunde bin ich auch der Meinung, dass  
wir in Deutschland viel aus den Erfahrungen lernen können, die in  
Spanien gemacht wurden und werden. Und deshalb habe ich mir im Essay  
das Recht zugestanden, den Gedanken, die sich mir als Libertärer aus  
Deutschland zur Situation in Spanien aufdrängten, frei zu folgen und  
ihnen keinen diplomatischen Maulkorb zu verpassen.

Falls aber die Libertären in Spanien oder anderswo auch Anregungen aus  
diesen Gedanken eines forastero curioso ziehen, sollte mich das  
natürlich freuen.

Vorabdruck aus dem Buch »Anti-Aging für die Anarchie? ? Das libertäre  
Barcelona und seine anarchistischen Gewerkschaften 70 Jahre nach der  
Spanischen Revolution« (187 S.), das in Kürze im Verlag Edition AV  
erscheint.








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