(de) bielefeld.fau: [La conquête du pain] Das Brot der Anarchisten

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Di Mai 14 07:14:06 CEST 2019


Gefunden auf goethe.de: ---- Die Bäcker von La conquête du pain beglücken ihren Stadtteil 
in Montreuil mit Baguettes - und leben dabei den Anarchismus. ---- Dort, wo Montreuil 
dörflichen Charakter annimmt, mit kleinen Häusern beschützt von Bäumen und 
Kletterpflanzen, steigt die Straße leicht an. Am Nachmittag begegnet man hier Eltern, die 
mit ihren Kindern von der Schule kommen. An einer Straßenecke befindet sich La conquête du 
pain, zu Deutsch Die Eroberung des Brotes: eine Bäckerei, die herrlich nach warmem und 
knusprigem Brot duftet. ---- Betritt man die Bäckerei, um etwa ein Baguette zu kaufen, 
fallen einem verwunderliche Details ins Auge. Wie diese Tafel, die die angebotenen 
Sandwiches auflistet. Es ist auszuwählen zwischen dem Bakunin (Bacon mit Mayonnaise), dem 
Angela Davis (Hühnerfleisch mit Mayonnaise und Salat) oder dem Louise Michel (Ziegenkäse 
mit Pesto). An einem kleinen Tresen an der Wand kann man sich einen Kaffee aus der 
Thermoskanne servieren und die ausliegenden Flyer und Zeitschriften lesen, wie Le Monde 
libertaire. In der Nähe des Ladenfensters lädt ein von einem weißen Laken bedecktes Sofa 
zum Verweilen ein. Hier könnte man sich niederlassen und sich daran erinnern, dass Pjotr 
Kropotkin, einer der wichtigsten anarchistischen Denker des 19. Jahrhunderts, La conquête 
du pain geschrieben hat, neben vielen anderen Büchern, darunter die fundamental bleibende 
Gegenseitige Hilfe (engl. Original: Mutual Aid: A Factor for Evolution).

Aber man befindet sich wohlgemerkt in einer Bäckerei, und davon zeugt die aus dem 
Untergeschoss vom Backofen aufsteigende Hitze, wie auch der feine Geruch des Mehls. "Die 
Leute kommen nicht, weil wir selbstverwaltet und anarchistisch sind, sondern weil das Brot 
gut ist", sagt Pierre Pavin. "Der Rest amüsiert sie." Aber diese Bäckerei gäbe es nicht, 
wenn Pierre und seine Kameraden keine Anarchisten wären.

Aus der Hierarchie in die Selbstverwaltung, von der Monotonie zur Qualität

Pierre hat schon früher als Bäcker gearbeitet. Seine Arbeit mochte er sehr, aber er hatte 
genug von den als monoton empfundenen Aufgaben und den oft hierarchischen 
Arbeitsverhältnissen. Als Mitglied des Anarchistenverbandes kam ihm im Frühjahr 2010 - 
damals war er arbeitslos - die Idee, Brot an Erzeuger-Verbrauchergemeinschaften (zum 
Beispiel die Association pour le Maintien d'une Agriculture Paysanne, kurz AMAP) zu 
liefern. Er sprach darüber mit Thomas Arnestoy, Informatiker und Mitglied eines 
linksradikalen antifaschistischen Netzwerkes, und mit Mathieu , mit dem er in derselben 
Hotelfachschule gelernt hatte. Zustande kam das Projekt aus Freundschaft und politischer 
Affinität. Prinzip sei es, eine Bäckerei als kooperative Produktionsgemeinschaft 
aufzubauen, "selbstverwaltet, mit sozialem Bezug, umweltbewusst und die vor allem 
qualitätsvolles Brot herstellt und rentabel ist."

Ein geeignetes Geschäft war schnell gefunden, und im Herbst 2010 haben die Freunde 
angefangen, Brot zu kneten und zu backen. "Am Anfang war es sehr schwierig. Das war eine 
Bruchbude hier", sagt Pierre. "Und es mussten sofort 300 Brote täglich geliefert werden. 
Es war die Hölle, wir schufteten 20 Stunden am Tag. Einmal habe ich einen Schwächeanfall 
gehabt und bin ohnmächtig geworden."

Hilfe, Vertrauen, Solidarität
Aber die drei Genossen haben durchgehalten, Freunde und Familie haben finanziell geholfen, 
damit die Bäckerei wieder instandgesetzt werden konnte, und ein fester Produktions- und 
Lieferrhythmus stellte sich ein. Heute zählt die Kooperative acht Angestellte - vier in 
der Bäckerei, drei im Verkauf sowie ein Auslieferer.

Und vor allem setzen sie ihre Projektidee um. "Wir interessieren uns mehr für das soziale 
Projekt", sagt Pierre, der nach der Frühschicht (drei bis acht Uhr morgens) und vor seiner 
Mittagsruhe Auskunft gibt. Im Oktober 2012 hat die Bäckerei einen Sozialtarif eingeführt: 
75 Cent das Baguette für diejenigen, die danach fragen, anstelle von einem Euro. "Wir 
machen das ohne Einkommensnachweis, wir möchten den Leuten vertrauen. Diese Ideologie, die 
aus Armen Profitjäger macht, lehnen wir ab." Die anarchistischen Bäcker organisieren auch 
Stadtteilmahlzeiten in der Cité Jules Ferry oder liefern Brot an streikende Arbeiter, zum 
Beispiel von der Autofabrik PSA in Aulnay, oder im vergangenen Jahr an die der 
Erdölraffinerie von Grandpuits.

Zeit für Aushandlungen, Zeit für gutes Brot

Intern wird Demokratie in die Tat umgesetzt. Alle Mitarbeiter erhalten 1350 Euro netto pro 
Monat. Eine Vollversammlung findet alle 15 Tage statt. Entscheidungen werden einstimmig 
getroffen. "Es ist schon vorgekommen, dass wir gewählt haben, aber nicht bei wichtigen 
Angelegenheiten.", sagt Pierre Pavin. Das große Problem im Moment ist die Diskussion um 
die Arbeitszeit: Die Bäcker arbeiten zwar sehr früh am Morgen, aber weniger Stunden als 
diejenigen, die im Laden verkaufen. Und der Mitarbeiter im Lieferdienst wird oft 
kurzfristig zu jeder denkbaren Uhrzeit angerufen. Man muss eine für alle gerechte 
Übereinkunft finden.

Und dann ist da noch das Produkt selbst: Die verwendeten Zutaten sind qualitativ 
hochwertig, stammen fast alle aus ökologischer Landwirtschaft, und das Mehl (zwei Tonnen 
pro Woche) wird von einem Müller geliefert, der sein Getreide mit Stein mahlt. 
Insbesondere wird sich Zeit genommen, den Brotteig gut gehen zu lassen, den Prozess zu 
bremsen, die Gärung langsam geschehen zu lassen.

Im Untergeschoss erläutert Mathieu die Etappen für die Erzeugung von gutem Brot. Er ist 
seit drei Monaten bei der Kooperative, dafür hat er seinen Beruf als Grafiker aufgegeben, 
denn Bäcker ist für ihn "ein lebensnotwendiger Beruf, um Menschen zu ernähren". Die 
Etappen also: Die Teigmasse in der Knetmaschine vorbereiten, in Behälter füllen, den Teig 
gehen lassen - 14 Stunden, das ist eines der Qualitätsgeheimnisse. Im Anschluss: den Teig 
teilen, formen und schließlich im glühend heißen Ofen backen. Ein Beruf, für den 
Aufmerksamkeit und Geduld notwendig sind, in dem man schnell handeln muss und dies in 
großer Hitze. "Im Sommer kann es bis zu 40 Grad heiß werden", sagt Mathieu. "Aber ich bin 
mir nicht sicher, ob das schlimmer ist, als den ganzen Tag vor einem Computer zu sitzen."

Nun ist es Zeit zu gehen. Dabei kann man nicht widerstehen, in ein Pain au chocolat zu 
beißen wie die Kinder, die im Geschäft ein- und ausgehen. Ob es Kropotkin oder Elisée 
Reclus heißt, weiß man nicht, aber es schmeckt richtig gut.

http://bielefeld.fau.org/2019/05/09/la-conquete-du-pain-das-brot-der-anarchisten/


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