(de) FAU direkte aktion - Tarifvertrag von unten: Die Betriebsgruppe entscheidet

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So Mai 28 07:49:20 CEST 2017


Strengthshop - das ist ein kleiner Onlineversandhandel im Osten von Berlin, weit draußen 
im Industriegebiet. Regale voller Waren, die schwer und sperrig sind: Langhanteln mit 
massiven Gewichtsscheiben aus Stahl, sperrige Trainingsgeräte, bis zu 65 Kilo schwere 
Kugelhanteln. Die Beschäftigten kümmern sich um Kundenservice und Lagerlogistik, fahren 
Gabelstapler und verpacken die Sendungen, die in die ganze Welt verschickt werden.
Seit 2015 aber wird den Beschäftigten die Arbeit erleichtert durch einen Haustarifvertrag, 
den sie selbst als Betriebsgruppe mit der FAU erkämpft haben. Mit einem Schlag hat die 
Vereinbarung nicht nur die Einkommenssituation der Arbeiter verbessert, sondern ihnen auch 
wichtige Mitbestimmungsrechte verliehen.

Ein solcher Haustarifvertrag dürfte in Deutschland eine Premiere sein: Der Betriebsgruppe 
werden Mitspracherechte zu Kündigung, Arbeitszeitregelung und Informationsrechten 
eingeräumt, die sonst nur ein Betriebsrat wahrnehmen kann. Mit einer Wochenarbeitszeit von 
35 Stunden, voller Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auch in der 7. bis 12. Woche und mit 
einer jährlich vorgeschriebenen Lohnerhöhung entsprechend der jährlichen Inflationsrate 
plus zwei Prozent wird der Tarifvertrag Einzelhandel klar überboten. Das Lohngefälle ist 
abgeschafft, ein Teil der Arbeiter verdient durch den verbindlichen Einheitslohn nun 30 
Prozent mehr. Die entscheidende Regelung im Haustarifvertrag stellt aber die 
Generalstreikklausel dar: Durch sie erhalten die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter 
das Recht, jederzeit zu streiken. So wird die sozialpartnerschaftliche Friedenspflicht 
umgangen und die Rechte der Arbeiter auf Widerstand im Betrieb entscheidend ausgeweitet.

Dieses Ergebnis ist den zähen Verhandlungen der Tarifkommission zuzuschreiben, aber vor 
allem dem Willen der Arbeiter, die sich zu 100 Prozent in der FAU zu organisieren. 
Nächstes Jahr läuft der Tarifvertrag vaus und Neuverhandlungen stehen an. Schon jetzt 
stehen für die Beschäftigten verschiedene Fragen: Wie lassen sich die Arbeiter, die im 
Zuge der Vergrößerung des Unternehmens hinzukommen, in die Betriebsgruppe integrieren? Wie 
wirkt sich die gewachsene Verantwortung der Arbeiter auf ihr Verhältnis zum Unternehmen 
aus? Wie wird mit internen Konflikten umgegangen? Gemeinsam, so sind wir überzeugt, werden 
auch die Herausforderungen der Zukunft zu meistern sein.

Für die laufende Organisierung der FAU im Bereich Handel und Logistik bleibt der 
Haustarifvertrag und das Betriebsgruppenkonzept ein Vorbild. Hier gehen materielle 
Verbesserungen für die Arbeiter mit einer Ausweitung ihrer Rechte einher. Auf diese Weise 
können Tarifverträge in der anarchosyndikalistischen Strategie einen wichtigen 
Zwischenschritt zur vollständigen Selbstverwaltung des Betriebs durch die Belegschaft 
darstellen. Hierfür sind kämpferische Betriebsgruppen unverzichtbar, die die FAU 
Betriebsräten vorzieht. Betriebsgruppen ist es möglich, weit mehr Mitarbeiter*innen 
einzubeziehen als ein Betriebsrat, ob nun Gewerkschaftsmitglied oder nicht, ob nun 
Selbstständige oder Leiharbeiter. Hier können Entscheidungen gemeinsam getroffen werden, 
statt sie an Einzelne zu delegieren und die Betriebsgruppe kann - mit der Gewerkschaft im 
Rücken - wirksame Forderungen aufstellen und zu Arbeitskampfmaßnahmen aufrufen. Die Praxis 
der FAU zeigt: Starke Betriebsgruppen können Betriebsräte überflüssig machen.

https://www.direkteaktion.org/2017-5/tarifvertrag-von-unten


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