(de) evibes: Gastbeitrag zum internationalen Hurentag

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Fr Jun 7 07:09:16 CEST 2019


Heute ist der internationale Hurentag  - am 2. Juni 1975 besetzten mehr als 100 
Prostituierte eine Kirche in Lyon, um gegen Gewalt, unaufgeklärte Morde und die Repression 
der Polizei zu protestieren. ---- Wir senden Grüße an die Parade in Berlin und freuen uns, 
zu diesem Anlass einen Text der Initiative Sex Workers Solidarity hier vorab 
veröffentlichen zu dürfen. Es ist ein Beitrag zum Sammelband "Feministische Perspektivne 
auf Sexarbeit", der dieses Jahr im Unrast Verlag erscheinen wird. ---- Organizing Sex 
Workers ---- ein feministischer Weg gegen Diskriminierung, schlechte Arbeitsbedingungen 
und Ausbeutung ---- Einleitung ---- Die Dresdner Initiative Sex Workers Solidarity war von 
Sommer 2017 bis Sommer 2018 aktiv. Anlass für die Gründung war die anstehende 
Verabschiedung und Implementierung des sogenannten Prostituiertenschutzgesetzes 
(ProstSchG), von der einige von uns persönlich betroffen waren. In Sachsen gab es zuvor 
weder Zusammenschlüsse von Sexarbeiter_innen noch Sprachrohre oder politische 
Fürsprecher_innen. Dementsprechend erhielten unsere Statements und Aktionen landes- und 
bundesweite Aufmerksamkeit. Dies lag sicherlich auch daran, dass unser inhaltlicher 
Standpunkt - eine Kombination gewerkschaftlicher und feministischer Perspektiven - sonst 
auf der öffentlichen Bühne kaum vorhanden war.

Wir möchten daher die Arbeit der Initiative nachzeichnen und unsere Überlegungen teilen, 
um sie im Gedächtnis emanzipatorischer Bewegungen zu verankern. Dazu beschreiben wir 
zunächst, was uns politisch wichtig war, dann was wir umsetzen konnten, und schließlich 
unsere Reflexionen und die daraus resultierenden Visionen für die Zukunft und Vorschläge 
an andere Initiativen.

Unsere Ausgangslage
Sex Workers Solidarity entstand als produktives Konglomerat aus Bekanntschaften einiger 
vom ProstSchG betroffenen Menschen, die in der basisdemokratischen Gewerkschaft Freie 
Arbeiter_innen Union (FAU) organisiert waren, mit Menschen aus feministischen Gruppen in 
der Stadt.

Die Sexarbeiter_innen in der Initiative nahmen eine große Verunsicherung bezüglich des 
Gesetzes und seiner Folgen wahr. Wir hofften, dass die drohende Repression gegen alle 
Sexarbeiter_innen als Anlass für Organisierung und Solidarisierung unter Kolleg_innen 
dienen könnte. Allerdings zeigten sich bald unterschiedliche Positionen: zum Beispiel 
zwischen besser und schlechter Bezahlten, zwischen erotischen Masseur_innen und 
Anbieter_innen von "richtigem Sex", zwischen Sexarbeiter_innen mit und ohne deutsche 
Staatsbürgerschaft, zwischen den wenigen Menschen, die den Schritt in die Öffentlichkeit 
wagen und den vielen, die davor zurückschrecken.

Zudem existierte kaum Infrastruktur für Sexarbeiter_innen in Sachsen. Zwar gibt es 
gesundheitliche Beratung durch die Gesundheitsämter und Unterstützung von kobra.net e.V. 
für Opfer von Menschenhandel, aber keine Fachberatungsstelle zu den alltäglichen 
Problemen, auf die Sexarbeiter_innen häufig stoßen. Ein jährlicher runder Tisch von Stadt 
und Polizei fokussierte lediglich ordnungspolitische Probleme "mit der Prostitution". Auch 
von einer organisierter Hurenbewegung war in Dresden nichts zu spüren, so dass wir eigene 
Strukturen aufbauen mussten.

Aus feministischer Sicht war die Ausgangslage allerdings auch ein Minenfeld: Die 
feministische Bewegung streitet sich seit Jahrzehnten immer wieder und zum Teil sehr 
erbittert darum, wie Sexarbeit insgesamt zu bewerten ist. Wie sollte sich die Initiative 
darin positionieren? Scheinbar gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder: Sexarbeit 
bedeutet Befreiung und wer anderes behauptet, ist verklemmt; jede Reglementierung ist 
Ausgeburt des Patriarchats und reaktionärer kirchlicher Sexualmoral. Oder: Prostitution 
ist immer Gewalt und schlimmste Ausgeburt des Patriarchats, und alle, die anderes 
behaupten, belügen sich selbst, leiden am Stockholm-Syndrom oder gehören gar zu den 
Profiteur_innen der frauenverachtenden Ausbeutung. Selbst Positionen, die keinem dieser 
Extreme entsprechen, werden schnell von außen in eine dieser Schubladen eingeordnet. Wir 
versuchten daher, die Schlagworte beider "Lager" zu vermeiden, um zum eigentlichen Thema 
vorzustoßen: der Verbesserung der Lebens- und Arbeitssituationen von Sexarbeiter_innen.

Dennoch brauchten wir für unsere öffentliche Kampagne einen gemeinsamen politischen 
Standpunkt, um nicht in Oberflächlichkeit und Ziellosigkeit zu enden. Wir einigten uns auf 
Folgendes: Wir wollen weder Sexarbeit pauschal dämonisieren, noch aus Angst vor 
Überwachung und Kontrolle dem neoliberalen Dogma folgend alles als selbstbestimmt und frei 
aushandelbar darstellen. Denn Letzteres sichert das reibungslose Funktionieren des Marktes 
und damit die Gewinne jener, die von der Ausbeutung von (überwiegend) Frauen und trans 
Menschen profitieren. Stattdessen betonen wir objektive Interessengegensätze zwischen 
Chef_innen und (Schein-)Selbstständigen, beziehungsweise zwischen Vermieter_innen und 
Mieter_innen.

Insgesamt schien uns in der Gemengelage von Stigmatisierung und staatlicher 
Diskriminierung ein breiter feministischer und gewerkschaftlicher Ansatz für 
selbstbestimmte Kämpfe einer tendenziell prekarisierten Gruppe am besten geeignet. Auch 
während unserer Aktivitäten und später im Rückblick haben sich für uns daran keine Zweifel 
ergeben - vielmehr sahen wir uns immer wieder darin bestätigt.

Wie wir aktiv geworden sind
In dieser komplexen Lage und mit diesen miteinander verwobenen Ansprüchen haben wir im 
Sommer 2017 über einige Wochen überlegt, mit welchen Strategien und Möglichkeiten wir 
darauf reagieren können. Dabei waren einige Fallstricke zu umgehen:

Durch die geplanten repressiven Gesetze, die auch die Hemmschwelle erhöhten, zu unseren 
Treffen zu kommen, wollten viele Betroffene erst recht anonym bleiben. Als Antwort darauf 
hielten wir einen Zusammenschluss von Sexarbeiter_innen und Unterstützer_innen / 
Freund_innen für sinnvoll. Der Gruppenname "Sex Workers Solidarity" erlaubte es, 
Anonymität und Sichtbarkeit zu vereinen.

Zudem galt es, den Spagat zwischen kurzfristiger Reaktion auf die fortgeschrittenen 
Gesetzespläne und nachhaltiger Organisierung zu meistern. Wir wollten die Implementierung 
beeinflussen, aber auch längerfristig einen Austausch über Rechte, Arbeitsbedingungen und 
kollektive Wege der Verbesserung anstoßen, um Solidarität statt Abgrenzung gegeneinander 
voranzutreiben.

Anfangs gab es zudem die Überlegung, die Kampagne für Rechte von Sexarbeiter_innen mit 
emanzipatorischen Angeboten zu sexueller Bildung zu verknüpfen (z.B. Workshops zum 
Sprechen über Körperteile oder über Sex, zum Grenzen-Setzen oder zur Vulva-Massage, oder 
über Hurendiskriminerung). Sexarbeiter_innen sollten nicht ausschließlich als Opfer von 
Sexismus oder als Objekte von behördlichen Maßnahmen auftauchen, sondern selbst als 
Expert_innen sprechen. Diese Überlegung haben wir allerdings vorerst hintangestellt, um 
die positiven Aspekte der Sexarbeit nicht zu stark in den Vordergrund zu rücken und ihre 
gesellschaftlichen Verstrickungen zu verdecken.

Insgesamt hat sich dann in der Praxis eine Art Drei-Säulen-Konzept ergeben:

Druck auf Politik, Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess, z. B. durch Öffentlichkeitsarbeit,
Informationsbeschaffung und -weitergabe an Betroffene,
Möglichkeiten zu Austausch und langfristiger Selbstorganisation, gegen Repression und für 
bessere Arbeitsbedingungen.
Praktische Erfahrungen und Reflexion
Uns war bei all dem wichtig, die Stimmen der Sexarbeiter_innen in den Mittelpunkt unserer 
Kampagne zu stellen. Das bedeutete, dass wir uns viel Zeit dafür genommen haben, über die 
Grenzen des eigenen Blickfeldes zu reflektieren und uns mit den verschiedenen Positionen 
zu Sexarbeit bzw. Prostitution und Arbeit auseinanderzusetzen.

Wichtiger Bestandteil unserer Arbeit war außerdem die Vernetzung: z.B. mit dem 
Gesundheitsamt Dresden, kobra.net e.V., Einzelpersonen des Berufsverbands sexuelle und 
erotische Dienstleistungen (BesD), FAU-Strukturen oder einzelnen sächsischen Politiker_innen.

In Sachsen haben wir öffentlich das Gesetz und die Folgen für Sexarbeiter_innen 
kritisiert. Gleichzeitig informierten wir auf einer Facebookseite über den neuesten Stand 
des Gesetzes. Einige Kolleg_innen halfen beim Übersetzen in andere Sprachen. Wir führten 
mehrere Infoveranstaltungen in Dresden durch und stellten uns für Interviews zur 
Verfügung. Schnell wurden wir als Ansprechpartner_innen für das Thema wahrgenommen, sowohl 
in Dresden als auch von außerhalb. Von Seiten der Medien gab es großes Interesse an 
"Betroffenen", das wir aus Anonymitäts- oder Überlastungsgründen nicht immer befriedigen 
konnten oder wollten.

Mit dem Sächsischen Landtag verband uns eine vielseitige Auseinandersetzung: Wir leakten 
und kommentierten den Gesetzesentwurf, besuchten mit vielen Menschen eine öffentliche 
Anhörung und begleiteten diese mit einer Kundgebung und schrieben einen Offenen Brief an 
alle Landtagsabgeordneten. Mit unseren Beiträgen haben wir öffentlichen Druck erzeugt und 
zusammen mit anderen ziemlich starken Einfluss genommen. Z.B. wurden die Gebühren für die 
Registrierung und Zwangsberatung erheblich gesenkt. Schlussendlich bedachten wir die 
Landtagssitzung zum SächsProstSchGAG1 mit einem Regen aus Hurenpässen2, die wir 
personalisiert auf die Abgeordneten ausgestellt hatten. Diese Aktion setzte einen 
fulminanten Schlusspunkt unter unsere Kampagne zum Gesetz und bescherte uns lustige 
Zeitungsüberschriften und bundesweite Zustimmung aus der Hurenbewegung.

Einige Zeit später setzten wir uns nochmal zusammen, um einen Auswertungstext zu 
schreiben. Selbst ein Jahr später erreichten uns weiterhin Anfragen für Podiumsgespräche.

Solidarität und Abgrenzung
Neben der Wirkung nach Außen hat unsere Arbeit einzelne Mitglieder der Gruppe auch 
individuell weitergebracht: Die Initiative gab aktiven Sexarbeiter_innen Raum, um über 
ihre Arbeit zu sprechen und Unterstützung und Solidarität zu erfahren. So wurde es 
möglich, eigene Probleme in einem größeren Zusammenhang zu begreifen, damit nicht allein 
zu sein und zu erleben, dass gemeinsames (politisches) Handeln tatsächlich etwas bewirken 
kann - dass es einen Unterschied macht, ob wir den Mund aufmachen oder nicht.

Selbstkritisch bleibt anzumerken, dass auch wir nur in bestimmte Bereiche der Branche 
Einblick hatten, vor allem in deutschsprachige, nicht ganz so prekäre. Die Kontaktaufnahme 
zu anderen Bereichen mit härteren Arbeits- oder Lebensbedingungen hätte viel mehr Zeit und 
Einsatz gebraucht, wäre aber auch grundlegend für eine übergreifende, solidarische 
Organisierung gewesen. Zudem hatten wir mit dem Widerspruch zwischen dem Anspruch eines 
nachhaltigen Strukturaufbaus und Kampagnenaktivismus unter Zeitdruck zu kämpfen.

Austausch und Selbstorganisation
Neben diesen nach außen wirkenden Ergebnissen unserer Arbeit haben wir auch einiges 
erreicht, was die einzelnen Mitglieder der Gruppe in der ein oder anderen Form individuell 
weitergebracht hat: In der Initiative haben aktive Sexarbeiter_innen einen Raum gefunden, 
der ihnen die Möglichkeit gab, über ihre eigene Arbeit zu sprechen und darin Unterstützung 
und Solidarität zu erfahren. Die Gruppe hat es mit ihrer Ausrichtung möglich gemacht, 
eigene Unsicherheiten und Probleme in einem größeren Zusammenhang zu begreifen, damit 
nicht alleine zu sein und sich nicht einschüchtern zu lassen. Sie hat erfahrbar gemacht, 
dass gemeinsames (politisches) Handeln tatsächlich etwas bewirken kann - dass es einen 
Unterschied macht, ob wir den Mund aufmachen oder nicht.

Selbstkritisch bleibt anzumerken, dass auch wir nur in bestimmte Bereiche der Branche 
Einblick hatten, vor allem die deutschsprachigen, nicht ganz so prekären. Die 
Kontaktaufnahme zu anderen Bereichen, in denen härtere Arbeits- oder Lebensbedingungen es 
schwieriger machen, hätte viel mehr Zeit gebraucht und viel Arbeit gekostet, wäre aber 
auch wichtig für eine übergreifende, solidarische Organisierung gewesen.

Außerdem ist die zusätzliche Belastung durch repressive Gesetze und Behörden nicht zu 
unterschätzen. Viele Sexarbeiter_innen sind dadurch erst recht eingeschüchtert und wollen 
erst recht anonym bleiben. Dadurch wurde sicher auch die Hemmschwelle noch erhöht, zu 
einem Treffen zu kommen.

Nicht zuletzt hatten auch wir mit dem Widerspruch zwischen dem Anspruch eines nachhaltigen 
Strukturaufbaus und Kampagnenaktivismus unter Zeitdruck zu kämpfen.

Differenzierte Diskussionen
Wir haben uns in der Diskussion um Sexarbeit vs. Prostitution um eine möglichst 
differenzierte Betrachtung bemüht. Im Großen und Ganzen erhielten wir viele positive 
Rückmeldungen für unsere Position. Zugleich unterschied sich unsere Haltung von anderen, 
zum Beispiel von der des Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen (BSD), der mit seiner 
wirtschaftsliberalen Ausrichtung und als Lobbyverein von Bordellbetreiber_innen nur so 
lange die Belange der dort Beschäftigten berücksichtigt, wie diese nicht im Widerspruch zu 
den Interessen der Betreiber_innen und Kund_innen stehen.

Auch haben wir etwas andere Punkte betont als der BeSD in seiner Öffentlichkeitsarbeit und 
Vernetzung von Sexarbeiter_innen. Er legte den Fokus vor allem auf Entstigmatisierung, 
Networking und professionellen Austausch, während wir stärker das Ziel der 
(Selbst-)Organisierung am Arbeitsort hochhielten. Mit seinen Positionen erreicht der BeSD 
strukturell vor allem sozial und ökonomisch besser gestellte Sexarbeiter_innen. In der 
öffentlichen Debatte wurde dieser Sachverhalt wiederholt von Politiker_innen und 
Kritiker_innen angeführt, um die Forderungen des BeSD abzuwehren, weil diese von 
Privilegierten kämen. In dieser Form entlarvt sich vermeintliche Kritik als 
Hurendiskriminierung.

Es bleibt die Frage, wie die Themen von Sexarbeiter_innen, die weniger Geld und Zeit haben 
oder mehr Angst haben, ebenfalls Gehör bekommen - doch diese Frage richtet sich nicht 
allein an die Interessenvertretung von Sexarbeiter_innen, sondern noch stärker an Medien 
und Politik.

Mit all diesen Fragen wird wohl jeder Versuch der Organisierung in der Branche umzugehen 
haben, wenn es um gute Arbeits- und Lebensbedingungen und nicht nur um eine 
wirtschaftsliberale Abwehr staatlicher Regulierung gehen soll. Ein Schritt dabei sind die 
- auch im BeSD geführten - Diskussionen um die Verwobenheit mit verschiedenen 
Herrschaftsdimensionen und Bemühungen um größere Diversität.

Forderungen und Ideen für die Zukunft
Zu weiteren politischen Maßnahmen, die Sexarbeiter_innen im Gegensatz zum ProstSchG 
tatsächlich schützen, zählen eine Stärkung von Selbstbestimmung, Arbeitsrechten und 
Beratungsangeboten. Dies kann nicht allein ehrenamtlich geleistet werden. Daher haben wir 
die Einrichtung bzw. den Ausbau unabhängiger, anonymer, niedrigschwelliger und 
mehrsprachiger Fachberatungsangebote gefordert, unter anderem zu den Themen Arbeitsrecht 
und sexualisierte Gewalt. Besonders wichtig ist aus unserer Sicht auch der Bereich 
Streetwork, insbesondere um den Zugang zu Gesundheitsdiensten für Menschen ohne 
Krankenversicherung oder geregelten Aufenthaltsstatus zu erleichtern. Die materielle 
Absicherung, insbesondere von Migrant*innen, muss sichergestellt werden. Weiterhin müssen 
Bildungsangebote wie Deutschkurse, berufliche Aus- und Weiterbildungen oder 
Selbstverteidigungskurse geschaffen werden. Der mindeste Schritt dahin wäre die 
grundlegende Überarbeitung des ProstSchG anhand der Perspektiven und Wünsche der 
unterschiedlichen Betroffenen, die bislang komplett ignoriert wurden.

Ganz wichtig ist die Selbstorganisation und der Austausch unter Kolleg_innen. Dazu 
bräuchte es in jeder Stadt Treffpunkte, z. B. regelmäßige Hurenstammtische. Damit diese 
auch von verschiedenen Leuten besucht werden, müssten Kontakte zu Arbeitsorten aufgebaut 
werden, ohne über die Betreiber_innen zu gehen, und auch unabhängig von staatlichen 
Stellen. Irgendwann könnte die Vernetzung so stabil sein, dass man gemeinsam mit allen 
Kolleg_innen - ohne Arbeitgeber_innen - besprechen kann, wie man arbeiten will, wie viel 
sexuelle Dienstleistungen kosten sollen und unter welchen Bedingungen sie überhaupt 
angeboten werden sollen. Damit das Gespräch über solche Fragen nicht abbricht, können 
gemeinsame Strukturen, beispielsweise Betriebsgruppen gegründet werden.

Dies sollte inklusiv und solidarisch mit allen Kolleg_innen stattfinden, ohne rassistische 
Abgrenzungen oder solche zwischen verschiedenen Bereichen der Branche. Dazu können bereits 
existierende Strukturen genutzt werden, wie der BeSD oder die branchenübergreifende 
basisdemokratische Gewerkschaft FAU. Auch ein Blick in andere Länder wie Spanien ist 
inspirierend, wo Kolleg_innen in der Sexarbeiter_innen-Gewerkschaften OTRAS (Organización 
de Trabajadoras Sexuales) ihre Interessenvertretung seit 2018 selbst in die Hand nehmen.

Ein weiteres Feld für einen positiven gesellschaftlichen Wandel sind Workshops zur 
sexuellen Bildung, z.B. zum Sprechen über Körperteile oder über Sex, zum Grenzen-Setzen 
oder zur Vulva-Massage. Noch viel zu selten gibt es solche Bildungsangebote, die vielen 
Menschen in Beziehungen und Sexualität nützen würden. Auch kritische Vorträge und 
Trainings gegen Hurendiskriminierung sind wichtig. Solche Veranstaltungen können von 
Sexarbeiter_innen angeleitet werden, wobei sie als Expert_innen und nicht als Objekt von 
Stigmatisierung agieren.

Ein Schlusswort
Grundsätzlich müssen wir uns mit den gesellschaftlichen Ursachen der Probleme in der 
Sexarbeit auseinandersetzen, statt weitere, meist diskriminierende und stigmatisierende 
Regelungen einzuführen. Nicht Sexarbeiter_innen müssen bekämpft werden, sondern Armut, 
Rassismus, hierarchische Geschlechterverhältnisse und ungleich verteilte Bildungs- und 
Arbeitsangebote. Auch der Kampf gegen Zwangsarbeit und sexuelle Ausbeutung darf nicht 
vergessen werden.

Die Abwertung und Stigmatisierung von Sexarbeiter_innen kann nicht allein auf staatlicher 
Ebene überwunden werden, sondern muss in der gesamten Gesellschaft bekämpft werden. Mit 
einer starken Hurenbewegung im Rücken können Sexarbeiter_innen ihre Anliegen 
demonstrierend auf die Straße und in Rathäuser und Parlamente tragen. Wir brauchen 
Kolleg_innen, die ‚Gesicht zeigen‘, die auch diejenigen vertreten, die dazu nicht in der 
Lage sind - und dafür kämpfen, dass bald alle diesen Schritt gehen können.

Wir setzen auf den solidarischen Austausch mit feministischen, queeren und 
gewerkschaftlichen Bewegungen, damit Sex Workers nicht allein für ihre Forderungen 
einstehen müssen. Auch mit auf den ersten Blick politisch entfernt erscheinenden Ansätzen 
wie "Recht auf Stadt"-Bündnissen oder Mietprotesten gibt es wichtige Gemeinsamkeiten, die 
unter einem intersektionalen Blickwinkel zu vereinten sozialen Kämpfen zusammengeführt 
werden können. Praktische und theoretische Ansatzpunkte ergeben sich sowohl in älteren 
Debatten wie der um Sorge-, Haus- und Care-Arbeit, als auch in neueren Anläufen wie der 
internationalen feministischen Streikbewegung. Es müssen Brücken geschlagen werden 
zwischen den Erfahrungen von Sexarbeiter*innen und Ehefrauen, Putz- und Pflegekräften. Die 
konkreten Tätigkeiten und die Formen der Abwertung überschneiden sich stark - die 
Solidarisierung miteinander liegt auf der Hand.

1 "Sächsisches Prostituiertenschutzausführungsgesetz"

2 Die im ProstSchG vorgesehene "Anmeldebescheinigung", die von den zuständigen Behörden 
ausgestellt wird, regelmäßig erneuert und bei der Arbeit immer mitgeführt werden muss und 
von der Polizei kontrolliert werden kann.

https://evibes.org/2019/06/02/gastbeitrag-zum-internationalen-hurentag


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