(de) FAU, direkte aktion - Geschäftsmodell: Altenpflegeheim

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Mi Mai 17 09:08:11 CEST 2017


Ein Gespräch mit Christian* über die alarmierende Situation in der Altenpflege und 
gewerkschaftlichen Widerstand im Betrieb. ---- Bildquelle: Pixabay.com/geralt ---- DA: Du 
sagst, Du hast lange in der Pflege gearbeitet, jetzt arbeitest Du als Betreuer.  ---- Wie 
sieht Deine Arbeitstätigkeit aus? ---- Christian: Ich bin ja nicht examiniert, bei mir 
fällt die Behandlungspflege weg. Also ich verabreiche z.B. keine Medikamente, lege keine 
Verbände an und dergleichen. Bei mir stehen in erster Linie grundpflegerische Aufgaben an, 
also Inkontinenzversorgung, das Reichen von Getränken und Speisen.Und psychologische 
Betreuung wird natürlich stark gebraucht. Die Menschen sind ja sehr einsam, durch das 
Alter, aber auch durch die Kasernierung, wie wir das leider in den Seniorenheimen erleben. 
---- Wie siehst Du die Entwicklung der letzten 25 Jahre, seit Du im Pflegebereich 
arbeitest? Was hat sich verändert in den konkreten, spürbaren Dingen?

Also die Bewohner, die in unsere Heime kommen, die sind heute älter und kränker, die sind 
tatsächlich schwerst pflegebedürftig. Du hattest vor 25 Jahren eher noch Leute, die 
vielleicht nach dem Verlust eines Partners in Heime kamen, um dort sozial aufgefangen zu 
werden. Diese Klientel gibt's in den Heimen, die ich kenne, nicht mehr. Viele fragen auch 
zu Recht: Warum ist der Heimplatz so teuer und die Versorgung so schlecht? Und da sind wir 
eigentlich beim Angelpunkt, denn in fast allen Seniorenheimen ist Ausbeutung 
Geschäftsmodell. Es ist ein Berufsfeld mit katastrophalen Verhältnissen. Und die sind 
politisch verantwortet: Spätestens seit der Einführung der Pflegeversicherung im Bereich 
der Altenpflege 1996 wurde der Markt geöffnet für private Anbieter, so dass jetzt ein 
Großteil kommunaler Heime der Altenpflege privat betrieben wird. Eigentlich gibt es ja die 
vorgeschriebene Personalmindestvorhaltung. Die wird aber nicht eingehalten und auch nicht 
wirklich kontrolliert.

"Es ist doch schon eine gesellschaftliche Entscheidung, dass jemand, der Autos baut, 
bessere Arbeitsbedingungen hat, als jemand, der Menschen pflegt." Das heißt in der 
Konsequenz, dass ihr permanent unterbesetzt seid, weil bewusst Stellen eingespart werden, 
für die die Heimleitung aber trotzdem Geld einsackt?
Ja, wir haben es hier mit einem gesellschaftlichen Desaster zu tun. Es gibt ja Menschen, 
die machen trotzdem diesen Beruf aus tiefster Überzeugung. Die werden ausgenutzt und ich 
sage ganz bewusst: ausgebeutet. Die leiden auch psychisch darunter, dass die Pflege, die 
sie gelernt haben, nicht realisierbar ist durch die hohe Arbeitsbelastung. Dadurch 
entsteht unglaublich viel Frust. Ein hoher Anteil der Beschäftigten greift zu Alkohol und 
anderen Drogen, der Ausfall durch psychische Erkrankungen ist hoch. Jetzt will ich ja 
nicht die Branchen gegeneinander ausspielen, aber es ist doch schon eine gesellschaftliche 
Entscheidung, dass jemand, der Autos baut, bessere Arbeitsbedingungen hat, als jemand, der 
Menschen pflegt.

Ausbeutung heißt ja, es gibt auch Leute, die davon profitieren. Wie kann man sich 
Profitmaximierung in der Branche vorstellen?
Also nehmen wir mal ein Heim mit hundert Plätzen. Da musst du vielleicht 35 Stellen 
vorhalten. Du hältst dann aber nur 30 vor, sparst also fünf Stellen. Da ist jede nicht 
besetzte Stelle im Jahr ein sehr guter Mittelklassewagen, den du extra verdienst. Du 
würdest auch verdienen, wenn die Stellen besetzt wären. Aber man verdient so natürlich 
noch einen Mittelklassewagen und noch einen und dann sind wir schon beim Maserati und dann 
sind wir bei einer schönen Villa und dann gibt's Heimbetreiber, die haben eigene 
Privatflugzeuge. Und ich meine jetzt nicht Marseille (Anm. d. Red.: einer der zehn größten 
Pflegekonzerne mit über 6000 Plätzen), sondern kleine Krauter.

Nun habt ihr aber bei Euch im Betrieb eine Betriebsgruppe der FAU. Was habt Ihr an 
Verbesserungen erreichen können?
Wir haben bei uns gleichzeitig FAU-Betriebsgruppe und Betriebsrat, die sich personell 
überschneiden und sehr gut ergänzen. Der Betriebsrat hat in Gesprächen mit der 
Geschäftsführung ein ganz anderes Gewicht durch die Etablierung der FAU im Betrieb. So 
konnten wir in Verhandlungen Vorschläge machen, die tatsächlich umgesetzt wurden. 
Vorschläge z.B. zur Einrichtung von Sozialräumen, zur Einführung einer effektiven 
Jubiläumsgratifikation - bis hin zu unserem Vorschlag, die Gehälter zu erhöhen. Dem ist 
man tatsächlich gefolgt und das in einem Umfang, der sich sehen lassen kann.

*Name von der Redaktion geändert.

https://www.direkteaktion.org/2017-5/geschaeftsmodell-altenpflegeheim


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