(de) dieplattform.org: Die plattform: Interview mit der Anarchist Communist Group (ACG) aus Großbritannien (en)

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Mi Mai 29 07:13:50 CEST 2019


Wir freuen uns euch dieses Interview präsentieren zu können, welches wir im April 2019 mit 
der "Anarchist Communist Group" (ACG) aus Großbritannien geführt haben. Die Organisation 
ist vergleichsweise neu und ist aktuell mit West Yorkshire, Leicestershire, Surrey und 
London in 4 Regionen aktiv. Auch das Knüpfen von internationalen Kontakten ist ein 
wichtiger Bestandteil unserer aktuellen Aufbauarbeit. Die Genoss*innen werden andersherum 
auch ein Interview mit uns führen, Aber nun wünschen wir euch erst einmal viel Freude mit 
dem bereits vorhandenen und - wie wir finden - spannenden Interview mit der ACG. Gemeinsam 
vorwärts zum anarchistischen Kommunismus! ---- Eine englische Version des Interviews 
findet ihr weiter unten. ---- Habt ihr eine langfristige bwz. eine kurzfristige Strategie? 
Wenn ja, wie sehen sie aus?

Unsere langfristige Strategie ist der Aufbau einer anarchistisch-kommunistischen Bewegung 
, mit starker Verankerung in der Arbeiter*innenklasse, die eine Revolution und den Aufbau 
einer neuen Gesellschaft anstrebt.

In näherer Zukunft wollen wir eine neue und dynamische Organisation aufbauen, welche die 
Möglichkeit hat militante Menschen anzuziehen und den Wiederaufbau 
anarchistisch-kommunistischer Organisierung im Vereinigten Königreich vorantreiben.

Wie ist euer Verhältnis zur Anarchist Federation?

Unsere Ursprünge liegen in der Anarchist Federation - IFA. Die Gründungsmitglieder der ACG 
waren zuvor Mitglieder in der AF. Drei der Gründer der ACG waren Mitglieder der 
Vorgängerorganisation der AF, der Anarchist Communist Federation (1986). Zur Zeit 
verwenden wir die Ziele und Prinzipien der AF. Wir betrachten uns als die Erben dessen was 
an der AF am besten war.

Wir sind der Meinung, dass die AF ihre Richtung verloren hat und sich zu einer 
synthetischen Organisation entwickelt hat, welche sich zur anarchistischen "Szene" hin 
orientiert. Jedoch sind immer noch gute Militante in der Organisation, mit welchen wir, 
wenn immer es uns möglich ist zusammen arbeiten.

Was ist euer Verhältnis zu Plattformismus? Steht ihr in Kontakt zu anderen 
plattformistischen Gruppen in anderen Ländern? Wie sieht eure Beziehung zu diesen aus?

Wir stimmen mit den wichtigsten Grundsätzen der Organisationsplattform der libertären 
Kommunisten überein: Taktische und theoretische Einheit. Wir lehnen "synthetischen" und 
"catch-all" Anarchismus ab. Gleichzeitig würden wir uns nicht als plattformistische 
Organisation bezeichnen.

Der Grund dafür ist, dass wir Differenzen mit dem Plattformismus haben, insbesondere die 
Idee eine einzige allgemeine Union von Anarchist*innen zu errichten. Darüber hinaus denken 
wir, dass die Arbeiterbewegung viele Erfahrungen vor und nach 1926 gemacht hat, wie die 
Erfahrung des Rätekommunismus, Elemente des autonomen Marxismus und so weiter. Wir haben 
eine starke Differenz mit der Plattform bezüglich einiger Aspekte der Entscheidungsfindung.

Wir stehen in Kontakt mit einigen Gruppen, welche sich selbst als plattformistisch oder 
als "especificist" bezeichnen würden aber wir sind uns auch bewusst, das die Politik 
einige dieser Gruppen nicht unsere Politik ist, zum Beispiel die Unterstützung nationaler 
Befreiungskämpfen, ein reformistischer gewerkschaftlicher Ansatz und historisch die 
Teilnahme an Wahlen.

In machen Bereichen können wir mit plattformistischen Gruppen international zusammen 
arbeiten und würden das gerne auch tun.

Welche sozialen und politischen Kämpfe werden gegenwärtig in GB ausgetragen? In welche 
davon seid ihr involviert und wie? Habt ihr euch entschieden in manchen dieser Kämpfe 
nicht involviert zu sein und warum?

Da wir eine kleine Gruppe sind und zudem noch geografisch zerstreut müssen wir uns genau 
überlegen wohin wir unsere Energie und andere Ressourcen investieren.

Wir waren aktiv in den Kampf gegen Univesal Credit. Universal Credit ist eine 
austeritätspolitische Maßnahme, welche sich als als Sozialleistungsreform tarnt. Die 
Reform hat erheblich Folgen für viele Menschen aus der Arbeiter*innenklasse und führt 
Menschen in prekäre Lebenslagen. Wir unterstützen darüber hinaus aktiv die 
Jugend-Klimabewergung, die mittlerweile tausende Schüler*innen auf die Straße bringt. Wir 
engagieren uns im Land Justice Network, welches sich für eine Landreform einsetzt. Viele 
unserer Mitglieder betätigen sich gewerkschaftlich sowohl in ihrem Betrieb als auch in der 
IWW. Auch das Thema Wohnen ist ein Kampf in den wir uns einbringen. Im Grunde genommen ist 
es unser Anliegen, uns in Auseinandersetzungen einzubringen, welche die Arbeiter*innen 
klasse beeinträchtigen. Das schließt eine Vielzahl von Kämpfen ein.

Wie steht ihr zum Brexit? Spielt er in eurer politischen Praxis überhaupt eine Rolle?

Zum Brexit nehmen wir eine neutrale Position ein. Wir lehnen sowohl die Lager der 
Befürworter als auch der Gegner eines Brexit ab, da keines der beiden Lager der großen 
Mehrheit der Menschen, sowohl in diesem Land als auch im Rest von Europa etwas anzubieten 
hat. Bei dem Konflikt handelt sich um die politische Auseinandersetzung zwischen zwei 
Kapitalfraktionen und er steht symbolisch für eine tiefere Krise der Ideologie der 
herrschenden Klasse. Im Vereinigten Königreich gab es eine Lexit- also eine linke 
Brexit-Kampagne welche die Idee der nationalen Souveränität unterstrich. Wir stimmen mit 
der Kampagne dahingehend überein, dass wir die EU als ein neoliberales Projekt sehen aber 
die Vorstellung, dass das Vereinigte Königreich sich dahingehend in irgendeiner Weise 
unterscheidet ist bizarr. Unsere Alternative heißt: Klassenkampf von unten und aktiver 
Internationalismus.

Wie ist der Zustand der anarchistischen Bewerbung in Britannien? Werdet ihr mehr und 
stärker? Wie sind die Beziehungen zwischen organisierten Anarchist*innen und 
nicht-formell-organisierten Anarchist*innen?

Unserer Überzeugung nach existiert keine anarchistische Bewegung in GB. Es existieren 
mehrere Gruppen auf nationaler Ebene hervorzuheben sind die Anarchist Federation, die 
Solidarity Federation (organisiert in der IAA) und Plan C. Plan C bezeichnet sich selbst 
als antiautoritär kommunistisch aber Teile der Organisation orientieren sich zur 
Sozialdemokratie d. . zur Labour Party. Diese Gruppen arbeiten seltenst zusammen, obwohl 
es lokal diesbezüglich einige Vorstöße gibt, insbesondere bei antifaschistischer Arbeit.

Die formell-organisierten Gruppen sind verhältnismäßig klein. Die meisten selbsternannten 
Anarchist*innen bevorzugen lokale, themenspezifische und im schlimmsten Fall ghettoisierte 
Arbeit oder die lose Organisation in der IWW. Die IWW ist ein Anziehungspol für 
Anarchist*innen und libertäre Linke, in manchen Fällen als alternative zu einer spezifisch 
politischen Organisierung, ob nun anarcho-syndikalistisch oder anarcho-kommunistisch. 
ACG-Aktivisten sind auch in der IWW aktiv. Diese Umstände sind sowohl ein Ausdruck des 
Versagens der klassenkämpferischen Anarchist*innen diese Menschen anzuziehen als auch ein 
Ausdruck des Einflusses von lokal-orientierten und gegen Organisierung gerichteten 
Tendenzen im britischen Anarchismus.

Wir arbeiten eng mit der Revolutionary Anarchist Group aus Birmingham zusammen. Die Gruppe 
ist eine von mehreren vielversprechenden lokalen Initiativen.

Wie sieht eure Öffentlichkeitsarbeit aus?

Wir nutzen eine zentrale Webseite, lokale Webseiten für unsere Gruppen und Twitter. Wir 
bemühen uns, regelmäßig öffentliche Veranstaltungen abzuhalten, etwas das nur sehr wenige 
anarchistische Gruppen tun und wir haben einen jährlichen Schulungstag, genannt 
Libertarian Communism. Wir veröffentlichen vierteljährlich das Bulletin Jackdaw (zu 
deutsch: Dohle), eine Broschüre, Sticker und Flugblätter. Wir versuchen präsent zu sein, 
wo immer wir können. Wir sind nicht daran interessiert uns auf uns selber oder eine 
imaginäre Bewegung zu konzentrieren und nur mit Jenen zu reden, die sowieso schon auf 
unserer Seite sind.

Hier in Deutschland gibt es so gut wie kein Klassenbewusstsein. Wie ist diesbezüglich die 
Situation in GB? Welche Entwicklungen gibt es in der britischen Arbeiter*innenklasse?

Die Arbeiter*innenklasse befindet sich überall auf dem Rückzug vor den Auswüchsen eines 
Kapitalismus der von Krise zu Krise, von Krieg zu Krieg taumelt. Das Klassenbewusstsein 
hat abgenommen. Es gibt Verwirrung, Orientierungslosigkeit und und auch falsches 
Bewusstsein. Teile der Linken haben sich von der Arbeiter*innenklasse verabschiedet und 
betrachten sie nicht mehr als potentiell emazipative sozialistische Kraft. Wir betrachten 
die Arbeiter*innenklasse als divers. Wir reduzieren die Klasse nicht auf die 
Industriearbeiter*innen, welche in GB mit Veränderungen in der Arbeitswelt immer weniger 
werden. Aber überall haben Arbeiter*innen gemeinsame Interessen. Wir müssen Hierarchien 
und die Machtverhältnisse die mit diesen einhergehen überwinden, dies jedoch immer mit dem 
Hintergrund uns in einem gemeinsamen Kampf zusammenzuschließen.

https://www.dieplattform.org/2019/05/25/die-plattform-interview-mit-der-anarchist-communist-group-acg-aus-grossbritannien/


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