(de) FDA-IFA, Gai Dao #99 - Endlich neue Tatsachen! Von: Jens Störfried

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Mo Mai 20 08:19:37 CEST 2019


Zu einigen grundlegenden Widersprüchen in der neuen anarchistischen Zeitschrift "In der
Tat". ---- Es gibt eine neue anarchistische Zeitung, IN DER TAT. Die erste Ausgabe des 
insurrektionalistischen Blattes erschien im Oktober 2018, die zweite folge im Januar 2019. 
Wenn sich das Projekt etabliert, haben wir es also mit einem Vierteljahres-Zirkular zu 
tun. Selbstverständlich sollten wir jedes anarchistische Zeitungsprojekt begrüßen, auch 
und gerade, wenn es unbequem ist - zumindest solange es sich zurecht als solches 
bezeichnet. Dabei liegt es in der Sache, dass Anarchist*innen selbst jeweils verschiedene 
Ansichten zum Individualismus haben, der in In der Tat propagiert wird. Insbesondere, weil 
die Herausgebenden Beteiligung und eine Debatte wünschen, was ich gut und wichtig finde, 
möchte ich hier einige Zeilen auf ihre Inhalte verwenden.

Anmerkungen zu anarchistischer (Text-)Kritik

Diese fallen absichtlich kritisch aus, beziehen sich
aber einfach auf die vorliegenden Texte und nicht die
Menschen, die sie geschrieben haben als Personen.
Es wird auch nicht unterstellt, dass sie "an sich" eine
"falsche" Praxis hätten und diese aus ihren in Text-
form dargelegten Denkweisen folgen müsste. Ziel ist
es also NICHT "die" Insurrektionalist*innen oder
"den" Insurrektionalismus "an sich" dumm zu ma-
chen, zu verurteilen oder was auch immer. Die Fra-
gen, die sich daraus ergeben werden für alle
Anarchist*innen als wichtig angesehen, weil die Wi-
dersprüche, die sich hier auftun, alle angehen. Des-
wegen ist eine Kritik einiger Aspekte dieser Art
anarchistischer Texte aus einer solidarischen Hal-
tung heraus meiner Ansicht nach legitim. Eine um-
fassende Textkritik kann hier aber nicht
vorgenommen, sondern allen sonstigen Leser*innen
überlassen werden. Dabei gibt es Sinn, bei den eher
programmatischen Texten der anonymen Autor*in-
nen anzufangen...

Bloße Negation oder Neuschaffung? / Re-
volutionäre Theorie oder praktisches
Projekt?
Allgemein durchziehen die Texte ziemlich grund-
sätzliche Widersprüche. Beispielsweise im ersten
einleitenden Text gleich zu Beginn ist zu lesen:
"Jegliche Autorität in Frage zu stellen, jedliche
[sic!]Formen von Herrschaft zu verwerfen und
mit diesen in Konflikt zu treten, ist ein ständiger
Kampf. Ein Kampf, in dem wir versuchen freie
Beziehungen jenseits des Bestehenden zu entwi-
ckeln - doch etwas Neues zu schaffen bedeutet
auch immer sich auf Unbekanntes einzulassen
und neue Beziehungen, neue Projekte, neue
Schritte und Experimente zu wagen" (#1, S. 1).
Was zunächst sehr inspirierend klingt, wird in den
letzten Zeilen desselben Artikels jedoch schließlich
verworfen. Anstatt etwas Neues schaffen zu wollen,
steht dort nämlich geschrieben, der Anarchismus sei
"also keine Theorie, welche die verschiedenen
Individuen in einen Topf zu werfen beabsichtigt
und ihnen ein neues Ideal, neue Moralgesetze
und Normen überstülpt[...]. Für uns kann er
auch nicht die Theorie der Verwaltung einer
künftigen 'anarchistischen Gesellschaft' sein,
sondern nur eine Theorie (und Praxis) des
Kampfes der Zerstörung der Herrschaft. Er bie-
tet somit keine positive Sicherheit, welche das
Individuum so oder so besser in sich selbst und
nicht ausserhalb[sic!]- in Theorien - suchen
sollte" (#1, S. 4).
Also wie jetzt? Ist Anarchismus nun eine Neues
schaffende Kraft oder die bloße Negation des Beste-
henden?

Und der zweite Widerspruch ist in hierbei ja schon
mit enthalten: Einerseits sei das
"Projekt des Anarchismus[...]also nicht Selbst-
zweck und auch keine blosse Philosophie, son-
dern Teil des Kampfes aller unterdrückten Men-
schen um Befreiung" (Ebd.),
andererseits heißt es, Anarchismus "das ist also eine
revolutionäre Theorie welche das Ende jeder Herr-
schaft bezweckt" (Ebd.). Na wie denn nun, Anarchis-
mus als Theorie oder nicht? Fest stehe, für "die" (also
wohl: den) Autoren sei
"also der Anarchismus nicht bloss eine weitere
'politische Philosophie', welche einfach so an
Schulen vermittelt werden könnte" (#1, S. 3),
denn Lehrer*innen, die ihn vermitteln würden, müss-
ten ja mit ihrer eigenen Rolle in der Zwangsinstituti-
on Schule brechen. Wahrscheinlich würden sie damit
in Konflikt geraten, ja. Doch abgesehen davon, dass
ich selbst noch nie ein*e Lehrer*in etwas Sachliches
über Anarchismus habe sagen hören und zwar über-
rascht, aber keineswegs dagegen wäre, wenn sie dies
tun würden, ergibt sich aus dieser Aussage keine Be-
gründung dafür, warum der Anarchismus nicht auch
eine politische Philosophie sei. (Wobei völlig klar ist,
dass er weit mehr ist.) Zugespitzt gesagt: Weil Anar-
chist*innen so marginal und bedeutungslos sind und
ihnen der Mainstream abspricht, eigenständige Tra-
ditionen und Denkweisen zu haben, übernimmt
der*die Autor*in diese Stigmatisierung einfach und
verwirft damit die Möglichkeit anarchistischer Per-
spektiven auf die Gesellschaft.
Was kommt in der (negierenden) Rebellion
wirklich zum Vorschein? Kann Szene-Spra-
che massentauglich werden?
Doch diese Perspektivlosigkeit hängt vielleicht mit
dem dritten Widerspruch zusammen, nach welchem
der
"positive Gehalt[...][in der]Bejahung der freien
Regung, welche die Herrschaft zu verhindern
sucht(e), der Revolte - des Lebens, der Selbstbe-
stimmung des Individuums in freier Beziehung
mit anderen Individuen" (#1, S. 4)
bestünde. Widersprecht mir, doch ich sehe hier einen
bürgerlichen Individualismus am Werk, welcher
Herrschaft nur als von außen kommend und
einschränkend betrachtet, anstatt zu verstehen,
dass die Einzelnen selbst immer schon Produk-
te der gesellschaftlichen Beziehungen sind, ge-
gen die sie rebellieren. Wenn allein der
rebellische Akt, der gefeierte Bruch mit dem
Bestehenden, zur Befreiung führen würde,
würden wir schon längst in der Anarchie le-
ben. Leider ist dem nicht so: Rebellion ist - für
sich allein betrachtet - erst mal die Kehrseite
von Herrschaft, wenn sich durch sie die rebel-
lierenden Einzelnen nicht selbst umfassend
verändern. Selbstverständlich ist es unheimlich
schwer, sich von den verinnerlichten Herr-
schaftsideologien, der Selbstunterwerfung, Hö-
rigkeit, Verlogenheit, Doppelmoral und dem
vereinzelnden Individualismus der staatlich/kapita-
listisch/patriarchalen Gesellschaft zu lösen. Die An-
nahme der Autor*innen von In der Tat , dass es sich
dabei vor allem um die Entscheidung der Einzelnen
handelt, ist allerdings zu kritisieren. Stattdessen
braucht es ein gemeinsames und langfristiges Auf-
bauen herrschaftsfreier Strukturen und Beziehungen,
die uns erst ermöglichen, unsere eigenen Leben und
unsere Seinsweisen (unser "Selbst") miteinander zu
gestalten. Dies setzt voraus, gemeinsam eine anar-
chistische Ethik zu entwickeln, die ein gleichberech-
tigtes, solidarisches, freiheitliches Zusammenleben
ermöglicht. Die zurecht zu kritisierenden Moralko-
dexe sind niemals in der Lage solches herzustellen.
Dies meint etwas anderes, als das Streben nach rei-
ner bürgerlicher Selbstverwirklichung, wie es in ei-
ner Passage an anderer Stelle ausgeführt wird, wo
angenommen wird, in der Zerstörung der Autorität
"realisieren[wir]uns selbst, wir werden wir
selbst, indem wir uns bewegen und indem wir
Pfade beschreiten, für die wir uns selbst ent-
schieden haben" (#2, S. 3).
Doch ich komme noch zu einem vierten Wider-
spruch, der im antiprogrammatischen programmati-
schen ersten Text angelegt ist, zurück. Sehr richtig
finde ich den Ansatz, Anarchismus nicht
"für ein kleines erlauchtes Milieu aufsparen[...]
[zu wollen]und nicht[...], zu versuchen, die
ganze Gesellschaft ins Wanken zu bringen und
die eigenen Ideen zu verbreiten und umzuset-
zen" (#1, S. 4).
Für ein sozial-revolutionäres Wirken sollte der Be-
zugsrahmen weniger die politisch mehr oder weni-
ger bewusste linke Szene sein, sondern die
vorfindlichen gesellschaftlichen Widersprüche und
darin stattfindenden Kämpfe. Da hat die heutige an-
archistische Szene, zumal in der BRD, noch eine gan-
ze Menge zu lernen. Äußerst seltsam finde ich
dahingehend jedoch, dass sich die Texte in In der Tat
durchweg eher als Poesie lesen, anstatt, dass sie in
einer alltagsweltlichen Sprache formuliert wären,
welche außerhalb des marginalen Insurrektiona-
list*innen-Ghettos Menschen erreichen oder anspre-
chen könnten. Dies scheint allerdings auch gar nicht
die Absicht der Autor*innen zu sein, welche sich
zwar - meiner Ansicht nach zurecht - gegen platt-
formistische Disziplin und Militarisierungslogiken
aussprechen (#2, S. 16f.), gleichzeitig aber in ihrer
Sprache den Anschein erwecken, sich vor allem
selbst als Avantgarde zu feiern.

In welche Richtung we ist e ine spe kulati-
ve Politikve rwe ige rung?

In der zweiten Nummer ist der Einleitungstext eine
Übersetzung aus dem Französischen, wie internatio-
nale "Korrespondenz" in In der Tat überhaupt einen
recht großen Raum einnimmt. Unter dem Titel We-
der Sieg noch Niederlage wird darin (in meinen Wor-
ten) eine grundsätzliche Kritik am Politik-machen
geübt. Das finde ich ziemlich interessant, wichtig
und anarchistisch. Es sollte Anarchist*innen darum
gehen, die Logik von Politik zu begreifen und grund-
legend zu kritisieren. Wohin der Weg dann gehen
soll, bleibt mir nach der Lektüre allerdings schleier-
haft. Daher sage ich mir: Eine Vorstellung zu skizzie-
ren, wie Anarchist*innen - zusammen mit anderen
Unterdrückten und Ausgebeuteten -, siegen könn-
ten, fände ich zur Abwechslung auch mal ganz span-
nend. Dafür braucht es keine ausgefeilten Pläne,
abgeschlossenen Programme oder die berüchtigten
Reißbrett-Utopien, welche Anarchist*innen schon
immer abgelehnt haben. Ein paar Wegweiser, die
sich aus Erfahrungen in konkreten Kämpfen erge-
ben, wären schon etwas.

Um meinen Text nicht übermäßig in die Länge zu
ziehen, bitte ich dich Leser*in selbst In der Tat nach-
zulesen, was du dazu denkst und erlaube mir, zwei
einzelne Sätze, die für mich ein paradigmatisches
Problem dieser Denkweise auf den Punkt bringen, zu
zitieren. Die Autor*innen kritisieren die Lethargie
und Langweiligkeit linker Politik und fragen:
"Wenn ein Aufruhr, ein Aufstand imstande ist,
die Spannung in Richtung der Freiheit zu akzen-
tuieren, zu vertiefen und möglicherweise sogar
zu generalisieren, warum sollten wir darauf ver-
zichten diesen Prozess zu beschleunigen, anzu-
treiben? Können wir im Angesicht der
historischen Amnesie, der technologisierten Ab-
stumpfung und der Verflachung von Herz und
Bewusstsein nicht umso mehr auf der Notwen-
digkeit und den Verlockungen der Revolte be-
harren, sie als begehrenswerter denn je
verteidigen, um den Dingen wieder eine Per-
spektive zu verleihen?" (#2, S. 2).
Beide Fragen entlarven sich selbst als reine Spekula-
tionen. Vielleicht ist ein Aufstand im Stande, ein
Stück soziale Freiheit aufblitzen zu lassen und zu
verwirklichen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht
erliegt er einfach der sich vielfach als falsch erwiese-
nen Annahme, Menschen könnten die äußerlichen
Herrschaftsstrukturen einfach angreifen und letzt-
endlich vernichten und dann würde "die befreite Ge-
sellschaft" ganz von allein kommen.
Selbstverständlich können wir einfach nur revoltie-
ren und uns einreden, dies sei ein Selbstzweck. An-
statt zu glauben, könnten wir aber auch anfangen zu
denken und von konkreten Erfahrungen ausgehend
die Frage stellen, wie und durch was die alten gesell-
schaftlichen Strukturen und Beziehungen denn er-
setzt werden können. Keineswegs möchte ich mit
diesen Worten Überlegungen zu Aufständigkeit und

diesen Worten Überlegungen zu Aufständigkeit und
  Militanz unterbinden, mich davon distanzieren oder
  sie für falsch erklären. Worum es mir an dieser Stelle
  geht, ist die Reproduktion eines meines Erachtens
  nach für anarchistische Ziele problematischen Denk-
musters, das sich noch toll dafür findet, die eigenen
  Dogmen fortwährend zu wiederholen.

  Wird Revolte mit Revolution verwech- selt und dient als Selbstzweck?

  Dazu passt natürlich, dass die Autor*innen von In
der Tat klassische Texte mögen, die ja oftmals den
Anstrich einer längst vergessenen, revolutionären
(d.h. für jene, die Revolution nicht als Mittel, son-
dern Selbstzweck begreifen: "besseren") Zeit haben.
  Sie besitzen für sie daher jene Autorität, die sie ei-
  gentlich in jeder Form abzulehnen behaupteten. Si-
  cherlich, hier gehen unsere Ansichten weit
  auseinander. Ich persönlich möchte mich nicht mit
  Personen assoziieren, die ein Bedürfnis nach dem
Ausbruch einer Revolution verspüren, wie es zu Be-
ginn des Textes Politische Taktiererei oder Möglich-
keiten ergreifen? heißt (#2, S. 12f.), sondern mit
jenen, die ein Bedürfnis nach einer Gesellschaft ha-
ben, welche anarchistischen Vorstellungen ent-
spricht.

  Um einen sehr klassischen Text anzuführen, der dies
  thematisiert, verweise ich auf Peter Kropotkins Wor-
te eines Rebellen (1879/1922). An mehreren Stellen
macht Kropotkin dabei unmissverständlich klar:
  "Eine Regierung zu stürzen - für einen Bour-
geoisrevolutionär ist dies das höchste Ziel. Für
uns bedeutet dies nur den möglichen Beginn der
sozialen Revolution".

  Wäre - rein hypothetisch - die Armee des kapitalis-
tischen Staates besiegt worden, könnte mit
  "der Umwälzung all jener Gesellschaftseinrich-
  tungen, welche zur Aufrechterhaltung der wirt-
   schaftlichen und politischen Sklaverei dienten
[begonnen werden]. Die Möglichkeit, frei han-
  deln zu können, ist erkämpft worden - aber was
  werden nun die Revolutionäre tun?"1,2 .

Als einzige Strömungen innerhalb der Revolutionäre
seien es ausschließlich die Anarchist*innen, welche
keine Regierung wollen, weil Regierung und Revolu-
tion sich nach anarchistischem Verständnis aus-
schließen. Eine "revolutionäre Regierung" ist
demnach ein Widerspruch in sich. Doch auch eine
"Diktatur des Proletariats" verfällt genau in jene Lo-
gik der Politik , welche die Autor*innen in In der Tat
ja berechtigterweise kritisieren. Sofort "nach" der er-
folgreichen Revolte, bestehe nach Kropotkin
  "die Notwendigkeit einer gründlichen Umände-
  rung der bestehenden Verhältnisse - man muß
  zu Aktionen greifen, man muß schonungslos
  mit dem Reorganisationswerk beginnen, um den
  Boden für das neue Leben frei zu machen" 3.
Diese selbstorganisierte und antiautoritäre Reorga-
nisationsarbeit könne allerdings nur an den Vorstel-
lungen anschließen, welche Anarchist*innen vorher
in der Bevölkerung verbreiten, vorleben und ver-
wirklichen konnten. Explizit müsse es um die Ausar-
beitung von neuen gesellschaftlichen Formen gehen,
die aber nicht von Anarchist*innen selbst, sondern
"nur aus der gemeinschaftlichen (kollektiven)
  Geistesarbeit der Massen hervorgehen" 4
könne. Dennoch beinhalten diese Überlegungen klar,
dass Anarchist*innen Vorstellungen davon entwi-
ckeln sollen, wie eine für sie erstrebenswerte Gesell-
schaft denn aussieht. Geschieht dies nicht, wird das
alte System schneller als wir sehen können wieder
eingerichtet - auch wenn die Regierenden andere
sein mögen. Dies gilt meiner Ansicht nach auch,
wenn lediglich gesehen wird, den
  "autoritären Revolutionären dient die Barrikade
  ausschließlich als Sprungbrett auf[sic!]den
  Verhandlungstisch, wo es Ordnung braucht um
Gespräche weiter zu bringen. Die Anarchisten
hingegen dürfen sich nicht erlauben auch nur
einen Stein der alten Welt auf dem anderen zu
lassen. Ihre Wiederherstellung muss undenkbar
werden" (#2, S. 12).
Anders gesagt befürchte ich, Insurrektionalist*innen
machen sich hier zu nützlichen Idioten autoritärer
Straßenpolitik.

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[1]Kropotkin, Peter, Worte eines Rebellen; herausgegeben von Pierre Ramus, Wien 1922, S. 172.
[2]Fairerweise muss ich zugeben, dass ich glaube, die meisten Insurrektionalist*innen 
unterscheiden sehr wohl zwischen Aufstand und Revolution. Der Vorwurf, sie täten es nicht, 
kam historisch meistens aus der Richtung rechter Sozialdemokrat*innen, die sich damit
allgemein gegen jegliche revolutionären Bestrebungen richteten, um ihre parlamentarische 
Parteipolitik zu legitimieren. Selbst Blanqui war klar, dass der Aufstand nicht die 
Revolution ist oder sie ersetzt. (siehe Emilio Lussu, Theorie des Aufstands, Wien 2017, S. 
25f.).
Anarchist*innen sollten daher nicht in die Falle tappen, unbewusst die Kritik rechter 
Sozialdemokrat*innen zu übernehmen. Für den vorliegenden Fall habe ich dennoch den 
Eindruck, dass hier eine Verwechslungsgefahr zwischen Aufstand und Revolution besteht.
[3]Kropotkin, Peter, Worte eines Rebellen; herausgegeben von Pierre Ramus, Wien 1922, Ebd. 
S. 174.
[4]Ebd. S. 183.

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Möglicherweise besteht die "anarchistische Span-
nung" von der die Autor*innen in In der Tat ausge-
hen, weniger zwischen der absoluten
Gegner*innenschaft zum System und der alltägli-
chen Lebenswelt, sondern zwischen der Notwendig-
keit zur Zerstörung bei gleichzeitiger Neuschaffung,
der Übernahme von Verantwortung bei gleichzeiti-
gem Vertrauen auf den Gehalt der eigenen Perspek-
tive (wenn sie denn bewusst entwickelt worden
wäre). Doch dazu bräuchte es ein anderes Machtver-
ständnis als jene flapsige Behauptung, sich einfach
gegen jede Macht zu richten ohne ein Verständnis
von ihr zu haben. Natürlich kann man das Thema
damit einfach wegwischen. Die gesellschaftlichen
Widersprüche werden damit aber nicht überwunden,
sondern reproduziert, was ich versucht habe hier an-
satzweise auszuführen.

Von Mensch zu Mensch: Das Herumnör-geln an (potenziellen) Gefährt*innen

Um zu einem letztes Bündel an Beispielen von den
tatsächlichen Widersprüchen zu geben: Um sich
"jenseits des digitalen Deliriums und[...][den]
vorgekauten Meinungen" (#1, S.1)
zu bewegen, werde diese Zeitschrift auf Papier "von
Individuum zu Individuum" zirkulieren. Abgesehen
davon, dass ich ungern als bürgerliches Individuum
adressiert werde (wobei ich die Kritik an der digita-
len Lebenswelt und den Bewusstseinsformen des ge-
sellschaftlichen Spektakels gut finde), wundere ich
mich dann aber umso mehr, warum ich den Text ei-
nes violenten Nörglers mit dem Titel Anarchismus-
Spezialisten? dann auf anarchistischebibliothek.org
finde. Immerhin ist diese feine Website genauso Be-
standteil des Internets, wie jene Teil der bestehenden
Gesellschaft sind, die meinen (mehr als andere?),
Brüche mit dem System zu vollziehen. Im Übrigen
glaube ich auch, dass die "Korrespondenz" der Betei-
ligten sich bestimmt des Internets bedient - auch
wenn heutzutage das Briefeschreiben zweifellos
deutlich sicherer ist. Es wäre also die durchaus nicht
marxistische Frage zu stellen, inwiefern es echte al-
ternative Strukturen und Beziehungen innerhalb
dessen gibt, was wir vorfinden. Ich glaube, es gibt sie
und zwar haufenweise. Dies herauszustellen und zu
betonen, finde ich persönlich wesentlich wichtiger,
als die Idee einer (historischen?) Notwendigkeit ei-
nes Aufstandes zu propagieren - auch wenn ich sie
nicht insgesamt ablehne.

Doch zurück, zum "Spezialisten-Text" (#1, S 15f.):
Wie auch andere in In der Tat verwendet der Nörgler
ein verallgemeinerndes "Wir", um seinen Gedanken
den Anschein einer kollektiven Überlegung zu ge-
ben. Wäre sie es gewesen, hätte er wahrscheinlich
nicht so tief gestapelt, denn mehr als nörgeln kann
er offensichtlich nicht. Umso erstaunlicher, dass er
sich gegen das - in einem Buch von Nino Kühnis
wahrgenommene -
"Aufspüren einer 'kollektiven Identität'[...][von
Anarchist*innen richtet, die]vor allem einen
polizeilichen Blickwinkel aufzeigt" (Ausrufezei-
chen).
Der Nörgler sollte erst mal den Bullen in seinem ei-
genen Kopf töten, bevor er seine Eigenbrötelei als
vereinnahmende Kollektivität ausgibt.
Sein Hauptanliegen ist, die Zeitschrift Ne Znam zu
diffamieren. Die vorgebrachte Kritik daran, dass eine
fast ausschließlich historische Betrachtung des Anar-
chismus, diesen völlig entpolitisiert, verharmlost und
"in die Vergangenheit verbannt", teile ich sogar aus-
drücklich. Ich gehe auch mit, dass immer die Gefahr
besteht, dass eine rein akademische Betrachtung an-
archistischer Themen überhaupt nicht automatisch
zu einer "radikalen Infragestellung" der Herrschaft
führt. Nur frage ich mich, was das alles mit der Zeit-
schrift Ne Znam zu tun hat, um die sich "gewisse
Leute" "geschart" hätten. (Man beachte die - mut-
maßlich volkstümlich wirken wollende - Sprache der
konservativen Dorfpresse.) Ich frage mich, warum
der Nörgler annimmt, dass alle, die sich intellektuell
mit Anarchismus beschäftigen, dazu nicht auch an-
gesammeltes Wissen aus den Universitäten entrei-
ßen. Und wie er behaupten kann, dass sie das
gewonnene Wissen "horten" würden, wo sie es doch
offensichtlich publizieren und somit für alle Interes-
sierten zugänglich machen. Der Nörgler sollte froh
sein, fast keine "horrende Preise[...]für Kopien von
historischen anarchistischen Zeitschriften" mehr be-
zahlen zu müssen, weil gewisse Personen in freiwilli-
ger Selbstausbeutung den ganzen Kram einscannen
und zur Verfügung stellen. Gemein wäre dieses Ar-
gument, wenn er nicht die technischen Fähigkeiten
oder finanziellen Möglichkeiten hätte, einen Inter-
netzugangs nutzen zu können. Doch dass dies der
Fall ist, hat sich ja schon gezeigt. Und selbst was die
klassischen Texte angeht, die der Nörgler (wie ein
nerdiger Historiker) irgendwie als Fetische benutzt,
kann er doch froh sein, dass einige Personen auch
diese - in freiwilliger Selbstausbeutung und weil es
eben "ihre Sache" ist - in Neuausgaben herausgeben.
Eine berechtigte Kritik an einer (weit entfernten)
Akademisierung des Anarchismus formuliert der
Nörgler nicht...
Zum Ende - Mach dir selbst (k)ein Bild!
Was bleibt also nach meinen Lektüre-Eindrücken der
ersten zwei Ausgaben von In der Tat? Selbstver-
ständlich zunächst die Aufforderung, dass du Le-
ser*in dir selbst eine Eindruck verschaffst und deine
eigene Ansicht dazu entwickelst. Als Freund von
sehnsüchtigen Prosa-Texten, würde ich die Zeit-
schrift unbedingt empfehlen und anschließend zur
Lektüre von Renzo Novatore raten. Als anarch at -
kommunistischer Quälgeist muss ich allerdings sa-
gen, dass ich mir doch schon die eine oder andere
gedankliche Weiterentwicklung aus dieser Richtung
wünschen würde. Fast hätte ich geschrieben (und so
stehen gelassen): In der Poesie fänden Widersprüche
ihren angemessenen Platz, machten sie diese lesens-
wert und schön, weil unsere Leben voller Spannun-
gen sind - zumal, wenn Menschen tatsächlich für
eine Gesellschaft der Freien und Gleichen kämpfen.
In einer sozial-revolutionären Zeitschrift brächte dies
jedoch nicht wirklich viel. - Doch das ist natürlich
völliger Quatsch. Wirklich radikale Gedankengänge
haben immer auch poetische Aspekte. Vor allem
selbstverständlich unsere leidenschaftlichen Hand-
lungen, die sich nicht eben mal in Worten fassen las-
sen und die vielleicht auch nicht in Worte gefasst
werden sollen. Denn sie übersteigen und kritisieren
alles, was mit Politik möglich gemacht werden
könnte. Notwendigerweise bewegen sie sich in Wi-
dersprüchen, die sie nicht einfach auflösen können,
da es nicht primär gedankliche, sondern gesellschaft-
liche Widersprüche sind. Doch könnte anarchisti-
sches Denken dazu beitragen, jene nicht immer
weiter zu reproduzieren. Dies würde ich mir In der
Tat wünschen - auf Papier, mehr aber noch im All-
tag.


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