(de) fda-ifa, Gai Dao #92 - Psychiatrie und gesellschaftliche Klasse* - Von: Anarchist Federation (Britain) (Organise Winter 2017) / Übersetzung: madalton

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Di Sep 4 08:54:30 CEST 2018


Die Diagnose und Behandlung von Menschen verschiedener gesellschaftlicher Klassen durch 
Psychiater*innen ist ein umfangreiches Thema und stellt ein dauerhaftes Themengebiet für 
Fachleute und Forschende im Bereich der psychischen Gesundheit dar. In diesem Vortrag 
werden jedoch einige der Themen in Zusammenhang von Klasse und Psychiatrie aus der 
Perspektive der Arbeiterklasse beleuchtet, wobei oft mehr Fragen als Antworten aufgeworfen 
werden, aber das ist keine schlechte Sache. ---- Psychiatrie ist definiert als die 
Untersuchung und Behandlung von psychischen Erkrankungen, emotionalen Störun gen und 
Verhaltensauffälligkeiten. Ich bin im Laufe der Jahre immer mehr zu einem*r Anhänger*in 
der Antipsychiatrie geworden, und zwar sowohl aufgrund meiner eigenen Erfahrungen, als 
auch aus dem Grund, dass ich allgemein mehr darüber gelernt habe. Es handelt sich um
  einen überflüssigen Beruf, der weder medizinisch noch
  wissenschaftlich fundiert ist. Er basiert in erster Linie auf
der subjektiven Beurteilung dessen, was als normales oder
  ungeordnetes Denken und Verhalten angesehen wird.
  Psychiater*innen kümmern sich nicht sonderlich um die
  Erfahrung oder den Kontext des Leidens der Person, son-
  dern um die Diagnose und Behandlung mit oft sehr ge-
  fährlichen Medikamenten, von denen die Psychiater*innen
  nur sehr wenig wissen. Die Geschichte der Psychiatrie ist
  eine, die sich tatsächlich nur sehr wenig verändert - und
  auch erreicht - hat, wenn es darum geht, das menschliche
  Leiden zu verstehen oder zu lindern. Dies erkennen andere
  Menschen zunehmend, darunter auch Psychiater*innen:

"Der Begriff ‚Psychische Erkrankung‘ ist furchtbar irrefüh-
  rend. Denn die von uns diagnostizierten ‚psychischen Stö-
  rungen‘ sind nichts anderes als Beschreibungen dessen,
  was Kliniker*innen beobachten, was Menschen tun oder
  sagen - keineswegs gut etablierte Krankheitsbilder" (Aus-
  sage von Allen Frances, Psychiater und ehemaliger Vorsit-
  zender der DSM-IV Task Force, 2015).

  Die Psychiatrie wird zunehmend beschuldigt, ihren Pati-
  ent*innen Werte der oberen Mittelschicht aufzuzwingen
  und diese Werte als wissenschaftliche Diagnose zu be-
zeichnen. Und sicherlich spiegelt die Personalhierarchie
die Klassenstruktur der Gesellschaft wider, mit gut bezahl-
ten, hochrangigen Ärzt*innen an der Spitze und schlecht
bezahlten, wenig angesehenen Reinigungskräften am unte- ren Ende.

   Für diesen Vortrag begann ich mit der Suche nach online
  verfügbaren Forschungsergebnissen. Der Zugang zu Wis-
  sen ist nicht so demokratisch, wie man vielleicht denkt,
  selbst mit Internet - ohne Akademiker*in oder Student*in
  zu sein, muss man für Dokumente bezahlen. Ich hatte
  nicht vor, mich auf die Forschung zu verlassen, noch ver-
  traue ich ihr notwendigerweise. Aber ich finde sie inter-
  essant und hilfreich - und sei es nur, um den Prozess zu
  sehen, wie Forschung betrieben wird. Ich habe erst vor ein
  paar Tagen, als ich mir meine Notizen angesehen habe, be-
  merkt, dass das Quellenmaterial, aus dem ich zitiere, tat-
  sächlich einen Zeitraum von über 50 Jahren umfasst. Und
  der Grund, warum dies nicht offensichtlicher war, ist, dass
  sich in dieser Zeit leider nichts wirklich geändert hat und
  die wichtigsten Änderungen anscheinend auf bestimmte
  Praktiken in der Psychiatrie zurückzuführen sind, wie et-
  wa Lobotomien1 und Gemeinschaftsversorgungsstruktu-
  ren, die in Ungnade gefallen sind. Ich habe auch mit
  Leuten gesprochen, die ich kenne, die über einen Arbeiter-
  klassehintergrund verfügen und Erfahrung mit dem
psychiatrischen System und/oder der Forschung bezüglich
  Klasse haben. Am Ende standen einige Fragen, mit denen
  ich diesen Vortrag gestaltet habe.

Es gibt viel mehr Forschung aus den USA oder zumindest
  ist sie leichter zugänglich. Diese Forschung erkennt oft
  einen Unterschied in der Art und Weise, wie Menschen
  aus verschiedenen Klassen vertreten sind und behandelt
  werden. Es ist jedoch wichtig zu bedenken, dass For-
scher*innen in Großbritannien keine standardisierte Me-
  thode zur Definition der gesellschaftlichen Klasse
  verwenden.

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[*]Dieser Artikel basiert aufeinem Vortrag, der im Februar 2017 bei den "Psychologists 
against Austerity" (Psycholog*innen gegen die Sparpolitik) gehalten wurde.
[1]Bei Lobotomien handelt es sich um Gehirn-"Operationen". Den Betroffenen wurden 
bestimmte Nervenbahnen im Gehirn per Schnitt durchtrennt (Anmerkung der Übersetzung)
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Forschungsergebnisse zu gesellschaftlichen Klassenunterschieden

"Der Vergleich von 90 Frauen aus der wohlhabenden Klas-
se mit 110 Frauen aus der unteren Klasse zum Zeitpunkt
der Klinikaufnahme zeigt, dass eine signifikant höhere
Zahl von Frauen aus der wohlhabenden Klasse wegen psy-
chischen Leidens um Hilfe kamen und eine signifikant hö-
here Zahl von Frauen aus der Arbeiterklasse wegen
körperlichen Leidens. Frauen aus der wohlhabenden Klas-
se hatten mehr Angstempfinden und Frauen aus der Ar-
beiterklasse litten häufiger unter Wahnvorstellungen.

Die Psychiater*innen reagierten ziemlich unterschiedlich
auf die beiden Gruppen, als sie in Krankenhausbehandlung
waren: Sie griffen bei der Gruppe der Menschen aus der
unteren Klasse eher auf Medikamente oder eine Verlegung
in ein Landeskrankenhaus zurück. Bei den Frauen der
wohlhabenden Klasse hingegen wendeten sie häufiger Psy-
chotherapie an. Bei der Entlassung aus der Klinik bestand
bei den wohlhabenden Klassen eine größere Wahrschein-
lichkeit sich verbessert zu haben.

Die entscheidende Variable, welche das Verhalten der
Psychiater*innen bestimmt, scheint jedoch die Einstellung
der Patient*innen zur Art ihrer Erkrankungen zu sein (psy-
chologisch gegenüber körperlich oder sozial). Wenn man
diese Einstellungen vergleicht, die nichts mit der gesell-
schaftlichen Klasse zu tun haben, zeigt sich, dass Men-
schen mit einer psychologischen Sicht auf ihre Erkrankung
eher mit Psychotherapie behandelt wurden und sich eher
verbessern. Somit scheint die Bedeutung der gesellschaftli-
chen Klasse für die Psychiater*innen in erster Linie darin
zu liegen, dass sie die Sicht der Patient*innen auf ihre Er-
krankung beeinflusst.

Die Psychiater*innen legen großen Wert auf die Bereit-
schaft der Patient*innen, ihre Erkrankung so zu sehen, wie
die Psychiater*innen sie sehen. Die Patient*innen aus der
selben Klasse wie die Psychiater*innen sehen ihre Erkran-
kungen so wie jene und werden deshalb von jenen wirksa-
mer behandelt. Dies zeigt, wie notwendig es ist, dass
Psychiater*innen mit der Einstellung von Patient*innen
der unteren Klasse zu psychischen Erkrankungen und
psychiatrischen Behandlungen besser vertraut sind, um ei-
ne effektivere Behandlung anbieten zu können."
-Norman Q. Brill/hugh A. Storrow: Social Class and
Psychiatric Treatment (1960)2
Forschende aus den USA ar-
gumentieren, dass diese Un-
terschiede auf das private
Gesundheitssystem zurück-
zuführen sind. Und sie mut-
maßen, dass, wenn die
finanziellen Hürden beseitigt
würden, Menschen aller
Klassen von dem gleichen
Behandlungsangebot einen
Nutzen hätten.
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[2]http://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/article-abstract/487864
[3]Bei der Elektrokrampftherapie werden den Behandelten unter Narkosekurzzeitige
mehrere Sekunden andauernde Stromimpulse ins Gehirn geleitet um eine
Übererregung im Gehirn auszulösen (Anm. der Übers.)
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In Großbritannien ist das
private Gesundheitswesen
nicht alles, was umgestaltet
werden muss: Schlechte Be-
wertungen von Patient*in-
nen, die 6000 britische Pfund
pro Woche für einen mehr-
wöchigen Aufenthalt bezah-
len dürfen; überarbeitetes und unterbezahltes Personal,
welches das private Gesundheitswesen als Sprungbrett zu
einem Posten im staatlichen Gesundheitssystem nutzt; und
Patient*innen, die auf gemischten Stationen in einer unsi-
cheren Umgebung ihren eigenen Fähigkeiten überlassen
werden. Aber auch die unrealistischen Erwartungen der
Patient*innen, die - nicht ganz unangemessen - eine 5-
Sterne-Unterkunft, Michelin-Sterne-Mahlzeiten, ein Fit-
nessstudio und rund um die Uhr Zugang zu therapeuti-
scher Versorgung erwarteten, waren ein Grund für das
negative Feedback. Was sie bekamen war eine gewinnori-
entierte Klinik.

In der britischen Forschung wird oft festgestellt, dass es
keinen Unterschied in der Art und Weise gibt, wie Men-
schen verschiedener sozialer Klassen behandelt werden, da
das staatliche Gesundheitssystem der "große Gleichma-
cher" sei. Dies kann aber auch auf mangelndes Bewusst-
sein und mangelnde Erforschung von
Klassenunterschieden zurückzuführen sein, da die For-
schenden selbst aus einer höheren Klasse stammen. Und
das ist jedenfalls das, was ich von Freund*innen gehört
habe, die aus der Arbeiterklasse stammen und an der For-

schung beteiligt waren. Und dies wird auch in der Litera-
tur vertreten.

Einflussreiche Forschung, klinische Schriften und Lehrse-
minare kommen meist von Personen und Institutionen mit
überwiegend Ober- und Mittelklasseausrichtung. Wohin-
gegen eine große Anzahl Patient*innen aus der unteren
Klasse kommt und arbeitslos ist (Schizophrenia.: John S.
Strauss, William T. Carpenter Jr. 1982).

Unterschiede in Diagnose und Behandlung

Sowohl in den USA als auch in Großbritannien gibt es Un-
terschiede in Diagnose und Behandlung.

"Eine Reihe von Studien hat herausgefunden, dass bei Ar-
beiterklasse-Patient*innen schwerwiegendere Diagnosen
gestellt werden als bei Mittelklasse-Patient*innen, unab-
hängig von den Symptomen; dass erstere eine schlechtere
Prognose haben; und dass Fachleute weniger daran inter-
essiert sind, sie zu behandeln. Patient*innen der Arbeiter-
klasse werden, wie Patient*innen mit schwarzer Hautfarbe
und ethnischer Minderheiten, eher physische Behandlun-
gen wie Medikamente und Elektrokrampftherapie 3 ver-
schrieben, verbringen unabhängig von der Diagnose
längere Zeiträume im Krankenhaus und werden wieder
aufgenommen; und entsprechend weniger wahrscheinlich
werden sie für die "attraktiveren" Behandlungen wie Psy-
chotherapie und Gruppentherapie überwiesen. Diese Über-
weisungsmuster wurden durch die Behauptung
gerechtfertigt, dass Patient*innen der Arbeiterklasse weni-
ger sprachgewandt seien und daher weniger in der Lage
seien, von sprachlastigen Therapien zu profitieren, obwohl
dies einfach die Schwierigkeiten widerspiegeln kann, die
vor allem Ärzt*innen und Therapeut*innen der Mittelklas-
se haben, Menschen mit sehr unterschiedlichem kulturel-
lem Hintergrund zu verstehen und mit ihnen zu
kommunizieren. Und es spiegelt ihre Unfähigkeit wider,
ihre therapeutischen Ansätze anzupassen um diesen Un-
terschieden Rechnung zu tragen. Auf jeden Fall ist das
Endergebnis, dass diejenigen Mitglieder der Gesellschaft,
die am wenigsten Einfluss haben und am meisten unter
der sozialen und wirtschaftlichen Not leiden, am ehesten
die "behindernden" und nicht die "ermächtigenden"
psychiatrischen Behandlungen erhalten, die ihnen jegli-
chen Grad an Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, den
sie noch besitzen, weiter entziehen werden."

- Lucy Johnstone (2000): Users and abusers of Psychiatry


Mit anderen Worten: Die Menschen der Arbeiterklasse
werden als weniger in der Lage gesehen, einen Umgang
damit zu finden. Ihnen werden Vorschriften gemacht und
Menschen der Mittelklasse werden gefragt.

Unterschiedliche Realitäten

Der Unterschied zwischen dem Leben der Psychiater*in-
nen und dem ihrer Patient*innen stellt einen wesentlichen
Faktor bei der Behandlung dar. Einer der wichtigsten
Gründe ist, dass das medizinische Modell strukturelle Un-
gleichheit übergeht. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die
meisten Fälle von psychischer Erkrankung in armen Ge-
genden vorkommen und die Menschen der Arbeiterklasse
auch in Statistiken zu psychischen Erkrankungen überre-
präsentiert sind.

Um dieses Gefälle aufzuzeigen, habe ich hier einen Brief
einer Psychiaterin an meinen Hausarzt, die ich im Juli
2015 fünf Minuten gesehen habe. Während des Termins
wurde ich gefragt, ob ich irgendwelche Hobbys hätte. Ich
erklärte es ihr sehr sorgfältig, so dass sie verstehen würde,
dass dies auf Informationen beruhte, die mir gegeben wor-
den waren: Eine Sozialrechtsberaterin riet mir, wenn ich
ein Hobby hätte, könnte dies meine Unterstützungszah-
lungen gefährden und dass ich in einer guten Situation
wäre und nichts tun sollte, um das zu verderben. Die Be-
hauptung als jemand mit psychischen Problemen würde
zeigen, dass ich mich auf eine Aufgabe konzentrieren kön-
ne und somit "arbeitsfähig" wäre. In dem Brief schrieb die
Psychiaterin:

"Momentan bezieht sie Sozialhilfe. Sie sagt, dass dies eine
Ursache für großen Stress für sie ist, da sie sich nicht in
der Lage fühlt ihre Hobbys und Aktivitäten zu erkunden,
aus Angst, dass ihr ihre Sozialhilfe gestrichen werden
könnte. Das scheinen überbewertete Ideen zu sein, die von
einer psychologischen Untersuchung und Aufgabe be-
günstigt werden."

Die Begriffsbestimmung einer "überbewerteten Idee" be-
zieht sich auf einen anormalen oder falschen Glauben, der
trotz starker Beweise, dass er unwahr ist, beibehalten wird.

Als ich dies zum ersten Mal gelesen habe, hat es mich um-
gehauen! Wie können die Psychiater*innen von den Reali-
täten der Menschen so entfremdet sein? Mein Fall ist keine
einmalige Erfahrung. Wie vielen Menschen werden ihre
Erfahrungen für ungültig erklärt?

Ich war vor ein paar Jahren bei einem Psychologen, der
mir in einer Sitzung sagte, ich solle "mehr Spaß haben,
weißt du, ins Kino gehen oder so." Ich musste ihm dann
erklären, dass ich nur 28 Pfund pro Woche zum Leben hat-
te und ein Kinobesuch nicht infrage kam. Er meinte es
nicht böse, aber er hatte nicht bedacht, dass etwas ihm so
erschwingliches es für jemand anderen nicht ist.

Interessanterweise steht in einer Broschüre des Royal Col-
lege of Psychiatrists, dass britische Psychiater*innen lernen
werden, wie man "das ‚biopsychosoziale‘ Modell des Ver-
  stehens anwendet. Dies unterstreicht die Bedeutung der
  bisherigen Erfahrungen von Personen, Familien, Kulturen,
  der Umwelt und Arbeitsverhältnisse sowie alle medizini-
  schen Besonderheiten."

  Psychiatrie als eine Form der sozialen Kontrolle

  Der klinische Psychologe Eric Greene verwendet eine Fall-
  studie eines acht Jahre alten Jungen namens John, der
  Afroamerikaner ist. Sein Vater hat gerade eine lange Haft-
  strafe angetreten und seine Mutter muss mehrere Jobs er-
  ledigen, um die Familie durchzubringen. Dem Jungen
  wurde eine Mehrfachdiagnose ausgestellt; seine Mutter
  war voll damit ausgefüllt, zu arbeiten und sich durchzu-
  kämpfen. Die Überschnei-
  dung von Klasse und race4
  ist nicht zu übersehen.

  "Psychiater*innen, Psycho-
  log*innen und andere
  psychiatrische Fachkräfte
  sind mitschuldig an der
  weiteren Unterdrückung der
  entrechteten Bevölkerung,
  indem sie die Patient*innen
  glauben machen, ihre
  Krankheit sei die Folge einer
  biologischen oder geneti-
  schen Fehlfunktion (d.h. des
  medizinischen Modells). Das
  lenkt die Aufmerksamkeit
  der Patient*innen von ihrer
unterdrückenden Umgebung
  ab und erzeugt Stigmata5.

Bei meinem Treffen mit dem
  Psychiater besprachen wir
  Johns Fall. Oft beschrieb er Johns Situation als hoffnungs-
  los, und die einzige Hilfe, die John bekommen könnte, sei
  das Wunder der Medizin. Zusätzlich flogen rassistische
  und klassistische Äußerungen durch den Raum, von denen
  die schlimmste von einem weißen, männlichen Psychiater
  stammt: "Wir sollten einfach eine Bombe auf diese ganze
  Community werfen und ihr Leiden beenden. Sie sind böse
und kaputt, sie können sich nicht selbst helfen, sie verhal-
  ten sich nur wie wilde Tiere und es gibt keine Möglichkeit,
  ihnen zu helfen."

  Proteste gegen solch rassistische Äußerungen waren nicht
  wirksam. Unabhängig davon, wie ich auf die Mitarbei-
  ter*innen oder die Verwaltung bezüglich vieler rassisti-
  scher und klassizistischer Äußerungen und Einstellungen
  zuging, hat sich nichts geändert.

  Ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit setzte in mir ein. Es
war eine sehr dunkle Zeit in meiner Ausbildung zur psy-
  chologischen Fachkraft. Ich erkannte, dass struktureller
Rassismus zu einem psychiatrischen Gesundheitssystem
  geführt hat, das sowohl die Armen als auch die Ausge-
  grenzten aufgegeben und bekämpft hat. Struktureller Ras-
  sismus und Klassismus machen strukturellen Wandel
  erforderlich. Die Konzentration auf Multikulturalismus,
  Empathie6, Verstehen des "Anderen", Erkennen von Mi-
  kroaggressionen, Empowerment 7 sind hilfreich, um ein
  größeres Bewusstsein für die Probleme zu schaffen, mit
  denen wir konfrontiert sind.
  Ideologische Veränderungen
  sind jedoch eher durch eine
radikale Konfrontation mit
  einem rassistischen und
  klassistischen System mög-
  lich. Zum Beispiel schließen
  sich viele psychiatrische
  Fachkräfte mit politischen
  Initiativen zusammen, um
  einen Strukturwandel her-
  beizuführen."

  -Eric Greene, PhD: John's
  Story: How Racism and
  Classism Operate within the
  Mental Health Care System,
  2014

  Kulturelles Kapital

  Ein weiteres Problem ist,
  dass Ärzt*innen auch mehr
  kulturelles Kapital haben, das sie mehr als die Arbeiter-
  klasse nutzen. Der Begriff "kulturelles Kapital" bezieht sich
  auf nicht-finanzielle Güter, welche die soziale Mobilität
  über die wirtschaftlichen Möglichkeiten hinaus fördern.
  Beispiele können Bildung, Intellekt, Sprachstil, Kleidung
  oder körperliches Aussehen sein.

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[4]race (dt.: Rasse) wird deshalb nicht übersetzt um anzuzeigen, dass es eine konstruierte 
Kategorie ist (Anm. der Übers.)
[5]Stigmata kennzeichnen deutlich sichtbar eine Person (oder Sache) in einer bestimmten, 
meist negativen Weise und  machen. Die Person (oder Sache) wird dadurch von anderen 
deutlich unterschieden. (Anm. der Übers.)
[6]Empathie meint die Fähigkeit und die Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Gefühle, 
Absichten und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen
Person zu erkennen und zu verstehen (Anm. der Übers.)
[7]Empowerment bedeutet Strategien und Maßnahmen, die den Grad an Autonomie und 
Selbstbestimmung im Leben von Menschen und
Gemeinschaften erhöhen soll und es ihnen ermöglichen soll, ihre Interessen (wieder) 
eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu
vertreten (Anm. der Übers.)
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  Was bedeutet dies für Menschen einer höheren sozialen
  Klasse? Wenn man aus einer höheren sozialen Klasse
  kommt, war das psychiatrische System, wie wir es jetzt
nennen, traditionell ein praktischer Weg, um jemanden
loszuwerden, besonders eine Frau. Vielleicht bist du ein
Mann und in einer Ehe, die für dich vorteilhaft ist, aber du
willst mit deiner Geliebten zusammen sein. Du könntest
deine Frau in ein Heim stecken. Ein Fall aus den 1950er
Jahren betraf Rosemary Kennedy, die im Alter von 23 Jah-
ren lobotomisiert wurde. Sie verbrachte den Rest ihres Le-
bens mit der geistigen Kapazität einer Zweijährigen in
einer Einrichtung, weil sie als Bedrohung für die Karriere
ihres Vaters in der Politik angesehen wurde.

Aber wie funktioniert das ak-
tuell, wenn du aus der Mittel-
oder Oberklasse kommst und
psychiatrische Gesundheits-
versorgung benötigst? Es ist
schwierig diese Frage zu be-
antworten aus Mangel an Da-
ten. Aber es gab einige
Diskussionen. Es ist die Idee
entstanden, dass Menschen
aus der Mittelklasse einen
möglichst kurzen Kontakt mit
der Psychiatrie haben sollten,
zum Teil, weil "sie nicht dort-
hin[ins Krankenhaus]gehö-
ren". Und teilweise im
Bewusstsein, dass sie sich mit
höherer Wahrscheinlichkeit
über ihre Erfahrungen in der
Psychiatrie beschweren und
dazu auch in der Lage sind.
Auch Patient*innen der Mit-
telklasse wurde gesagt, "sie
sind zu nett und gehören nicht
hierher", dass sie diese bösen Erfahrungen nicht verdienen.
In Online-Berichten kursieren Warnungen vor einer wach-
senden Krise der psychischen Gesundheit der Mittelklasse
- vor allem den ängstlichen risikoscheuen Eltern und jun-
gen Menschen zugeschrieben, die sich gezwungen fühlen,
sich mit einer anwachsenden Generation durchzusetzen,
der es an emotionaler Belastbarkeit fehlt.

Ein abschließender Hinweis

Ich möchte damit enden, zu sagen, falls du Lücken im Ver-
ständnis hast, sei es zu sozio-ökonomischen8 Gesichts-
punkten, race, Asylsuchenden, Sozialleistungen,
Behinderung etc. - fülle diese Lücken und verfalle nicht
der Gewohnheit, die Leute, welche diese Dinge erleben,
dazu zu bringen, es für dich zu erklären, weil das wirklich
schnell ermüdend wird - besonders wenn es als eine Art
von Übung zur Selbstermächtigung dargestellt wird. Die
Informationen sind dort draußen und die Zeit ist gekom-
men. Es gibt die Gewohnheit, dass die Leute so reden, als
ob es in der Zukunft passieren würde: "Winter is coming",
aber der Winter ist da und war es schon immer. Alle An-
haltspunkte zeigen, dass die Dinge für die Menschen viel
schwieriger werden und und sie Menschen an ihrer Seite
brauchen werden. Wir müssen einander dabei helfen.

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[8]ozioökonomisch meint die Verbindung von wirtschaftlichem Handeln und sozialen 
Zusammenhängen und Gemeinschaften oder politischen, sozialräumlichen, altersstrukturellen, 
ökologischen und anderen Prozessen (Anm. der Übers.)
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Welche Bedeutung hat dieser Text für die Situation in
Deutschland? - Anmerkungen der Übersetzung

Viele Aspekte, die in diesem Text aufgezeigt werden, kön-
nen auch auf die Situation in Deutschland übertragen
werden. Auch in Deutschland befinden sich mehrheitlich
Menschen der unteren Klasse in psychiatrischer Behand-
lung. Der Zugang zu Psychotherapien ist für Menschen
der unteren Klasse quasi nicht möglich, da es zu wenige
ambulante Psychotherapiepraxen gibt und die dort tätigen
Psychotherapeut*innen anfragende Personen aus wohlha-
benderen Klassen den Vorzug geben. Therapien sind des-
halb immer noch stark auf Medikamente ausgerichtet. Das
psychiatrische Fachpersonal mit Entscheidungsbefugnis-
sen kommt häufiger aus den wohlhabenderen Klassen und
handelt und entscheidet aus ihrer (Klassen-)Perspektive.
Wie im Text angesprochen, werden so Werte und Verhal-
tensweisen der "Mittelschicht" als Orientierungskriterien
  und Therapieziele festgelegt und den unteren Klassen auf-
  gezwungen. Auch sind die Therapien sehr sprach- und me-
  dikamentenlastig.

  Unterschiede im Text zur Situation in Deutschland lassen
  sich in der Organisation des Gesundheitssystems feststel-
  len und dass Menschen aus den unteren gesellschaftlichen
  Klassen länger im psychiatrischen Gesundheitssystem
  sind, jedoch eher zeitlich kürzere, aber häufiger auftreten-
  de stationäre Klinikaufenthalte aufweisen.

  Ein Aspekt, den der oben aufgeführte Text nicht näher be-
  nennt, welcher jedoch sehr aktuell ist in Bezug auf soziale
  Kontrolle, ist die Ausweitung psychiatrischer Diagnosen
  auf "unangepasstes" oder nicht durch den Kapitalismus
  verwertbares Verhalten - häufiger betroffen sind davon
  Menschen der unteren Klassen. Dies betrifft Diagnosen
  wie das sogenannte "Aufmerksamkeitsdefitzit-Syndrom"
  (ADS) und die sogenannte "Aufmerksamkeitsdefizit-/Hy-
  peraktivitätsstörung" (ADHS). Aber auch die Kriterien für
  die Diagnose "Depression" werden immer weiter ausge-
  weitet, wie zuletzt im DSM-5, der aktuellsten Auflage des
   Diagnosemanuals für psychische Störungen der amerika-
  nischen psychiatrischen Vereinigung.

  Zuletzt sei noch auf die Versuche einer repressiven Geset-
  zesverschärfung des "Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes",
  welches regelt, wann als psychisch erkrankt eingeordnete
  Menschen gegen ihren Willen in psychiatrischen Kliniken
  festgesetzt werden können. Nicht-freiwillige Klinikeinwei-
  sungen sollen gesetzlich erleichtert werden. Außerdem
  wird eine polizeiliche Kartei für "psychisch Erkrankte", die
  sich am Strafrecht orientiert, in den gesetzgebenden Gre-
  mien diskutiert, wie aktuell in Bayern im Frühjahr 2018.
  Menschen mit "auffälligem" Verhalten, das als psychisch
  gestört eingeordnet wird, werden somit als potentielle
  "Kriminelle" behandelt und können präventiv mit polizei-
  lichen Maßnahmen konfrontiert werden - die Parallelen
  zum 2018 verabschiedeten Polizeiaufgabengesetz (PAG) in
  Bayern sind offensichtlich. Diese Praxis der polizeilichen
  Bekämpfung von potentiell "störenden" Personen statt so-
  zialer Problemlagen ist somit ein immer wiederkehrendes
  Mittel von Staat und Kapital zur Stabilisierung der herr-
  schenden Zustände.


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