(de) FDA-IFA, Gai Dao #99 - Erinnern heißt kämpfen. Von: Aufder Suche - Anarchistische Gruppe Nürnberg

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Fr Mai 3 08:23:12 CEST 2019


Bericht zu den Gedenkfeierlichkeiten anlässich des 150. Geburtstags des 
Anarchosyndikalisten Fritz Oerters (1869 - 1935) in Fürth ---- Am 19. Februar 2019 lud die 
Initiative Fritz Oerter - Gedenken nach Fürth (Bayern) in die Obere Fischerstraße 3, um an 
der ehemaligen Leihbücherei Fritz Oerters eine Gedenktafel für selbigen zu enthüllen. ---- 
Ungefähr 80 Personen folgten dem Aufruf der Initiative, und auch wir, die Anarchistische 
Gruppe Nürnberg - Auf der Suche wohnten der Enthüllung bei. ---- Dabei war das Publikum 
bunt gemischt: Junge Antifaschist*innen, Anarchist*innen, langjährige Genoss*innen, 
Gewerkschaftler*innen und Teile der Nachkommenschaft Fritz Oerters erinnerten sich 
gemeinsam seines Lebens und Wirkens.

Eröffnet wurde das Gedenken durch eine Rede von
Leonhard F. Seidl, der als Teil der Initiative Fritz Oer-
ter Gedenken sich selbst den Auftrag gegeben hat,
das politische und publizistische Erbe Oerters zu-
sammenzutragen und lebendig
zu halten. In seiner Ansprache
legte Seidl den Schwerpunkt auf
die immer noch vorhandene
Aktualität der Schriften Oerters,
besonders im Hinblick auf des-
sen radikale Antikriegspolitik
und seinen gelebten Antifa-
schismus. Fortgesetzt wurde die
Kundgebung durch ein Gruß-
wort des Institutes für Syndikalis-
musforschung aus Bremen,
welches sich der Biografie und
dem Vermächtnis Oerters widmete und auch so wie-
der den Bezug zu heute suchte. Diese Bezüge finden
sich auch in Oerters Herrschaftskritik, seinem Hu-
manismus und der grenzenlosen, gelebten Solidari-
tät. Anschließend an diese Gedanken verlas ein*e
Vertreter*in der Sozialistischen Jugend Deutschland -
Die Falken den Text "Was wollen die Sozialisten" von
Fritz Oerter. Dieser arbeitet eine Kritik der Disziplin
heraus, die bis heute kaum an Gültigkeit verloren
hat, und stellt dieser eine gelebte Solidarität als Ant-
wort gegenüber. Bevor die Gedenktafel enthüllt wur-
de, gab es noch eine kurze musikalische
Untermalung des Ganzen durch das Lied "Solidarity
Forever", welches seinen Ursprung bei den Industrial
Workers of the World (IWW) hat. Unter Applaus
wurde die Gedenktafel am ehemaligen Eingang zu
Fritz Oerters Leihbücherei enthüllt.

Die Inschrift lautet:
"Hier befand sich in den 1920ern der Eingang zur
Leihbücherei Fritz Oerter
* 19. Februar 1869
† 19. September 1935
Kriegsgegner, Anarchosyndikalist, Lithograf, Bi-
bliothekar, Schriftsteller. "

Im Anschluß an die Kundgebung hielt Leonhard F.
Seidl im nahegelegen Eine-Welt-Laden noch vor un-
gefähr 40 interessierten Zuhörer*innen einen kurz-
weiligen Vortrag zu Fritz Oerters Leben und Wirken
sowie der Arbeit der Initiative Fritz Oerter Gedenken .
Seidl hatte zusammen mit dem Enkel Fritz Oerters
dessen Tagebücher gesichtet und transkribiert. So
gab er einen spannenden Streifzug durch das Leben
Oerters und dessen sehr umfangreiches publizisti-
sches Werk. Oerter beteiligte sich auch aktiv an der
bayerischen Räterepublik, deren revolutionäre Ereig-
nisse sich gerade zum hundertsten Mal jähren. Hier
engagierte er sich im Arbeiter- und Soldatenrat in
seiner Heimatstadt Fürth. In Fürth betrieb er auch ab
Ende des Ersten Weltkrieges seine Leihbücherei und
verfasste eigene Artikel und Bücher, unter anderem
auch zu Fragen der Sexualität und des Feminismus,
die er in seinen Werken "Die Freie Liebe" sowie
"Nacktheit und Anarchie" behandelte. Politisch aktiv
war Oerter ebenfalls als Mitglied in der Freien Arbei-
ter-Union Deutschlands (FAUD) sowie als hauptver-
antwortlicher Redakteur der Zeitschrift Der
Syndikalist , einer deutschsprachigen Zeitschrift des
Anarchosyndikalismus und Organ der FAUD. Die
Zeitschrift erschien wöchentlich mit einer Auflage
von jeweils 70.000-80.000 Exemplaren (im Jahr 1922).
Hierzu schrieb Oerter eine Vielzahl von Leitartikeln,
in denen er sich als Verfechter der Idee der Gewalt-
losigkeit einsetzte.

Schon früh erkannte Oerter die Gefahr des National-
sozialismus, verfasste Schriften gegen diesen und
unterhielt Kontakte zum Widerstand gegen den Hit-
lerfaschismus. Im September 1935 wurde er zum
wiederhohlten Male von der SA verhaftet, gefoltert
und verhört. Kurz nach der Entlassung aus der Haft
verstarb Oerter mutmaßlich an ihren Folgen.
Was bleibt vom Leben und Wirken Fritz Oerters?
Oerter hinterlässt uns ,neben seinen vielen Schriften,
dass Beispiel eines Lebens, das in allen breichen
nach Herrschaftsfreiheit und der Befreiung aller
Menschen strebte. Für uns als Anarchist*innen ist es
schön zu sehen, dass wir uns in eine lokale Tradition
von gelebter Solidarität und Herrschaftsfreiheit ein-
reihen können. Des Weiteren ist Oerter uns allen ein
mahnendes Beispiel dafür, dass Nationalismus, Anti-
semitismus, Rassismus und Faschismus konsequent
und aktiv bekämpft werden müssen. Wir dürfen aber
nicht in diesem Abwehrkampf verharren, sondern
sollten unsere Utopie der Anarchie schon heute ge-
meinsam leben, denn nur so kann die Unter-
drückung des Menschen durch den Menschen auf
Dauer überwunden werden. Oerter sah dies ähnlich
und schrieb dazu:
"Wahre Kultur muss erst geschaffen werden. Ihr
Träger kann und wird nur die alle geistigen und
materiellen Werte schaffende, international soli-
darisch verbundene Menschheit sein, die den
engstirnigen Nationalismus wie auch den Kapi-
talismus siegreich überwunden hat." (Fritz Oer-
ter in: Der Syndikalist, 4. Jg. Nr. 2, Berlin, 1922).
--------------------------------
!
Zum weiterlesen:
https://www.fuerthwiki.de/wiki/index.php/Fritz_O
erter
Fritz Oerter: Texte gegen Krieg und Reaktion, Hg.:
Helge Döhring, Verlag Edition AV


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de