(de) Fda-Ifa, Gai Dao N°76 - Anarchismus in Brasilien -- Ein kurzer Abriss über die anarchistische Geschichte in Brasilien. Von: Benjamin

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Mo Mai 8 09:28:13 CEST 2017


"Die anarchistische Bewegung beschränkt sich nicht allein auf den Klassenkampf und 
versucht auch nicht die Herrschenden durch die derzeit Beherrschten zu ersetzen. Ihr Ziel 
ist es Klassen abzuschaffen und Menschen als Gleiche anzuerkennen, unabhängig ihrer Haut, 
ihres Alters oder ihres Geschlechts. Gemeint ist keine metaphysische Gleichheit oder 
Gleichheit an Größe, Kraft oder Bedürfnissen, gemeint ist Gleichheit von Chancen, Rechten 
und Pflichten für alle." 1 (Edgar Rodrigues) ---- Um von einem erstem Einfluss der 
anarchistischen Bewegung in Brasilien zu sprechen, sollte zunächst einmal der zeitliche 
Rahmen geklärt werden. Obwohl im Sinne einer herrschaftsfreien Gesellschaft bei einigen 
zeitgenössischen Anarchist*innen wie beispielsweise David Graeber durchaus auch davon 
ausgegangen wird, dass sich Gesellschaften bereits vor dem 19. Jahrhundert mehr oder 
weniger anarchistisch
organisiert haben, wird vom
Anarchismus als eigenständige
politische Strömung innerhalb
der sozialistischen Theorien
erst mit dem Auftauchen der
ersten selbsternannten Anar-
chist*innen wie Proudhon,
Bakunin und Kropotkin ge-
sprochen. Da der Anarchismus
bis heute ebenfalls als
"libertärer Sozialismus" bezeichnet wird, hat er sich in Lateinamerika
vor allem unter dem Adjektiv "libertari@" (freiheitlich) einen Namen
gemacht.

Während es im Laufe des 19. Jahrhunderts, wie in vielen Teilen der Er-
de, auch in Brasilien zu zahlreichen Revolten und Aufständen von Ar-
beiter*innen kam (1823: Setembrada und Novembrada, 1838: Balaiada,
1835-1840: die Cabanagem Revolte, 1842: die liberale Revolution, 1848:
die Praiera Revolution) konnte 1888 endlich auch die offizielle Abschaf-
fung des Menschenhandels erkämpft und 1889 die Erklärung der ersten
brasilianischen Republik veranlasst werden. Mit dem Erstarken der In-
dustrialisierung in allen Amerikas kamen zudem etliche europäische
Einwander*innen nach Brasilien. Und "unter den Einwanderern fanden
sich glücklicherweise auch solche, die aus Europa nicht zu verabscheu-
ende Ideen[...]mitbrachten" 2 und für welche "als Erben von 'Vorden-
kern' wie Marx und Bakunin[...]nicht der persönliche Aufstieg
vorderstes Ziel ihrer Migration" 3 war. "Vielmehr waren für sie Indus-
triearbeit und politischer Widerstand beiderseits des Atlantiks nicht
voneinander zu trennen." 4 So kamen revolutionäre Ideen auch nach
Brasilien, die es den Arbeiter*innen ermöglichten sich in Gewerkschaf-
ten zu organisieren und erste Föderationen zu gründen.

Im Zuge mehrerer Streiks kam es zudem Anfang des 20. Jahrhunderts
zur Bildung der "Federação Operária Regional Brasileira", unter der sich
die beteiligten Gewerkschaften auf einem Kongress 1906 auf sehr pro-
gressive und anarchistische Grundpfeiler wie "gewerkschaftliche Neu-
tralität, Föderalismus,
Dezentralisierung, Antimili-
tarismus, Antinationalismus,
Direkte Aktion und General-
streik" 5 einigen konnten.
Ebenfalls zu dieser Zeit ka-
men aber auch brasilianische
Literat*innen, Student*innen,
Wissenschaftler*innen und
Künstler*innen während ei-
nes Aufenthaltes in Europa
oder in brasilianischen Bi-
bliotheken in Kontakt mit li-
bertären Ideen. Neben dem
Erstarken des Anarchismus
in Form des "Revolutionären
Syndikalismus" durch Streiks
und Aufstände kam es in den 1950ern und 1960ern zur Bildung des so-
genannten "Especifismo", welcher beeinflusst durch den argentinischen
und uruguayischen Anarchismus zur Gründung des "Fórum do Anar-
quismo Organizada" (FAO) führte und sich bis heute ähnlich des
"Plattformismus" auf Kampf- und Organisationsformen von Anar-
chist*innen wie Bakunin, Malatesta und Anarch at -Kommunist*innen
wie Machno beruft. Glücklicherweise sind bis heute in vielen Städten
und Regionen Brasiliens anarchistische Aktionsgruppen und Föderatio-
nen erhalten geblieben.

Weitere wichtige Pfeiler der anarchistischen Bewegung waren sowohl
einige berühmt gewordene "anarchistische Gemeinden" wie die von
Giovanni Rossi gegründete "Cecilia Kolonie" im Bundesland Paraná
oder die von Artur Campagnoli gegründete "Guararema Anarchist Co-
lony" als auch natürlich die zahlreichen anarchistischen Zeitschriften
und Zeitungen, die es in so gut wie jeder großen brasilianischen Stadt
gab. Viele von ihnen erschienen auf Italienisch wie "Gli Schiavi Bian-
chi" (Die weißen Schlüssel) oder "Il Risveglio" (Das Erwachen), auf
deutsch wie z.B. "Der Freie Arbeiter", die "Aktion" oder der "Alarm"
oder auch auf russisch "Golos Truda". Den größten politischen Einfluss
hatten dann aber sicherlich die ersten portugiesischsprachigen anar-
chistischen Zeitungen wie "O Libertario" (Der Libertäre), "O Despertar"
(Das Aufwachen), "A Laterna" (Die Leuchte) "A Plebe" (Die Leute) , "A
Terra Livre" (Die freie Erde) oder "O Trabalhador" (Der Arbeiter). Das
wichtigste anarchistische Blatt heutzutage, was noch regelmäßig er-
scheint, ist die "Libera", welche von der sehr aktiven "Federação Anar-
quista do Rio de Janeiro" (FARJ) heraus gegeben wird. Sicherlich
können auch in den politischen Ausrichtungen einiger mittlerweile in
Brasilien berühmt gewordener Konzepte wie der "pedagogia crítica"
(Kritische Erziehung) des Philosophen und Erziehungswissenschaftlers
Paulo Freire aus Brasilien und das "teatro do oprimido" (Theater der
Unterdrückten) von Augusto Pinto Boal oder auch die "Bando do Teatro
Olodum" von Lázaro Ramos Einflüsse libertärer Bildungs- und Erzie-
hungstheorien erkannt werden.

Insbesondere übte das Konzept der "escola moderna" (Moderne Schule)
des progressiven und anarchistischen Erziehungswissenschaftlers Fran-
cisco Ferrer aus Katalonien einen großen Einfluss auf berühmte Anar-
chist*innen Brasiliens aus. Dessen feige Ermordung 1909 führte auch
dort zu solidarischen Protesten. Ferrers Konzept hatte insbesondere auf
die heute wieder entdeckte Feministin und Anarchistin Maria Lacerda
de Moura einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Diese schrieb unter
anderem für anarchistische Zeitungen, verfasste viele wichtige Aufsätze
und Bücher über anarchistische und feministische Ideen und Konzepte
und gründete unter anderem mit den Anarchisten Djalma Fettermann
und Zenon de Almeida in der Stadt Porto Alegre eine der ersten "esco-
las modernas" Brasiliens. Neben Maria Lacerda de Moura und Djalma
Fettermann ist vor allem noch der Schwarze Anarchist Domingos Pas-
sos für viele zeitgenössische Anarchist*innen aus Brasilien zu einer
Symbolfigur für einen Anarchismus geworden, der nicht nur antikapi-
talistisch sondern zudem auch immer antirassistisch sein muss. Der vor
allem für seine Radikalität bekannte Passos, nach welchem sich heute
zum Beispiel das "Coletivo de Estudos Anarquistas Domingos Passos"
benannt hat, war, so heißt es, auch unter dem Spitznamen "Der brasi-
lianische Bakunin" bekannt. Ein gleichnamiger Text "O Bakunin Brasi-
leiro" der FARJ zeichnet in einer Art Hommage dessen ereignisreiches
Leben nach.

Aufgrund dieser
vielen mutigen
Persönlichkeiten
des brasiliani-
schen Anarchis-
mus und durch
die mühevolle
Aufarbeitung
vor allem vom
Historiker Edgar
Rodrigues, Edgar: "História do movimeno Anarquista no Brasil", S.15, Z.17-20
Rodrigues und die Recherchearbeiten einzelner anarchistischer Grup-
pen wie der FARJ oder dem "Coletivo de Estudos Anarquistas Domin-
gos Passos" ist es möglich den hoffnungsvollen Worten Rodrigues
Glauben zu schenken: "Heutzutage schreckt der Anarchismus in Brasi-
lien keine*n mehr ab. Als ein zwar lange Zeit gefürchteter oder belä-
chelter Begriff, ist der Anarchismus heutzutage zu einer rebellischen
Philosophie des Lebens geworden" 6

In diesem Sinne: "Viva a Anarquia!"

Quellen:

Bartholl, Timo: "Viva a Anarquia! Anarchismus in Brasilien und die
Arbeit der Federacao Anarquista do Rio de Janeiro (FARJ)" in ILA #354,
April 2012

Rodrigues, Edgar: "A history of the Anarchist Movement in Brazil",
1999, http://www.katesharpleylibrary.net/vq84ck

Rodrigues, Edgar: "História do movimeno Anarquista no Brasil",
Piracicaba, 2010
https://colectivolibertarioevora.files.wordpress.com/2013/11/histc3b3ria-do-movimento-anarquista-no-brasil-rodrigues.pdf

Ramos, Renato & Samis, Alexandre (FARJ): "Domingos Passos: O
"Bakunin Brasileiro", 2004
https://we.riseup.net/assets/160404/domingos%20passos,%20o%20bakunin%20brasileiro.pdf

Wichtige A-Gruppen in Brasilien:

Coordenação Anarquista Brasileira (CAB) - (Anarchistische
Koordination Brasiliens)
Link: https://anarquismo.noblogs.org/

Federação Anarquista do Rio de Janeiro (FARJ) - (Anarchistische
Föderation von Rio de Janeiro)
Link: http://www.farj.org/

Coletivo de Estudos Anarquistas Domingos Passos - (Anarchistisches
Studienkollektiv D. Passos)
Link: http://www.nodo50.org/insurgentes/

Agência de Notícias Anarquistas (A.N.A.) - (Anarchistische
Nachrichtenagentur)
Link: https://noticiasanarquistas.noblogs.org/

Biblioteca Terra Livre - (Bibliothek "Freies Land")
Link: https://bibliotecaterralivre.noblogs.org/

Liga Anarquista no Rio de Janeiro - (Anarchistische Liga in Rio de
Janeiro)
Link: https://ligarj.wordpress.com/Gai Dào

[1]Rodrigues, Edgar: "História do movimeno Anarquista no Brasil", S.3, Z.6-10
[2]Bartholl, Timo: "Viva a Anarquia!"in ILA #354, April 2012, S.27, Z.1-3
[3]Dergl, S.1.Z.8-10
[4]Dergl., S.1. Z.10-12
[5]Dergl, S.1., Z.28-30


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