(de) FAU direkteaktion: Riders Unite! Der Widerstand der Lieferdienstkuriere gegen Ausbeutung auf Abruf

a-infos-de at ainfos.ca a-infos-de at ainfos.ca
Fr Mai 12 07:09:26 CEST 2017


In Großstädten von Nordeuropa bis Südostasien schlängeln sich Kuriere mit quadratischen 
Rucksäcken in pink und türkis durch den Verkehr. Die ArbeiterInnen der jungen Start-Ups 
Foodora und Deliveroo liefern Essen von der Restaurantküche zur Wohnungstür, meist per 
Fahrrad. Über App werden Aufträge an die FahrerInnen übermittelt, die Essen von 
Restaurantküchen liefern, die vorher meist keinen eigenen Lieferdienst anbieten konnten. 
---- Das Ziel der Online-Lieferdienste ist es, neue Standards durchzusetzen - nicht nur in 
Bezug auf die Lieferbarkeit von Essen, sondern auch in Bezug auf die Flexibilisierung der 
Arbeit, mit der die Unternehmen ganz offen werben. Aber wie sieht der Arbeitsalltag der 
ArbeiterInnen wirklich aus und um wessen Flexibilität geht es hier? In immer mehr Städten 
melden sich nun die FahrerInnen selbst zu Wort, beginnen sich zu organisieren und mit der 
#deliverunion-Kampagne auch international zu vernetzen. In Berlin, wo Foodora seinen 
Firmensitz hat und Deliveroo seine deutsche Zentrale, wo also der Konkurrenzkampf zwischen 
beiden Unternehmen ausgetragen wird, sind zahlreiche FahrerInnen der FAU beigetreten, um 
mit ihr für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen.

Wer für die Online-Lieferdienste in die Pedale tritt, kann die Erfahrung machen, dass die 
Flexibilität, mit der die Unternehmen werben, nur einseitig von den FahrerInnen 
eingefordert wird. So beklagen FahrerInnen, dass kurzfristig Schichtpläne geändert werden 
und sie nach Schichtende noch Aufträge annehmen oder über ihr Zustellgebiet hinausfahren 
sollen. "Mein Job ist so flexibel, dass ich nicht weiß, wie viele Schichten ich im 
nächsten Monat haben werde. Ich hoffe, dass mein Vermieter auch so flexibel sein wird, 
wenn ich meine Miete nicht zahlen kann" - das Zitat von Alex*, eines in der FAU Berlin 
organisierten Fahrers taugt zum Arbeiterwitz und ist bittere Realität.

DIE FAHRERINNEN MÜSSEN ALLE ARBEITSMITTEL SELBST MITBRINGEN -  LOHNFORTZAHLUNG IM 
KRANKHEITSFALL UND URLAUBSGELD SIND NICHT SELBSTVERSTÄNDLICHE LEISTUNGEN

Der Stundenlohn für die Kuriere beider Unternehmen liegt nur wenige Cent überm Mindestlohn 
und deutlich unterm Mindestbestellwert auf den beiden Online-Portalen. Dabei wird aber 
weder die Zeit für die Schichtplanung einberechnet, noch die Zeit für Fahrradreparaturen. 
Denn mit Ausnahme der Rucksäcke und kaum wettertauglicher Jacken müssen die ArbeiterInnen 
alle Arbeitsmittel selbst mitbringen. Wird das Smartphone gestohlen oder muss das Fahrrad 
repariert werden, fallen Schichten weg und der Lohn bleibt aus. FahrerInnen berichten, es 
gehe in den Zentralen häufig chaotisch zu und es herrsche kaum Transparenz über die 
Auftragsvergabe. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaubsgeld seien mehr 
Verhandlungssache als selbstverständliche Leistungen. Die FahrerInnen haben zu kämpfen, um 
jede verlängerte Befristung, um jeden Wochentag, um jeden Auftrag. Gig-Economy, also das 
Vermitteln von Arbeitsaufträge an eine Vielzahl von ArbeiterInnen über Online-Plattformen 
(z.B. auch Uber, Helpling oder Upwork), heißt eben auch: Es gibt mehr ArbeiterInnen als 
Jobs. So funktioniert die Gig-Economy letztlich ganz ähnlich wie der «Arbeitsstrich», auf 
dem Tagelöhner auf Verdienstmöglichkeiten warten.

In London organisierten Deliveroo-FahrerInnen eine Woche lang einen wilden Streik und 
wehrten sich zunächst erfolgreich gegen die Umstellung der Bezahlung auf reinen Stücklohn 
- eine Auseinandersetzung, die andauert. Die Bilder, die durch die Presse gingen, 
widerlegten aber die Behauptung, die überwiegend jungen Gig-Ökonomie-ArbeiterInnen hätten 
kein Klassenbewusstsein. London wurde so inspirierendes Vorbild. Inzwischen haben 
Deliveroo-Betriebsgruppen der Basisgewerkschaften IWW und IWGB u.a. in Leeds, Brighton und 
Bristol auf sich aufmerksam gemacht und höheren Stundenlohn sowie besseres 
Schicht-Management durch Einstellungsstopp gefordert.

DURCH DEN DRUCK VON DER STRASSE KONNTE DIE DEBATTE UM SCHEINSELBSTSTÄNDIGKEIT BEI 
DELIVEROO BIS INS PARLAMENT GETRAGEN WERDEN

So zogen streikende Deliveroo-FahrerInnen in Brighton mit Fahnen und Megafon von 
Restaurant zu Restaurant und holten Unterschriften für bessere Arbeitsbedingungen vom 
zuliefernden Restaurantpersonal ein. Durch den Druck von der Straße konnte die Debatte um 
Scheinselbstständigkeit bei Deliveroo bis ins Parlament getragen werden. Bereits im 
vergangenen Jahr war es ebenfalls selbstorganisierten Foodora-Betriebsgruppen in 
Norditalien durch Streiks und Protestaktionen in Norditalien gelungen, höhere Stundenlöhne 
durchzusetzen. Die grenzüberschreitende Weitergabe von Wissen und Erfahrung hat mit der 
Ende 2016 gegründeten #deliverunion-Kampagne eingesetzt, an der mehr als ein Dutzend 
Basisgewerkschaften teilnehmen. Hauptproblem für die dauerhafte Etablierung resistenter 
gewerkschaftlicher Strukturen in den Unternehmen, bleibt jedoch die hohe Fluktuation.

Seit einiger Zeit füllt sich das Gewerkschaftslokal der FAU Berlin regelmäßig mit 
FahrerInnen, die sich gemeinsam unternehmens- und statusübergreifend in der neu 
gegründeten AG Lieferdienste engagieren. Viele der ArbeiterInnen kommen aus dem Ausland, 
haben sich bereits vorher organisiert, nicht zuletzt begünstigt durch die digitale 
Infrastruktur des Unternehmens, bis die FAU die verschiedenen Kuriergruppen 
zusammenbrachte. Sie fordern u.a. die Kostenübernahme für sämtliche Arbeitsmittel, 
Lohnerhöhungen von mehr als einem Euro pro Stunde/pro Zulieferung und  eine garantierte 
Stundenanzahl, mit der die FahrerInnen über die Runden kommen können.
Die Forderungen sind ein erstes Verhandlungsangebot an die globalen Start-Ups und Zeichen 
wachsenden Widerstandes in Zeiten des digitalen Kapitalismus. Die internationale 
Zusammensetzung der Beschäftigten und deren grenzüberschreitende Vernetzung sind dabei 
eine wichtige Ressource.

Clemens Melzer

*Name von der Redaktion geändert.

Kontakt: lieferdienst at fau.org
Infos zur Kampagne:  https://berlin.fau.org/kaempfe/deliverunion
international: http://deliverunion.com/

https://www.direkteaktion.org/2017-5/riders-unite-der-widerstand-der-lieferdienstkuriere-gegen-ausbeutung-auf-abruf


Mehr Informationen über die Mailingliste A-infos-de