(de) Fau, direkte aktion: CLOGS - ein Freiraum für freie Menschen - Betrieb & Gesellschaft Von: Hélène Distel - 12. Juni 2019

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So Jun 16 07:33:08 CEST 2019


Pristina ist keine große Stadt, und es dauert nicht lange, um Genoss*innen zu finden. Am 
Abend einer Konferenz gab mir eine der kosovarischen Universitätsprofessorinnen einen 
Zettel mit einer Telefonnummer. Ich solle mich bei denen melden, das seien Genoss*innen. 
---- Sabota ist ein soziales Zentrum im Ulpiana Distrikt in Pristina. Im Erdgeschoss eines 
Wohnblocks ist der kleine Raum mit Tischen und Stühlen, Flyerständern und Postern 
ausstaffiert, eine Theke und ein großzügiger Kühlschrank mit Biervorrat machen den 
Treffpunkt komplett. ---- "Wir finanzieren uns mit dem Verkauf von dem Bier und 
gelegentlichen Solipartys. Das können wir aber nicht überstrapazieren, wegen der 
Nachbarschaft", sagt ein Genosse und deutet auf die oberen Etagen des Blocks. Wir stehen 
vor dem Eingang, wo Platz ist zum Rauchen. Seit Herbst 2017 besteht das kleine "Quendër 
Sociale Sabota". Es ist nichts weniger als die Erfindung des kosovarischen Anarchismus. 
Denn, so wird es mir erzählt, es gibt keine libertäre Tradition in Kosova. Das ist auch 
der Grund, warum R. zur Zeit an der ersten albanischen Übersetzung anarchistischer 
Theorien arbeitet. Es wird ein Buch mit Essays und Artikeln von Emma Goldman, Pyotr 
Kropotkin, Errico Malatesta und Voltairine De Cleyre werden. R. ist Teil des Kollektivs, 
das Sabota gründete und Teil der anarchosyndikalistischen Gruppe Pristinas (GASP), die von 
einigen Marxist*innen verstärkt wird. Denn sehr groß ist das Kollektiv noch nicht. Alle 
Menschen sind aber unabhängig von ihrer Identität und ihren Lebenssituationen in Sabota 
willkommen, außer Polizisten, Militärangehörige, Faschist*innen und andere Rechte sowie 
Menschen, die ihren Gewinn auf dem Rücken anderer erwirtschaften.

Seit einigen Jahren ist Sabota jetzt schon Treff- und Sammelpunkt linker Ideen.

"Wir diskriminieren niemanden, aber bekämpfen alle, die das tun. Wir bauen Fenster, wo nur 
Mauern stehen, wir entwickeln Kritik, wo diese verboten ist, wir befördern Solidarität an 
Orten, wo es nur Gleichgültigkeit gibt, wir schaffen Inhalte an Orten, wo Marketing, 
Organisierung, wo Vereinzelung und Widerstand, wo Unterdrückung vorherrschen."

Hier finden Diskussionen, Partys, Filmvorführungen und Plena statt, zeitweise war das 
Zentrum auch Zuhause für die zwei Straßenhunde Jara und Bella. Richtig einfach zu 
vermitteln ist die Idee des sozialen Zentrums nicht immer.

"Ich denke, es gibt immer noch eine Denkweise, die Linken nicht versteht. Wenn Sie 
Kommunist sind, verbinden sie Sie mit dem Serbien von Milosevics oder dem albanischen 
kommunistischen Diktator Enver Hoxha. Wenn Sie ein Anarchist sind, verbinden sie Sie mit 
Gewalt und Terrorismus. "

sagt ein Genosse im Interview mit dem unabhängigen Magazin Kosovo 2.0 .

Und doch scheinen sich langsam aber sicher Netzwerke aufzubauen. Zu einem neu eröffneten, 
soziokulturellen Zentrum in der Nähe (TERMOKISS) bestehen schon Kontakte:

"Dort teilen zwar nicht alle unsere Ideen, aber es gibt eine große Offenheit und ein paar 
politische Leute. Außerdem können wir unsere Überzeugungen dort mit in die Diskussionen 
tragen".

So auch bei den Planungen zum 1. Mai. Letztes Jahr kamen rund 50 Menschen zur Kundgebung, 
dieses Jahr waren es bereits 200, dank einer breiten Kooperation mit NGOs und anderen 
Organisationen:

"In diesem Jahr kam es zum ersten Mal zu einem dezentralen Protest, bei dem verschiedene 
Gruppen zum Protest aufriefen und zur gleichen Zeit, am gleichen Ort und auf den gleichen 
Marschrouten koordinierten. ... Ich denke, es war ein sehr wichtiger Schritt, um eine neue 
Strategie der Protestorganisation hier im Kosovo voranzutreiben, bei der normalerweise nur 
eine Gruppe den Protest organisiert und andere Gruppen ihren Dachverband betreten sollten."

Obwohl es große politische und strukturelle Unterschiede zwischen Sabota und den NGOs 
gibt, ist eine Zusammenarbeit der einzig sinnvolle Weg für eine größere Öffentlichkeit. 
Die seit der Unabhängigkeit von Kosova florierende Landschaft westlicher NGOs und 
Stiftungen ist ein Milieu, von dem sich die Aktivist*innen sonst klar abgrenzen. Kosova 
ist nach Jahrzehnten der Unterdrückung durch den serbischen Staat und nach einem grausamen 
Krieg im Jahr 2008 erst unabhängig geworden. Nach der Intervention der NATO in diesem 
Krieg kam das Gebiet unter die Verwaltung der Vereinten Nationen. Heute sind 70% der 
Bevölkerung unter 30 Jahre alt. Hier wird nicht nur der Anarchismus neu erfunden.

"Sabota wird die Basis für eine andere Art von Aktivismus bilden - einen horizontaleren 
Aktivismus".

Eine Gruppe, die sich auch regelmäßig in Sabota trifft sind LGBT-Aktivist*innen. Auch wenn 
sie mit linken Ideen liebäugeln, sind hier keine erklärten Anarchist*innen zu finden. Aber 
auch sie fühlen sich in den bürgerlichen NGOs nicht zu Hause, unterstützen aber in den 
vergangenen zwei Jahren trotzdem deren Vorhaben, zum ersten Mal in der Geschichte des 
Landes eine Pride zu organisieren. Das ist ein mutiges Vorhaben im homophobsten Land des 
Balkans, aus dem viele Menschen allein aus diesem Grund emigrieren.

Einen schwierigen Moment durchlebte Sabota im Februar 2018, als schwerbewaffnete Polizei 
das Social Centre stürmte.

"Die Sonderpolizei umzingelte die Nachbarschaft und die örtliche Polizei kam unter dem 
Vorwand, sie käme aus Sicherheitsgründen ins Zentrum. In der gleichen Zeit haben 
Unterstützer von Erdogan begonnen, unsere Facebook-Seite mit Kommentaren zu spammen. "

Im Rahmen einer Aktionswoche zur Solidarität mit den Kurdischen Genoss*innen und den 
Kämpfen in Afrin war Kurdische Musik gespielt worden. Nach einer Razzia wurden eine Person 
ohne gültige Ausweisdokumente und eine Person, die ein Messer in der Tasche hatte, zur 
Wache gebracht. Sabota schrieb danach auf facebook:

"Wir als Kollektiv des Sozialzentrums sehen diese Polizeieingriffe als eine politisch 
motivierte Intervention des im Kosovo installierten Establishments, der Elemente des 
türkischen Staates innerhalb dieser Institutionen und der türkischen Botschaft. Wir rufen 
die Polizei auf, die beiden jungen Leute zu befreien, die angeblich einen Angriff auf das 
Sozialzentrum geplant hatten. "

Sie spielten an diesem Abend bis spät in die Nacht kurdische Musik, noch lange, nachdem 
die beiden Genoss*innen schon wieder frei waren.

Auch dieses Jahr muss Sabota mit größeren Einschnitten rechnen. Im Juni müssen sie den 
aktuellen Raum verlassen und schauen sich momentan nach einem neuen Raum um.

"Wir haben eigentlich keinen Zukunftsplan. Wir wollen mit dem Raum als Freiraum 
fortfahren, in dem sich Menschen treffen und organisieren können. Es ist das einzige 
autonome linke politische Zentrum hier und seine Existenz ist sehr wichtig, auch für uns 
Anarchisten. "

Sabota würde sich über Unterstützung freuen, fügt ein Genosse hinzu. Etwa über Bücher, 
Broschüren, anderes Material und finanzielle Unterstützung. Ich jedenfalls will Pristina 
nicht mehr ohne Sabota denken. Hier dauert es nie lange, um auf den Punkt zu kommen, oder 
mindestens auf eine spannende Debatte. Auf die Frage hin, was ich noch in diesem Artikel 
für die Genoss*innen hier übermitteln kann, antwortet R. kurz und treffend:

"Unsere Botschaft wäre, den Kampf gegen jede Art von Unterdrückung und für eine freie 
Gesellschaft fortzusetzen."

Hier sehen Sie einige Fotos.

https://direkteaktion.org/sabota/


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