(de) Anarchistische Gruppe Dortmund: Das war der anarchistische 1. Mai 2019 in Dortmund und Essen

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Di Mai 28 08:46:29 CEST 2019


Der 1. Mai fing dieses Jahr damit an, dass wir uns gemeinsam mit unseren Freund*innen von 
der Gruppe K und anderen revolutionären Kräften an einer Intervention auf der offiziellen 
Gewerkschaftsdemo in Essen beteiligten. Mit einem lautstarken Block kritisierten wir die 
Politik der Sozialpartnerschaft der DGB-Gewerkschaften, die darauf abzielt, die 
Lohnabhängigen mit ihrer Ausbeutung durch die Konzerne zu versöhnen. Die Aktion war ein 
Highlight auf der ansonsten langweiligen Latschdemo und hat es so auch in die Zeitung 
neues deutschland geschafft. ---- Gegen Abend ging es dann weiter mit unserer eigenen 
anarchistischen Demo, die mit einer Kundgebung im Dortmunder Westpark begann. Der 
fulminante Auftakt war eine Rede von Niemand, unserer Kandidatin für die Europawahl. 
Begrüßt von einer begeisterten Menge, die "Niemand! - Niemand! - Niemand!" skandierte, 
bahnte sich die Spitzenpolitikerin ihren Weg zum Mikro und hielt eine Rede von 
beachtlicher Ausgefeiltheit und Komplexität. Sie endete mit der ebenso schlichten wie 
einleuchtenden Wahrheit: "Erst wenn ich - also Niemand - regiere, werden wir alle frei 
sein!" Daher nicht vergessen: Am 26. Mai Niemand wählen! Niemands Rede wurden von den 
Umstehenden sehr belustigt aufgenommen und konnte uns von Anfang an Sympathien sichern.

Weiter ging es mit einem Redebeitrag der Anarchistischen Gruppe Dortmund. Hierauf folgte 
eine sehr kämpferische Rede der neuen anarchokommunistischen Organisation Die Plattform. 
In ihr wurde darauf hingewiesen, dass wir nach wie vor in einer Klassengesellschaft leben. 
Die Rede endete mit einem Aufruf zur sozialen Revolution. Außerdem sprach Bernd Drücke von 
der Zeitschrift Graswurzelrevolution, der uns heutigen Aktivist*innen Mut machte, indem er 
an die Geschichte der anarchistischen Bewegung erinnerte, die in dieser Stadt Anfang des 
20. Jahrhunderts tausende Arbeiter*innen organisierte. Von diesem Niveau sind wir heute 
natürlich weit entfernt, aber der Aufschwung anarchistischer Aktivitäten der letzten Jahre 
gibt durchaus Hoffnung auf bessere Zeiten! Eine kleine Anekdote mag dies verdeutlichen: 
Einige Jugendliche, die durch den Park radelten, riefen mit Blick auf unsere Versammlung 
spontan: "Black Pigeon ist cool!" - Diese Assoziation von der Kundgebung mit ihren Fahnen 
und Transparenten auf das anarchistische Kulturzentrum sagt einiges über die Präsenz aus, 
die wir mittlerweile im Kiez haben.

Nach der Kundgebung formierte sich der Demozug von rund 300 Menschen zum Loslaufen. Schon 
auf den ersten Metern wurde die Demo zweimal angehalten, weil sich Menschen etwas stärker 
vermummt hatten, als es die Polizei Dortmund erlaubt. Des Weiteren wurde aus Glasflaschen 
getrunken. Das war der Anfang einer Reihe von Schikanen durch die Polizei, die sich durch 
den ganzen Demonstrationsverlauf zog.

Anlässlich der Europawahlen stand unsere Demo dieses Jahr unter dem Motto: "Klassenkampf 
statt Wahlspektakel", das auch auf unserem Fronttransparent zu lesen war. Dadurch sowie 
durch zahlreiche andere Transparente, Sprechchöre und Flugblätter verliehen wir unserer 
Überzeugung Ausdruck, dass grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen nicht durch 
irgendwelche Stellvertreter*innen im Parlament erreicht werden können, sondern durch 
kollektive und selbstorganisierte Kämpfe der Ausgebeuteten und Unterdrückten.

Über die Unionstraße zog die Demonstration zur Fußgängerzone des Westenhellwegs, die 
allerdings aufgrund des Feiertags weitgehend menschenleer war. Dort wurde der Zug ein 
weiteres Mal von der Polizei gestoppt, ohne dass ein Grund erkennbar war. Im Zuge dessen 
wurden auch zwei Menschen aus der Demo gezogen, vermutlich wegen eines Aufnähers. Leider 
ging dieser Vorfall etwas unter und aufgrund von Kommunikationsproblemen wartete die Demo 
nicht auf die beiden.

Die Zwischenkundgebung fand direkt vor dem Hauptbahnhof statt, was der Rede der 
Anarchistischen Gruppe Essen sehr viel Aufmerksamkeit bescherte. Generell wurden hier auch 
viele Flyer zur "Wähle Niemand"-Kampagne verteilt, die von einigen Passant*innen mit 
Interesse aufgenommen wurden.

Danach zogen wir weiter in die Nordstadt. Auf der belebten Schützenstraße kam es zu einem 
weiteren unfreiwilligen Stopp. Die Polizei nahm die Personalien von zwei Leuten auf, weil 
auf ihren Jacken das Kürzel "ACAB" stand, das bei böswilliger Interpretation als 
Beamtenbeleidigung aufgefasst werden kann. Diesmal wartete der Demonstrationszug, bis die 
beiden wieder freigelassen wurden. Dabei gab es solidarische Rufe von Menschen, die vor 
einem Café auf der Straße standen. Vereinzelt wurde jedoch auch in provokativer Absicht 
der Gruß der faschistischen Grauen Wölfe gezeigt.

Anschließend zogen wir in etwas engerer Marschordnung weiter und erreichten wenig später 
ohne weitere Zwischenfälle das Black Pigeon als Endpunkt der Demo. Dort wurden weitere 
Reden der FAU-Gruppe Bochum, der Schwarzen Ruhr Uni, von einem anarchistischen 
Tierbefreiungsaktivisten sowie einer Aktivistin des Black Pigeon Kollektivs gehalten. Wer 
wollte, konnte den Abend mit geselligem Miteinander mit Gulaschsuppe und Musik von Michel 
B., Trio Randale und dem Georgie Kollektiv ausklingen lassen.

Insgesamt fällt auf, dass die Polizei diesmal an vielen Stellen recht gereizt reagierte, 
obwohl die Demo im Grunde wenig Anlass zur Beanstandung bot. Dies kann im Einzelfall an 
Zufälligkeiten wie einer besonders pingeligen Einsatzleitung liegen. Der allgemeinere 
Grund ist jedoch, dass die Existenz von Menschen, die offen die Abschaffung des Staates 
und des Eigentums propagieren, für die Verteidiger*innen des Bestehenden an sich schon 
einen Skandal darstellt. Die Staatsmacht weiß auch, dass die Verbindung solcher Elemente 
mit anderen unzufriedenen Teilen der Bevölkerung schnell zu einer explosiven Situation 
führen kann, wie etwa jüngst bei der Gelbwestenbewegung in Frankreich. Die Schikanen 
sollen uns daher von vornherein Grenzen aufzeigen und uns einschüchtern.

In dem Maße, wie unsere Bewegung stärker wird und andererseits die gesellschaftlichen 
Widersprüche sich verschärfen, müssen wir uns auf ein größeres Ausmaß von Repression 
einstellen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass wir unsere Verbindungen mit 
Leuten außerhalb unseres unmittelbaren Umfelds vertiefen, damit wir im Fall der Fälle 
nicht allein dastehen. Oder, wie es das US-amerikanische anarchistische Kollektiv 
Crimethinc in einem seiner Texte ausdrückte: "Wenn du die herrschende Ordnung 
herausfordern willst, sorge dafür, dass dich auch deine Oma unterstützen wird, wenn du von 
Repression betroffen bist!"

Insgesamt war der 1. Mai auch dieses Jahr ein Höhepunkt der anarchistischen Aktivitäten in 
und um Dortmund. Es war ein schöner und ermutigender, aber auch anstrengender Tag für uns. 
Zuletzt wollen wir uns herzlich für die Unterstützung durch die anderen Gruppen und 
Kollektive bedanken, ohne die der Tag sicherlich nicht so erfolgreich verlaufen wäre.

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