(de) FDA-IFA, Gai Dào #100 - Begriff und Praxis der Revolution bei Gustav Landauer Von: Jan Rolletschek

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So Apr 21 08:47:30 CEST 2019


"Die Revolution ist die absolute Deterritorialisierung an jenem Punkt, an dem diese nach 
der neuen Erde, dem neuen Volk ruft."1 ---- Als Gustav Landauer im August 1914 kurz nach 
Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum wiederholten Mal den Verlauf der mexikanischen 
Revolution kommentierte, unterschied er dabei drei Arten des anarchistischen Engagements. 
---- Deren erste, die "so genannte Propaganda der Tat und der Insurrektion", sei nur noch 
von historischem Interesse. Die zweite und dritte hielt er jedoch weiterhin für relevant: 
"das radikale Eingreifen in schon vorhandene Revolutionen, von denen die Massen ergriffen 
sind" sowie "die Vorbereitung und der Aufbau der geistigen und wirtschaftlichen Grundlagen 
für eine staatenlose Gesellschaft von Gesellschaften"2. ---- Was Landauer solcherart über 
die Situation in Mexiko schrieb, kann als Vorgriff auf seine Rolle während der 
Novemberrevolution gut vier Jahre später gelesen werden:
"Da die mexikanischen Anarchisten sich vor eine Revo-
lution gestellt sahen, die da war, die im Wesentlichen ohne
ihr Zutun ausgebrochen war, blieb ihnen nichts übrig als
Nummer 2; zu 3 war es zu spät." Weil aber die positive
Vorbereitung, dieses Dritte und buchstäblich "Grund-
legende" für den Erfolg der Revolution, nicht zuvor gesche-
hen war, würde die Anarchie "nur eine revolutionäre
Partei" gewesen sein, die "nach Möglichkeit in der Hast und
dem Ungestüm der Gewalt" den Enterbten zu ihrem Recht
verhilft, ohne indes die Geburt "einer neuen autoritären
Gewalt" verhindern zu können. Diese Gewalt ist "Herr-
schaftsgewalt" im Dienste des Privilegs und wird sofort
daran gehen, "die Eroberungen des arbeitenden Volkes zu
beschneiden und einzudämmen wo es nur geht".
Diese Ausführungen, in denen Landauer noch im Herein-
brechen des Krieges, über dessen Ausmaße er sich nicht
täuschte, den Aufbau und die Vorbereitung als die gegebene
"Aufgabe" anspricht, werfen nicht nur ein Licht auf die
Situation, in der er sich am Ende des Krieges wiederfinden
sollte, sondern auch auf seine Auffassung der Revolution.

Begriff der Revolution

Landauers Begriff der Revolution ist äußerst vielschichtig.
Nur drei Aspekte seien genannt. Einerseits sind die Revo-
lutionen, an die Landauer denkt, weit ausgedehnte Zeit-
spannen der Auflösung freiwilliger Bindungen und der
Suche nach neuen Formen der Gemeinsamkeit, deren letzte
er im 16. Jahrhundert mit der "sogenannten Reformations-
zeit" und dem Ende des christlichen Mittelalters einsetzen
sah. Wir kennen demnach aus eigener Erfahrung nichts
anderes als eben diese lange, noch stets andauernde Periode
der Revolution, worin die Ereignisse, "die man im beson-
deren Revolutionen nennt", nur "allerlei Auf und Ab"3 und
verschiedene "Etappen" darstellen. In diesen langen Phasen
der Auflösung, des Übergangs und der Abwesenheit eines
freiwillig verbindenden Geistes werden die Menschen
durch Ersatzmittel des Geistes - etwa Nationalismus, Geld
und äußere Bande staatlicher Gewalt - zusammengehalten,
gegen welche die Einzelrevolutionen nur ein periodisch
wiederkehrendes Aufbegehren sind: "Die Gewaltsurrogate
des Geistes werden drückend; die Utopie bäumt sich auf
gegen eine besondere Übergangsform; in schweren Kämpfen
unter der Führerschaft hochgeistiger oder seelenhaft tap-
ferer Individuen tritt an die Stelle der einen Übergangs-
form ein anderes, mehr oder weniger variiertes Surrogat,
und dieses hin und her geht solange unter den Menschen,
bis die Zeit erfüllt ist und aus dem Gemüt und der Not der
Individuen wieder ein verbindender Geist herausbricht, der
neue Formen des Mitlebens schafft und durcheinander
schichtet." 4

Ohne diesen verbindenden Geist, der sich in konkreten
Einrichtungen und Formen der Vergesellschaftung seine
materielle Entsprechung erzeugt und selbst erst konkreti-
siert5, werden die Revolutionen im Besonderen, die nur wie
ein "Bad des Geistes"6 sind, immer wieder fällig. Die Kraft
der Revolution, in diesem zweiten, besonderen Sinn, liegt
jedoch vor allem "in der Rebellion und Negation", während
sie "gar keine oder völlig ungenügende, ganz alltägliche
positive Kräfte" bereithält und ihre "Auskunftsmittel"7 für
ein "Bleiben im Positiven"8 äußerst gering sind. Es sei nach-
gerade ihre "allgemeine Eigenschaft", "nur ein Aufschwung
und ein Traumdasein und ein Taumel zu sein", und an der
französischen vor allem lasse sich ersehen, auf welchen
Weg man sich begibt, wenn "soziale Probleme, die Fragen
des Eigentums zunächst, mit den Mitteln der politischen
Revolution"9 gelöst werden sollen.
Demnach wäre es also zwecklos, ja geradezu schädlich, nur
auf diese besonderen Revolutionen zu warten. Hingegen
gelte es vielmehr, sofort, unter den gerade gegebenen
Bedingungen, mit der Verwirklichung des Sozialismus zu
beginnen und eine positive, von kapitalistischen Wirt-
schaftskreisläufen so weit wie möglich unabhängige Kraft
aufzubauen. Dieser Aufbau ist, drittens, die eigentliche Re-
volution. Die Reproduktionsformen einer neuen Gesell-
schaft müssen schon da sein, bevor eine politische Revo-
lution ihrer weiteren Ausdehnung den Weg frei macht.

Auf diese Weise hatte Landauer auch das Problem des Über-
gangs adressiert. Die Revolution ist nicht länger primär die
Negation des Bestehenden, das Kindermärchen des großen
Auf-Einmal und des Neubeginns auf der tabula rasa , son-
dern die sofort beginnende Transformation der gesellschaft-
lichen Bewegungsformen und Veränderung der Bezieh-
ungen. Bereits 1895, im Zusammenhang der Agitation für
die Konsumgenossenschaft, hatte er in diesem Sinne
geschrieben: "Ich sage nicht: Erst zerstören, dann aufbauen!
Das überlasse ich denen, die in dem allgemeinen Chaos für
sich eine Herrscherrolle herausfischen wollen. Vielmehr sei
unsere Losung: Erst aufbauen! In der Zukunft wird es sich
herausstellen, ob überhaupt noch etwas Zerstörenswertes
aufrecht stehen geblieben ist." 10 Da jedoch der Aufbau
selbst, indem er dem Bestehenden die Kräfte entzieht,
zugleich ein Einreißen ist, fangen die "alten Gegensätze von
Zerstören und Aufbauen[...]an, ihren Sinn zu verlieren"11.
Wie bei jeder Metamorphose ist die Negation nur die
Kehrseite der Affirmation; Werden und Vergehen sind strikt
identisch, und es kommt eben darauf an, dass etwas wird,
was das Leben erhält.

Von Vorbereitungen und positiven Ansätzen war jedoch am
Ende des Krieges nichts zu erkennen, vielmehr musste der
Sozialismus, wie Landauer Anfang Januar 1919 schrieb, "im
Chaos fast aus dem Nichts geschaffen werden"12. Er war
sich der Schwierigkeit des Unterfangens, ja geradezu seiner
Unmöglichkeit brennend bewusst. Damit bei einer Revo-
lution etwas anderes als nur ein Wechsel der Herrschaft
herauskäme, und nicht etwa die Menschen "durch Dekrete
[...]als Staatsheloten in ein neues Wirtschaftsmilitär"13 ein-
gereiht würden, hätten zuvor die Revolutionär*innen
"geistig", d.h. ihrer gänzlichen Relativität und Abhängigkeit
inne zu werden, hätten sich selbst als Gemeinschaft und in
sich selbst die Gemeinschaft mit der Welt, durch die sie
beständig hervorgebracht werden, zu entdecken. Nichts
davon war der Fall. Nicht aus Einkehr und Umkehr war
schon das Ende des Krieges gekommen. Tage nach dem
Waffenstillstandsgesuch des Reichskanzlers im Oktober
1918 schreibt Landauer: "[D]en Deutschen kommt alles von
oben"14; und am Tage vor seinem Eintritt in die Revolution
heißt es in eben diesem Sinne: "Wir haben eine ungeheure
Aufgabe, die dadurch noch schwerer gemacht ist, daß nach
all den Qualen, die den Menschen die Ausdauer genommen
haben, der Sieg über die alten Mächte so spielend leicht
war. So stehen wir vor der größten Wandlung, ohne daß die
meisten innerlich bereit und gewandelt sind." 15

Landauer in München

Während der ersten Tage der Novemberrevolution hatte
Landauer die spanische Grippe. Bereits am 8. November
versuchte Kurt Eisner ihn für die Revolution zu gewinnen.
Landauer antwortete, er wolle sich "noch schonen, um am
Leben zu bleiben"16, da man ihn wohl eher fürs Zweite
denn fürs Erste würde gebrauchen können. Am 14.
November drang Eisner wiederum mit der Bitte auf ihn ein,
in Bayern "durch rednerische Betätigung an der Umbildung
der Seelen mit[zu]arbeiten"17, mithin der Revolution die
geistige Grundlage nachträglich unterzuschieben. Noch
halb krank war Landauer am Abend des Folgetages unter-
wegs nach München18, wo er sich sofort in die Rätebewe-
gung stürzte und während des Frühlings 1919 zentral an der
nur eine knappe Woche währenden ersten baierischen Räte-
republik beteiligt war.
Womöglich hätte der 21. Februar 1919 das Ende der
Revolution in Bayern markiert, wäre nicht Kurt Eisner an
diesem Tag, kurz bevor er seinen Rücktritt bekannt geben
konnte, ermordet worden.19 Sofort kam es in München und
Nürnberg zu Generalstreiks. Alle öffentlichen Gebäude
Münchens und die Redaktionen der bürgerlichen Presse
wurden besetzt. Ein Zentralrat bildete sich noch am Nach-
mittag desselben Tages aus Vollzugsräten der Arbeiter-,
Bauern- und Soldatenräte sowie dem Revolutionären
Arbeiterrat. Nach dem Zeugnis Erich Mühsams war die
Forderung nach: der "Räterepublik![...]vom Tage des Todes
Eisners an der Refrain aller Kundgebungen. Ein stürmisches
Verlangen nach ihrer sofortigen Ausrufung machte sich im
Proletariat geltend, und die kommunistische Partei insbe-
sondere erhob diese Massenforderung zu ihrer eigenen"20.
Die Beisetzung Eisners am 26. Februar schwoll zur größten
Demonstration an, die München bislang gesehen hatte.
Auch in anderen Städten kam es zu umfangreichen Trauer-
märschen, Besetzungen, erzwungenen Rücktritten, Soziali-
sierungen und anderen Aktionen, die das Gesicht einer
"zweiten Revolution" trugen.21
Am 28. Februar stellte Erich Mühsam im Rätekongress einen
Antrag auf Ausrufung der Räterepublik, der mit 234 zu 70
Stimmen abgelehnt wurde. Immer wieder hatte Landauer
sich - wie namentlich auch bei dieser Gelegenheit - gegen
die sofortige Ausrufung der Räterepublik ausgesprochen,
welche er für verfrüht hielt, wie er Mühsam "privatim"22
mitteilte, gleichwohl er sich - darin Eisner ähnlich - ent-
schieden für die Verankerung des Rätesystems in der Ver-
fassung einsetzte.
Am 25. Februar trat ein bayerischer Gesamträtekongress
erstmalig zusammen.23 Am 28. Februar erreichte den
Kongress aus Ingolstadt die Nachricht, dass u.a. die
Mehrheitssozialdemokraten Ernst Schneppenhorst und
Johannes Hoffmann dort Truppen gegen München gewor-
ben hatten. Am 18. März trat der Landtag zusammen, bil-
dete ein Kabinett unter der Leitung Hoffmanns. Die Ausru-
fung der Räterepublik in Ungarn am 21. März steigerte den
seit der Ermordung Eisners ohnehin erheblichen Elan der
Massen erneut. Die Nachricht von ihrer Ausrufung, teilt
Mühsam mit, schlug ein "wie eine Bombe"24. Man hoffte
nun, durch die Ausrufung der Räterepublik könne Östereich
in die Klemme genommen und so womöglich ein Korridor
von Russland bis nach Bayern geschaffen werden.25 Am 4.
April forderten die Augsburger Arbeiter*innen, die ebenfalls
im Generalstreik standen, die sofortige Ausrufung der
Räterepublik und die proletarische "Diktatur". Auch drohte
die Einberufung des Landtags zum 8. April.26 Am 5. April
kollabierte die Regierung Hoffmann und floh nach
Bamberg. Die Räterepublik sollte sofort proklamiert werden.
Auch Landauer stimmte zu und fügte sich in die Ausrufung
der Räterepublik zum 7. April; dies trotz des Versuchs seines
Freundes Mühsam, ihn von der akuten Gefahr zu überzeu-
gen, die in der 48stündigen Verzögerung lag, welche den
Rechtssozialisten konzediert worden war und welche diese
nutzen sollten, um gegen die Räterepublik zu konspirieren.27
Die Sozialdemokratie setzte sich, wie schon in Berlin, an die
Spitze der Revolution, um ihr dieselbe zu brechen.28 Die
Delegation der KPD, um Eugen Leviné, hatte diese Strategie
erkannt und entzog der, wie sie sagten, "Scheinräterepublik"
am 6. April überraschend ihre Unterstützung. Die Soldaten
in München jedoch stellten sich geschlossen hinter die Räte-
republik, und noch am 11. April sprach sich bei einer
Urabstimmung die Hälfte der Münchner SPD für die Räte-
republik aus.

Die Zeit der Revolution

Am 7. April richtet sich Landauer wie in einer Art ironisch-
em Stoßgebet an Fritz Mauthner: "Die bairische Räte-
republik hat mir das Vergnügen gemacht, meinen heutigen
Geburtstag zum Nationalfeiertag zu machen. Ich bin nun
Beauftragter für Volksaufklärung, Unterricht, Wissenschaft,
Künste und noch einiges. Läßt man mir ein paar Wochen
Zeit, so hoffe ich, etwas zu leisten; aber leicht möglich, daß
es nur ein paar Tage sind, und dann war es ein Traum." 29
Mit großem Eifer macht er sich an die Arbeit, versichert
sich - vergeblich - der Loyalität der Bürokratie, verfügt
eine Hochschulreform, lässt unter den Bauern agitieren.
Bereits Mitte Januar des Jahres war die Novemberrevolution
in Berlin niedergeschlagen, waren Luxemburg und
Liebknecht ermordet worden. Die Zeichen im Reich standen
denkbar schlecht für den Erfolg der Revolution.
Die Räterepublik, so heißt es in ihrer Bewertung oft, sei in
einem historischen Moment ausgerufen worden, da alle
Umstände schon gegen sie gewendet waren. Sie sei "Epilog"
gewesen, da sie zu spät ausgerufen wurde, "als die Würfel
auf Reichsebene schon gefallen waren, die Machtverteilung
nahezu als unwiderruflich entschieden galt".30 Mit Eberhard
Kolb gibt auch Seligmann zu Protokoll, dass die Ausrufung
der Räterepublik Ausdruck des Protests gegen den bisher-
igen Verlauf der Revolution und ein letzter verzweifelter
Versuch gewesen sei, auf Reichsebene bereits gefallene
Entscheidungen zu revidieren.31 Die städtische Massen-
basis konnte die mangelnde Vorbereitung nicht kompen-
sieren. Auch Landauer konnte diese Aufgabe, nicht nach-
träglich leisten. Die Revolution in Berlin hatte "ihren
Höhepunkt bereits überschritten"32, als im Januar der sog.
"Spartakusaufstand" blutig niedergeschlagen worden war.
Die Reichsregierung hatte die Kontrolle zurückerlangt und
es deutete nicht viel darauf, dass die Dinge in Bayern eine
andere Wendung nehmen würden. Reichswehrminister
Noske hatte seine Hilfe offeriert, Freiwilligenverbände
gegen die Räteherrschaft sammelten sich nördlich
Münchens und auch die Alliierten konnten kein Interesse
an einer "Ausbreitung des Bolschewismus"33 haben. So war
auch das Aufbäumen der zweiten Räterepublik von Beginn
ab an aussichtslos, "aber immer nur hintennach kann man
feststellen, wenn eine Wirklichkeit da ist, daß sie also eine
Notwendigkeit ist; wenn etwas nicht geschah, daß es also
nicht möglich war"34. Bei aller auch möglichen Voraussicht
stellt sich historische Notwendigkeit letztlich doch erst
rückwirkend und vom Resultat aus her. Nicht dass die
tatsächlichen Ereignisse so rückwirkend sich veränderten,
wohl aber ihr Status; und diese schmale Pforte des
Nichtwissens um das Schicksal ist die Möglichkeits-
bedingung seiner Veränderung: "Was in der Menschenwelt
die neuen Wirklichkeiten schafft, ist immer das Unmögliche
gewesen." 35 Ex post-Analysen sind in jeder Hinsicht billig
zu haben.
Die Rätebewegung stand so isoliert nicht da, wie - zum
Zwecke ihrer Diskreditierung - in der frühen Nachkriegs-
forschung, oftmals dargestellt.36 Wohl an die 6000 Räte in
ganz unterschiedlichem Umfang haben sich im Freistaat
während der Revolution gebildet. Als der "Jubel der ersten
Revolutionstage" vorüber war, schreibt jedoch Chris
Harman, und erst dann, sei oftmals nicht viel mehr als ein
unbestimmter "Wunsch nach Veränderung"37 übrig geblie-
ben. Die "zweite Revolution" vom Februar 1919 jedoch wird
dies wiederum etwas verändert haben. In zahlreichen
Ortschaften Niederbayerns wurde die Räterepublik zumin-
dest zeitweilig anerkannt.38
In der Biographie Eugen Levinés schreibt seine verwittwete
Frau, Rosa Leviné-Meyer, dass Leviné um die Unver-
meidlichkeit der Niederlage wusste, als er ab dem 13. April
1919 die Macht übernahm.39 Erschien der KPD die
Ausrufung der Räterepublik zunächst zu früh, so kam ihr
Engagement nun "zu spät"40.
Was den kairos der Proklamation anbelangt konzediert
Mühsam, dass sie überstürzt gewesen sei, insofern die
Machtübernahme ungenügend vorbereitet war.41 Zugleich
grämt er sich jedoch, dass er, Max Levien und Landauer am
28. Februar als erste "gebremst" und die "mächtige Demon-
stration erregter Arbeiter", die vor dem Landtagsgebäude
aufgelaufen war, beschwichtigt und zum Abzug bewegt
hatten. Andernfalls, meint er, wären alle späteren Differen-
zen vermieden, wäre die sofortige Ausrufung "durch einen
heroischen Akt des Proletariats erzwungen"42 und die
Reaktion überrumpelt worden. Es scheint also schwierig,
den richtigen Zeitpunkt für einen solchen Akt zu ermitteln,
womöglich, weil die Revolution nicht vorgesehen ist im
normalen Lauf der Dinge und es diesen ‚richtigen‘ Augen-
blick also nicht gibt.
In einer Gedenkschrift zum 50. Geburtstag Landauers, am 7.
April 1920, schreibt Mühsam: "Der Zeitpunkt war nicht
richtig erfaßt. So konnte Verrat sich einnisten und unend-
liches Leid stiften, wo unermeßlicher Segen hätte entstehen
sollen." 43 Wäre es zu diesem "Verrat" aber nicht auch ohne
die den Sozialdemokraten zugestandene Verzögerung der
Ausrufung um 48 Stunden gekommen, und wäre er nicht
ebenso wirksam gewesen, weil auf viel breiterer Ebene die
Voraussetzungen nicht erfüllt waren?
Was aber das Verhältnis von Struktur und Ereignis, Makro-
und Mikroebene angeht, kann es in Anbetracht der ungenü-
genden "unterirdische[n]Vorbereitung im Lande"44 kaum
verwundern, dass die Sicherung der einmal proklamierten
Räterepublik aus der Hand gelaufen ist und laufen musste.
Wo sonst sollten die Dinge auch entgleiten als stets auf der
kontingenten Ereignisoberfläche und daher wirklich hier
sich scheidend - aber auch nur scheinbar so, denn entschie-
den wären sie bereits, und sie entgleiten notwendig, wenn
nicht hier dann dort, aufgrund der unterliegenden Voraus-
setzungen. Immer ist es die Verknüpfung kleinster, schein-
bar zufälliger Begebenheiten und Einzelereignisse, die den
Ausschlag gibt. So kann mal dieser, mal jener Moment,
diese oder jene Handlung oder Unterlassung Mühsam im
Nachhinein als entscheidender Fehler erscheinen.

Neben der Anerkennung, dass die Ausrufung der Räte-
republik verfrüht war, findet sich ebenso der Gedanke, dass
es vielleicht keinen richtigen Augenblick gibt, dass keiner
richtiger ist als der nächste. Die Revolution muss sich also
einrichten zwischen ihrem "zu spät" und ihrem "zu früh".
Auch ihr richtiger Moment wäre erkennbar erst, wenn er
verstrichen ist, und so ist es immer zu früh, gerade so lange,
bis es zu spät ist. Der richtige Moment käme nie. Man wird
also sagen müssen, dass die Revolution keinen richtigen
Moment hat, dass sie nicht vorgesehen ist im Kontinuum
des Geschehens, dass demnach jeder Moment der richtige
ist, und sie sich einzudrängen hat zwischen ein "zu früh"
und ein "zu spät", dass tatsächlich, wie Walter Benjamin
sich ausgedrückt hat, "jede Sekunde die kleine Pforte ist,
durch die der Messias treten[kann]"45, dass jeder
Augenblick, nicht wie ein Abwarten, sondern tatsächlich,
"revolutionär" sein soll, dass aber jeder Augenblick nur eben
" seine "46 revolutionäre Chance mit sich führt und diese also,
je nachdem, mal laut und mal ganz still und unscheinbar
und in Vorbereitungen erfüllt sein will.47

1 Gilles Deleuze und Félix Guattari: Was ist Philosophie?.
Frankfurt a. M. 2000, S. 117.
2 Gustav Landauer: Mexiko. In: Ders.: Internationalismus.
Ausgewähnte Schriften Bd. 1. Lich /Hessen 2008, S. 139-144,
hier S. 143. Im Weiteren des Abschnittes ebenda.
3 Landauer: Die Revolution. Frankfurt a. M. 1907, S. 26
4 Ebd., S. 53.
5 Vgl. ebd., S. 92f.
6 Ebd., S. 108.
7 Ebd., S. 113.
8 Ebd., S. 82.
9 Ebd., S. 113.
10 Gustav Landauer: Arbeiter aller Länder, vereinigt Euch!
In: Ders.: Ein Weg zur Befreiung der Arbeiter-Klasse. Ausge-
wählte Schriften Bd. 14. Hg. von Siegbert Wolf. Lich/Hessen
2018, S. 169-173, hier S 173.
11 Gustav Landauer: Anarchistische Gedanken über Anar-
chismus. In: Ders.: Anarchismus. Ausgewählte Schriften Bd.
2. Hg. von Siegbert Wolf. Lich/Hessen 2009, S. 274-281, hier
S. 277.
12 Gustav Landauer: Vorwort zur neuen Auflage. In: Ders.:
Aufruf zu Sozialismus. Revolutionsausgabe. Berlin 1919, S.
VII-XVII, hier S. IX.
13 Landauer: Vorwort zur neuen Auflage. In: Ders.: Aufruf
zum Sozialismus (s. oben), S. VII-XVII, hier S. XI.
14 Brief an Louise Dumont-Lindemann vom 8.10.1918. In:
Gustav Landauer: Sein Lebensgang in Briefen, 2 Bde. Hg.
von Martin Buber und Ina Britschgi-Schimmer. Frankfurt
am Main 1929, 2 Bde., Bd. 2, S. 274.
19
15 Brief an Gudula Landauer vom 13.11.1918. In: Landauer:
Lebensgang (s. oben), Bd. 2, S. 295.
16 Zit. nach Tilman Leder: Die Politik eines "Antipolitikers".
Eine politische Biographie Gustav Landauers. 2 Bde.
Lich/Hessen, 2014, S. 751.
17 Landauer: Lebensgang (s. oben), Bd. 2, S. 296, Fußnote 1.
18Brief an Adolf Otto vom 15.11.1918. In: Landauer: Lebens-
gang (s. oben), Bd. 2, S. 296.
19 Nach einer deutlichen Niederlage bei den Landtags-
wahlen am 12. Januar, bei der Eisners USPD lediglich 2,5%
der Stimmen erhielt, wovon Landauer in seinem Wahlkreis
Krumbach ganze 92 - Anarchisten und Kommunisten
hatten die Wahl boykottiert -, war der erste Minister-
präsident Bayerns auf dem Weg zum Landtag, wo das neue
Parlament erstmalig tagte. Die vorformulierte Rücktritts-
erklärung hatte Eisner dabei, als er aus seinem Arbeits-
zimmer zu dem nur einen Häuserblock entfernt liegenden
Landtag aufbrach. Kurz darauf wurde er durch zwei Kopf-
schüsse aus der Pistole des Antisemiten Graf Anton Arco-
Valley getötet. Vgl. Allan Mitchell: Die Revolution in Bayern
1918/1919. Die Eisner-Regierung und die Räterepublik.
München 1967, S. 237.
20 Erich Mühsam: Von Eisner bis Leviné. Die Entstehung der
bayerischen Räterepublik. Persönlicher Rechenschafts-
bericht über die Revolutionsereignisse in München vom 7.
Nov. 1918 bis zum 13. April 1919. Berlin-Britz 1919, S. 29;
vgl. ebd., S. 46.
21 Michael Seligmann: Aufstand der Räte. Die erste bayer-
ische Räterepublik vom 7. April 1919. Grafenau-Döffingen
1989, S. 83ff.
22 Mühsam: Von Eisner bis Leviné (s. oben), S. 31.
23 Stenographischer Bericht über die Verhandlungen des
Kongresses der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte vom 25.
Februar bis 8. März 1919. München 1919.
24 Mühsam: Von Eisner bis Leviné (s. oben), S. 39.
25 Ebd., S. 46.
26 Ebd., S. 42.
27 Ebd., S. 49.
28 Hans Beyer: Von der Novemberrevolution zur Rätere-
publik in München. Berlin 1957, S. 67.
29 Landauer: Lebensgang (s. oben), Bd. 2, S. 413f.
30 Ernst Gusenbauer: Das Modell der Rätedemokratie und
die Münchner Räterepublik des Jahres 1919. Berlin. 2004, S.2.
31 Seligmann: Aufstand der Räte (s. oben), S. 51.
32 Helmut Neubauer: München 1918/19. In: Tankred Dorst:
Die Münchner Räterepublik. Zeugnisse und Kommentar.
Frankfurt a. M. 1966, S. 171-188, hier S. 184.
33 Ebd., S. 185; vgl. Brief an Hugo Landauer vom 19.3.1919.
In: Landauer: Lebensgang (s. oben), Bd. 2, S. 399.
34 Landauer: Aufruf zum Sozialimus (s. oben), S. 44.
35 Landauer: Die Revolution (s. oben), S. 109. Vgl. Ders.:
Aufruf (s. oben), S. 44.
36 Vgl. Martin Müller-Aenis: Sozialdemokratie und Rätebe-
wegung in der Provinz. Schwaben und Mittelfranken in der
bayerischen Revolution 1918-1919. München 1986.
37 Harman: Die verlorene Revolution (s. oben), S. 156. Vgl.
Brief an Julie Wolfthorn. In: Landauer: Lebensgang (s.
oben), Bd. 2, S. 376.
38 Seligmann: Aufstand der Räte (s. oben), S. 256.
39 Zit. nach Chris Harmann: Die verlorene Revolution.
Deutschland 1918-23. Frankfurt 1998, S. 171.
40 Neubauer: München 1918/19 (s. oben), S. 188.
41 Mühsam: Von Eisner bis Leviné (s. oben), S. 61.
42 Ebd., S. 31.
43 Erich Mühsam (Gefängnis Ansbach): Gustav Landauer.
Gedenkblatt zu seinem 50. Geburtstag: 7. April 1920. S. 299-
304, hier S. 304. In: Hans-Jörg Viesel: Literaten an der Wand.
Die Münchner Räterepublik und die Schriftsteller. Frankfurt
a. M. 1980, S. 299-304, hier S. 304.
44 Mühsam: Von Eisner bis Leviné (s. oben), S. 61.
45 Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. In:
Ders.: Abhandlungen. Gesammelte Schriften Bd I.2,
Frankfurt a. M. 1991, S. 691-704, hier S. 704.
46 Walter Benjamin: Abhandlungen. Gesammelte Schriften
Bd I.3, Frankfurt a. M. 1991, S. 1231.
47 Landauer hat sich, indem er Martin Bubers Interpretation
des Sozialismus als Schwundstufe des messianischen Ideals
kritisierte, einer messianischen Interpretion seines Sozialis-
mus entzogen: " nicht drittes Reich und Messianismus ,
sondern schlichte Verwirklichung nach Möglichkeit; nicht
‚Religion‘, sondern Sehnen und Mitleben". Ders.: Sozialis-
mus und Judentum. In: Ders.: Philosophie und Judentum.
Ausgewählte Schriften, Bd. 5. Hg. von Siegbert Wolf.
Lich/Hessen 2012, S. 350-351, hier S. 350.


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