(de) FdA/IFA Gai-Dao #77 - Die vierfache (Zweck)Entfremdung wissenschaftlicher Arbeit Von: Ben

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Di Mai 23 07:09:09 CEST 2017


1. Die meisten Wissenschaftler*innen sind, solange sie nicht mit einer ordentlichen 
Professur versorgt sind, Lohnarbeitende . Sie verkaufen ihre Arbeitskraft, weil sie halt 
müssen, an jemanden, der sich einen Mehrwert davon erhofft. So weit, so normal. ---- Bei 
dieser Ausbeutung mitzumachen ist in der Regel notwendig und nicht weiter schlimm (als 
Ausbeutung halt ist), denn es ermöglicht einem ja auch durch kollektive Verweigerung 
(Generalstreik) in Zukunft dem Ganzen ein Ende zu setzen. ---- 2. Wissenschaftler*innen 
arbeiten aber meistens nicht für Kapitalist*innen und deren Profite (zumindest nicht 
direkt, auch wenn am Ende Unternehmen von ihrer Forschung profitieren), sondern für den 
Staat . Das ist ein großer Unterschied, denn: ---- Der Staat ist nicht die einzige, aber 
bedeutendste Institution, deren Zweck der Erhalt der gesamten kapitalistischen Ordnung 
ist. Und da drin mitzuhängen, dieses Problem haben Wissenschaftler*innen mit Lehrer*innen, 
Polizist*innen und Steuerbeamt*innen gemeinsam.

3. Anders als Polizist*innen oder Steuerfahnder*innen dienen
Wissenschaftler*innen oder Lehrer*innen dem Staat aber auch
vorrangig zur Legitimation . Er bezahlt sie nämlich für soziale
Tätigkeiten, die der gesamten Gesellschaft nutzen und führt dies als
Grund seines Bestehens an. Das "Gemeinwohl" ist nicht ohne Grund
sowohl in Diskussionen über den Staat, als auch in solchen über die
Wissenschaft eine wichtige Kategorie.

4. Anders als Lehrer*innen leisten Wissenschaftler*innen dem Staat
aber noch einen Dienst: die Integration von Kritik in die herrschende
Ordnung.

Andere Beamt*innen müssen loyal sein und auf die Verfassung
schwören, (Geistes-)Wissenschaftler*innen können kritisieren soviel sie
wollen, sie sollen sogar das ‘kritische Denken' fördern. Aber die Hand
zu beißen, die einen füttert, das geht dauerhaft einfach nicht. Die
Beispiele für die Integration ehemals revolutionärer Denker*innen
durch den Wissenschaftsbetrieb sind dementsprechend zahlreich.
Bekanntestes Beispiel für einen Anarchisten, der sich über Jahrzehnte
an der Hochschule immer mehr gemäßigt hat, bis vom Anarchismus
nicht mehr viel übrig blieb, dürfte Noam Chomsky sein.

Gleichzeitig wissen sich die staatlichen Institutionen durchaus zu
wehren gegen Wissenschaftler*innen, deren Gedanken sie für nicht nur
kritisch, sondern auch für wirkmächtig und daher gefährlich halten.
Das müssen keine Anarchist*innen sein, es reicht, wie Andrej Holm,
etwas gegen Gentrifizierung machen zu wollen oder wie Kerem
Schamberger der kurdischen Befreiungsbewegung zu nahe zu stehen.
Für uns Anarchist*innen ist es (anders als für Reformist*innen, die sich
einfach noch ein bisschen mäßigen) kaum möglich, dieses Dilemma zu
umgehen.

Kurz: Was machen Anarchist*innen im Wissenschaftsbetrieb?


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