(de) FDA-IFA, Gai Dao #99 - Sicherheit von Freiheit Von: Mattes

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Mi Mai 22 08:50:43 CEST 2019


In unserem jungen 21. Jahrhundert ist Sicherheit wohl eines der wichtigsten Begriffe des 
öffentlichen Diskurses. Spätestens mit den Ereignissen in New York am 11. September 2001 
wurde dem Begriff "Sicherheit" ein schweres Gewicht zu Teil, das alle anderen öffentlichen 
Themen zu erdrücken scheint. ---- Besonders in den letzten Jahren ist er zu einem Mantra 
des politischen Verhaltens geworden, da er, wenn wir den aktuellen Diskursen folgen, 
verspricht, eine innewohnende Lösung für nahezu jedes schwerwiegende gesellschaftliche 
Problem bereitzustellen. Es müsste jedoch klar sein, dass "Sicherheit" lediglich einen 
relativen Zustand beschreibt, d.h. einen Zustand, der ausschließlich im Verhältnis zu 
bestimmten Bedingungen steht. Das sind verständlicherweise Bedingungen wie Ort und Zeit, 
aber auch vielen andere wie z.B. Einkommen, ethnische und nationale Zugehörigkeit, 
politischen Interessen und der mit allen Punkten verbunden gesellschaftlichen Anerkennung 
und Stellung.

Die Vielschichtigkeit des Sicherheitsbegriffs wird im
heutigen Diskurs jedoch selten dargestellt bzw.
wahrgenommen. Insbesondere in Verbindung mit
politischen Programmen wird die Komplexität dieses
Begriffs im wWsentlichen ignoriert. Verliert eine Ge-
sellschaft jedoch die Vielschichtigkeit von Sicherheit
als materiellen sowie emotionalen Zustand aus den
Augen, gelangt sie an einem Punkt, an dem es ihr
unmöglich ist ein nachhaltiges Sicherheitsgefühl zu
erzeugen oder aufrechtzuerhalten.

Nach verschiedenen Lexika taucht der Begriff Sicher-
heit in Europa bereits ausschlaggebend mit Beginn
der Neuzeit (ca. 15. Jh.) als sich etablierende moderne
gesellschaftliche Leitidee auf, dessen Bedeutung je-
doch in den letzten drei Jahrhunderten stetig zu-
nimmt. Grundlage dafür war zunächst der Zerfall
der Vorstellung einer von Gott vorgegebenen Ord-
nung und den damit verbundenen religiösen Bürger-
kriegen. Die Freisetzung des Menschen aus dieser
traditionellen (göttlichen) Ordnung brachte die Frage
hervor, im welchen Verhältnis die nun "freien" Indi-
viduen zu einander stehen. Sicherheit als für die In-
dividuen mittelbarer Zustand wurde so zunehmend
schwerer zu erfassen, da es durch neue Sicherheits-
gefühle aufgefüllt werden musste. 1 Jedoch hat sich
der Sicherheitsbegriff mit dieser historischen Ent-
wicklung im Wesentlichen nicht verändert. Wenn
wir Sicherheit in diesem Zusammenhang überhaupt
als "mittelbaren" Zustand beschreiben wollen, dann
können wir das nach wie vor nur anhand der Abwe-
senheit von potenziellen Gefahren und Sorgen bzw.
mit einer "Gewissheit" der Abwesenheit von poten-
ziellen Gefahren und Sorgen. Entsprechend wird die
Leitidee Sicherheit zur Freiheit von Gefahren und
Sorgen, womit es einfach nachvollziehbar ist, dass
für jedes Individuum ein starkes inhärentes Bedürf-
nis nach Sicherheit besteht. Ebenso nachvollziehbar
ist es, dass beim Anwachsen der Anzahl von Gefah-
ren und Sorgen das Bedürfnis nach Sicherheit umso
stärker zunimmt. An dieser Stelle ist es wichtig zu
verstehen, dass dadurch das Bedürfnis nach Sicher-
heit ein entscheidender Indikator für die individuel-
le, aber auch gleichzeitig das Abbild einer
gesellschaftlichen Unsicherheit sein kann und des-
halb gleichermaßen ein Indikator für ein Zwangsver-
hältnis, nämlich den Drang nach Sicherheit, der uns
von Gefahren und Sorgen auferlegt wird . Doch warum
verstärkt sich insbesondere in letzten Jahrhunderten
parallel zum stetig wachsenden Wohlstand der west-
lichen Gesellschaften das Bedürfnis nach Sicherheit?
Warum also wächst die Anzahl an Gefahren, Sorgen
und den daraus resultierenden Zwängen in unser
doch so modernen Gesellschaft so stark an?
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[1]Vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, 2004, Band 12, hg. v. J. Ritter, K. 
Gründer und G. Gabriel (Basel: Schwabe AG, 2004), S. 745-749, Se-Sp.
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Walter Eucken, ein Vertreter der Sozialen Markt-
wirtschaft und Begründer der Freiburger Schule des

Ordoliberalismus 2 in Deutschland, sieht das starke
Bedürfnis nach Sicherheit zunächst in einer natürli-
chen Knappheit der wirtschaftlichen Güter. 3 Jedoch
lagen die Schwächen dieses Arguments bereits zu
seiner Zeit in den tatsächlichen Wachstumsraten und
dem einhergehenden Wohlstand der westlichen
Volkswirtschaften. 4 Die als Folge der Industriellen
Revolution zunehmende gesellschaftliche Arbeitstei-
lung wurden setzte in den westlichen Gesellschaften
noch nie zuvor dagewesene
Produktivkräfte frei, die bis
heute das auf Wachstum basie-
rende kapitalistische Wirt-
schaftssystem am Rande seiner
Belastbarkeit aufrechterhalten.
Durch die darauf folgende Pro-
duktionssteigerung, wurde die
Knappheit der Güter für den
Großteil der Menschen inner-
halb der Industrienationen fort-
laufend zurückgedrängt.
'
Eucken führt deshalb zusätzlich
das Potenzial einer, parallel da-
zu, noch nie in dieser Form
vorhandenen Gefahr an, näm-
lich die Gefahr des persönlichen
Werteverlustes 5 , welche wie folgt zu erklären ist: Die
neue Produktivität oder der Zustand, in den sie die
Gesellschaft versetzt hat, bietet dem modernen Indi-
viduum potenziell ein Höchstmaß an wirtschaftli-
chen und sozialen Aufstiegs-und
Entfaltungsmöglichkeiten. Doch ähnlich wie einst
die Güter haben auch diese auf dem neuen Wohl-
stand aufgebauten Möglichkeiten einen, da nicht für
alle ausreichend vorhanden, exklusiven Charakter.

Hinter diesem Charakter verbergen sich jedoch keine
mangelnden persönlichen Fähigkeiten der einzelnen
Individuen, wie es auch Eucken zu erklären ver-
sucht 6 , sondern ein bestimmtes Maß an Freiheit und
Unfreiheit der gesellschaftlichen Mitglieder. Mit feh-
lendem Zugang zu den Aufstiegs- und Entfaltungs-
möglichkeiten, die durch einen materiellen
Vorschuss (z.B. Güter und Kapital) gegenüber ande-
ren Gesellschaftsmitgliedern gekennzeichnet sind,
bzw. dessen Verlust verliert das Individuum seinen
sozialen Stellenwert - seine vollwertige gesellschaft-
liche Mitgliedschaft. In diesem modernen Wertesys-
tem spiegelt sich somit eine
Beziehung von Freiheit und
Unfreiheit wider, welche dem
Individuum anhand der (Ge-
wissheit von) Freiheit von
Zwängen eine bestimmte ge-
sellschaftliche Wertigkeit zu-
schreibt. Wir erinnern uns:
Sicherheit ist die Freiheit von
Gefahren und Sorgen und den
damit verbunden wirtschaftli-
chen und sozialen Zwängen.
Lasten diese Zwänge auf dem
Individuum in dem Maße, dass
es an bestimmten Aufstiegs-
und Entfaltungsmöglichkeiten
nicht teilhaben kann, so erlebt
es, wenn es keinem anderen
bzw. gegenläufigen Wertesystem unterliegt, eine rea-
le gesellschaftliche Abwertung. Sicherheit kann heu-
te deshalb im Wesentlichen auch ein Schutz vor
dieser sozial-wirtschaftlichen Abwertung bedeuten.
Paradoxer Weise liegt innerhalb dieses Wertesystems
- so können wir es auch dem öffentlichen Diskurs
über "Sicherheit" entnehmen - der Hauptfokus auf
dem Schutzmechanismus der Exklusivität, welcher
eine solche Abwertung erst schafft.
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[2]Ordoliberalismus oder auch "deutscher Neoliberalismus genannt" beschreibt ein 
Gesellschaftsideal der 30er bis 60er Jahre des 20.
Jahrhunderts, dass auf der freiheitlichen (liberalen) Grundordnung der Marktwirtschaft 
basiert. Insbesondere dem Staat kommt hierbei
die zentrale Rolle des für diese wirtschaftliche Gesellschaftsordnung 
Voraussetzungsschaffenden und Ordnungserhaltenden zu - staatliche
Makrtwirtschaftspolitik.
[3]Eucken, W. (1952), Grundsätze der Wirtschaftspolitik, hg. v. E. Eucken u. K.P. Hensel 
(Thübingen: J.C.B. Mahr[P.Siebeck], 1990), S. 317 f.
[4]Andere offensichtliche Gefahren und Sorgen des 21. Jahrhunderts, wie die Globale 
Erderwärmung und dessen Folgen, wie der daraus
neu resultierenden Knappheit der Güter waren ihm vorenthalten.
[5]Eucken, S. 317 f.
[6]Eucken, S. 317 f.
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Exklusivität ergibt sich ausschließlich in einem klar
abgegrenzten Raum. Ihre Grenzen schützen die Frei-
heit des Individuums vor dem Eindringen von Ge-
fahren und Sorgen. 7 Werden sie durchlässig, steigt
das Bedürfnis nach Sicherheit. Auch hier wird erneut
deutlich wie stark das Empfinden von Freiheit und
Sicherheit miteinander verbunden ist. Hingegen wird
jedoch der Begriff der Freiheit in der Sozialphiloso-
phie in zwei wesentliche Kategorien eingeteilt: näm-
lich in eine negative und positive Freiheit. Während
die negative Freiheit die Abwesenheit von äußeren
und inneren Zwängen beschreibt, beschreibt die po-
sitive Freiheit , die Möglichkeit sich nach eigenem
Willen entfalten zu können. 8 Da das Verhältnis von
Freiheit und Sicherheit ein so wichtiges ist, müsste
auch der Begriff der Sicherheit in zwei solch wesent-
liche Kategorien eingeteilt werden; nämlich einer-
seits in eine Sicherheit vor äußeren und inneren
Zwängen und andererseits in eine Sicherheit zur
persönlichen Entfaltung.

Im aktuellen öffentlichen Diskurs orientiert sich das
  Konzept der Sicherheit mit dem Fokus auf ihre Ex-
klusivität an einer negativen Sicherheit und gleicher-
maßen negativen Freiheit. So wird darin auch am
besten der moderne Begriff der Sicherheit bzw. die
moderne Leitidee von Sicherheit widergespiegelt,
welche parallel zur territorialen (National-)Staatsbil-
dung entstand. Die Garantie der Sicherheit nach in-
nen und außen wird im modernen Staat zur Aufgabe
der sich herauskristallisierenden Obrigkeiten, wäh-
rend die Sicherheit zur persönlichen Entfaltung wei-
terhin in der Verantwortung der nun klar von
anderen Nationen abgegrenzten gesellschaftlichen
Mitglieder ruht. Durch diese Entwicklung wurde
während der nationalen Grenzziehung der Charakter
  der Exklusivität nun in zweierlei Hinsicht gefestigt
und zwar durch eine weiter bestehenden Gefahr von
Außen und einer ebenso weiterbestehenden Sorge
der sozial-wirtschaftlichen Abwertung im Inneren,
die sich gegenseitig potenzieren. Die Sicherheit als
Freiheit von Gefahren und Sorgen für die einen war
somit weiterhin auf beiden Seiten der Grenzziehung
  der Zwang für die anderen. Nur liegt die Pflege und
  Aufrechterhaltung dieses Wertesystems jetzt konkret
  in der Hand des (National-)Staates.

  Die nach nationalen Interessen geformten Industrie-
  gesellschaften konnten deshalb neue nachhaltige Si-
  tuationen von Unsicherheit wie großstädtisches
  Massenelend, fehlende Tarif- und Vertragssicherheit,
  mangelnde Alters- und Gesundheitsversorgung (bis
  heute) nicht abwenden, sondern lösten zusätzlich
  traditionelle - wenn auch stark reaktionäre - Si-
  cherheiten der feudalen Gesellschaften wie Familien,
  religiöse Bindungen, Traditionen, und Rituale ab
  bzw. auf, die besonders durch einen sozialen Zusam-
  menhalt oder auch sozialen (sittlichen) Verpflich-
  tungen geprägt waren. Insoweit stellt diese neue
  kapitalistische Entwicklung, mit dem Zerfall der feu-
dalen Glaubens- und Weltordnung, eine weitere
  Verzerrung der Sicherheitsvorstellungen von äußer-
  lichen und innergesellschaftlich gesetzten Sicherhei-
  ten dar.
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[7]Auch hier handelt es sich um einen relativen Zustand. Die Sicherheit der Exklusivität 
ist auf eine Empfindung angewiesen. Keine
realen Grenzziehungen können deshalb vor dem Empfinden von Unsicherheit schützen. Dem 
Begriff der Exklusivität haftet somit nicht
der Charakter des Besonderen, sondern des Ausschließens, der Diskriminierung an.
[8]Berlin, I. (1995) Zwei Freiheitsbegriffe, hg. v. P. Schink (Berlin: Suhrkamp Verlag 
Berlin, 2017) S.71 f., S. 85 f.
[9]Unter Verdinglichung wird hier die Warenförmigmachung der menschlichen Beziehungen 
verstanden. Diese ist ein wesentlicher
Bestandteil des bereits genannten(modernen) kapitalistischen Wertesystems. Vereinfacht 
bzw. verkürzt könnten wir darunter verstehen,
dass versucht wird den Mensch auf seine ausschließlich wirtschaftlichen Eigenschaften zu 
reduzieren und ihn somit kalkulierbar zu
machen. Sein Wert entspricht dann der kalkulierbaren Summen seiner (potenziellen) 
Wirtschaftlichkeit. Je kleine diese ist, desto kleiner
der Wert. Hier jedoch noch weitere Aspekte des Verdinglichungprozesses, aufdie später 
eingehen.


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  Der Anspruch auf solche nun privilegierte (exklusi-
  ve) "soziale Sicherheiten" ist deshalb in den moder-
  nen Industriegesellschaften für das einzelne
  Individuum zentral geworden, da er dem neuen ge-
  sellschaftlichen Wertesystem und der damit verbun-
  denen fortschreitenden Verdinglichung9 von
  menschlichen Beziehung innerhalb der kapitalisti-
  schen Produktionsweise Einhalt bieten sollte. Da das
  Individuum heute jedoch vollständig in der Körper-
  schaft des Nationalstaates sozial und wirtschaftlich
  eingebettet ist, wird jede individuelle Handlung zum
  nationalen Verhalten. Hinsichtlich der Beanspru-
  chung auf exklusive soziale Sicherheit rücken dabei,
  die Individuen als nationale Mitglieder unabhängig
  von ihrer sozialen Zugehörigkeit - fast zwangsweise
  - näher zusammen. Im 18. und 19. Jahrhundert folg-
  ten darauf zahlreiche nationale Revolutionen in de-
nen vermeintlich um jedes noch so kleine Maß an
sozialer Sicherheit gekämpft wurde. Jedoch handelte
es sich hierbei lediglich um Revolutionen des auf-
strebenden Bürgertums, welches die Umwälzung der
bis dahin von ständischen Privilegien geprägten ge-
sellschaftlichen Struktur anstrebte und eigenen ex-
klusiven Freiheiten in der sich zunehmend schneller
veränderten Wirtschaft bzw. Gesellschaft sichern
wollte. Hinter diesen bürgerlichen Revolutionen
standen somit nie die Absichten die soziale Sicher-
heit aller Gesellschaftsmitglieder zu erlangen, ge-
schweige denn zu garantieren. Die Misserfolge dieses
ambivalenten, da auf Exklusivität basierenden, Si-
cherheitskonzeptes als Sicherheit zur persönlichen
Entfaltung sind im Besonderen auf die nationallibe-
ralen Kräfte der damaligen revolutionären Bestre-
bungen zurückzuführen. Angesichts der bis heute
omnipräsenten Stärke dieser nationalliberalen Politik
verblasst(e) die eigentliche soziale Frage wieder - be-
sonders im Kontrast zur, für die aufstrebenden Natio-
nalstaaten umso wichtigere, industriellen bzw.
wirtschaftlichen Entwicklung. Dies ist ein wesentli-
chen Grund dafür, dass den Bürger*innen noch aktu-
ell oder überhaupt eine nachhaltige Perspektive einer
positiven Freiheit und Sicherheit. Das heißt eine Per-
spektive aus der zu erkennen ist, dass die eindimen-
sionale (negative) Betrachtung von Sicherheit und
Freiheit nicht zur Erfüllung dieser führen kann. Die
positive Freiheit und Sicherheit die als Verbindungs-
stück zwischen Freiheit und Sicherheit im allgemei-
nen, da sie im Grunde nicht von einander zu
unterscheiden sind. 10
Dass dieser perspektivische Mangel schwerwiegende
Folgen für das Zusammenleben in einer globalen Ge-
sellschaft hat, zeigt sich spätestens im Zusammen-
hang mit den ersten industriell geführten Kriegen
des 20. Jahrhunderts. In Ihnen verbirgt sich nicht nur
der nationale Charakter der Kriegswirtschaft, also
die zentral geplante und mit staatlichen Zwangsmit-
teln durchgesetzte Orientierung einer vollendeten
Volkswirtschaft an den Bedarf der sich auf den Krieg
vorbereitenden Nationalstaaten, sondern insbesonde-
re der dazugehörige verdinglichende liberale Charak-
ter des Warenfetischismus der kapitalistischen
Produktionsweise. Marx nutzt den Begriff des Feti-
schismus trefflicher Weise als Analogie zu einem re-
ligiösen Wertesystem und versucht damit die neuen
Sachzwänge des fortschreitenden kapitalistischen
Wertesystems aufzudecken, das sich mit einem wei-
teren mystifizierten - nun nationalen und liberalen -
Bewusstsein über die gesellschaftlichen Beziehungen
niederstreckt.
Hier unterscheidet Marx zwischen der konkreten
bzw. bewussten Arbeit und der abstrakten bzw. my-
stifizierten Arbeit.11 Die abstrakte Arbeit steht nicht
nur in Verbindung zur Ware, sondern auch in einer
gesellschaftlichen Abstraktionsleistung, die ein be-
reits ober erwähntes völkisches bzw. nationales
Wirtschaften (Volkswirtschaft) erst ermöglicht. Bei
diesem Prozess wird nicht nur die Ware verdinglicht,
da sie keinen an sich gebundenen Gebrauchswert
mehr besitzt, sondern auch das Vermögen, einem
Gegenstand bewusst einen Gebrauchswert zukom-
men zu lassen, nämlich der Tätigkeit der individuel-
len Arbeitskraft. 12 Damit wird die Arbeitskraft selbst
zur Ware, und mit ihr selbstverständlich das an sie
gebundene Individuum. Als Ergebnis dieser Verding-
lichung der zwischenmenschlichen Beziehungen und
der Beziehung zur Umwelt bleibt die Entfremdung
des Individuums, welche zwar in Form von religi-
öser, politischer und ökonomischer Entfremdung zu-
nächst isoliert betrachtet werden muss, sich aber in
den Vereinzelungen in der Körperschaft der Natio-
nalökonomie wieder vereint. In dieser (Selbst-)Ent-
fremdung spiegelt sich letztlich der Widerspruch
bzw. das ambivalente Verhältnis von persönlichen
und staatlichen Interessen wider. Dass das Individu-
um bzw. Volk dabei zum Wohle der Nationalökono-
mie und deren Zwecke als Ware verbraucht wird,
hinterlässt schwerwiegende psychologische Spuren,
die sich selbstverständlich auf das Zusammenleben
der gesellschaftlichen Mitglieder auswirken. Und die
bislang verheerendsten Folgen kennen wir durch das
Aufkommen des Faschismus des 20. Jahrhunderts.
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[10]Im Gegensatz zur negativen Freiheiten und Sicherheit.
[11]Historisches Wörterbuch der Philosophie, 2004, S. 320 f.
[12]Ebenda, S. 320 f.
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Die subjektiven Qualitäten des Individuums werden
von der dem Kapitalismus typischen Mechanisierung
  einerseits und von der ebenfalls dem Kapitalismus
  typischen Kalkulation anderseits infiziert und da-
  durch dinghaft bzw. warenmäßig, also hantier- und
  manipulierbar gemacht. 13 Beide sind grundlegende
  Instrumente der Akkumulation von Kapital. Parado-
  xerweise brachten Ende des 19. und Anfang des 20.
  Jahrhundert die letzten von einer gesellschaftlichen
  Masse getragenen Auflehnungen gegen diese kapita-
  listische Verdinglichung eine Art Siegeszug dieses
  Prozesses hervor. Auf der Basis zweier grundsätzlich
verschiedenen Formen der Auflehnung kristallisier-
ten sich der Nationalsozialismus und der Stalinis-
mus zu einer - meiner Meinung nach - geschärften
Formen des Verdinglichungsprozesses: nämlich dem
Faschismus. Auch wenn sich beide in vielen wichti-
gen Aspekten voneinander unterscheiden vereint sie
der Charakter eines (national-)staatlich (autoritären)
verwalteten Kapitalismus gepaart mit wesentlich
oberflächlichen Elementen eines Sozialismus. Beson-
ders hervorzuheben ist dabei zum einen die Ver-
schmelzung des Kapitals mit der Macht des
Staatsapparates bzw. die Sicherung des Kapitals so-
wie den damit verbundenen Privilegien durch die
bürokratische Verwaltung des Staatsapparates und
zum anderen die - damit ebenso verbundene - ge-
  waltige Einschränkung bzw. Beseitigung demokrati-
  scher Freiheiten. Dieser letzte historische Schritt der
  Vernichtung des Pluralismus als Gegensatz einer
  strukturellen hierarchischen Gesellschaft, einer herr-
  schenden Elite oder sozialen Klasse ist allen Erschei-
  nungsformen des Faschismus gemein. In ihm vereint
  sich die absolute Herrschaft des Menschen über den
  Menschen.

  Der Faschismus ist die Reaktion der bürgerlichen
  Gesellschaft auf die "Errungenschaften" des Kapita-
  lismus mit seinen daraus resultierenden gesellschaft-
  lichen Veränderungen und Krisen. Er ist der Versuch
  der bürgerlichen klassenteiligen Gesellschaft unter
  dem Deckmantel der Nation selbst Herr über den
  Prozess der Verdinglichung zu werden, in dem sie
  sich selbst zum Verwalter der Dinge bzw. Waren be-
   ruft, um die Wunden der eigenen Verdinglichung
  bzw. Entmenschlichung zu verdrängen. 14 Diese
  Wunden sind jedoch nicht nur tiefer psychologischer
  Natur, sondern erschöpfen sich aus gegebenen mate-
  riellen Verhältnissen, die - wie wir gesehen haben -
  die zwischenmenschlichen Beziehungen (über-)be-
  stimmen. Die nationale Identität versucht den Kon-
  flikt der Entmenschlichung lediglich nach außen zu
  verlagern. Er wird somit zu einem Konflikt zwischen
  Staaten, Völkern oder Rassen.

  Im Krieg wird das Außen zur Ware, dem versucht
  wird einen nationalen Gebrauchswert aufzuzwingen.
  Dass die Kriegswirtschaft, die dafür benötigt wird,
  ihrer kapitalistischen Natur nach, aus verdinglichten
  Beziehungsformen besteht, gerät dabei in Verges-
  senheit. Dieser Schutzmechanismus dient der Befrie-
  digung von negativer Sicherheit vor äußeren und
  inneren Zwängen. Die innere (soziale) Sicherheit soll
  dabei also nach außen hin verteidigt werden. Wie
wir nun gesehen haben, erschließt sich aus ihr je-
  doch ein doppeltes Ausbeutungsverhältnis, nämlich
  das der eigenen Gesellschaft (Nation) und die Aus-
  beutung oder Vernichtung anderer Gesellschaften
  (Nationen/Völker). Die Frage nach»sozialer Sicher-
  heit«soll sich somit vor allem in einem Konflikt der
  Nationen erschöpfen. Die nationale bzw. völkische
  Identität gibt dabei dem Faschismus seinen chauvi-
  nistischen Charakter und mit der Anerkennung und
Legitimierung einer dabei führenden politischen Eli-
te oder Persönlichkeit wird versucht die tatsächliche
Verantwortung für diesen Prozess unzugänglich zu
machen.
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[13]Lukács G. (1925), Geschichte des Klassenbewußtsein, in: Werke, Bd. Frühschriften, 
Neuwied - Berlin, 1968, S. 257 ff.
[14]Dieser Tatbestand lässt sich auch auf die einzelne autoritäre Persönlichkeit anwenden. 
Allein wenn wir die Umwelt und die
Lebensläufe wichtiger Charaktere des Faschismus wie Hitler, Mussolini und Stalin 
analysieren und vergleichen, wird deutlich welche
irrationaler Widerstand aus dieser Verdinglichung entspringt und welche autoritären Kräfte 
er hervorbringt. Es ist der gescheiterte
Versuch zweier sozialen Klassen Herr über den kapitalistischen Verdinglichungsprozess zu 
werden.
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Der Mangel einer positiven Sicherheit und dessen
Folgen findet sich auch heute noch in unserem Ver-
halten wieder. Dieses Verhalten grenzt sich zwar mit
dem Ende des Zweiten Weltkrieges von seiner histo-
rischen Praxis und deren menschlichen Bankrott ab,
jedoch ist sein Wesen erhalten geblieben, welches
sich nun in neuer bzw. neofaschistischer Gestalt
wiederholt formiert. Der chauvinistische Charakter
spiegelt sich heute verändert auch in anderen Ideal-
typen wie dem Europäismus und Amerikanismus wi-
der und propagiert oder profiliert sich teilweise
erneut als den anderen Kulturkreisen moralisch undkulturell überlegen. Hier vermischt sich 
der noch
stark ausgeprägte Nationalismus mit einer europäi-
schen bzw. (us-)amerikanischen Identität, welche da-
bei aber auch gegenseitig in Konflikt geraten
können. Nichtsdestotrotz begründet sich in diesen
Idealen erneut das "Recht" die Geschicke der Welt zu
bestimmen. Wie im Faschismus wird hier trotz staat-
licher und sozialer Konflikte die gesellschaftliche In-
tegration und der soziale Frieden propagiert. Dabei
wird, ähnlich wie im Faschismus, auf die politische
Unreife, Rückständigkeit und Unerfahrenheit der Be-
völkerung hinsichtlich der eigenen Sicherung nach
innen und außen vertraut. Ein zusätzliches Merkmal
des Faschismus ist ebenso noch heute erhalten ge-
blieben; nämlich ein pathologischer Antikommunis-
mus. Dieser basiert auf den Erfahrungen des
staatlichen Kommunismus (Realsozialismus) und
deshalb auf der sozialen Frage nach einer Sicherheit
zur bzw. Freiheit für persönliche Entfaltung, die -
wie wir gesehen haben - unter der bestehenden ka-
pitalistischen Verdinglichung Ausbeutung, also der
Herrschaft des Menschen über den Menschen, ge-
nauso wenig beantwortet werden kann. Lediglich ein
Sozialismus, der sich sowohl von Kapital und Staat
befreit hat, vermag die Vielschichtigkeit von Freiheit
und Sicherheit zu erkennen und zu garantieren.

Ressourcen:
Berlin, I. (1995) Zwei Freiheitsbegriffe, hg. v. P.
Schink, Berlin: Suhrkamp Verlag Berlin, 2017)
Eucken W. (1952), Grundsätze der Wirtschafts-
politik, hg. v. E. Eucken u. K.P. Hensel J.C.B.
Mahr[P.Siebeck], Thübingen, 1990
Historisches Wörterbuch der Philosophie,
(2004), hg. v. J. Ritter, K. Gründer und G. Gabriel,
Schwabe AG, Basel, 2004
Lukács G. (1925), Geschichte des Klassenbe-
wußtsein, in: Werke, Bd. Frühschriften, Neuwied
- Berlin, 1968


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