(de) anarkismo.net: Zweite Ausgabe der Kollektiven Einmischung: Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union 1926 by die plattform

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Fr Mai 17 08:22:19 CEST 2019


Einleitung von der plattform ---- Mit dieser Broschüre hältst du den Anstoß für den 
Plattformistischen Anarchismus von 1926 in der Hand. Viele anarchistische Zusammenhänge 
auf der ganzen Welt beziehen sich auf die Grundannahmen dieses Textes bis heute. Auch uns, 
die wir uns vorgenommen haben, das plattformistische Model in der anarchistischen Bewegung 
im deutschsprachigen Raum zu etablieren, hat dieser Text mit beeinflusst. ---- Die Kritik 
am anarchistischen Kosmos, welcher im Text vorgenommen wird, wirkt in weiten Teilen so, 
als wäre es ein Text aus dem Jahr 2019 und nicht von 1926. Was uns erschüttern muss, in 
Anbetracht dessen, dass es nach dem Scheitern des "Realsozialismus" immer noch nicht 
gelungen ist, die anarchistische Bewegung zur tragenden revolutionären Kraft heranwachsen 
zu lassen, was im Interesse eben dieser liegen sollte. Umso wichtiger empfinden wir es 
daher dazu beizutragen, dass dieser Text eine möglichst hohe Verbreitung erfährt. Dennoch 
wollen wir einige Gedanken vorweg schicken und manche inhaltliche Annahmen, welche im Text 
getätigt werden, auf die heutige Zeit anpassen. Immerhin hat sich die Gesellschaft in der 
wir leben in vielerlei Hinsicht verändert.

So ist es unsere Annahme, dass Herrschaft heutzutage deutlich komplexer funktioniert, als 
dies 1926 der Fall war. Im vorliegenden Text wird die Herrschaftsausübung lediglich im 
klassischen Sinne beschrieben. Also der Repressionsapparat samt seiner Polizei, seinen 
Armeen und Gerichten unterdrückt die Lohnabhängigen mit unmittelbarer Gewalt und 
verhindert dadurch aktiv mögliche Bestrebungen einer umfassenden Emanzipation. Natürlich 
bestehen die Klassengegensätze bis heute fort. Auch wir teilen die Annahme, dass die 
Gesellschaft grob in eine besitzende Klasse und eine Klasse der Lohnabhängigen geteilt 
ist. Obwohl diese über hundert Jahre alten Erkenntnisse immer noch aktuell sind, gibt es 
im Vergleich zu den damaligen Verhältnissen Unterschiede im Detail: Das Klassenverhältnis 
ist heutzutage viel fragmentierter als damals. So gibt es beispielsweise durch das 
Franchise-Konzept eine Heerschar kleiner Chef*innen, welche zwar unter ihrer 
Anstellungsgewalt Leute stehen haben, die sie auch entlassen können. Gleichzeitig sind sie 
aber auch selbst jederzeit ersetzbar und ebenso lohnabhängig, nur eben mit einem etwas 
größerem Stück vom Kuchen. Dieses unmittelbare Gewaltverhältnis der Repressionsorgane 
gegen die Lohnabhängigen existiert ebenso weiter. Allerdings funktioniert ein Großteil der 
Beherrschung subtiler. Dieses staatlich-kapitalistische System sorgt schon, bevor die 
Leute überhaupt auf den Gedanken kommen auf die Straße zu gehen und gegen ihre 
Unterdrückung zu kämpfen, für die scheinbare Befriedung des Klassengegensatzes. Techniken 
der Befriedung sind unter anderem Vereinzelung und Atomisierung sozialer Beziehungen, 
Legitimierung von Herrschaft durch scheinbare Mitbestimmung, vermeintliches Entfliehen von 
gesellschaftlichen Zuständen durch Konsummöglichkeiten (Waren, Dienstleistungen, bestimmte 
Drogen) oder immer noch höhere Lohnarbeitszeit, rechtlich und gesellschaftlich verankertes 
Sozialpartnerschaftsprinzip, einer umfassenden Propaganda der Alternativlosigkeit von 
Kapitalismus und Herrschaft und zuletzt ein umfassender Repressionsapparat. Die 
strukturelle Ausbeutung und Unterdrückung sowie der gegenseitige Konkurrenzkampf der 
Massen durch die Lohnarbeit, wird dabei im Sinne der herrschenden Klasse sowie der 
Weltmarktkonkurrenz stets aufrechterhalten.

Unserer Klasse wird auch nicht mehr der Zugang zu Bildung und Kultur verwehrt. Auch wenn 
die Substanz, der Inhalt und die Sinnhaftigkeit der jeweiligen Bildungs- und 
Kulturangebote oft fraglich ist, benötigt der heutige Kapitalismus eben deutlich mehr gut 
ausgebildetes Personal und viel weniger Heerscharen an unausgebildeten 
Fließbandarbeiter*innen als damals. Zumindest was den deutschsprachigen Raum angeht, da 
ein Großteil der klassischen Fließbandproduktion entweder ins Ausland ausgelagert ist oder 
von Maschinen erledigt wird. Kritikwürdig empfinden wir auch, dass einige grundlegend 
wichtige Aspekte wie Feminismus, der Kampf gegen das Patriarchat, Kolonialisierung, 
Nationalismus, Imperialismus, Antisemitismus, sowie das gegeneinander Aufbringen der 
Lohnabhängigen durch Rassismus, keinerlei Beachtung im Text erfahren. Natürlich setzt der 
Text in der Einleitung voraus das: "Wie jeder neue, praktische und zugleich 
verantwortungsvolle Schritt hat auch die Plattform zweifellos ihre Lücken. Möglicherweise 
sind eine Reihe von wesentlichen Überlegungen nicht in die Plattform eingegangen oder sind 
ungenügend berücksichtigt worden; eventuell sind andere Punkte wiederum zu detailliert 
oder mit Wiederholungen ausgearbeitet worden." Gewisse Anarchafeministische Grundannahmen 
mit anzuschneiden hätte dem Text jedoch sicherlich gut getan. Unter anderem deswegen 
empfehlen wir der/dem geneigten Leser*in an dieser Stelle auch die in vielerlei Hinsicht 
weiter entwickelte und angepasste Form des Textes: Das Grundsatzpapier von der Libertären 
Aktion Winterthur. Auch ansonsten schadet es nicht bei aktuellen plattformistischen 
Organisationen wie der Black Rose Federation oder anderen vorbei zu schauen, die allesamt 
daran arbeiten die Grundlage von 1926 für unsere heutige Organisierung weiterzuentwickeln 
und aktuell zu halten. Auch wir werden uns mit unserer ganzen Kraft dieser Aufgabe für den 
deutschsprachigen Raum zuwenden.

In Zeiten basisdemokratischer Bestrebungen in vielen Bereichen der anarchistischen 
Bewegung halten wir zudem eine verallgemeinerte Ablehnung "der Demokratie" per se für 
antiquiert. Konkreter lehnen wir die bürgerlich-parlamentarische Demokratie und ihre 
scheinpartizipativen "Angebote" in Form von Wahlen und Stellvertreterpolitik ab. 
Basisdemokratie oder auch Rätedemokratie erkennen wir jedoch als integralen Bestandteil 
vieler (anarchistischer) Graswurzelorganisationen als praktikabel an. Historische 
Beispiele, in Bezug auf Rätedemokratie, sind zum Beispiel die Pariser Kommune (1871) oder 
auch die Münchner Räterepublik (1919). Aktuelles Beispiel ist Rojava in den "kurdischen" 
Gebieten Syriens.

Aber nun wünschen wir euch viel Freude mit dem Text und der darüber hinaus weiter gehenden 
Beschäftigung mit plattformistischen Inhalten. Zu diesem Zweck findet ihr im hinteren Teil 
der Broschüre eine entsprechende Linksammlung zum Plattformismus und Especifismo (der 
Südamerikanischen Ausprägung des Plattformismus). Ihr werdet feststellen, dass die 
Textausbeute in deutscher Sprache zu diesem Thema sehr gering ausfällt. Diese Leerstelle 
zu füllen hat sich unsere Schriftenreihe "Kollektive Einmischung" zum Ziel gesetzt, der 
Anfang ist mit der weiter gehenden Verbreitung des Grundsatztextes von 1926 hiermit getan, 
wir freuen uns auf Kritik und Diskussion, also Los geht`s, für das schöne Leben für Alle!

Die Plattform, Mai 2019

https://www.dieplattform.org/wp-content/uploads/2019/05/KE2-5-1.pdf

https://www.anarkismo.net/article/31419


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