(de) anarcho syndikalismus: Unterbeschäftigung, Teilzeit und die Zukunft der Arbeit / IAA

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Di Sep 25 07:15:15 CEST 2018


Die Basisgewerkschaft Solidarity Federation (SF-IAA) hat vor kurzem einen Blick geworfen 
auf die aktuellen Entwicklungen im Vereinigten Königreich und den USA, welche geprägt sind 
von mangelnden Wochenstunden und unsicheren Arbeitsverträgen: ---- Als "unterbeschäftigt" 
werden Arbeiter*innen bezeichnet, die weniger Stunden bekommen als sie möchten und 
dringend benötigen. So gibt es beispielsweise in Großbritannien und Nordirland über 1,4 
Millionen Arbeiter*innen mit Null-Stunden-Verträgen["Arbeit auf Abruf"]. Zudem müssen 
viele der 865.000 Leiharbeiter*innen dort darum kämpfen, genügend Wochenstunden zu 
bekommen, um davon Leben zu können. Hinzu kommt, dass Unternemen immer mehr Leute in 
Teilzeit einstellen, oft mit Verträgen von 10 Stunden oder weniger. All diese 
Arbeiter*innen sind also davon abhängig, dass ihnen das Management zusätzliche Mehrarbeit 
ermöglicht.

Nach Angaben der britischen Statistikbehörde (Office for National Statistics) wünschen 
sich fast 10% aller Erwerbstätigen mehr Wochenstunden, was bedeutet, dass 3,3 Millionen 
Menschen teilweise arbeitslos sind. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass es 
vergleichsweise doppelt so viele Unterbeschäftigte gibt, wie Erwerbslose.

Die Unterbeschäftigung versetzt das Management in eine mächtige Lage, die es ihnen 
ermöglicht die Arbeitsbedingungen zu diktieren und am Arbeitsplatz ein Klima der Angst und 
ständiger Unsicherheit zu verbreiten. Die Arbeiter*innen haben daher das Gefühl, dass sie 
sich mit fast allem abfinden müssen, um nicht zu riskieren keine Extrastunden mehr 
angeboten zu bekommen.

Studien haben gezeigt, dass ein hohes Maß an Unterbeschäftigung sich schlecht auf das 
Arbeitsklima auswirkt, vor allem durch Diskriminierung, sexuelle Belästigung und 
Übergriffe, Dauerstress, psychische Störungen, Mobbing, willkürliche Regelungen, 
Bevorzugung und Lohnraub. Außerdem kann Unterbeschäftigung den Drahtseilakt zwischen 
Arbeit, Kinderbetreuung und Schule zu einem Albtraum werden lassen, da die zusätzlich 
benötigten Stunden meist nur kurzfristig in Anspruch genommen werden können.

"Wir erfahren erst am selben Tag
oder am Tag zuvor, wieviel Stunden wir
arbeiten sollen und wann die Anfangs- oder
Endzeiten sind. Als alleinerziehende Mutter
von zwei Kindern ist das sehr schwer für mich."

Wie weit Unterbeschäftigung tatsächlich verbreitet ist, wurde aufgedeckt durch eine 
Umfrage unter den 450.000 Mitgliedern der Gewerkschaft USDAW (Union of Shop, Distributive 
and Allied Workers). Dabei wurden überwiegend Arbeiter*innen aus Einzelhandel, Lager und 
Vertrieb, sowie Straßentransport interviewt. Fast zwei Drittel der Befragten (64%) 
arbeiten demnach regelmäßig mehr als im Arbeitsvertrag vereinbart wurde. Die Studie ergab 
auch, dass zwei Drittel solche Mehrarbeit künftig garantiert bekommen möchten. Außerdem 
gab jede zwanzigste Person (5%) an, sie wünschte sich mehr Arbeitsstunden.

Als ein Ergebnis der Untersuchung wurde auch ein zunehmender Anteil von Leiharbeiter*innen 
festgestellt, wobei 5% angaben, dass in ihrem Betrieb mindestens die Hälfte aller 
Kolleg*innen von Zeitarbeitsagenturen kommen. Darüber hinaus wurde bekannt, dass viele 
Arbeiter*innen einen zweiten Job annehmen müssen (8%) oder auf der Suche nach einem 
solchen sind (20%), um ihre Lebenshaltungskosten decken zu können.

Alarmierend ist auch der Anstieg von Minderstunden-Verträgen (mit bis zu 10 
Wochenstunden), mit denen die Unternehmen mittlerweile den schlechten Ruf von 
Null-Stunden-Verträgen vermeiden wollen. Die überwiegende Mehrheit der Befragten gab an, 
dass sie sichere Arbeitsplätze mit garantierten Wochenstunden wünschen. Fast alle (98%) 
sind zudem der Meinung, dass alle Arbeiter*innen ein Recht auf Verträge hätten, die ihrer 
normalen Stundenzahl entsprechen.

Diese Umfrage der USDAW sollte aufhorchen lassen, denn sie zeigt, dass die 
Unterbeschäftigung in den traditionellen Wirtschaftsbereichen[Einzelhandel und 
Logistik]stark zugenommen hat, deren Arbeitsplätze bisher allgemein als sicher angesehen 
wurden. Nun hat sich gezeigt, dass diese Branchen sich auf Bedingungen einstellen müssen, 
die wir heute schon in der "Gig-Ökonomie"[mit einzelnen Dienstleistungsaufträge]sehen, wo 
die Mehrheit der Arbeiter*innen von Woche zu Woche wechselnde Stundenzahlen je nach Bedarf 
des Unternehmens haben.

"Die Leiharbeiter*innen an meinem
Arbeitsplatz sind alle sehr unglücklich darüber,
wie sie behandelt werden. Sie erscheinen zur Arbeit -
manche haben bis zu 6 Euro Fahrtkosten -
und wenn sie ankommen, erfahren sie,
dass sie nach einer Stunde wieder gehen müssen."

Dass nun auch namhafte Firmen solche Unterbeschäftigung nutzen, um Kosten einzusparen und 
Gewinne zu erhöhen, sollte uns nicht allzu sehr überraschen. Diese Entwicklung findet im 
US-amerkanischen Einzelhandel schon seit langem statt und wird als "Kurzschichten" 
bezeichnet. Die Einzelhandelsunternehmen in den USA haben den "Just-in-time-Plan"[als 
bedarfsgesteuerte Arbeitszeit]eingeführt. Mit solchen und anderen "schlanken" 
Bearbeitungsprozessen werden dann vom Management immer mehr Teilzeitarbeiten eingeführt 
und niedrigste Hungerlöhne durchgesetzt.

Der Schlüssel zur Einführung von "schlanken"[oder "ganzheitlich" 
vernetzten]Betriebsabläufen ist die Verwendung neuester Technologien, die es dem 
Einzelhandel ermöglichen nun mit größerer Genauigkeit die Verkaufsmuster zu verfolgen und 
Lohnkosten vorherzusagen. Das versetzt die Unternehmen in die Lage, entsprechend dem 
wechselnden Geschäftsverlauf die Arbeitsstunden zu kürzen oder zu verringern.

Beispielsweise kann ein Algorithmus[als berechnendes Planungsprogramm]vorgeben, dass die 
Arbeiter*innen im Einzelhandel bei schlechtem Wetter noch vor Ablauf ihrer Schicht nach 
Hause geschickt werden. Ein anderes Beispiel ist der Einsatz von Sensoren in den Fußmatten 
von Ein- und Ausgängen, welche die Arbeitseinsätze entsprechend der Umsatzraten berechen, 
je nachdem wieviele Leute hineinkommen im Verhältnis zu denen, die mit Einkaufstaschen 
wieder hinausgehen.

Solche Methoden ermöglichen sogar großen Einzelhandelsunternehmen mit tausenden 
Arbeiter*innen, allen einen individuellen Einsatzplan vorzuschreiben, um Lohnkosten zu 
sparen. Das hat sogar dazu geführt, dass den einzelnen Arbeiter*innen wöchentlich ihre 
Verkäufe pro Stunde berechnet werden, um die Stundenplanung für die nächste Woche festzulegen.

Dabei geht nicht nur um Einsparungen, sondern es soll dauerhaft Druck auf die 
Arbeiter*innen ausgeübt werden, dass ihre Stunden gekürzt werden falls sie nicht noch mehr 
verkaufen. Das hat dazu geführt, dass garantierte Vollzeitstellen nur noch den 
Manager*innen und langjährigen Mitarbeiter*innen vorbehalten bleiben, während die Mehrheit 
der Belegschaft nur Teilzeitverträge bekommt und ständig auf Mehrarbeit angeweisen ist.

"Ich werde nicht als Vollzeit anerkannt,
aber während der Urlaubszeit arbeite ich voll.
Nur das Management kann offiziell den Vollzeit-Status bekommen."

So überrascht es nicht, dass diese "schlanke" Betriebsführung sich vom Einzelhandel auch 
in andere Wirtschaftszweige ausbreitet: Imbisse, Gaststätten, Hotels, 
Unterhaltungsindustrie und IT-Bereich, sowie Baugewerbe. Die Gewerkschaftsstudie legt 
nahe, dass sich diese "schlanke" Betriebsführung auch in der Wirtschaft des Vereinigten 
Königreiches (UK) verbreiten wird. Zum Beispiel schickt Amazon seine Arbeiter*innen 
regelmäßig nach Hause, wenn nicht genug Arbeit vorhanden ist. Und ein solches Vorgehen 
wird - ähnlich des US-Einzelhandels - auch dazu genutzt, damit die Arbeiter*innen 
gegeneinander um die zusätzliche Entlohnung durch Überstunden wetteifern.

Es wurde zwar schon viel über die Gefahren diskutiert, die von neuen Technologien 
ausgehen, und der Schwerpunkt lag dabei zu recht auf der zunehmenden Automation, welche 
Arbeitsplätze bedroht. Doch die technologische Bedrohung für weniger technische und 
"unqualifizierte" Jobs ist genauso real, was schwerwiegende Auswirkungen auf die Zukunft 
der Arbeit auch in Großbritannien und Irland haben könnte.

Es gibt bereits Anzeichen dafür, dass Unternehmen im Vereinigten Königreich sich bei der 
Investition in Technolgien zur Arbeitszeiteinsparung zurückhaltend zeigen, da dort der 
Preis der Arbeit niedrig ist. Mit dem Einsatz dieser neuen Techniken zur Senkung der 
Lohnausgaben, welche die Automatisierung weniger kosten lassen, wäre es möglich, dass die 
Arbeiter*schaft zunehmend aus staatlich geförderten, unterbeschäftigten Erwerbstätigen 
besteht, deren Leben sich aus der Not heraus dauerhaft um das Bedürfnis nach zusätzlichen 
Arbeitsstunden dreht, um genügend Lohn zu bekommen. Eine andere und viel wahrscheinlichere 
Möglichkeit könnte die Einführung einer Art allgemeinem Grundeinkommen sein.

Angesichts dessen dieht es die Solidarity Federation als ihre Pflicht an, jetzt neue 
Organisationsformen zu entwickeln, die mit den Herausforderungen einer sich rasend schnell 
verändernden Wirtschaft mithalten können. Dazu gehört auch ein Trainingskurs zur 
Organisierung am Arbeitsplatz, der offen für alle Interessierten ist.

Solidarity Federation (SF-IAA),
http://www.solfed.org.uk/manchester/underemployment-casualisation-and-the-future-of-work

Übersetzung[und Anmerkungen]:
Anarchosyndikalistisches Netzwerk - ASN Köln,
http://asn.blogsport.de (CC: BY-NC)

http://anarchosyndikalismus.blogsport.de/


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