(de) FAU, direkte aktion: GLÜCKWÜNSCHE ZUR 100. AUSGABE DER ZEITSCHRIFT GAIDÀO! -- Betrachtung der Entwicklung und der Herausforderungen eines bewegten Mediums der anarchistischen Szene. Von: Jonathan Eibisch

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Fr Apr 12 08:38:02 CEST 2019


Die Zeitschrift der Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen erscheint in ihrer 100. 
Ausgabe. Damit hat das autonome und pluralistische Zeitungsprojekt eine größere 
Kontinuität und gewissermaßen Tradition als viele anderen Projekte in der anarchistischen 
Szene. Monat für Monat in Eigenleistung eine Zeitschrift zusammenzustellen und kostenlos 
downloadbar zur Verfügung zu stellen, ist keine Selbstverständlichkeit und daher ein 
wichtiger Beitrag für die Kommunikation, den Austausch und die Organisierung innerhalb der 
anarchistischen Szene. Insbesondere ihre ansprechende und übersichtliche Homepage[1]stellt 
einen innovativen Meilenstein für anarchistische Printmedien dar. ---- DER STETIGE SPAGAT 
ZWISCHEN VERSCHIEDENEN VORSTELLUNGEN UND ERWARTUNGEN
Die Gestalt der anarchistischen Szene, gesellschaftliche Bedingungen insgesamt, aber auch 
der Mitmach-Charakter der Gai Dào und ihre gewollte Vielfältigkeit, führten dazu, dass die 
Qualität der Beiträge in ihr sehr schwankte. Leider wurden wenige kontinuierliche Debatten 
(auf eine solidarische und konstruktive Weise) geführt und die Artikel sind selten 
wirklich aktuell. Somit bewegten sich die Inhalte der Gai Dào in einem stetigen Spagat 
zwischen widerstreitenden Bedürfnissen vieler ihrer (potenziellen) Leser*innen: Gibt es 
für manche zu viele komplizierte Theorie-Artikel oder uninteressante Rezensionen, wünschen 
sich andere ein höheres theoretisches Niveau. Wollen die einen mehr aktuelle Infos für 
ihre politische Praxis, finden andere längere Debatten inspirierender. Während 
verschiedene Personen, sich eine größere Sachlichkeit, Ernsthaftigkeit oder auch Klarheit 
wünschen, können sich andere vor allem in unfertigen, ganz persönlichen 
Erfahrungsberichten und Gedankengängen wiederfinden.

Da die Redaktion wiederum weder die Absicht, vor allem jedoch nicht die Kapazitäten hat, 
um die Entwicklung der Gai Dào nach einer klareren Linie zu entfalten, sind ihre Inhalte 
zum Teil ein Abbild dessen, was in der anarchistischen Szene los ist. Mehr aber noch 
zeigen sie, welchen Wert Anarchist*innen auf Selbstdarstellung, Debatte, 
Bewusstseinsbildung und Organisation legen - zumindest an den Stellen, wo sie in die 
Öffentlichkeit treten. Dies ist durchaus nicht negativ gemeint: Es kann davon ausgegangen 
werden, dass sich wieder mehr Menschen eindeutiger dem Anarchismus zuwenden. Innerhalb der 
Szene findet auch viel Kommunikation statt - offensichtlich weniger jedoch in 
Zeitschriften. Möglicherweise spiegelt sich darin auch ein Generationsumbruch wider, 
insofern jüngeren Personen die Gai Dào entweder noch nicht bekannt ist oder sie weniger 
auf den Stand ihrer Erfahrungen und ihres Wissens eingeht, während die inzwischen älter 
gewordenen, verbleibenden Leute, der tendenziell nach wie vor in der Jugendbewegung 
verhaftetet Anarch at -Szene, eher das Bedürfnis nach mehr Seriosität, verbindlicheren 
Zusammenhängen, kontinuierlichen Strukturen und klaren inhaltlich-politischen Positionen 
und Analysen haben. Für die Letzteren ist es anstrengend, wenn Jüngere immer wieder das 
Rad neu erfinden wollen, während von den geführten Kämpfen leider oftmals wenig zu sehen 
ist, während erstere zurecht einfordern, ihre Gedanken artikulieren zu können, ohne sich 
dauernd anhören zu müssen, dass dies alles unausgegorener, idealistischer Quatsch sei, der 
ohnehin schon hundertmal diskutiert wurde.

Mit den hier angesprochenen Schwierigkeiten müssen logischerweise auch andere 
selbstgemachte anarchistische Zeitungen einen Umgang finden. Wenn dies also auch 
Publikationen wie den (leider eingestellten) Leipziger Feierabend![2], das kleine 
Anarcho-Info-Blatt Jena[3]oder das umfangreiche und bebilderte, noch recht junge Circle A 
aus Dresden[4]betrifft, so besteht an diesen jedoch Interesse gerade aufgrund des lokalen 
Fokus. Ein klares Profil hat Ne Znam. Zeitschrift für Anarchismusforschung, die sich aber 
aufgrund ihres Charakters und ihrer Inhalte nicht mit den anderen anarchistischen 
Zeitungen vergleichen lässt. Dies trifft im Übrigen auch auf die Graswurzelrevolution 
(GWR) zu, die allerdings als erfolgreiches anarchistisches Zeitungsprojekt gelten kann, 
aus verschiedenen Gründen jedoch weniger die Interessen der meisten Menschen abbildet, 
welche sich (potenziell) für die Gai Dào interessieren.

DIE STRUKTUR STEHT - BETEILIGT EUCH!
Festzustellen ist jedenfalls, dass es einen kontinuierlichen Rückgang der 
Leser*innenschaft gab. Sehr verzerrt lässt sich dies anhand der Download-Zahlen der 
Online-Ausgabe nachvollziehen (auch wenn klare Zahlen nie wirklich erhoben wurden). Dies 
ist insofern bedauerlich, als dass die Arbeit für die Redaktion die gleiche bleibt, 
während es meines Erachtens nach immer noch sehr lesenswerte Beiträge gibt. Der 
wesentliche Unterschied scheint zu sein, dass die meisten organisierten Anarchist*innen im 
Umfeld der FdA die Gai Dào aktuell nicht mehr als ihr eigenes Medium begreifen, dessen 
Redaktion jedoch darauf angewiesen ist, von ihnen regelmäßig Artikel zugesandt zu bekommen.

Doch da die Struktur der Zeitschrift steht und in ihrem Umkreis auch viele Erfahrungen 
vorhanden sind, besteht prinzipiell die Möglichkeit, ihre Auflage wieder zu steigern und 
damit einen weiteren Wirkungsradius zu entfalten, als die meisten selbstgemachten 
(explizit anarchistischen) Zeitungsprojekte. Dies wäre insbesondere wichtig für Menschen, 
die - weil sie auf dem Land oder in Kleinstädten leben, mit Arbeit gefordert sind oder 
sich gerade erst politisieren - auf Informationen und Beiträge zurückgreifen können, die 
öffentlich verfügbar sind. Gerade aufgrund der Selbstbezüglichkeit, nach welcher Menschen 
außerhalb dieser Szene oftmals kaum in den Blick kommen und dem Eindruck von 
Geschlossenheit, den sie verbreitet, wird nämlich oft eines vergessen: Ein großer Teil 
derjenigen, die sich heute politisch einbringen, sind nicht einfach direkt in eine 
anarchistische Szene hineingewachsen, sondern haben sich ihr über einen langen Prozess 
angenähert. Dies funktioniert nur mit persönlichen Beziehungen, Auseinandersetzung und 
einem gewissen Mindestmaß an Organisation. Zeitschriften sind dahingehend wiederum ein 
gutes Medium, was Menschen in die Hand gedrückt werden kann...

NEUE DIGITALE INFRASTRUKTUR?
Um den Schatz manches wirklich guten Erfahrungsberichtes oder Theorie-Textes in einzelnen 
vergangenen Ausgaben der Gai Dào wieder zugänglich zu machen und damit nicht zuletzt auch 
eine Dokumentation, beispielsweise auch internationaler anarchistischer Aktivitäten zu 
gewährleisten, könnte ein online-tool helfen, mit dem die einzelnen Artikel gesucht und 
angeklickt werden können. Dieses ist in Planung, wurde aber bisher noch nicht umgesetzt.

Abschließend noch einmal die Aufforderung an alle potenziell Interessierten, gern auch aus 
Kreisen der FAU: Bringt eure Erfahrungen, Gedanken und Berichte, ob kurz oder lang 
gehalten, in die Gai Dào ein! Selbstverständlich sind auch Themen zu Arbeitskämpfen und 
zum Alltag im Kapitalismus von Interesse - doch auch darüber hinaus habt ihr sicherlich 
einiges zu erzählen. Und abgesehen vom selber schreiben - vielleicht hat die eine oder 
andere unter euch auch Lust mal in den alten Ausgaben zu stöbern oder die Zeitschrift zu 
abonnieren...

https://direkteaktion.org/glueckwuensche-zur-100-ausgabe-der-zeitschrift-gaidao/


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