(de) la banda vaga: Kampf, Solidarität, Klasse - was bedeutet der erste Mai? -- Unser Redebeitrag zum Solidarischen Straßenfest am 01.Mai 2019

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So Mai 12 09:44:39 CEST 2019


1886 wurde die allererste Maidemonstration abgehalten - und zwar in Chicago, auf dem 
Haymarket-Platz. Damals forderten die Arbeiter_innen einen Arbeitstag von 8 Stunden statt 
der üblichen 12 bis 14 Stunden. Auf der Demonstration wurden Dutzende Arbeiter erschossen, 
hunderte verletzt. Die Organisierenden der Demonstration wurden verhaftet - und an vier 
von ihnen wurde das Todesurteil vollstreckt. In der Tradition der sogenannten 
Haymarket-Riots werden seitdem, also seit 133 Jahren, am ersten Mai Demonstrationen und 
Kundgebungen in der ganzen Welt abgehalten. ---- Etwa ähnlich alt wie der Maifeiertag ist 
der Begriff der Solidarität, der in der Tat mit der an Bedeutung und Schwung gewinnenden 
Arbeiter_innen-Bewegung der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts aufkam. Damals bedeutete 
der Begriff einen radikalen Wandel gesellschaftlicher Kategorien: Nicht mehr die Familie, 
die Verwandtschaft, oder gar die Berufsgilde waren Garanten des Überlebens"Alles 
Ständische und Stehende wurde verdampft". Die Gemeinschaften, die im bis zur 
Industrialisierung das Überleben sicherten, fielen weg. . "Alles Ständische und Stehende 
wurde verdampft". Übrig blieb die Einzelne, das Individuum, das nichts zu verkaufen hatte, 
außer seine Arbeitskraft. Wer nicht arbeiten konnte, stürzte in der Regel ins Elend. In 
ihrem individuellen Überlebenskampf waren die Lohnarbeiter_innen alle gleichermaßen auf 
sich gestellt.

Mit der Industrialisierung kam Solidarität als Kampfbegriff auf, der die 
individualisierten Arbeiter_innen miteinander vereint. Solidarität war der Schlüssel zum 
Kollektiv: zur neu entstehenden Arbeiterklasse. Durch Solidarität erst konnte ein 
Klassenbewusstsein entstehen, ein neues Kollektiv, was zentral war für das Erkämpfen 
besserer Lebensumstände für die Lohnarbeitenden. Klasse ist kein familiäres oder 
emotionales Verhältnis, sondern ein politisches: über die Klassenzugehörigkeit entscheidet 
nicht der Zufall des Geburtsortes, die Augen- oder Hautfarbe, sondern allein die Tatsache, 
dass wir gezwungen sind, unsere Arbeitskraft zu verkaufen. Mit anderen Worten 
"Proletarier_innen aller Welt - vereinigt euch". Diese Idee hatte immense Sprengkraft und 
sorgte dafür, dass die Kämpfe in Chicago auf dem Haymarket um die Welt gingen. Die 
Arbeiter_innen in Österreich, Frankreich und sonstwo zettelten Demonstrationen, Streiks 
und Kundgebungen an, in Solidarität mit den Geschehnissen in Amerika. Mit Erfolg - gute 30 
Jahre später war der 8-Stunden Tag in vielen Industrie-Ländern Europas gesetzlich 
festgeschrieben.

Heute leben wir glücklicherweise in paradiesischen Zeiten, in denen das 
Max-Planck-Institut, die CDU, Der Freiburger Stadtrat oder die AfD sich mit allem 
Möglichen solidarisch erklären. Das Problem dabei: ihre Solidarität grenzt aus. Die AfD 
begrenzt ihre Solidarität natürlich auf Biodeutsche Hetero-Konservative und das Max-Planck 
überlegt laut, ob mensch mehr dem Einzelnen oder mehr der Gesellschaft verpflichtet ist. 
Die CDU - oder auch die SPD schießen jedoch den Vogel ab: SPD und CDU erklären ein 
solidarisches Europa mit der einen Hand, während sie mit der anderen Geflüchtete im 
Mittelmeer ertrinken lässt und diejenigen, die gerettet werden in Länder wie Afghanistan 
abschiebt - ganz zu schweigen von der Errichtung eines Grenzregimes, das Sklavenhandel und 
andere Gräueltaten toleriert.

Wenn das ein solidarisches Europa sein soll, hat Solidarität an Bedeutung verloren? Macht 
es überhaupt noch Sinn sich auf den Begriff zu beziehen, der so beliebig eingesetzt wird 
und auf hölzernen Beinen daherkommt?

Ja, es macht Sinn! Auch wenn es abgedroschen klingt, Solidarität ist eine Waffe und sie 
ist wichtiger denn je. Solidarität bedeutet politische Kämpfe ernst zu nehmen und sie als 
verknüpft zu begreifen. Das heißt, dass die Streiks indischer Fabrikarbeiter_innen genauso 
wichtig sind, wie die Proteste der Einwohner_innen im Metzgergrün oder die Friday for 
Future-Demonstrationen der Schüler_innen. Ob jetzt zu hohe Mieten, Klimawandel oder 
Ausbeutung bekämpft werden, ist dabei nicht als Trennung der Kämpfe, sondern als jeweilige 
Ausformung zu begreifen. Was die Kämpfe vereint ist die emanzipatorische Ausrichtung, also 
der Kampf gegen gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse. Ähnlich verhält es sich mit 
antirassistischen oder feministischen Kämpfen. Mensch muss nicht jede Form von 
Unterdrückung und Ausgrenzung selbst erlebt haben, um davon betroffen zu sein. Solidarität 
heißt, die Kämpfe anderer Menschen ernst zu nehmen. Auch als colored Cis-Frau kann mensch 
solidarisch mit Transpersonen sein - auch als weißer schwuler Mann kann mensch für die 
Rechte von Jesidinnen eintreten. Identitätspolitiken legen uns manchmal nahe, dass es bei 
Kämpfen vor allem um die eigene Betroffenheit geht, dass die eigene Betroffenheit die 
Kämpfe erst legitimieren muss. Betroffenheit ist natürlich ein starker Motor für 
politische Aktion, darf aber nicht ihre Bedingung sein! Solidarität heißt, die 
Unterdrückung und Ausbeutung anderer ernst zu nehmen - nicht aus Mitleid, sondern durch 
das politische Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Empfänger_innen von 
Solidarität sind im Sinne der Kampf-Solidarität keine Bittsteller_innen, die letztlich 
ganz von der Willkür der Gebenden abhängig sind, sondern eigenständige, mündige 
Anspruchsberechtigte.

Solidarität heißt aber auch die eigene Situation zu politisieren: wie ist mein eigenes 
Arbeitsverhältnis? Werden meine Rechte eingehalten? Oftmals kämpfen die Menschen gerne auf 
den Baustellen anderer und übersehen, dass sie in ihrem Studijob oder Minijob selbst 
ausgebeutet werden. Die Arbeitsverhältnisse, die ich akzeptiere, schaffen die 
Arbeitsverhältnisse meiner Kolleg_innen! Wenn ich den Job für acht Euro die Stunde mache, 
warum sollte meine Chefin der nächsten Person zehn Euro dafür geben? Ein "mir geht es doch 
gut, ich brauche keine 10 Euro die Stunde" ist nicht bescheiden - sondern unsolidarisch!

Wir dürfen auch nicht erst kämpfen, wenn es uns schlecht geht - es geht nicht um die 
Erhaltung gewisser Verhältnisse, sondern darum, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der 
Mensch ein geknechtetes Wesen ist. Das heißt, unser Projekt sollte nicht ein netterer 
Kapitalismus sein, sondern dessen Überwindung! Und genau deshalb brauchen wir Solidarität 
als Klammer. Nicht nur als Gefühl der Brüder- oder Schwesterlichkeit, sondern als 
rationale Strategie gegen die Ausbeutung. In diesem Sinne ist Solidarität noch immer 
unsere schärfste Waffe im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung und das schwerste 
Gegengewicht zu den Kapitalinteressen!

https://labandavaga.org/posts/2019.05.01-redebeitrag_1_Mai


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